Luftikuss

Du bist mir gar nicht so unähnlich in deiner Art. So unstetig und doch so verlässlich. Mal wütest du, da will sich niemand in deiner Nähe befinden und mal bist du ruhig wie die tiefste Nacht. Du liebst das Meer ebenso wie ich, bist wohl auch dort geboren und gebärst dort neues Leben in den heftigsten Stürmen und im kurzen Schaum auf den Wellen. Magst du das Salz auf deiner Haut so wie ich? Seinen Geruch? Seinen Geschmack? Fehlt es dir nicht ebenso sehr wie mir, wenn wir übers Land ziehen oder verweilen? Es wird Zeit für uns, zu neuen Ufern aufzubrechen: Einmal über den Ozean ohne Rückreise, bitte! Du könntest mich mitnehmen und mir Geschichten ins Ohr säuseln. Geschichten von fernen Ländern, von Freud und Leid. Geschichten, die du selbst schriebst mit deiner lebenslustigen Miene. Ob du Anderen wie mir begegnet bist, die dich verfluchten, wenn du ihnen Sand ins Gesicht bliest und dich liebten, wenn du eine dünne Zypresse auf einem kargen Felsen hin- und herschaukeltest und ihnen der Geschmack des Meeres in die Nase stieg? Oh du liebste Naturgewalt, wir bemerken dich halt oft erst, wenn du mächtig über uns kommst. Nicht Gottes Zorn bist du, sondern einfach nur du selbst in deiner unverbesserlichen Art, ganz ähnlich wie ich.

Unten im Meer

Es ist ein großartiges Gefühl, wenn man vom Schwimmen wieder Heim kommt. Diese Ausflüge sind unbeschreiblich. Hier in unserer schützenden Kuppel scheint das Wasser uns erdrücken zu wollen und allein das dicke Glas beschützt uns davor. Doch wenn man nackt und umgeben vom salzigen Nass frei der Nase nach schwimmt, dann kann einem das Leben auf dieser einen Fläche nur wie ein Gefängnis erscheinen. Man erzählt uns immer wieder, dass wir einst auf der trockenen Oberfläche lebten und nur auf dem Wasser schwammen, doch mir erscheint das unwirklich, ist doch das Wetter dort oben so unbeherrscht und auch die Luft erscheint zu dick und zu schwer zum Atmen. Was einst über Wasser lag, ist mittlerweile längst untergegangen und immer wieder besuchen wir die Bauten der alten Zivilisationen. Es sind gigantische Museen und sie wirken so kantig und wuchtig, selbst jene, die vom Wasser geschliffen wurden. Wie man wohl gelebt haben mag, in diesen langgestreckten Türmen? Warum lebten sie nicht nebeneinander, so wie wir es tun? Mich verwundert nicht, dass sie das Unwetter nicht sehen konnten, das auf sie zukam, denn die hohen Bauten versperrten jeden Blick. Wir leben mit dem Meer, unsere Kuppeln schwimmen mit der Strömung und versuchen nicht den Kräften zu strotzen, die der Natur so eigen sind. Ob wir begriffen hätten, dass es einen Einklang mit der Natur geben muss, wenn unsere Vorfahren nicht so blind gewesen wären?

Eine Welle von Gefühlen

Habe ich eigentlich mal meine Liebe zum Meer erklärt? Ich glaube nicht und mir ist gerade danach, dies zu tun, vermutlich weil hier den ganzen Tag landunter war. Ich mag es sogar an solch kühlen Tagen, das gute Meer. Einst war es mein Lebensretter, wenngleich ich heute weiß, dass die Krankheit, die ich damals hatte, mich kaum umgebracht hätte, aber wenn man keine Luft mehr bekommt und zudem noch ein Kind ist, dann sieht die Realität anders aus. Das gute Meer, es ist mir bis heute ein guter Freund geblieben, den ich viel zu selten besuche und der mich zum Glück nicht besucht. Ich liebe es gerade an einem kühleren Tag auf dem Sand zu sitzen, in die Wellen zu schauen und die salzige Luft einzuatmen. Ich habe das gute Meer auch einmal trinken wollen und spürte die Auswirkungen davon noch Tage später, mittlerweile genieße ich es einfach, mich von den Wellen hin und her schaukeln zu lassen. Vor einem Jahr war ich mit einem sehr guten Freund in Kroatien und wir fuhren an der Küste entlang. Immer wieder wechselte der Blick vorn aus dem Auto zwischen Felswand und Meer und mir ging es dabei wie einem kleinen Kind, welches sich wundert, wenn die Person gegenüber verschwindet, weil sie sich die Augen zuhält, um dann sofort darauf wieder loszulachen, wenn die Augen wieder auftauchen. Es gibt für mich kaum etwas schöneres, als die Sonne, die über dem Wasser weilt.

Ich weiß noch nicht, was ich zu Weihnachten machen werde, aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann würde ich am liebsten ans Meer fahren. Irgendwo in einer kleinen Hütte sitz ich dann eingewickelt in endlose Schichten von Kleidung, damit ich beim ersten Lichtstrahl aufstehe, um das Erlebnis nicht zu verpassen und mir am ersten Weihnachtsfeiertag irgendwo frischen Fisch zu besorgen. Mir ist schon klar, dass sich Viele auf die Familie zu Weihnachten freuen und dagegen möchte ich auch gar nicht sprechen, aber wenn ich meine Zeit so plane, dann ist das der einzige Zeitpunkt, in der ich noch einmal reise in diesem Jahr und dann würde ich gern ans Meer reisen…vielleicht sollte ich das für das kommende Jahr mal anregen, denn zu Hause brauchen wir nicht zu feiern, solch einen Ort gibt es eh bei meiner Familie nicht. Für mich ist das Meer meine Heimat und auch wenn ich nach meinem Tod nichts mehr mit meiner sterblichen Hülle zu tun haben werde, so hoffe ich doch, dass man mir meinen letzten Willen erfüllen wird und meine Asche über dem Meer verstreut, denn das ist mein Zuhause.

Weites Meer

Mittlerweile war ich wohl vier Wochen unterwegs, so genau kann ich es nicht sagen, denn ich verlor das Zeitgefühl, so ganz ohne feste Termine oder den Besuch von Märkten. Die Küste des Festlandes war noch am Horizont zu erkennen und spätestens am Abend sah man die leicht erhellten Stellen, die in den Himmel strahlten. Doch ich war weit genug entfernt, um mich nachts auf das Netz zwischen den zwei Rümpfen zu legen und die kleinen Sterne der Milchstraße erkennen zu können. Nichts kann mich mehr entspannen, als leicht mit den Wellen zu schaukeln, während das Dunkel einen immer mehr einnimmt und man die zahllosen kleinen Lichtpunkte am Himmel zu den verschiedensten Figuren zusammenfügt. Schnell verschwimmen diese Bilder mit den Fantasien in meinem Kopf und ein tiefer Schlaf holt mich ein. Morgens wache ich dann mit einem trockenen Mund auf und verschwinde in einem der Rümpfe, um mich aus dem Wasservorrat zu bedienen. Jetzt sehe ich die Küste einer Insel, ihre Silhouette zeigt spitze Berge auf. Doch mit einer flachen Bucht, lädt sie mich zum Anlegen ein.

Leuchtturm

Ein kurzes Aufblitzen und dann wurde es wieder düster. Die Hitze des Tages war abgeklungen und der sanfte Wind der Nacht trug das Rauschen des Meeres an die Küste. Wenn der Lichtstrahl wieder aufs Land traf, sah man steinige Hänge und einen dünnen Streifen Sandstrand, auf dem sich ein Pärchen liebte. Ihre Haare waren noch feucht vom Schwimmen und Spielen im Meer. Sie schwitzten nach dem Abstieg vom Hang und hatten in kürzester Zeit ihre Sachen ausgezogen. Beide gingen in respektvollem Abstand zueinander ins Meer, wobei sie sich immer wieder ansahen. Das Mondlicht ließ nur die Umrisse des Anderen erkennen, doch das helle Licht des Leuchtturms ließ einen kurzen Blick auf die nackten Körper zu. Bei jedem Schritt ins tiefere Wasser kamen sie sich auch ein wenig näher und als sie endlich bis zum Kopf im Wasser waren und schwimmen konnten, berührten sich ihre Hände. Er ergriff die ihrige und zog sie zu sich heran. Sie wärmten sich und genossen die Spannung, die sich aufgebaut hatte. Näherte er sich mit seinem Kopf dem ihrigen, so warf sie ihren Kopf zurück und stieß ihn ein wenig weg. Blieb er dann auf Entfernung, kam sie ihm näher und er spielte ihr Spiel. Es wurde ihnen kalt und so verließen sie das Wasser. In die Handtücher eingewickelt, standen sie aneinander, sie blickte zu ihm herauf und ließ den Kuss zu. Ihre Handtücher glitten zu Boden, der Kuss wurde inniger und schließlich gaben sie sich einander hin. Das Licht des Leuchtturms malte ein Daumenkino dieser Vereinigung.