Schweißgebadet

Das Zimmer war in das orangene Licht der aufgehenden Sonne getaucht und ich fühlte mich zu schwer, um aufzustehen. Aufgeweckt wurde ich durch das Knarzen der Holztür. Lucie hatte nur ein Badetuch um ihren Körper gewickelt und kam zum Bett herüber. Sie hatte einen Tropfen beim Abtrocknen nicht erwischt, der ihr vom Hals über das Brustbein glitt.

Mich erinnerte es an das gemeinsame Saunieren, wenn die Tropfen ihren Weg über ihr Gesicht liefen und nach dem Hals ihren natürlichen Rundungen folgten und ihre Brüste umspielten. Es war erregend, die Tropfen auf ihrer Haut wandern zu sehen. Ich wollte ihren Weg nur zu gern mit meinen Fingern nachzeichnen, aber die Sauna gehörte uns nicht allein und so blieb das Spiel in meinem Kopf.

An diesem Morgen hängte sie das Badetuch über den Stuhl neben dem Bett und legte sich zu mir. Ich zeichnete all die Tropfen nach, die zuvor beim Duschen über sie rannen. Die kleinen kaum sichtbaren Härchen stellten sich dabei auf und legten sich wieder. Lucie genoss das sanfte Kitzeln und ich rückte näher an sie heran.

Die Morgende waren selten, die wir nur für uns hatten. Unter der Woche hetzten wir uns ab und auch die Wochenenden brachten nicht immer diese Atmosphäre mit sich, wie wir sie jetzt erleben durften. Ich biss Lucie sanft von hinten in die Schulter und küsste sie sogleich als Wiedergutmachung. Ich spürte die Hitze, die aus ihrer Mitte strömte. Ich spürte die gleiche Hitze auch bei mir und drang in sie ein. Sie drehte ihren Kopf nach hinten, damit ich sie küssen konnte und das Bett quietschte unseren Takt mit. Ihr Stöhnen befeuerte mich und ich bewunderte ihre Hingabe, während ich nur leise Zeichen der Freude von mir gab. Dieser Morgen gehörte uns allein, die Welt bestand nur aus uns und dem Bett unter uns. Darüber hinaus gab es nichts und niemanden.

Free bird

Irgendwas kam mir seltsam vor. Noch im Fahrstuhl rätselte ich. Als ich zuvor das Foyer betreten hatte, lachte mich, wie jeden Morgen, dieses überdimensionale Gesicht an. Es war wie eine morgendliche Bestätigung für meinen Erfolg, der allein auf meinem Aussehen beruhte. Ich wollte gar nicht als Model arbeiten und so rief ich damals nur aus Geldnot bei der Nummer auf der Karte an, die mir eine Fotografin in die Hand gedrückt hatte, nachdem sie mich im Einkaufszentrum angesprochen hatte. Meinen jetzigen Job bekam ich wohl, weil ich mit den richtigen Frauen geschlafen hatte und auch den entscheidenden Männern das Gefühl gab, sie könnten mich haben.

Als der Fahrstuhl anhielt und sich die Türen öffneten, sah ich wieder jenes Gesicht. Dieses Mal war es eine kleinere Version, aber immer noch groß genug, um die halbe Höhe der Bürowand einzunehmen. Ich ging darauf zu und dachte nach, was an dem Bild nicht stimmen würde, ob es wohl seitenverkehrt war oder ein Schatten unecht wirkte, doch so sehr ich mich auch an jedem Detail ausließ, ich kam nicht dahinter. “Genügt Ihnen ihr Spiegelbild nicht mehr?”, rief Claudia, die mich wohl schon eine Weile beobachtet haben dürfte. Ich schüttelte wortlos den Kopf und ging in mein Büro. Das war sonst nicht meine Art, aber so würde ich wohl meine Ruhe haben. Ich ließ mich in den Sessel fallen und drehte mich den Fenstern zu, die vom Fußboden bis zur Decke gingen. Die ganze Stadt lag mir zu Füßen, doch ich schweifte in Gedanken ab und überlegte, was mit dem Bild nicht stimmen mochte.

Es war noch aus dem ersten Fotoshooting. Damals war es ebenso, wie jetzt, ein kalter Herbst gewesen und in meiner Wohnung war es eiskalt, weil ich die Rechnung für die Heizung nicht gezahlt hatte. Der Kühlschrank war ebenso leer, was auch sein Gutes hatte, denn ohne Strom kühlte er eh nicht mehr. Als ich im Fotostudio ankam, war dort jene Frau aus dem Einkaufszentrum und sie bot mir damals genug Geld an, um die Miete, Strom und warmes Wasser für die nächsten drei Monate zu bezahlen. Das gesamte Shooting über fühlte ich mich so unendlich frei. Das war es. Ich erkannte endlich, was mit dem Bild nicht stimmte. Ich war es, denn das Gesicht, das mich jeden Morgen im Spiegel begrüßte, ließ jene Freiheit vermissen. Ich verließ mein Büro und stürmte auf den Aufzug zu. Claudia kam mir wieder entgegen und fragte mich, ob ich etwas vergessen hätte. Ich nickte und zeigte auf mein Gesicht. “Ja, tatsächlich, ich habe die Freiheit vergessen…”, dachte ich mir.

Im Aufzug kam mir jede Sekunde endlos lang vor. Mein Fuß wippte und die Finger zitterten leicht vor Aufregung. Dann endlich kam der erlösende Klong des Lifts und ich war im Erdgeschoss. Ich eilte durchs Foyer und sah mich noch einmal zu mir um. Dieses Gesicht verspricht Freiheit, also nehm ich sie mir auch. Mein sportlicher Zweisitzer wartete treu auf mich. Es war zwar viel zu kalt dafür, aber ich öffnete das Verdeck und ließ die Sonne rein, die den strahlend blauen Himmel erleuchtete. Es gab für mich kein Ziel, ich fuhr einfach drauf los undwar wohl gut zwei Stunden unterwegs gewesen, als ich am Wegesrand eine Tramperin sah. In den letzten Jahren hätte ich niemals angehalten, aber jetzt war sie das erste Abenteuer.

Ich hatte kein Ziel und so nahm ich das ihrige. “Warum hörst du keine Musik, gefällt dir das Geräusch der Motoren so sehr oder warum?”, fragte mich die Fremde und ich lachte nur unwissend. MIr war es bis dahin gar nicht aufgefallen, dass keine Musik lief. Sie zog eine CD aus ihrer Tasche und man hörte jemanden auf einer Sitar spielen, was von rockigen Gitarren untermalt wurde. “Wär es okay, wenn wir das Verdeck wieder schließen, mir wird nämlich kalt.”, erklärte mir meine Beifahrerin, doch so richtig war mir nicht der Sinn danach, bis mir einfiel, warum. Vor uns erschien eine Brücke und ich sagte zu ihr, dass ich danach anhalten und wir überdacht weiterfahren würden. Beim Überqueren der Brücke warf ich mein Handy aus dem Auto. Ich versicherte mich im Rückspiegel, ob ein Auto hinter mir war, doch eigentlich war ich dafür zu schnell unterwegs. Dann rutschte ich ein wenig zur Seite und sah im Rückspiegel meine Augen. Sie lächelten schon wieder den gleichen Blick der Freiheit heraus, den ich auch damals bei meinem ersten Shooting hatte.

Schlaflose Reime

Da kann ich mal wieder nicht so recht einschlafen und möchte diesen Zustand nutzen, um mal einen Beweis zu erbringen, warum es besser so ist, dass ich so gut wie nie Gedichte schreibe:

Am Abend und Morgen,
noch vor den ersten Sorgen
überkommt mich schon die Lust
nach einer weichen Frauenbrust.
Ob klein und fein
oder groß und famos,
wünsch‘ ich mir einen Schoß
in den ich stoß‘.
 
Doch findet sich in meinem Bett
kein Polster aus gewünschtem Fett,
muss ich Enthaltsamkeit betreiben
oder an mir selbst mich reiben.
Doch was soll all das Geklage,
bin ich der Grund für diese Plage!
Denn wem nur nach Lust steht der Sinn,
dem gibt sich kein Geschöpf gern hin.
 
Und so ertränke ich meinen Kummer
seither in keiner schnellen Nummer.
Daher bleibe ich allein daheim
Und schreibe einen miesen Reim.

Manchmal ist es mir dann einfach egal…

Da war er wieder, der allmonatliche Impro-Abend. Ich hatte Lust darauf, wieder auf der Bühne zu stehen und zu performen. Dann wurde gelost und als ich meine Mitspieler sah, rannte der kleine Ben in mir aufs Klo und musste sich erst einmal übergeben. Aber nicht aus freudiger Anspannung oder Nervosität heraus. Ich riss mich dann zusammen und erinnerte mich, wie sehr ich mich auf den Abend gefreut hatte. Also ab in die erste Runde und rein in die erste Szene. Der verhasste Mitspieler war wie üblich uninspiriert und uninspirierend. Doch noch nerviger war mir die neue Mitspielerin, die ständig am Reden war, die Geschichte jedoch nicht einen Zentimeter voran brachte. Das Publikum wählte ein anderes Team raus und so ging unsere Szene weiter. Tja und da war bei mir der Punkt gekommen, an dem es mir einfach egal war. Ich wollte an dem Abend nicht die Szene stellen, die gewinnt und ich wollte auch keine Geschichte mehr aufbauen, da meine Ideen von der nervigen Mitspielerin untergraben oder im Keim erstickt wurden. Bei der erstbesten Möglichkeit ging ich dann von der Bühne und sah zu, wie die eh schon festgefahrene Szene sich vollends in der Langweiligkeit verlor. Als das Publikum dann für die Szenen klatschen sollte, welche ihnen gefielen, überraschte es mich nicht im Geringsten, dass niemand es zu klatschen wagte, als es um unsere Szene ging. Ich saß zu dem Zeitpunkt eine Rum-Cola schlürfend hinter dem Lichtpult und spielte mit den Farben. Es war mir egal, nein sogar eine Genugtuung. Und ja, da merke ich auch wieder, dass ich manchmal ganz gern ein Arschloch bin und mir meine Mitspieler egal sein können. Kein schlechtes Gewissen und auch kein Zweifel an meinem Können. Nur meine Rum-Cola und ein hämisches Grinsen, weil ich zum verfehlten Applaus nicht auf der Bühne stand.