Kontaktlos

Mir lief das Wasser im Mund zusammen, als ich auf das käseüberbackene Brötchen sah, welches die junge Frau hinter der Theke auf meinen Wunsch hin in die Tüte packte. Ein Brot und jenes Brötchen für den Start in den Tag. Ich folgte der Frau zur Kasse und hörte zugleich, wie ein anderer Kunde zur Kollegin der jungen Frau „Kontaktlos“ sagte. Er sagte es einfach so und ich fragte mich, ob die Dame die Brötchen nicht anfassen sollte. Sie schien sich die gleiche Frage zu stellen, denn sie sah ihn entgeistert an. Dann zeigte der Mann auf seine Uhr und wiederholte: „Kontaktlos.“ Er ergänzte: „Das hat letzte Woche auch schon geklappt.“ Ich ließ mir Zeit beim Bezahlen und zählte mein Wechselgeld so ab, dass ich genau 15 Euro zurückbekommen würde. Der technikaffine Kunde neben mir pochte darauf, dass es klappen müsste, indem er wiederholte: „Letzte Woche hat es aber geklappt.“ Die Verkäuferin jedoch bat ihn um Verständnis, sie wüsste nicht, wie das gehen würde, obgleich sie ordentlich auf der Kasse rumhämmerte. Ich bekam mein Rückgeld und verschwand aus dieser morgendlichen Szene beim Bäcker. Als ich Richtung Arbeit radelte, fragte ich mich, ob wir alle die Fähigkeit zu reden verlieren werden, wenn wir diese Uhren und die nächsten Gimmicks tragen, denn das wird wohl kommen.

Einmal Wort- und Kontaktlos bitte.

Das gute Gefühl

Es war ein erleichterndes Gefühl, für niemanden wichtig zu sein. Ich stellte das Telefon ab und ließ mich auf meine Couch sinken. Es war einer der wenigen Momente, in denen ich ganz bei mir sein konnte und für niemanden ein offenes Ohr haben musste oder irgendjemandem etwas schuldig war. Es war mein gottgegebenes Recht, allein zu sein. Was sollte das jetzt eigentlich mit Gott, an den glaubte ich nicht, zumindest nicht in der Form, wie er präsentiert wird. Irgendwas mochte es schon geben, aber dieses Es brauchte nicht meine Frömmigkeit oder mein Bekenntnis, um zu existieren. Ich brauchte diese Dinge ja auch nicht. Niemand betete mich an und niemand huldigte mir und das war das Schöne am Leben, dass ich einfach nur ich selbst sein durfte. Warum fiel den Menschen allein nur die Decke auf den Kopf, warum konnten sie nicht einfach die Decke anstarren und aufgrund der anhaltenden Ruhe glücklich sein? Warum mussten sie sich ständig produzieren und reproduzieren. Ständiger Verzehr und niemals wurde jemand satt. Die Menschen waren anstrengend, wenn man sie den ganzen Tag ertragen musste und so war es für mich nur selbstverständlich, dass man eine Auszeit von ihnen brauchte. Ich zumindest brauchte sie und ich nahm sie mir. Und es war ein gutes Gefühl.

Ein Katzensprung

Es war wieder einer von diesen Tagen, die sich schier endlos in die Länge zogen. Mir war die Lust vergangen. Irgendwas arbeitete in mir und ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen. Ich wollte mein Leben genießen, ich wollte meine Freiheit genießen. Stattdessen fühlte ich mich verletzt, es kam mir vor, als hätte man mich weggestoßen. Freundschaften zerbrechen manchmal. Ich beschloss, ein wenig zu spazieren. Das Auf und Ab meiner Füße würde mir wieder Halt geben. Die Sonne knallte mir auf den Körper und ich kämpfte nicht dagegen an. Ich nahm die Schwere auf und setzte einen Schritt vor den anderen. Immer weiter. Es gab kein Ziel, höchstens ein Inneres. So lief ich eine kleine Ewigkeit und kam wieder bei mir an. Nichts hatte sich in mir getan. Bevor ich die Haustür erreichte, kreuzte eine kleine Katze meinen Weg. Ich begab mich in die Hocke und sie sprang mir auf den Schoß. Als Katze ist das einfacher, dachte ich mir. Niemand misstraut dir, man akzeptiert und liebt dich einfach für das, was du bist. Merkwürdig, dass wir Menschen uns immer mit Regeln aufladen, die uns einschränken und betrüben. Ich kraulte das süße Wesen und irgendwann sprang sie von mir herunter und zog weiter. Ich mochte sie und es war schön, ihre Freiheit bewundern zu dürfen.

Die Wette

Es kommt mir manchmal so vor, als betrachten wir unser Leben wie eine Wette darauf, wer am längsten durchhält. Die Freiheit, die wir durch spontan ausgeführte Wünsche erlangen könnten, schränken wir ein, weil wir doch an Morgen und an Übermorgen und an alle Morgen danach denken müssen. Welch verrückte Idiotie, wo es doch kein anderes Leben als das im Jetzt gibt. Das vergangene Leben ist nur eine Erinnerung und oftmals nur eine Fantasie. Die Zukunft, die ist noch gar nichts. Also ab jetzt!

Verloren

Ich fühlte mich wie ein Verlierer. Ich war gescheitert und das Leben hing an mir wie eine Klette. Warum ich nicht einfach gehen konnte, wollte mir nicht einleuchten. Zu ängstlich für den Suizid und zu lebensmüde, um mich aufzurappeln. Ich mochte den Tag nicht und als das Telefon klingelte, stand ich nur widerwillig auf. Auf dem Display stand die Nummer meiner Oma. Ich wollte nicht telefonieren, aber ich wollte sie nicht umsonst angerufen haben lassen. Sie grüßte mich und fragte mich, ob ich sie mal wieder besuchen wollen würde. Ich erklärte ihr, dass es gerade nicht so passte. Vom Geld her und auch sonst gerade nicht. „Aber dir hat doch das Meer immer so gutgetan“, sagte sie und die Erinnerung überkam mich, wie ich als kleiner Junge mit einer Lungenkrankheit kaum atmen konnte, bis ich einige Wochen ans Meer zu ihr fuhr. Ich versprach ihr, dass ich es mir überlegen würde. Wir sprachen noch über dieses und jenes, aber in meinem Kopf erinnerte ich mich, wie ich damals dachte, sterben zu müssen und dann war ich einfach vollkommen geheilt. Mir kam in den Sinn, wie ich viele Jahre später eine sehr seltene Hautkrankheit erlitten hatte, die mich auch nur um ein Haar hat überleben lassen. Und meine Geburt war eh pures Glück. So schnell wie ich auf die Welt kam (einen Monat zu früh) wollte ich auch wieder verschwinden. Als ich es dann geschafft hatte, meinten die Ärzte, dass ich wohl nicht zu besonders viel zu gebrauchen sei. Meine Oma und ich beendeten das Telefonat und ich sann nach: Ich war ein Gewinner. Ich war auf dieser verdammten Welt. Ich war das erste Spermium und ich war noch immer da. Man sagte mir, ich könne nichts und ich wäre ihnen fast auf den Leim gegangen und hätte es geglaubt. Jetzt erkannte ich den Fehler, ich war zu einer ganzen Menge zu gebrauchen. Mir kam ein Lächeln über die Lippen. Ich suchte nach einer günstigen Verbindung zu meiner Oma, fand eine in drei Wochen und buchte diese. Dann nahm ich mir das Telefon und rief sie wieder an.

Der Anfang

Der Tag war lang, heiß und anstrengend gewesen. Die ewiggleichen Fragen der Kundschaft hatten mich genervt, ebenso wie deren Undankbarkeit. Wir litten alle in der Hitze.

In meinem Zimmer angekommen und warf ich mir ein Handtuch um den Hals, um den Schweiß aufzufangen, der mir nach der Fahrt mit dem Fahrrad ganz selbstverständlich aus den Poren kam. Ich setzte mich, klappte meinen Laptop auf und suchte nach irgendetwas, das mir diese Welt erzählen wollen würde. Aber da kam nichts. Also klappte ich das Ding wieder zu und spürte, wie mich eine Müdigkeit und Schwere überkam, der ich mich auf meinem Bett hingab.

Ich schlief nur einen Moment. Den Traum konnte ich beim Erwachen nicht festhalten, weil ich als erstes meinen Kopf gedreht hatte. Der Schweiß klebte feucht an mir und ich beschloss aufzustehen und mich wieder auf mein Rad zu setzen. Und so rollte ich in Richtung des Flusses. Die Welt zog eigenartig an mir vorbei, als würde ich gar nicht in ihr sein. Alles glitt an mir vorüber und es faszinierte mich nicht. Es betrübte und es erheiterte mich nicht. Keine Wut und keine Angst keimte auf. Ich war in meiner Blase und radelte ein wenig am Fluss entlang. Ich machte kehrt und fuhr wieder heim.

Zuhause angekommen überkam mich der Durst und ich griff mir eine geöffnete Flasche aus dem Kühlschrank und trank sie in einem Zug aus. Meine Mitbewohnerin Lina kam herein und fragte mich: „Alles okay?“ Ich nickte: „Ja.“ Sie stellte in einem fragenden Ton fest: „Du hast gerade den Wein auf ex getrunken.“ „Ja, der war so wunderbar kühl“, entgegnete ich und stellte fest, wie süßlich er geschmeckt hatte. Ich räumte ein wenig in der Küche auf und plötzlich vernahm ich einige unklare Worte von Lina und fragte: „Ähm was?“ „Du hast wirklich nicht zugehört?“, fragte sie erheitert. Ich war einfach nicht da und es fühlte sich gut an. Es war eine Zufriedenheit, die ich da in mir spürte und die ich mir nicht rauben ließ. Sie verstand mich und ließ mich allein.

Ich begann die Küche zu putzen und fragte mich, wie ich in diesen Zustand gekommen war. War es, weil ich direkt vom Traum aufs Rad gestiegen bin? War mein Kopf noch in der Traumwelt geblieben, während mein Körper durch die Realität schritt? Der Zustand genügte mir. Mein Leben hatte die Schwere verloren, aber auch den Wert. Ich hätte direkt sterben können und es wäre in Ordnung gewesen. Mir wurde das Leben egal und ich hätte morden können, ohne mich von der Moral nerven zu lassen. Mir kam es vor, als könnte ich eine Wahrheit erkennen, die mir sonst durch Filter verschlossen blieb. Es war ein herrliches Gefühl. So viel Gott und so viel Buddha hatte ich gar zu erleben erwartet. Ich ging glücklich in mein Zimmer und begann zu schreiben.

Regelwerk

Ben stand vor der Mauer und betrachtete sie. Seine gedachte Abkürzung durch den Friedhof sollte durch das alte Gemäuer zu einer Verlängerung werden. Er fragte sich: Warum bauen wir Mauern um einen Friedhof? Warum halten wir uns überhaupt an diese Mauern, hätten wir früher so etwas nicht einfach erklommen wären weitergelaufen, also mit Früher meine ich die Zeit bevor man Mauern baute. Die Zeit, in der man einfach durch die Natur schritt und einen Baum hochkletterte, sprang und lief und nicht im Bürostuhl Haltungsschäden bekam.

Ben blieb stehen. Er war sich unsicher, ob er gegen das Gesetz verstoßen sollte oder den Umweg gehen würde. Es war nicht richtig und ein Friedhof ist doch was Heiliges. Das geht einfach nicht. Oder doch? War diese Mauer und das Nicht-Erklimmen nicht vollkommen willkürlich? Was soll es denn. Er setzte den Schuh auf den gewundenen Absatz und konnte dadurch mit den Händen die obere Plattform der Mauer greifen. Mit viel Schwung kam er nach oben und setzte sich, um den neuen Blickpunkt wahrzunehmen. Er sah einen Typen im grünen Blaumann, der in seine Richtung kam. „Das geht nicht“, schrie dieser. „Doch, das geht“, rief Ben fröhlich lächelnd zurück und sprang zur anderen Seite herunter. Das Gefluche des Gärtners ließ er hinter sich und ging weiter Richtung Stadt.

An der nächsten Ampel holte ihn sein Gedanke wieder ein: Warum halten wir an einer Ampel an? Warum befolgen wir diese Regeln einfach? Er blickte nach links und nach rechts und es kam kein Auto. Er wollte losgehen und bemerkte die kleine Person neben sich. Da stand ein kleiner Junge mit seiner Mutter und die warteten ganz brav. Sollte Ben sich in die Erziehung des Jungen einmischen? Wäre er mitverantwortlich, wenn der kleine Kerl bei roter Ampel auf die Straße ging und von einem Auto erfasst würde. Ben beschloss die Ampel zu beachten und ärgerte sich dennoch über diese in die Luft geschriebenen Gesetze, die wir einatmen und denen wir uns unterwerfen. Von wegen Freiheit.

Es machte ihm zu schaffen und irgendwie schien die Freude verloren gegangen zu sein und die Welt mit ihren Regeln hängte sich schwer an seine Schultern und zog diese gen Boden. Er kickte einen Stein am Boden von sich weg und traf damit einen Mülleimer. Er war drauf und dran auch gegen diesen zu treten, bis er bemerkte, wie prall gefüllt jener war. Er blickte sich um und sah keinen weiteren Müll, nur diesen perfekt platzierten. Noch so eine Regel. Und plötzlich lachte er los. Na die waren gar nicht so schlecht, wenn sie dazu führten, dass der blöde Müll nicht überall rumliegt und ihm seinen schönen Weg zerstört. So ist das wohl mit diesen Regeln. Über eine Mauer wollte er aber dennoch gern mal wieder klettern oder eine rote Ampel hinter sich lassen.