Die Erinnerung

Es war dunkel im Badezimmer, als Laura vor dem Spiegel stand, in den sie blickte. Sie hatte alle Fenster weit aufgerissen, damit die Wände, die die Hitze des Tages gespeichert hatten, ein wenig abkühlen konnten. In der gesamten Wohnung brannte kein Licht, nicht einmal eine Kerze, die so gut zu ihrer Stimmung gepasst hätte. Laura sah nur die Umrisse ihres Gesichts, die markanten  Wangenknochen und das Glänzen ihrer großen Augen. Ihre rostfarbenen Haare, das Blau ihrer Iris oder die kleine Narbe auf der Stirn waren nicht zu erkennen. Sie blickte auch nicht in den Spiegel, um sich selbst zu betrachten, sondern um einen Punkt fixieren zu können, während ihre Gedanken bei ihm waren. Er hieß Hannes. Er war nicht ihr erster Freund und auch nicht ihr letzter gewesen, aber er war besonders und sie fragte sich, wann sie ihn überwunden haben würde.

Es gab vor Hannes auch schon einen anderen besonderen Mann, doch erschien es ihr, dass er nicht jene Gefühle hervorgebracht hatte, wie es bei Hannes selbstverständlich gewesen war. Aber war es wirklich so oder verblassten die vergangenen Lieben nicht langsam wie ein zu oft gewaschenes Hemd. Immer wieder drehten sich die Gedanken wie die Trommel der Waschmaschine und die Gedanken sahen schön aus und rochen frisch, aber nach jedem Waschgang verloren sie ein wenig an Farbe. Die Erinnerung an das neue Kleidungsstück und wie perfekt es saß, es war ein Trugbild, denn hie und da beulte es aus und saß oftmals unbequem, aber daran erinnerte sie sich nicht mehr oder wollte es zumindest nicht.

Laura fragte sich, ob es den einen Partner gab, der aus ihr ein neues Wesen machte, da er wie ein Negativ von ihr war. Zum einen vollkommen gegensätzlich und gleichzeitig doch mit den gleichen Linien und Kurven. Hannes schien in ihrer Erinnerung genau dieses Negativ gewesen zu sein, aber wie konnte er es sein, wenn er doch jetzt nicht mehr bei ihr war und auch nicht mehr bei ihr sein wollte? Die Frage schmerzte Laura und machte es auch leichter. Sie trat einen Schritt näher an den Spiegel heran, so dass sie ihre Stirn gegen ihn lehnen und sich an ihm kühlen konnte. Ihr entfuhr ein Ich-liebe-Dich, doch wem sagte sie es, ihrem Spiegelbild oder der Erinnerung an Hannes? War es ein Reflex, weil sie an ihn dachte? Sie hatte es nie zu ihm gesagt und nun hatte sie diese Worte so selbstverständlich ausgehaucht.