Brücken

Wenn Städte zum Großteil ganz natürlich an Flüssen entstanden, dann ist es nur logisch, dass wir Menschen schnell lernen mussten, Brücken zu bauen.

Wenn wir auf die Welt kommen, gibt es eine Verbindung zwischen uns und unserer Mutter. Die Nabelschnur war der direkte Draht, doch auch nach seiner Durchtrennung bleibt eine Verbindung erhalten. In Zeiten, in denen wir alle Daten durch die Luft schicken können, sollte uns das nicht verwundern.

Die kleine Hand greift sich einen Finger, als wäre es der stärkste Ast des größten Baumes. Gebettet im Arm gehalten, beschützt vor allem, was um uns passiert. Das Leben hat keinen großen Plan, es hat nur Leben. Den ganz eigenen Rhythmus, der mal schneller und mal langsamer pocht und für jedes Wesen in der höchst eigenen Weise. Um das Leben zu messen, braucht es weder Uhr noch Geld, dies sind die falschen Instrumente, doch sie sind laut. Sie hämmern gleich einem Presslufthammer auf jede lebende Faser ein und versuchen sie anzugleichen und bewertbar zu machen.

Eine Träne bildet sich im Augenlid. Sie wurde aus Trauer oder aus Freude gezeugt. Sie schmeckt salzig und kitzelt die Haut, während sie an ihr hinabgleitet. Sie ist ein unverkennbares Zeichen unserer Emotionen. Ich mag sie gern, die Tränen. Sie sind ehrlich. Und sie bilden eine Brücke, selbst wenn sie nicht in Flüssen fließen.

Im Zoo

Eingesperrt war ich. Seit meiner Geburt hatten sie mich in diese Betonwelt gesperrt und täglich rückte eine endlose Vielzahl an Gesichtern an meinem Käfig vorbei. Sie sprachen anmutig von mir als König der Tiere. Das stimmte nicht. Ich wusste es auch. Ich herrschte nicht und ich würde es auch niemals. Ich hätte es natürlich lernen können. Hätte mir mit Gewalt nehmen können, was mir durch meine Gewalt zusteht. Stattdessen schlage ich die Zeit tot, bevor sie mich totschlägt. Ich warte auf das Essen und bewege die ewigmüden Knochen von einer Seite zur anderen. Hin und zurück. Hin und zurück. Da gleichen wir uns wohl: Ich und die da draußen. Die machen auch nur hin und zurück. Sind sicher hinter ihrer Glasscheibe und haben verlernt, was sie von Natur aus können. Doch ist es nicht gut so, dass wir in Sicherheit hinter unseren Scheiben sind und wir statt unserer Natur die Vernunft regieren lassen oder vergessen wir uns dabei und verlieren dabei den Sinn des Lebens?

Rückblick und Ausblick

Der Juni ist vorbei und mit ihm meine selbst gesetzte Aufgabe, an jedem Tag einen Text zu schreiben. Die Auswertung sagt: Insgesamt 28 von 30 Texten, wobei einer erst verspätet hinzukam. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, die Texte zu schreiben und es war ein enormer Antrieb, die Reaktionen von euch zu erhalten. Die Texte nur für mich selbst zu schreiben, wäre mir schwer gefallen, aber ihr gabt mir Antrieb. Ich möchte dieses Experiment fortführen, vielleicht nicht mit der Strenge, die ich mir für den Juni auferlegt hatte, aber doch regelmäßig. Es gab im April bereits eine Möglichkeit im Rahmen des NaPoWriMo für mich, jeden Tag zu schreiben, doch ich schaffte es nicht einmal, es macht mich daher umso glücklicher, dass es diesen Monat gelang.

Als gestern mein Projekt endete. Jährte sich zum ersten Mal auch meine Vorstandmitgliedschaft im Verein „Literally Peace“. Ich habe dort ebenfalls einen Antrieb für mein literarisches Schaffen gefunden und ich lade euch herzlich ein, uns auf Instagram oder auf Facebook am 3.7. um 20:00 Uhr bei einer Onlinelesung zu besuchen. Ich nehme selbst Teil an jener Lesung.

Dieser Blog besteht seit 2014 und in den ersten beiden Jahren war ich sehr ambitioniert. Ich verlor aus persönlichen Gründen die Lust am Schreiben und versteckte mich. Es ist ein schönes Gefühl wieder am Leben zu sein. Die aktuellen Zeiten sind für viele Menschen nicht leicht: Isolation, Depression, Zukunftsängste…es ist Sommer und der hilft vermutlich, denn das heitert das Gemüt auf. Dennoch merke ich gerade jetzt, wie wichtig es ist, dass wir aufeinander aufpassen. Jeder sollte für sich überlegen, was das Leben lebenswert macht. Für mich ist es die Menschlichkeit und das Miteinander. Ich brauche keine materiellen Güter oder ein übervolles Konto (auch wenn das hin und wieder helfen würde, aber ihr wisst ja: Manche Menschen sind so arm, die haben nur ihr Geld). Was mich morgens aufstehen lässt, sind die lieben Menschen um mich herum. Sich gegenseitig zu helfen, zu unterstützen und ein offenes Ohr und Herz zu haben, danach strebe ich.

Ich hoffe, dass ich mit meinen Worten hier hin und wieder anrege. In jeglicher Form. Ich freue mich zumindest über das bisherige Feedback, da gab es Zu- und Widerspruch. Beides half mir zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Solange wir miteinander reden, können wir weiterhin eine schöne Welt schaffen.

Kommen und gehen

Und alles lief davon. Kein Grashalm drehte sich um, kein Baum verabschiedete sich. Alles flog vorbei und hatte es enorm eilig, um hinfort zu ziehen. Der Wind strich über die Gräser, als würde er sanft über die Haare auf dem Kopf eines kleinen Kindes streichen. Behütend. Doch mir blieb nur der Abschied, während ich im Zug saß. Leb wohl, grünes Gras! Leb wohl, Baum! Leb wohl, Feld! Leb wohl, Bahnhof! Leb wohl, Bahnübergang! Leb wohl, Schranke! Leb wohl, all ihr Menschen dort draußen! Ich sagte „leb wohl“ und nicht „auf wiedersehen“. Ich bin da ehrlich, denn wer weiß, ob wir uns nochmal wiedersehen werden. Oder pessimistisch, ich gehe immer davon aus, dass man nicht nochmal das Glück hat, sich ein weiteres Mal zu begegnen. Zu viele Menschen kamen und gingen und kamen nicht wieder. Das ist in Ordnung so. Wir Menschen sind so. Wir haben einen Moment, in dem wir uns begegnen. Manchmal sind es nur einige Minuten. Manchmal Tage oder Wochen und manchmal Jahre. Aber irgendwann geht jeder wieder seines Weges. Es hat etwas beruhigendes. Es ist die Gewissheit, dass das Leben so ist.

Eine kleine Reise

Es ist nur eine kleine Reise in die Heimat. Der Besuch des Vaters und doch merke ich die Anspannung, und die Gedanken kreisen um den Grund meiner Heimreise. Wir verabschieden uns von meinem Opa. Wir haben nie wirklich eine Verbindung gehabt und ich wollte darüber auch nicht schreiben, denn ich möchte keine wohlwollende Reaktion erzeugen. Ich weiß, dass ihr Leser:innen mir wohlgesonnen seid und mir euer Beileid aussprechen mögt, dies dürft ihr gern machen, aber das ist nicht der Grund für diesen Eintrag.

Es ist merkwürdig, dass ich nicht greifen kann, was mich nicht loslässt. Etwas arbeitet in mir und ich schaffe es heute nicht, einen Text aus dem Nichts zu erschaffen. Heute blockiert mein Kopf und so schreibe ich ganz ehrlich und persönlich und ohne jede Poetik.

Ich fühle mich unwohl. Ein Leben endete und das ist in Ordnung. Es kam nicht überraschend und ich bin mir sicher, dass diese Ruhe gut ist. Was könnte ich von ihm erzählen? Nichts. Womöglich ist es das. Womöglich erschreckt mich, dass ein mir so nahes Familienmitglied mir so fern sein konnte.

Dafür werden wir zusammenkommen. Die Familie meines Vaters wird sich treffen. Wir werden gemeinsam trauern und vermutlich am Abend ein klein wenig feiern. Das wäre zumindest ganz im Sinne meines Opas. Vielleicht wird es auch ein ruhiger Abend werden. Vielleicht werde ich diese Tage brauchen, um zu erkennen, was mich umtreibt.

Kugelrund und bunt

Ich war wirklich überfressen. Seit meiner Kindheit galt, dass gegessen wird, was auf den Tisch kommt, wobei die Regel zumindest die Ausnahme enthielt, dass es einem auch schmecken musste. Mir hatte es geschmeckt. Und doch schien es mir, als würde mein Bauch bald explodieren. Das ist die unangenehme Seite des übertriebenen Schlemmens bzw. der frühkindlichen Erziehung. Hin und wieder ist es auch okay, wenn man Teile des Essens einfach in den Kühlschrank packt und am nächsten Tag erst aufisst. Also es könnte in Ordnung sein, wenn ich das jemals tun würde, doch es ist ein Zwang in mir, dass der Teller leer sein muss. Und mit leer meine ich blitzeblank. Da wird die letzte Pommes in der Art über die Reste von Ketchup und Majo gezogen, dass deren Spuren verschwinden. Ein kleines Meisterwerk oder ne Macke eben, aber ein Meisterwerk klingt schöner.

Wir hatten zu zweit diniert und im Gegensatz zu mir, schienst du noch Platz im Bauch gelassen zu haben. Die Tüte Gummibärchen lockte dich, ich erklärte, dass ich mich hinlegen müsste, sonst würde ich platzen. Und wie ich dort lag und die Hose öffnete, halfst du mir aus meinen Klamotten und verteiltest die Süßigkeiten auf meinem Körper. So sollte ich vernascht werden.

Muschel

Wie viel Lebensweisheit wohl in dieser versteinerten Muschel stecken mochte. Bei einem Bummel über den Flohmarkt stach sie mir ins Auge. Sie lag da recht lieblos auf dem Tisch platziert und das war wohl auch der Grund, warum sie noch dort lag, sie wurde einfach nicht beachtet, dabei war sie das schönste Ding, das es an diesem heißen Tag zu erstehen gab.

Ich blickte den Verkäufer an und ließ meinen Blick unauffällig über den Tisch fliegen, es sollte wirken, als hätte ich es nicht auf dieses eine Schmuckstück abgesehen, doch meine Blicke verrieten mich, denn immer wieder sah ich zur Muschel und ängstigte mich, dass irgendwer sie vor mir kaufen könnte. „Hallo. Kann ich Ihnen etwas zeigen oder möchten Sie etwas wissen?“, fragte mich der Verkäufer. „Ach, ich schau nur so“, erwiderte ich. Das war ein Pokerspiel und ich würde es gewinnen, so viel stand fest. Ich hatte noch zehn Euro in der Tasche und die Idee, nochmal Geld zu besorgen und in der Zeit die Muschel zu verlieren, war unvorstellbar. Würde ich den Verkäufer aber um die Rücklage bitten, würde er den Preis entsprechend hoch kalkulieren, aber ich konnte mir einfach kaum was leisten.

Ja, die Muschel war so ein Luxus, den ich mir einfach gönnen wollte, selbst wenn das Geld gerade so am Ende des Monats reichte oder doch oftmals schon aus war. Ich befragte ihn zu diesem und jenem Artikel, alles vollkommen uninteressant. Er schien schon ein wenig genervt vom ständigen „ach, na so richtig ist es nicht meins“, welches ich ihm immer wieder entgegnete. Dann endlich zeigte ich auf die Muschel. Mein Herz pochte wild und ich spürte, wie die Röte in mein Gesicht schoss. Mit aller mir verbliebenen Coolness sagte ich: „Und die Muschel da, wie viel möchten Sie dafür haben?“ „Hm…“, er überlegte. Schier endlos schien er nachzudenken: „Also, da bin ich mir nicht ganz sicher. Was meinen Sie denn?“ Er fragte mich tatsächlich, was ich sagen würde.

Ehrlich betrachtet würde man solch eine Muschel wohl in einem Fachhandel zwischen 50 und 100 Euro einordnen, vermutete ich für mich. Wie soll ich ihm da jetzt kommen. Wenn ich zehn Euro sage, dann ist er womöglich beleidigt und dann wird er auf jeden Fall 20 oder 30 verlangen. So viel hatte ich nicht. Ich zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung, was sowas wert ist.“ „Okay, wie viel haben Sie denn?“, er fragte einfach so und ich antwortete kleinlaut und mit gesenktem Kopf, wie mein siebenjähriges Ich es getan hätte: „Zehn Euro, mehr kann ich mir nicht leisten.“ Er lachte laut los: „Ich hatte überlegt, ob ich fünfzig Cent oder fünf Euro sagen soll.“ Daraufhin lachte ich los: „Und ich dachte, dass sie sowas wie 50 oder 100 Euro im Kopf hatten.“ „Was hältst du davon“, schlug er vor und er hatte einfach vom Sie auf Du gewechselt: „du kaufst mir einen Kaffee von dem Stand da drüben, denn ich komme hier nicht weg und ich gebe dir dafür die Muschel.“ Ich strahlte und glaubte zu träumen. Ich ging hinüber, besorgte den Kaffee und brachte ihn freudig zum Verkäufer. Er reichte mir die Muschel und wünschte mir einen schönen Tag. Den ganzen Weg nach Hause freute ich mich und ich fragte mich, warum wir Menschen so oft um den heißen Brei herumreden, während die Wahrheit uns so froh machen kann.

Der blinde Fleck

Ich habe mit mir gerungen, ob ich diesen Text hochladen soll, nicht etwa, weil er Denkfehler von mir aufzeigt, die mir unangenehm sind, sondern weil ich mich frage, ob ich mich dadurch in den Mittelpunkt eines Themas setze, über welches andere Menschen besser berichten können. Ich entschied mich für die Veröffentlichung, weil diese Denkfehler jedem passieren können und weil wir nur dann beginnen, an uns und unseren Fehlern zu arbeiten, wenn wir sie erkennen und sie zugeben.

Es ist zwanzig Jahre her, da sah ich das schwarze Buch mit dem großen X darauf. Mein Bruder hatte es gelesen und ich war fasziniert. Also lass ich es, nein ich verschlang es. Ein Buch über das Leben von Malcolm X. Und fortan war es mein Thema. Mein bester Freund machte Jahre später sein mündliches Abitur in Englisch über Rassismus, ohne es einmal gelernt zu haben, weil ich ihm über die Jahre die Ohren vollgeschwallt hatte. Als mir bewusst wurde, dass ich mit einer „pro black“-Einstellung positiven Rassismus betrieb, ärgerte ich mich, denn ich wollte wieder so sein, wie die Kindausgabe von mir, die nicht verstand, was das Besondere an den zwei Nachbarskindern war, deren Hautfarbe mir nie bewusst war, nur, dass sie amerikanische Namen trugen. Nach der Schulzeit nahm meine Aufmerksamkeit ab und zurückblickend frage ich mich, ob ich damals dachte, dass es nicht mein Kampf sei und ich ihn deswegen nicht kämpfen müsste. Wie wenig hatte ich verstanden.

Vor etwa zehn Jahren passierte es, dass ich auf dem Basketballplatz meine Mannschaft bestimmen konnte. Ich kannte kaum jemanden und doch entschied ich mich für den einzigen POC und nach zwei Aktionen von ihm wusste ich auch, warum ich ihn gewählt hatte. Er spielte von uns allen am schlechtesten Basketball und mich erschreckte, dass es mich überraschte. Jeder andere Mitspieler hätte schlecht spielen können, aber bei ihm ging ich davon aus, ja verlangte es förmlich. Ich war also selbst ein Fehler in diesem System, merkte ich.

Ich habe mir mal gewünscht, farbenblind zu sein, so dass alle Menschen gleich aussehen. Vielleicht wird das irgendwann mal so sein oder vielleicht wird einfach jeder Mensch irgendeine Farbe schön finden, unabhängig von der eigenen. Aber aktuell ist das nicht die Realität. Meine Wünsche sind schön und gut, aber sie helfen nicht, sie reichen nicht aus. Ich muss mehr machen. Ich muss aktiv gegen die Fehler in mir vorgehen. Dafür muss ich zuhören und verstehen. Und ich muss meine Position nutzen, um die Welt besser zu machen, das ist die Pflicht, die mit meinen Privilegien einhergeht. Ich kann besser sein.