Abschied

Weißt du noch, wie dein Kopf in meinen Händen ruhte und mein rechter Daumen auf deinen Lippen? Warum küssten wir uns nicht, wo es so klar war, dass es jetzt sein könnte? Machte es den Abschied auf irgendeine Weise leichter?

Ich litt darunter. Nie wollte ich rauchen und jetzt kann ich die perfekte Zigarette drehen. Ich bin froh, wenn meine Hände etwas tun können. Schlimm wird es nur, wenn ich Zeit habe und ruhig werde. So wie eben, als ich diese warme Tasse Tee hielt und mit dem Daumen darüberstrich. Es erinnert mich überhaupt nicht an dich. Nicht an deine zarte Haut, deine langen Haare oder deine weichen Lippen. Aber dennoch denke ich beim Drüberstreicheln an dich.

An Dich, die nicht mehr da sein wird. Die Hand eines Anderen streichelt dich nun und es ist gut so. Für dich und für ihn. Und für mich?

Drei Doppelpunkt zwei eins

Die Zeichen 3:21 strahlen rötlich. Bin ich kurz weggenickt oder lag ich durchweg wach? Keine neue Nachricht blendet mir das Handydisplay entgegen; was zu erwarten war. Auf den Tag zwei Wochen ist es her, dass ich dir schrieb. Du siehst, ich vermisse dich nicht. Aber langsam solltest du mich doch vermissen.

4:32. noch etwas mehr als eineinhalb Stunden bis ich aufstehen muss.

5:43. Ich hab geschlafen. In zwei Minuten klingelt das Handy.

5:45. Brrrrrr. Brrrrrr. Umdrehen. Zuerst das Handy, dann mich.

5:50. Brrrrrr. Brrrrrr. Warum kann ich eigentlich so gut schlafen, wenn ich nicht darf? Noch einmal umdrehen

5:55. Brrrrrr. Brrrrrr. Leck mich!

6:00. FUCK. Das Frühstück kann ich knicken, aber für ‚ne Dusche reicht‘s noch.

6:54. Durchgeschwitzt, aber pünktlich.

9:10. Jetzt müsste sie auch wach sein.

10:11. Die Pause naht.

11:12. Brrrrrr. Brrrrrr. Brrrrrr. Eine neue Nachricht. Nicht von ihr. Heute Abend ein paar Bier trinken. Warum nicht?

16:17. Das war‘s, ich geh.

17:18. Endlich Zuhause und gleich mal frisches Brot futtern.

18:19. Durchs Fenster strahlt die Sonne mir entgegen.

19:20. Durch die Tür kommt mein Mitbewohner. Er hat ein Sixpack dabei und „Fluch der Karibik“. Irgendwas stimmt nicht.

20:21. Kurz nach Primetime. Es klingelt an der Tür und zwei Mädels kommen herein. Eine gehört zu meinem Mitbewohner, die andere zu ihr.

21:22. Mein Mitbewohner kuschelt mit seinem Mädel. Ich ahne ein „CAPTAIN Jack Sparrow“ voraus.

22:23. Die Hauptmenü-Melodie dudelt vor sich hin, während Amina und ich uns unterhalten. Mein Mitbewohner und sein Mädel sind verschwunden. In der Küche oder in seinem Zimmer.

23:24. Die Titelmenü-Melodie nervt, aber ich möchte nicht mit dem Knutschen aufhören.

0:12. Gute Nacht. Endlich einmal wieder.

No milk today

Milchflaschen zu klauen ist nun wirklich keine Heldentat, aber es musste sein. Wie hätte ich sonst meiner Angebeteten beweisen können, dass ich alles für sie tun würde. Aber ein Milchmann war ihr zu wenig. Zu farblos. War ich undurchschaubar oder glasklar? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass im Moment des Diebstahls mein Herz nicht weniger stark schlug, als beim ersten Kuss mit ihr. Wenn ich mal wieder Milch stehle, dann nur um mich daran zu erinnern, wie heftig ein frisch verliebtes Herz pochen kann.

Ein Kutter aus Kalkutta. Teil 2 – Ein tiefes Loch

Zum Beginn der Geschichte

So wirklich überraschte mich meine übertriebene Gelassenheit dann doch nicht. Sie war Ausdruck dessen, was mich nach Indien getrieben hatte. Es begann mit dieser einen Liebe oder eher mit dem Ende davon. Tiefe Löcher kannte ich zu genüge, war immer wieder herausgekrochen und ehe ich mich versah, flog ich wieder über die Dächer der Stadt. Aber das Loch nach jener Liebe war nicht nur unheimlich tief, sondern auch ebenso breit.

So ein Loch durchläuft man nicht an einem Tag oder in einem Monat. Es ist so breit, dass man glaubt schon wieder fliegen zu können, doch stattdessen wirbelt man nur den dunklen Staub auf, in dem man stecken bleibt. In dieser Dunkelheit wird dir alles so verdammt egal. Es wird dir alles so egal, dass du dich an einer Träne erfreust, die dir die Wange hinabrollt. Und plötzlich sind Jahre vergangen und Probleme haben sich angehäuft. An dem Punkt traf ich Pete. Eigentlich hieß er Peter, aber er mochte die deutsche Aussprache seines Namens nicht. Er war es, dem ich gestand, bei einem zwielichtigen Typen Geld geliehen zu haben, weil es für Essen und Miete nicht mehr reichte. Die Vorstellung, dass mich der Typ umlegen lassen würde, gefiel mir sogar, aber das war das letzte, was der vorhatte. Er ließ mich zusammenschlagen und so fand mich Pete auf der Straße vor seiner Wohnung.

Teil 3

Der Ritter

Als ich erwachte, blickte ich in deine Augen. Der Wecker hatte noch nicht geklingelt und so nahm ich mir die Zeit, mich in ihnen zu verlieren. „Bist du schon lang wach?“, fragte ich dich und du schütteltest nur leicht mit dem Kopf und meintest: „ Ich wollte nur meinen Ritter betrachten.“ „Deinen Ritter? Ich? Was macht mich denn zu einem Ritter?“ „Ein Ritter beschützt und rettet und du hast mich heut Nacht beschützt und damit meinen Schlaf gerettet.“

So ritterlich kam ich mir gar nicht vor. Wir waren nebeneinander eingeschlafen, ich zumindest war schon fast vollkommen in meinen Träumen angekommen, als mich etwas ins Wache zog. Ich blickte nach rechts zu dir und sah, dass du nicht schlafen konntest, so wie es immer mal wieder geschah. Ich kann nur erahnen, was dann in dir vorgeht.

Meinen Blick löste ich, um eine Kerze auf dem Nachttisch anzuzünden und tat, als könnte auch ich nicht schlafen, aber du wusstest eh, dass ich zuvor bereits friedlich weggedöst war. Ich holte die zweite Decke von der Kommode und legte sie dir in den Rücken, danach bot ich meinen Körper zum ankuscheln an. Deinen Kopf legtest du auf meinem Bauch und deine Schulter bot sich mir, um darüber zu streicheln bis ich spürte, dass du ruhiger wurdest.

Ich griff nach einem Buch und begann eine Geschichte vorzulesen. Eine Geschichte, die wohl ein wenig zu viel für ein Kind gewesen wäre, aber dennoch mit der gleichen Liebhaftigkeit geschrieben war, die man früher zu hören bekam. Am Ende der Geschichte schliefst du tief und fest. Ich legte das Buch zur Seite, löschte die Kerze mit den Fingern und schlief neben dir ein, denn ich fühlte mich beschützt von dir, meiner Ritterin.

Und so überfährt es einen…

Es ist nur ein Lächeln. Es strahlt aus den wunderbar blauen Augen und wandert über das gesamte Gesicht. Den ganzen Tag regnete es, aber jetzt in diesem Augenblick bricht die Wolkendecke auf, damit die Sonne durch das Fenster hinter dir hineinstrahlen kann. Größer könnte ein Lächeln nicht sein. Deine Lippen würde ich nur allzu gern auf den meinen wissen und meine sonst so zielstrebige Art versteckt sich in der letzten Ecke. Das ist kein typischer Flirt und das soll es auch nicht werden. Das ist das schönste Gefühl, für das es keine Erklärung und keine Logik gibt. Bleib du da sitzen! Bis in die Ewigkeit. Und ich verharre ebenso bis ans Ende aller Tage und nichts wäre verloren oder verschenkt.

Schiffbrüchig

Strahlend blauer Himmel, endlos weißer Sandstrand mit prachtvollen Palmen und salziger Luft, das erwartet man doch, wenn man Schiffbruch erleidet. Tja, das trifft leider so gar nicht zu. Wir sind eben nicht gestrandet. Es war eine riskante Aktion, ins Packeis zu fahren, aber es war der kürzeste Weg und kein anderer würde uns ans Ziel führen. Zuerst schob sich das Eis immer enger zusammen und unser Kapitän hatte noch die Idee, dass wir die gesamte Ladung und uns von Bord schaffen sollten, so dass das Eis unser Schiff nach oben drücken konnte, aber trotz seiner Leichtigkeit wurde der Rumpf dann doch zermalmt.

Wir haben ein kleines Lager errichtet, da nur ein kleiner Stoßtrupp weiterziehen soll. Ich habe mich bereiterklärt, mitzugehen. Doch der heutige Tag ist noch ein letzter des Abschieds. Mein Blick geht in den blauen Himmel. Nach Sand oder Palmen brauche ich nicht zu suchen und die Luft riecht auch nicht nach Salz. Sie riecht gar nicht, wie man es aus den bitterkalten Winternächten kennt, wenn selbst die Moleküle gefrieren.

Eigentlich war mir vorher schon bewusst, dass diese Expedition keine gute Idee war, aber aus meiner damaligen Position heraus war sie es eben doch. Eine lange Reise, bei der ich jeden Tag gefordert werden würde, was könnte es besseres geben, um ihr langes, schwarzes Haar zu vergessen oder ihre dunkelbraunen Augen, ihren schlanken Beine, die wohl bis in die Ewigkeit laufen konnten. Hätte ich damals nur gewusst, dass sie diese benutzen würde, um vor mir wegzulaufen. Mein Plan ging teilweise auf, denn es gab Momente, in denen ich ihr Gesicht vergaß oder ihre Stimme oder ihren Geruch.

Es ist nur ausgeschlossen, einen Ort zu finden, der kein noch so kleines Staubkorn der Erinnerung hervorrufen könnte. Als jemand die geschälten Mandeln auspackte, war sie wieder da. In voller Pracht auf ihrem Bett. Sie, die mir ebenfalls ein paar Mandeln anbot, während sie sich selbst eine mit ihren zarten Fingern in den wunderschönen Mund schob, den ich so gern küsste. Nein, es gab kein Entrinnen, aber die Arbeit auf dem Schiff und nun in der Kälte brachte mich dennoch fort von ihr. Fort von dem ständigen Verlangen nach ihr an meiner Seite und es zog mich immer mehr zurück in mein Leben. Nur mein Leben, das war es, was ich noch vor mir sah.

Schon merkwürdig, dass ich mich vor dem Tod und vor dem Leben fürchtete, bevor ich sie traf. Als ich die Scherben der zerbrochenen Beziehung zusammenkehrte, hatte ich die Angst vor dem Tod verloren und jetzt endlich auch die vor dem Leben. Niemals hatte ich mich so frei gefühlt, selbst mit ihr nicht. Nach ihr schloss sich eine Tür, aber es tat sich keine neue auf. Nein, der gesamte Boden öffnete sich stattdessen und ließ mich fallen, bis ich in einer vollkommen neuen Welt landete.

Wenn ich mich so im Lager umschaue, dann sehe ich erschöpfte und traurige Gesichter. Ich kann sie verstehen, unsere Chancen stehen schlecht, ja sie sind sogar ausgesprochen aussichtslos. Das sind vermutlich unsere letzten Tage, aber ich kann sie mit einem Lachen angehen. Sterben wollte ich bereits, davor graut es mir nicht. Nein, ich bin dankbar für jeden Tag, jede Stunde und jede Minute, die mir noch bleibt und ziehe meine Kraft aus dem Wissen, dass unsere Zukunft noch nicht geschrieben steht. Im schlimmsten Fall findet man mich womöglich in tausenden Jahren und stellt die wildesten Theorien auf, wie ich wohl gelebt haben mag. Ob eine Theorie mein Leben erfassen wird?