Goldene Zeiten

Der Bus stank nach Urin und es war schon eine ganz besonders durchdringende Note. Dabei hatte mich mein Unterbewusstsein noch am Einsteigen hindern wollen, als ich schier endlose Sekunden mit dem Entwerter kämpfte. Die haben so einen Rahmen aus Metall eingebaut, damit man entweder direkt am Entwerter und dem Fahrer vorbeiläuft oder daneben sofort im Fahrgastbereich landet. Ich entschied mich beim Einsteigen für den Weg zu den Sitzen und somit weit entfernt vom Entwerter. Dann aber versuchte ich den labbrigen Fahrschein halb über dieses Metallgestell hinüber zu entwerten und schaffte es. Ganz ehrlich, draußen hatte es Minusgrade und eine dünne Eisschicht auf dem Asphalt ließ mich nur mit Mühe zur Haltestelle kommen, es war sicher hier im Bus.

Und dann kam diese Wolke aus purem Urin, die jeden von uns umgab. Einen von euch armen Kämpfern hat es erwischt, dachte ich mir. Einer von euch sitzt jetzt auf einem Polster, das nass ist. Irgendwer vor euch hatte zu viel intus oder hatte seine Blase nicht unter Kontrolle, aber jetzt war diese Person gegangen und eine arme Kreatur saß auf dieser Hinterlassenschaft, die jeder hier allsekündlich einatmete.

Vielleicht hatte es einen von den Typen auf dem Vierer erwischt, aber die lachten nur. Die hatten ihren Arbeitstag hinter sich gelassen und ihnen war die Lust am Leben nicht vergangen. Der Rest im Bus schien die letzten Stunden gekämpft zu haben und schaute leer aus dem Bus. Manche lenkten sich mit Musik aus Plastikkopfhörern ab, andere spielten auf den grellleuchtenden Displays ihrer Mobiltelefone. Der eine Typ dort hinten auf der letzten Bank saß beklemmt an seinem Platz und hatte den Kopf gesenkt. Volltreffer, der Typ hat den nassen Sitz erwischt. Wobei die Wolke sich auf die Busmitte konzentrierte, absolut unmöglich, dass es von dort hinten kommen könnte. Aber irgendwas trug der mit sich herum.

So ist es eben in dem Bus, der die Leute nach Hause bringt, die sich jeden Tag abmühen. Und ich? Ich überlegte mir, dass ich einen Tag freinehmen müsste, um tagsüber die anderen Gestalten beobachten zu können, die sich fahren ließen. Wie sehen jene aus, die keine acht Stunden hinter einem Computerbildschirm, einer Kasse oder einem Konferenztisch sitzen? Fahren tagsüber überhaupt Leute mit den Bussen oder fahren da auch keine Busse, weil sie eh keiner nutzt? Nein, das kann nicht sein, die Leute rennen tagsüber durch die Geschäfte und zum Friseur und zu Gott weiß wem. Ich weiß das, weil ich mir mal einen Tag freigenommen hatte, um in die Stadt zu gehen und ich hatte mich noch gefragt, wo all die Leute herkommen und ob die nie zur Arbeit gehen müssten. Nun denn, ich beglückwünsche sie und hoffe, dass sie nicht nur deswegen in der Stadt sind, um die Zeit totzuschlagen. Das wäre so verdammt traurig, wenn die Menschen statt das freie Leben zu genießen, nur hoffen, dass der Tag rumgeht. Aber vielleicht ist es auch nur wie hier im Bus: Man sitzt eine Weile im Gestank und erträgt es und dann irgendwann öffnet sich die Tür und man atmet draußen wieder frische Luft ein und spürt, dass die Welt doch ganz in Ordnung ist.

Luft und Wasser

Kleinste Kügelchen drängen sich aneinander und sammeln sich langsam zu einem großen Tropfen. Groß genug, sich zu lösen und den vorgeschriebenen Weg anzutreten. Doch was hier oben geschieht, passiert dort unten ebenso. Gluckernd findet die Blase einen Spalt im Meeresboden und steigt empor. Immer schneller eilt sie dem Hellen entgegen, nicht wissend, dass aus dem Hellen ein Tropfen ebenso ins Dunkel des Ozeans stürzt. Merklich wärmer ist es der Blase geworden ebenso dem Tropfen, bis er aufschlägt, just als die Blase die Wasseroberfläche durchbricht. Die Beiden berühren sich, vermischen sich, tanzen gar. Ein Tanz von einer Millisekunde, den sie haben, bevor die schnelle Reise beendet ist. Wie selten so ein Aufeinandertreffen wohl sein mag?

Luftikuss

Du bist mir gar nicht so unähnlich in deiner Art. So unstetig und doch so verlässlich. Mal wütest du, da will sich niemand in deiner Nähe befinden und mal bist du ruhig wie die tiefste Nacht. Du liebst das Meer ebenso wie ich, bist wohl auch dort geboren und gebärst dort neues Leben in den heftigsten Stürmen und im kurzen Schaum auf den Wellen. Magst du das Salz auf deiner Haut so wie ich? Seinen Geruch? Seinen Geschmack? Fehlt es dir nicht ebenso sehr wie mir, wenn wir übers Land ziehen oder verweilen? Es wird Zeit für uns, zu neuen Ufern aufzubrechen: Einmal über den Ozean ohne Rückreise, bitte! Du könntest mich mitnehmen und mir Geschichten ins Ohr säuseln. Geschichten von fernen Ländern, von Freud und Leid. Geschichten, die du selbst schriebst mit deiner lebenslustigen Miene. Ob du Anderen wie mir begegnet bist, die dich verfluchten, wenn du ihnen Sand ins Gesicht bliest und dich liebten, wenn du eine dünne Zypresse auf einem kargen Felsen hin- und herschaukeltest und ihnen der Geschmack des Meeres in die Nase stieg? Oh du liebste Naturgewalt, wir bemerken dich halt oft erst, wenn du mächtig über uns kommst. Nicht Gottes Zorn bist du, sondern einfach nur du selbst in deiner unverbesserlichen Art, ganz ähnlich wie ich.