Wege und Stege

Ich liebte den täglichen Weg über die Fußgängerbrücke. Es ist gar keine Brücke, es ist ein Steg, so steht es im Namen. Ich kannte Stege immer nur als diese Holzkonstruktion zwischen Boot und Ufer, aber man lernt ja nie aus. Dieser Steg war aber nicht aus Holz, sondern aus Beton gegossen und links und rechts gab es grünliche Geländer, auf die ich mich bequem lehnen konnte. Das wirkliche Highlight war aber, dass sie ein wenig schwang. Man bekam immer das Gefühl, als würde man auf einem Schiff stehen und es ist ja auch so ähnlich. Ein Boot fährt von einem Ufer zu einem anderen und dieser Steg führte von einem Ufer zum anderen.

Es springen von hier aus sogar Menschen in den Fluss. Ich habe es nie gesehen und wenn ich so ins Wasser hinabblickte, erschien es mir geradezu wahnsinnig, aber dennoch wurde es getan. Ein wenig Verrücktheit schadet wohl nicht. Man sagt ja sogar Genies nach, dass sie ein wenig verrückt seien. Ich kann es nicht beurteilen, ich kenne kein Genie. Oder doch?

Wann und wie
wird ein Mensch zum Genie?

Vielleicht ist es eben gerade das: Man geht über diesen Steg, doch statt stur geradeaus zu gehen, dreht man sich nach links, hievt sich auf die Brüstung und springt ins Wasser. Und dann kommt man irgendwoanders heraus. Ein Geniesprung. Hin und wieder sollte man diesen Sprung wagen, scheint es mir. Hin und wieder sollte man dem Kopf die Möglichkeit geben, dass 3 mal 3 gleich 6 gibt, Lady Langstrumpf würde mir zustimmen.

Das andere Ende

Der Sog lässt nach und es ist Ruhe eingekehrt. Dir begegnet ein Lächeln und die Bitte um Hilfe. Ein schwarzes Loch, das dich komplett verschlingt, gibt es nicht. Es zieht dich in sich, um dich wieder herauszuwürgen und auszuspeien. Der Vorgang ist wenig schön, er ist sogar beängstigend eklig. Doch es passiert. Eine Hand, die um Hilfe bittet, ist eine, die dir gereicht wird. Und du greifst danach und ziehst zögernd, zaghaft. Und jeder Happen schmeckt wie ein Festmahl. Jeder Atemzug lässt dich minutenlang die Luft anhalten. Jeder Augenblick wird kostbar.

Hier geht es zum ersten Teil „Das schwarze Loch“

Das schwarze Loch

Es war ein schwarzes Loch und es war dabei mich einzusaugen. Unaufhaltsam und mit einer Kraft, der ich nicht mehr entkommen konnte. Anfangs hatte ich noch gekämpft und mich gewehrt, doch irgendwann gab ich einfach auf, es war sinnlos. Alles war sinnlos. Es beginnt, dann passiert etwas und es passiert nichts. Und dann endet es. Warum einen Sinn für einen in sich abgeschlossenen Prozess suchen – er ist einfach da, das ist alles. Man kann lachen oder weinen, lieben oder ficken, leben oder sterben. Am Ende verschluckt dich das schwarze Loch und es ist gut so. Es bleibt nichts übrig und all die alltäglichen quälenden Gedanken versiegen.

Hier geht es zum zweiten Teil „Das andere Ende“

Die Taufe

Ich fühlte mich merkwürdig entspannt mitten im Hörsaal. Da saß ich vor den ganzen Studierenden und sie blickten mich an. Sie durften mir Fragen stellen, so hatte ich es mit ihrer Professorin vereinbart und das taten sie auch. Die meisten Gesichter waren noch sehr jung. Es gab keine Falte, die sich ins Gesicht gefurcht hatte. Das waren also die Ärzte der Zukunft. Sie waren alle so kindlich. Und ich saß da vor ihnen in Unterhose. Ich hatte sogar überlegt, selbst auf diese zu verzichten, aber im Endeffekt hätten sie da auch nicht mehr von den Blasen auf meiner Haut gesehen, sie hätten allerdings gewusst, dass sie eben auch im Intimbereich zu finden waren.

Und dann war da doch ein etwas älteres Gesicht und es hörte den jungen Fragen und meinen Antworten aufmerksam zu, bis es sich meldete und genau die Krankheit diagnostizierte, die ich hatte. Jene Krankheit, die zuvor von zwei älteren Ärzten nicht erkannt worden war und die mich trotzdem nicht sofort zu einem Spezialisten geschickt hatten. Da saß er also, mein persönlicher Patch Adams. Ich hatte ihm in meiner Fantasie eine rote Clownsnase aufgesetzt. Die Professorin war ganz erstaunt und er berichtete, dass er schon mal einen solchen Fall in einem Praktikum gesehen hatte.

Der hat sich das einfach gemerkt, weil er dafür brennt, dachte ich mir. Ich vermutete weiter, dass er wohl schonmal was anderes studiert oder gearbeitet hatte, bis er merkte, dass es da eine Sache gibt, für die sein Herz schlägt und er war so mutig, sich dafür zu entscheiden. Ich war mir sicher, dass er ein guter Arzt werden würde. Die anderen Studierenden würden wohl eher zu jenen Nasen verkommen, die nicht erkannten, was mir fehlte und die mich durch ihr Unwissen dem Tod überließen. Ich hatte den Kampf gewonnen, weil der eine der zwei Ärzte am Ende doch noch verstanden hatte, dass es mir verdammt übel ging und dass er keine Ahnung hatte. Er gab es zu und rettete damit mein Leben, denn in der Klinik erkannte man das Syndrom, welches selten ist, aber doch immer mal wieder auftritt.

Dieser Kampf schien schon so weit hinter mir zu liegen und ich fragte mich mittlerweile, warum ich auf zwei Ärzte gehört hatte und nicht von Anfang an in die Klinik gegangen war. Ich war nicht sauer, denn ich war zuvor mit meinem Leben an einem Punkt, an dem ich es nicht mehr fortführen wollte. Und mein Leben hatte entschieden, mir diese Wahl zu überlassen: Tue nichts und du wirst Blasen in deiner Lunge haben, die dich umbringen, sobald eine platzt oder nimm dein Leben an und lass dir helfen. Ich entschied mich für die zweite Option und lag elf Tage im Krankenhaus, wovon ich die ersten drei Tage nur an die Decke starrte. Mein Zimmerkollege, ein Mann Mitte vierzig, der gut gelaunt seinen Fernseher laufen ließ, fragte mich, warum ich meinen nicht anschalten würde. Ich wusste es nicht. Vielleicht war es die Angst, dass ich es falsch machen würde oder dass man dafür was bezahlen musste. Oder ich wollte ganz einfach nicht. Ich kannte diesen dauerhaft laufenden Fernseher schon aus meiner Wohnung, der mich ablenkte, wenn die Gefahr der Ruhe aufkam. Ich hatte die verdammte Kiste in den elf Tagen nicht einmal an. Stattdessen tanzte ich auf dem Rasen vor dem Gebäude zu der Musik aus den Kopfhörern, die mir ein Freund mitgebracht hatte.

Und ich setzte mich nackt bis auf die Unterhose in einen Raum von jungen Menschen. Ich, der sich nie gern nackt oder wenig angezogen gezeigt hatte. Ich war doch so hässlich dünn. Es war mir alles egal geworden.

Johannes war ein kräftiger Mann, das musste er auch sein, denn die Menschen, die er unter Wasser drückte, begannen irgendwann sich zu wehren, weil ihnen die Luft wegblieb. Sie sahen ihr Leben an ihren Augen vorbeiziehen und als Johannes sie wieder an die Luft zerrte, waren sie wie neugeboren. Ich stellte fest, dass solch eine Taufe ganz sinnvoll sein kann, um mit sich ins Reine zu kommen. Immer mal wieder.

Ein kleines Heiligtum

Es gibt einen Automatismus, der mich leiser werden lässt, wenn ich ein Baby sehe und dabei ein Gespräch führe. Es ist, als hätte mich jemand in eine ganz eigene Welt geführt, welche enorm fragil ist, so dass ich alles daransetze, nicht jenes Wesen zu sein, welches die beschützende Blase zum Platzen bringt. Ich kenne das auch beim Aufeinandertreffen mit scheuen Hunden. Kniend und gen Boden blickend sitze ich da und lasse die nasse Schnauze erkunden, wer ich bin. Es gibt solche besonders eigenen Welten immer wieder und manchmal fürchte ich mich davor, in sie einzudringen.

An einem verregneten Tag landete ich auf dem grünen Platz am Fluss. Der Boden war matschig. Ich schloss das rostige Fahrrad ab und ging auf den Kreis aus Bauwagen und Wohnmobilen zu. Meine Eltern würden die Mobile wohl als heruntergekommen bezeichnen oder zumindest als rustikal. Ich fand sie charmant. Doch ich war hier ein Fremder und hatte das Gefühl, als würde ich unerlaubt Privatbesitz betreten. Das stimmte in doppelter Hinsicht nicht, da mein Kommen vereinbart war, denn ich wollte mir einen alten Campingbus anschauen und zum anderen war es öffentliches Gelände. Ich stapfte durch den Matsch und hoffte als erstes auf Nomi zu treffen, so hieß die Besitzerin des Busses. Stattdessen kam mir ein junger Mann entgegen, grüßte mich und ging an mir vorbei, als wäre ich ein streunender Hund, den man vorbeiziehen lässt.

Ich ging ein wenig den Kreis entlang. Innerlich erleichtert fand ich den Bus und klopfte an der Außenwand. Der Bus war angenehm klein und hatte trotz seiner simplen Form eine putzige Persönlichkeit. Ich erhielt keine Antwort auf mein Klopfen, ja nicht einmal eine Bewegung des Autos gab es. Ich traute mich nicht, nochmal zu klopfen und in mir schrie eine Stimme, dass ich einfach wieder gehen sollte. Es war die Angst, dass man mich als Fremden enttarnen könnte. Ich wollte nicht als Fremder betitelt und angesehen werden und so ging ich Richtung Fahrrad, als plötzlich eine junge Frau aus einem anderen Wohnmobil kam und mich ansah. „Hallo, suchst du jemanden?“ Vor lauter Aufregung war mir der Name entfallen: „Ähm ja, ich… Ich…. Ähm, der Wagen hier“, ich zeigte auf den Bus und fuhr fort: „weißt du wo…“ mir kam es vor, als würde ich das Sprechen gerade erst gelernt haben oder das Denken. Doch die Frau verstand mich und nickte. „Einen Augenblick, ich weiß schon wo sie ist.“ Sie schlüpfte in Gummistiefel, um die ich sie beneidete und führte mich zu einem orangenen Bauwagen, an dessen Tür sie klopfte.

Ein Mann öffnete oder ein Junge oder irgendwas dazwischen. Sie sprach mit ihm, er sah mich misstrauisch an, drehte sich um und sagte etwas in den Wagen hinein. Nur einen kurzen Augenblick später blickten mich zwei dunkelbraune Augen hinter einigen Dreadlocks aus dem Wagen heraus neugierig an: „Ich komme sofort.“ Ich war erleichtert und blickte an mir herab. So langsam spürte ich die klamme Kälte in meinen Klamotten. Meine Schuhe waren überall mit Matsch bedeckt, aber immerhin stand niemand im Kreis um mich herum und lachte mich aus, weil ich der Fremde war.

Es dauerte dann doch gut drei Minuten, bis Nomi vor mir stand und mich zu dem Bus führte. Ich sah ihn mir an und er war wunderbar hergerichtet. Der Boden war mit Holz ausgelegt und ein gusseiserner Ofen würde für Wärme sorgen. Aber ich war viel zu knapp bei Kasse und es hätte noch mehr Geld gebraucht, bis das Ding wieder fahren würde. Ich redete nicht lang um den heißen Brei rum und erklärte Nomi, dass ich den Bus nicht kaufen würde. Sie nickte nur und fragte mich, ob ich noch kurz mit in den Bauwagen mitkommen wollte, vielleicht auf einen Kaffee. Ich meinte, dass ich keinen trinke, aber ein Tee zum Aufwärmen wäre fantastisch.

Sie sprach ein paar Worte mit dem misstrauisch blickenden Mannjungen und er ließ uns allein. Sie erklärte mir, dass es eigentlich sein Bauwagen sei, aber sie wohnen gemeinsam darin. Sie hätte mich mitgenommen, weil ich ihr während der Besichtigung erzählt hatte, dass ich leidenschaftlich gern schreibe. Mich verblüffte ihre Direktheit, die nicht rabiat, sondern enorm zart daherkam. Sie schwieg und blickte mich lang an, bevor sie gestand, dass sie mich wunderschön fand. Was für eine Ehrlichkeit, ging es mir durch den Kopf. Ihr Freund wäre allerdings eifersüchtig und würde seine Probleme mit der Offenheit ihrer Beziehung haben. Mir pochte das Herz, weil ich nicht wusste, ob das eine Art Flirt war oder ob ihr Freund mir beim Verlassen womöglich auflauern würde. Was war das für eine merkwürdige Situation. Sie fragte, womit ich mein Geld verdienen würde und ich stammelte vor mich hin. Es war mir unangenehm, denn ich wollte nicht zugeben, dass ich durch Kleidung und Schuhe ans erotische Gewerbe verkaufte, sowas kommt nie gut an, das wusste ich, doch sie beruhigte mich und zeigte auf eine Plastiktüte von Beate Uhse. Sie erklärte mir, dass sie gerade eine Ausbildung zur Sexualbegleitung mache und ob ich wisse, was das sei. „Nein, nicht wirklich“, gab ich zu und überlegte, ob das so eine Art Sozialarbeiter für Prostituierte sei. „Es geht darum, dass Menschen mit Behinderungen auch sexuelles Verlangen haben“, erklärte sie und in dem Moment verstand ich. Doch es entstanden weitere Fragen, die ich nicht aussprechen musste, denn Nomi schien meine Fragen bereits erraten zu haben: „Da geht es gar nicht um den sexuellen Akt an sich, sondern meist um das Verstehen des eigenen Körpers oder die Beziehung und Berührung von zwei Menschen.“ Das leuchtete mir sofort ein. Sie erzählte von den Tabus und den Problemen der Verständigung. Wir saßen zwei Stunden dort und irgendwann schwiegen wir. Es war so viel erzählt worden, dass die Worte ausgegangen waren. Nomi blickte mir tief in die Augen und mein Herz pochte nicht mehr wild, ganz im Gegenteil. Ich war entspannt und ruhig und wünschte mir den Kuss herbei, der in der Luft lag.

Wir hatten unsere ganz eigene Blase geschaffen, die niemand zu stören wagte. Diese Blasen haben etwas heiliges und das sage ich, obwohl ich weder an Gott glaube noch religiös bin. Aber ich glaube dennoch daran, dass es da etwas gibt und man kann es spüren. Man spürt es bei dem kleinen Kind und man spürt es in solch einem Refugium. Es gibt da etwas, dass man nicht messen und bestimmen kann. Ein kleines Heiligtum.

Morgenduft

Die Straßen sind nass und ein leichter Niesel fällt vom Himmel. Gibt es für einen leichten Niesel ein besseres Wort? Also für die wenigen Tropfen, die einen so selten treffen, dass man sich fragt, ob der erste schon getrocknet ist, bis der zweite einen trifft.

Ich schlendere zum Bäcker, denn mein Magen grummelt vor sich hin. Normalerweise ist er um die frühe Uhrzeit entspannt, da ich nur selten frühstücke, aber heute war ihm wohl danach und ich bin kein Unmensch und lasse ihn nicht unnötig leiden. Es sind nur wenige Leute zu Fuß unterwegs, aber die frühmorgendliche Blechlawine schiebt sich bereits durch die Straßen. Hier im Viertel gibt es eigene Regeln: Hier überquert die alte Frau mit einer Höchstgeschwindigkeit von 2km/h seelenruhig die Straße, auf der theoretisch vier Autos nebeneinander Platz hätten, aber die Schienen in der Mitte werden selten von einem Gummireifen berührt. Es stört sich niemand an der alten, ruhigen Lady. Neulich erst sah ich zwischen den Gleisen einen Polizisten stehen. Er regelte nicht den Verkehr, sondern suchte – zehn Meter von der roten Fußgängerampel entfernt – seinen Weg vom Metzger auf die andere Seite zum Streifenwagen. Keine Ahnung, wer diese Ampel überhaupt angefordert hat, sie wird allseits gekonnt ignoriert.

Hinter dem Tresen beim Bäcker steht eine junge Frau, sie fragt, wonach mir ist und ich entscheide mich für ein Brötchen und ein Laugenhörnchen. Ein leichtes Frühstück also. Auf dem Rückweg treffen mich zwei Tropfen fast gleichzeitig am linken Arm. Ein Sturm zieht auf, geht es mich nicht ganz ernst gemeint durch den Kopf. Ich lausche dem klatschenden Geräusch der Schuhe, die auf den feuchten Beton treffen, atme den Duft der Regenluft ein und gehe wenige Meter mit geschlossenen Augen Richtung Heimat.

Ruhe

Es schien, als sei die Ruhe so perfekt wie nur irgend möglich. Sie hatte sich zum Erscheinen den beginnenden Sonnenuntergang ausgesucht. Die Sonne wärmte noch und stand zugleich so tief, dass die Farben der Umgebung ausblichen. Die junge Frau ließ ein Hundewelpen mit braunem Fell auf dem frischen Gras umhertapsen. Sie schien einen Wettkampf mit der Sonne eingegangen zu sein, wer wärmer strahlen könnte. Eine Ecke weiter saß ein Junge auf einer hüfthohen Mauer und starrte auf sein Mobiltelefon. Er schien nicht bewusst auf das Display zu schauen, sondern eher, als erwarte er eine Nachricht. Ich kannte dieses Warten. Wir alle kannten es. Es tat weh, ihn da so sitzen zu sehen, so trostlos. Ich hätte ihn gern zu der jungen Frau und ihrem Welpen geschickt, dort hätte er sein Herz aufwärmen können, welches gerade verzagte. Die perfekte Ruhe war Segen und Fluch zugleich, es war nur einen Häuserblock voneinander entfernt.

Ich spüre die Last unerledigter Aufgaben. Ich würde so gern endlos in der Wärme dieser untergehenden Sonne verweilen und mich frei fühlen, doch diese Aufgaben warten und ich möchte flüchten. Nicht vor der Erledigung an sich, welche mir nicht schwerfällt. Es ist das Wissen, dass nach jeder erledigten Aufgabe eine neue wartet. So ist unser Sein, die endgültige Ruhe ist tatsächlich die letzte. Bis dahin träume ich im Müßiggang vom Müßiggang.

Reblog: Herr W. — List od Szarlota W.

Die Männer, die ich niemals kannte. Dann sammle ich Steine – Von Brücken Als Herr W. das erste Mal starb, war alles still. Alles und alle waren still, viel stiller als sie es jemals gewesen waren. Vor allem ihre Mutter gab sich größte Mühe im Schweigen zu verharren und jegliche Emotion hinter der gewohnt kühlen […]

über Herr W. — List od Szarlota W.

Eine kleines Kunstwerk, das ich euch nicht vorenthalten kann. Schaut gern mal auf den Blog und hinterlasst der Autorin einen Kommentar oder ein Like.

Kontaktlos

Mir lief das Wasser im Mund zusammen, als ich auf das käseüberbackene Brötchen sah, welches die junge Frau hinter der Theke auf meinen Wunsch hin in die Tüte packte. Ein Brot und jenes Brötchen für den Start in den Tag. Ich folgte der Frau zur Kasse und hörte zugleich, wie ein anderer Kunde zur Kollegin der jungen Frau „Kontaktlos“ sagte. Er sagte es einfach so und ich fragte mich, ob die Dame die Brötchen nicht anfassen sollte. Sie schien sich die gleiche Frage zu stellen, denn sie sah ihn entgeistert an. Dann zeigte der Mann auf seine Uhr und wiederholte: „Kontaktlos.“ Er ergänzte: „Das hat letzte Woche auch schon geklappt.“ Ich ließ mir Zeit beim Bezahlen und zählte mein Wechselgeld so ab, dass ich genau 15 Euro zurückbekommen würde. Der technikaffine Kunde neben mir pochte darauf, dass es klappen müsste, indem er wiederholte: „Letzte Woche hat es aber geklappt.“ Die Verkäuferin jedoch bat ihn um Verständnis, sie wüsste nicht, wie das gehen würde, obgleich sie ordentlich auf der Kasse rumhämmerte. Ich bekam mein Rückgeld und verschwand aus dieser morgendlichen Szene beim Bäcker. Als ich Richtung Arbeit radelte, fragte ich mich, ob wir alle die Fähigkeit zu reden verlieren werden, wenn wir diese Uhren und die nächsten Gimmicks tragen, denn das wird wohl kommen.

Einmal Wort- und Kontaktlos bitte.

Das gute Gefühl

Es war ein erleichterndes Gefühl, für niemanden wichtig zu sein. Ich stellte das Telefon ab und ließ mich auf meine Couch sinken. Es war einer der wenigen Momente, in denen ich ganz bei mir sein konnte und für niemanden ein offenes Ohr haben musste oder irgendjemandem etwas schuldig war. Es war mein gottgegebenes Recht, allein zu sein. Was sollte das jetzt eigentlich mit Gott, an den glaubte ich nicht, zumindest nicht in der Form, wie er präsentiert wird. Irgendwas mochte es schon geben, aber dieses Es brauchte nicht meine Frömmigkeit oder mein Bekenntnis, um zu existieren. Ich brauchte diese Dinge ja auch nicht. Niemand betete mich an und niemand huldigte mir und das war das Schöne am Leben, dass ich einfach nur ich selbst sein durfte. Warum fiel den Menschen allein nur die Decke auf den Kopf, warum konnten sie nicht einfach die Decke anstarren und aufgrund der anhaltenden Ruhe glücklich sein? Warum mussten sie sich ständig produzieren und reproduzieren. Ständiger Verzehr und niemals wurde jemand satt. Die Menschen waren anstrengend, wenn man sie den ganzen Tag ertragen musste und so war es für mich nur selbstverständlich, dass man eine Auszeit von ihnen brauchte. Ich zumindest brauchte sie und ich nahm sie mir. Und es war ein gutes Gefühl.