Verloren

Ich fühlte mich wie ein Verlierer. Ich war gescheitert und das Leben hing an mir wie eine Klette. Warum ich nicht einfach gehen konnte, wollte mir nicht einleuchten. Zu ängstlich für den Suizid und zu lebensmüde, um mich aufzurappeln. Ich mochte den Tag nicht und als das Telefon klingelte, stand ich nur widerwillig auf. Auf dem Display stand die Nummer meiner Oma. Ich wollte nicht telefonieren, aber ich wollte sie nicht umsonst angerufen haben lassen. Sie grüßte mich und fragte mich, ob ich sie mal wieder besuchen wollen würde. Ich erklärte ihr, dass es gerade nicht so passte. Vom Geld her und auch sonst gerade nicht. „Aber dir hat doch das Meer immer so gutgetan“, sagte sie und die Erinnerung überkam mich, wie ich als kleiner Junge mit einer Lungenkrankheit kaum atmen konnte, bis ich einige Wochen ans Meer zu ihr fuhr. Ich versprach ihr, dass ich es mir überlegen würde. Wir sprachen noch über dieses und jenes, aber in meinem Kopf erinnerte ich mich, wie ich damals dachte, sterben zu müssen und dann war ich einfach vollkommen geheilt. Mir kam in den Sinn, wie ich viele Jahre später eine sehr seltene Hautkrankheit erlitten hatte, die mich auch nur um ein Haar hat überleben lassen. Und meine Geburt war eh pures Glück. So schnell wie ich auf die Welt kam (einen Monat zu früh) wollte ich auch wieder verschwinden. Als ich es dann geschafft hatte, meinten die Ärzte, dass ich wohl nicht zu besonders viel zu gebrauchen sei. Meine Oma und ich beendeten das Telefonat und ich sann nach: Ich war ein Gewinner. Ich war auf dieser verdammten Welt. Ich war das erste Spermium und ich war noch immer da. Man sagte mir, ich könne nichts und ich wäre ihnen fast auf den Leim gegangen und hätte es geglaubt. Jetzt erkannte ich den Fehler, ich war zu einer ganzen Menge zu gebrauchen. Mir kam ein Lächeln über die Lippen. Ich suchte nach einer günstigen Verbindung zu meiner Oma, fand eine in drei Wochen und buchte diese. Dann nahm ich mir das Telefon und rief sie wieder an.

Glühend

Die glimmende Kohle faszinierte mich. In der Nacht war die kühle Luft vom Meer hergezogen und wir hatten uns um das Lagerfeuer versammelt. Sie hatten sich nacheinander in die Zelte verzogen. Es dämmerte bereits und ich war als einziger wach geblieben, so als hätte ich das Feuer bewacht. Die Zelte standen ein wenig entfernt und es kam mir vor, als wäre ich mit dem Strand und dem Meer allein. Eingewickelt in eine warme Decke erwartete ich die Sonne. Hin und wieder stocherte ich in der Glut umher und sah dabei zu, wie das Rot kurzzeitig ein wenig größer wurde, um dann doch wieder schwarz-weiß ummantelt zu werden. Frieden kommt einem nie besonders groß vor, wenn man das Glück hat, gerade darin zu verweilen.

Unsere Gruppe war den letzten Tag lang gewandert und hier hatten wir unser Lager für die Nacht aufgeschlagen. Direkt darauf waren wir ins Meer gerannt und ließen uns von den Wellen die Strapazen des Tages wegspülen. Danach aßen wir und sangen am Lagerfeuer. Anfangs traute ich mich nicht den Mund aufzumachen. Dann summte ich mit, und schlussendlich ließ ich locker und trat in den Gesang mit ein. Die Welt fühlte sich unendlich leicht an. Wir hatten hier unser kleines Paradies und ich wünschte mir, dass ich dieses Gefühl auf ewig in mir bewahren und jederzeit darauf zurückgreifen könnte.

Verwünscht

Ich hatte es mir anders gewünscht. Eine naive Hoffnung war es gewesen, die mich nach einem rustikalen Haus in Strandnähe hatte sehnen lassen. Am Telefon erzählte mir die Dame, dass sie genau das richtige Objekt hätte und ich buchte die zwei Wochen am Meer. Kein Mensch scheint Anfang Dezember noch Urlaub zu haben und so war die Miete niedrig. Das Häuschen jedoch war nicht das, was ich erwartet hatte. Es war umgeben von anderen Häusern. Und das Meer, wenngleich ich es doch hören und riechen konnte, es war nicht zu sehen, nicht einmal aus dem zweiten Stock heraus, welcher lediglich das Doppelbett beherbergte.

Es war einfach eingerichtet, so hatte ich es der Dame am Telefon auch gesagt, aber natürlich hatte sie dabei andere Bilder im Kopf als ich. Womöglich empfand sie die Schränke mit dunkelbraunem Furnier als schön, während es mich an das Wohnzimmer meiner Großeltern erinnerte. Ich hatte bereits bezahlt und ich fühlte mich verpflichtet, diese Unterkunft zu nehmen. Ich hätte zudem auch den Weg zu ihrem Büro zurücklaufen müssen und war zu geschafft von der Anreise. Die Bahnfahrt hätte mir wohl gefallen, wären die drei Umstiege nicht gewesen. Bei jedem der Bahnhöfe hetzte ich nur so aus dem Waggon und versuchte schleunigst den Bahnsteig zu finden, an dem der Anschlusszug schon ungeduldig wartete. Mir war es auch unangenehm kalt an den Beinen geworden. Anfangs saß die Kälte nur oberhalb der Knöchel, verteilte sich dann aber beinaufwärts und als ich endlich in diesem kleinen Kaff gelandet war, fröstelte es mich am gesamten Leib. Das kleine Büro fand ich nach einer Stunde des Umherirrens. Die Dame hatte den Schlüssel schon bereitgelegt. Sie bat mir einen Kaffee an, doch ich lehnte ab, da ich mich nicht an den Geschmack gewöhnen konnte. Ich hatte auf einen guten Tee gehofft.

Eine weitere Stunde hatte ich gebraucht, bis ich im Haus angekommen war und draußen war es bereits dunkel geworden. Über meine Entscheidung könnte ich mich morgen noch ärgern, beschloss ich und stellte meinen Rucksack vorsichtig neben dem Bett ab. Im Haus war es kalt. Ich drehte die Heizung auf, während ich mich daran erinnerte, dass ich in meiner Fantasie vor einem Kamin platznehmen würde. Den Klang und den Geruch vom Meer wollte ich noch genießen, bevor ich schlafen ging und so öffnete ich die Tür neben dem Bett und betrat den Balkon. Mein Blick fiel auf die Häuser nebenan. Sie waren klassisch gebaut, während das meinige zwei schräge Dächer besaß, die bis zum Boden gingen. Ein großes Dreieck bewohnte ich und tatsächlich fühlte ich mich damit sehr wohl. „Hallo, geliebtes Meer“, flüsterte ich in den Wind und ergänzte: „Morgen haben wir uns endlich wieder.“

Ein Kutter aus Kalkutta. Teil 1 – Tiefer Schlaf

Es sollte nur eine kurze Fahrt den Hooghly entlang werden, der durch Kalkutta fließt und alles mit sich nimmt, was hineinfällt oder hineingeworfen wird. Wie hätte ich ahnen können, dass ich mich besser nicht in die Mittagssonne aufs Deck hätte legen und einschlafen sollen? Als ich wieder erwachte, stotterte der Motor sein letztes bisschen Leben aus. Ich blickte über den Bug und sah das offene Meer vor mir. Der Blick zurück zeigte mir das gleiche Bild. Der Indische Ozean und ich allein in einem Kutter auf ihm. Meine Tasche hing noch an mir, aber was brachten mir Geld und meine Papiere mitten im Meer? Ich durchsuchte die Kanister, ob noch Treibstoff in ihnen war, doch sie waren leer. Weder Benzin noch Wasser war vorhanden. Den Weg nach Norden hätte ich schon gefunden, auch wenn die Sonne gerade unterging und somit die Zeit knapp wurde, sich zu orientieren. Schon überraschend, dass ich mich ganz ruhig hinsetzte und an nichts dachte. Wäre es nicht natürlich, jetzt in Panik auszubrechen? Oder einfach zu schreien und zu weinen? Mir war nicht danach. Ich saß auf dem Boot und ließ mich treiben. Ich lachte sogar, weil mir der Gedanke kam, dass der Kutter ja jetzt mir gehörte. Ich hatte nur leider nichts davon.

Teil 2

Ozean

Der Schweiß sammelt sich auf meiner Stirn, bis ein Tropfen über meine Schläfe die Wange hinabwandert. Die Sonne kann gar nicht so schnell trocknen, wie sie neues, salziges Wasser hervorruft. In solch einem Augenblick vermisse ich dich mehr, als sonst, mein geliebtes Meer. Dich, das ich zu gern trinken würde, doch es bekommt mir nicht. Dich, das ich durchschwimmen würde, doch ich schaff es nicht. Dich, das ich bis an den Boden ergründen würde, doch ich mach es nicht. Ich bleibe an deiner Oberfläche und genieße die Grenze, die zwischen nass und trocken gezogen wurde. Keine Mauer und ein Zaun ist nötig, um diese Barriere zu beschützen, das macht sie ganz allein. Mein Sternzeichen ist Wassermann, da wurde ich nicht hineingeboren, aber zu gern würde ich mich einheiraten. Der alte Mann und das Meer stünde da vor dem Altar und würde sich das Ja-Wort geben. Ich werde ein ganz alter Mann sein. Ich werde liegen und nicht stehen und mit deinem ärgsten Feind in Kontakt getreten sein, damit ich mich dir ganz hingeben kann. Vollkommen zerstreut.

fernab (Teil 2)

Ob meinem süßen Engel klar war, dass wir eine Grenze überqueren würden, dass meine Reise doch weiter ging, als sie es sich vorstellte? Ich brauchte mich nicht zu sorgen, denn Syredin, so nannte sie sich, hätte nie mitkommen müssen und dürfte jederzeit aussteigen. Es wäre mir mehr als recht, wenn ich allein unterwegs sein könnte. Mein Leben lang wollte ich nicht mehr, als die Verantwortung allein für mich selbst zu haben und ausgerechnet jetzt, wo ich mal wieder alle Vergangenheit hinter mir ließ, nahm ich doch diesen Stein mit. Diesen schweren und kostbar-zerbrechlichen Edelstein.

Die Nacht verbrachten wir abseits einer kleinen Stadt am Rande eines Waldes. Das Verdeckt hatte ich geöffnet gelassen, um den Sternenhimmel zu betrachten, von dem ich wusste, dass ich ihn bald schon viel klarer würde sehen können. Es war keine gute Idee, den Himmel jetzt so lichtverschmutzt zu betrachten. Wer würde schon eine Tiefkühlpizza essen wollen, wenn doch ein köstliches Gericht auf einen wartet. Ein Gericht, dessen Geruch sofort das Wasser im Mund sammeln lässt. Ein Essen, das man endlos kauen möchte und auch kann und dabei nichts an Geschmack verliert. Solch ein Gericht würde mein Ziel sein und ich vertilgte in dieser Nacht einen kaltgewordenen Burger. Und der bittere Nachgeschmack lag mir am nächsten Morgen im Mund. So ein Auto ist eben kein Bett, ja nicht mal eine Couch oder zumindest ein bequemer Sessel. Aber mein süßer Engel massierte mir den Rücken, was mir das Leben wieder zurück in den Körper spülte.

Als wir uns das erste Mal begegneten, war der erste Kuss wie vorprogrammiert und wir fanden uns nicht viel später in meinem Bett wieder. Ihr Kuss war zuckersüß. Eben von der Art, der das Grau der Welt vergessen lässt und einem ein Lachen ins Gesicht brennt. Der Sex, er war fordernd. Ich lag danach erschöpft neben ihr, doch fühlte ich mich um Jahre jünger, fast wie ein Schuljunge, der gerade eine Eins nach Hause brachte. Die Hose mag zerrissen gewesen sein, aber die Note würde alles entschuldigen und zu groß war die Freude gewesen. Hier auf der engen Rückbank hatten wir uns noch nicht geküsst oder geliebt, stattdessen spürte ich ihre warmen Hände, die die Rückenschmerzen mit anderen Schmerzen bekämpften. Als sie mir in die Seite griff, legte ich meine Hände auf ihre, zog ihre rechte zu meinem Gesicht empor und küsste sie auf die Handinnenfläche. Ich hatte Lust und das leise Stöhnen von ihr verriet mir, dass sie mich ebenso spüren wollte.

Immer wieder muss ich feststellen, wie beruhigt das Leben nach so einem Morgen abläuft. Das Auto fährt wie von allein und die Dinge, die einen aufregen, sind plötzlich nur noch ein Lächeln und Kopfnicken wert. Der Weltfrieden scheint so verdammt einfach zu sein, wenn man vom Glück beseelt ist.

Wir erreichten Italien zur Mittagszeit und die Hitze brannte auf uns herab. Zwar spürten wir jeden Windhauch auf unserer Haut, aber wenn man auf einer verstopften Landstraße steht, dann bleibt einem nur der Wind, der übers Land zieht und der schien an diesem traumhaften Tag zu faulenzen. Ein klarer See war mir lieber als das Meer, er würde erfrischender sein, aber die Suche gestaltete sich weniger erfolgreich, als ich es gehofft hatte und so fanden wir stattdessen eine ruhige Bucht. Mein süßer Engel sprang aus dem Auto, noch bevor ich die Handbremse angezogen hatte und ehe ich die Tür geöffnet hatte, war sie schon nackt und bis zu den Knien im Wasser. Ich folgte ihr und freute mich über das unerwartet erquickende Meerwasser.

Gute Idee = üble Idee

Es war eine großartige Idee, hatte ich gedacht. Ein Freund hatte mich mit auf den Fischkutter seines Vaters mitnehmen wollen. Ich liebte das Meer schon immer und die Frage, ob ich seekrank werden würde, verneinte ich sofort, wenngleich ich mich an mein jüngeres Ich erinnerte, welches die Kirschen über die Reling spie, die es zuvor gegessen hatte. Kein Filmeffekt sah jemals so blutig aus, wie jene vorverdauten Stückchen, die sich im Meer verteilten. Aber das war Jahre her und meine Liebe zum Meer würde doch wohl über meinem Magen stehen, so dachte ich.

Als wir ausliefen, schien die Sonne und das Meer war ruhig. Ich hatte nicht geahnt, wie lang man unterwegs ist, bis man die Netze auswirft, aber dafür wurde ich mit einer der dunkelsten Nächte meines Lebens belohnt. Ich hatte bereits zuvor die Milchstraße sehen können, aber nie in der Größe. Niemals hatte ich all die kleinen Lichter sehen können. Die Netze waren bereits ausgeworfen, wobei ich dabei nicht mithelfen durfte, der Kapitän hatte Angst, dass es mich dabei über das Geländer werfen würde. Auch das Einholen ging ohne mich vonstatten, dafür half ich beim Ausnehmen der Fische und war ganz stolz auf mich selbst, dass es mich nicht anekelte.

Und nun sitzen wir fest in diesem Sturm. Wobei von fest und sitzen eigentlich nicht die Rede sein kann. Das Wasser spritzt gegen die Scheibe und das Boot rollt von links nach rechts und wieder nach links…dieses Mal hing ich nicht über der Reling, der Kapitän hatte es mir verboten, er wusste, dass ich Landrate mich nicht halten können würde. Die Anderen auf dem Boot hatten etwas zu lachen, während mein Mageninhalt in die durchsichtig weiße Plastiktüte wanderte, dieses Mal nicht blutrot.

Heilfroh verließ ich das Boot. Das weite Meer würde wohl nicht so schnell mein Freund werden, aber in Küstennähe würde ich nur zu gern bleiben. Die nächsten Tage verbrachte ich geschwächt in dem alten Holzhaus meines Freundes. Ein Haus, wie ich es schöner nicht finden könnte. Die Maserung war zu deutlich unter dem abgeblätterten und ausgeblichenen Lack zu erkennen. Das Leben meint es gut…