Echte Menschen

Das ist ein echter Mensch. So nannten wir jene, über die wir sonst immer so gern spotteten. Aber in dem Moment versuchten wir sie ernst zu nehmen. Wir wollten ihnen die Anerkennung dafür geben, dass sie so sind, wie wir es uns nie trauen würden. Sie, die sie durch ihre Zahnlücken lachen. Sie, die mit fettigen Haaren und im schief sitzenden, rosa T-Shirt einkaufen gehen. Sie, die wir als verblödete Fernsehschauer einzustufen glauben. Sie, die einfach leben.

So kommt es uns vor und so sehr wir sie höher schätzen wollen, indem wir sie „echt“ nennen, so sehr betrügen wir uns selbst. Wir kategorisieren sie und halten uns weiterhin für besser. Einzig beruhigend könnte sein, dass sie womöglich ebenso geringschätzig auf uns blicken. Diese „echten“ Menschen sind welche, denen ich hin und wieder begegne. Sie sind nicht echter oder weniger echt, als ich es bin. Sie sind auch nicht glücklicher oder unglücklicher. Sie sind anders – oder ich bin es, je nach Sichtweise. Und sie sind so gar nicht anders. Man müsste eben nur aus der eigenen Schublade heraus und sollte die anderen nicht in welche stecken.

Bücherleben

Ich mag den Geruch von Büchern. Nein, nicht von allen Büchern. Manche tragen kalten Rauch an sich, das ist nicht so meins, obgleich mir die Verbindung zu passen scheint. Ich habe gar einen gewissen Hang dazu. Früher waren die Bücher noch in Leinen gebunden und der Name hineingepresst. Heute hingegen tragen sie eine schön verzierte, glänzende Oberfläche, die keine Vertiefungen aufweist. Schon interessant, was sich da für Parallelen finden, denn die Schalplatten wären ohne ihre Vertiefungen nichts wert, moderne Musikspieler hingegen glänzen, nachdem man sie aus der Tasche zieht und die Fingerabdrücke abwischt.

Ein wenig traurig wird es mir, wenn ich daran denke, dass die Hülle so wichtig scheint. Das Buch bleibt verschlossen. Der ganze Aufwand, damit sie sich voneinander unterscheiden, aber tatsächlich sehen sie alle gleich aus. Also war es doch besser, als es nicht nach dem Äußeren ging oder? Ich will gar nicht wissen, welches Cover man dem „Werk“ eines österreichischen Möchtegern-Künstlers und Bücherverbrenners gegeben hätte, damit es lammfromm daherkommt.

Die neuen Bücher können aber zumindest noch Eselsohren und Knicke bekommen und auch den Geruch tragen sie noch. Auch das scheint sich zu ändern. Kennt ihr das, wenn ihr ein Buch in die Hand nehmt und die immergleiche Stelle aufschlägt, weil sie dem Leser so wichtig und so wertvoll war? Wie manche Seiten vergilbter sind als andere? Wie sich ein Rand vom Inhalt einer ausgelaufenen Flasche abzeichnet? Die ganz neuen Bücher kennen das nicht. Die sind einfach kaputt, wenn im Rucksack neben ihnen etwas ausläuft. Ansonsten aber bleiben sie wie am ersten Tag. Perfekt sind sie, zumindest oberflächlich und geruchsneutral. Ich verteufle sie nicht, es ist ja nicht ihre Schuld. Um sie auszulöschen, genügt ein Knopfdruck.

Die Bücher von heute sollen perfekt sein. Der erste Blick entscheidet und vielleicht wirft man virtuell einen Blick in ihr Innerstes und stellt sie dann wieder beiseite. Ein paar wenige Klicks und man glaubt zu wissen, worum es in dem Buch geht. Man ist ja auch zu beschäftigt damit die eigenen Seiten zu beschriften oder schöne Bilder für das eigene Cover bearbeiten.

Acht Beine

„Kein Stück weiter“, verlangte die junge Frau, die von ihren Freunden Nia genannt wurde. Ein klarer Befehl, der jedoch von der Spinne nicht verstanden wurde. Sie missachtete die Aufforderung allerdings auch nicht, denn sie saß entspannt in der Ecke des Zimmers und wartete auf den Fang des Tages. Kein großer Fisch, aber sicherlich was Knackiges.

Es ist schon unfair eine Spinne zu sein: Man vollbringt allerhand nützliche Arbeit. Okay, die Spinnweben mögen nervig sein, fangen dafür aber auch so manche Staubfluse auf. Wenn man dann freudig durch Zimmer krabbelt, kommt so ein Mensch mit seinem Glas daher und fängt einen ein. Gewaltsame Umsiedlung nennt man das wohl.

Nicht so Nia, die ekelt sich viel zu sehr. Jedes Tapsen auf dem Papier, das das Glas verschließt, hätte sie bis ins Mark gespürt und hätte dabei ein Gefühl gehabt, als würde sie erbrechen müssen. Nia konnte das nicht tun. Also nahm sie den Staubsauger.

Der Katzenmann – Teil 6

Die Geschichte von vorn

Heinrich stand in der Küche und blickte in die dunkle Nacht hinaus. Er war mit seinen Gedanken bei Frau Leiser und ihrem freundlichen Lächeln. Ein Kreischen riss ihn aus seinen Gedanken. Es war Tiger, ihren Schrei erkannte er sofort. Er ging auf den Balkon zum Innenhof und vernahm nunmehr ein Bellen. Vor der Tür zu seinem Aufgang stand ein Hund und kläffte die Tür an. Vermutlich hatten Tiger und er einen Zusammenstoß gehabt, doch so flink, wie sie durch die immer offen stehende Türspalte hindurch flitzte, war der Köter offenbar nicht. Zudem war er einige Zentimeter zu rund geraten. Die Klappe an der Haustür floppte leise, also war Tiger wieder in Sicherheit. Der Hund bellte noch eine kurze Weile und verschwand dann fiepsend wieder, während Heinrich seiner guten Freundin einen Napf mit Milch hinstellte.

Am nächsten Morgen schien die Sonne ins Schlafzimmer. Heinrich wäre auch ohne die warmen Kitzler im Gesicht freudig aufgestanden. Er machte sich Frühstück, sah anschließend nach der Verpflegung seiner Mitbewohner und ging schlussendlich in den Keller, um sein Fahrrad zu holen und zur Arbeit zu radeln. Dass er eine Viertelstunde zu früh dran war, kam häufig vor, dass er vor sich her summte, eher selten. Als erstes besuchte er die sibirische Katze. Sie hatte, zu seinem Glück, noch keinen neuen Halter gefunden und würde perfekt zu Frau Leiser passen. Er streichelte sie, während er ihr die Schale auffüllte und kümmerte sich anschließend um die anderen Tiere, die nur auf ihn zu warten schienen. Das war sein wirkliches Zuhause. All die Wesen, besonders jene, deren Seelen geschunden waren. Schon traurig, dachte sich Heinrich, dass die Leute immer nur die süßen Kleinen haben wollen. Was für ein treuer Begleiter solch ein Tier sein kann, werden jene Menschen nie verstehen. Wie diese wohl mit ihren Mitmenschen umgehen mögen?

Am Nachmittag kam Frau Leiser ins Tierheim. Heinrich sah sie zum ersten Mal in Alltagskleidung. Den Zopf, den sie sonst trug, hatte sie geöffnet und eine bunte Wintermütze darüber gestülpt. Auch die Wolljacke vermittelte einen ganz anderen Eindruck, als zuvor in Uniform. „Hallo, Frau Leiser“, begrüßte Heinrich sie freundlich. „Oh Hallo“, erwiderte die Frau ein wenig überrascht. Herr Kalkenrisse erschien ihr ganz anders. Viel größer kam er ihr vor und seine Haltung aufrechter, als die Male zuvor. Heinrich führte sie zu der sibirischen Katzendame und tatsächlich schienen sich die Zwei sofort zu verstehen. Während die Frau ihre neue Begleiterin streichelte, erkundigte sie sich, was Heinrich gestern noch so getan hätte. Er lächelte nur und erzählte von dem Holzbau für die Katzen. „Und Tiger, wie geht es ihr?“, fragte Frau Leiser. Heinrich war etwas verwundert, verstand die Frage aber als ehrliches Interesse und erklärte kurz: „Der geht es ganz ausgezeichnet.“

Zum 7. Teil

Kakao

Ich mag das Klirren des Metalllöffels, der beim Rühren gegen das Glas schlägt. Wie lang Kakao doch manchmal braucht, bis er sich ganz in der Milch aufgelöst hat. Aber dann braucht man nicht lange zu warten und schon sieht man die kleinen Schokopartikel, wie sie in der Milch zu schweben scheinen. Dann rührt man das kleine Universum wieder kräftig durch, damit es das wohl schönste Braun der Welt ergibt.

Nein, das stimmt gar nicht. Es gibt ein viel schöneres Braun. Es ist jener braune Hautton, den ich so liebe. Nicht ganz dunkel und auch nicht so bleich, wie ich es bin. Die Mixtur ist es. Milch ist schon lecker und Kakaopulver hab ich auch schon gelöffelt, aber gemischt ist es ein Meisterwerk. So ist es auch bei den Menschen. Als Jugendlicher war ich traurig darüber, dass ich so bleich bin, denn viel lieber hätte auch ich einen dunkleren Hauttyp gehabt. Zum Glück begegneten mir in meinem Leben so einige dieser schönen Wesen, deren Eltern aus den verschiedensten Teilen der Welt zusammenkamen. Wunderschöne Mandelaugen und ein langer Körper. Dunkle Haut und blaue Augen. Wer solche Schönheiten erblickt, der weiß, dass diese Welt eins ist und sich nicht in verschiedene Teile trennen sollte.

Kakao zu trinken, das ist wie ein Ticket ins Wohlfühlen. Wie schnell wird man vom ernsten Erwachsenen zum Kind mit gewitztem Gemüt, wenn so ein Glas kalten Kakaos vor einem steht. Für mich ist es immer wieder eine Reise wert. Viel zu schnell ist das recht große Glas ausgetrunken und die Realität hat einen wieder, aber für diesen kurzen Moment ist man im Urlaub, einfach so. Im Handumdrehen.

Fräulein Green und ich haben uns entschieden, jeweils eine Kakao-Geschichte zu schreiben. Ich bin mal gespannt, wie ihre Version ist.

Ganz sanft

Welch hässliches Ding das ist. Man möchte es kaum anfassen, weil der Ekel emporsteigt, wenn diese fette Raupe sich über das Blatt schiebt und kleine Löcher hineinfrisst. Doch nur wenig Zeit braucht es, bis aus diesem Insekt der schönste Schmetterling wird. Der Ekel ist verschwunden und wird ersetzt von einem neidvollen Blick auf die Schönheit und Freiheit. Man will etwas davon abhaben und greift nach der Freiheit, die in diesen empfindlichen Flügeln steckt.

Mein soll er sein, doch das geht nur über seine Leiche.

Wie viel Glück er doch hatte, als er noch eine unbeachtete und ungeliebte Raupe war. Was ist es nur, das den Menschen dazu bringt, einfach nach dem zerbrechlichen Geschöpf zu greifen, anstatt die Handfläche auszustrecken und sich darüber zu freuen, wenn der Schmetterling einen kurzen Moment des Ausruhens darauf nutzt. So ist es mit den zerbrechlichen Geschöpfen. Wir dürfen nicht nach ihnen greifen und sie damit zerstören. Auch dürfen wir sie nicht aus Angst oder aus Lust an ihnen einsperren. Ihnen gehört die Freiheit und wir dürfen unsere Hände ausstrecken, damit sie uns berühren.

Im Staub

Hallo du Tanzende. Der Boden besteht aus kleinen und großen Kieselsteinen, aber deine nackten Füße gleiten über ihn, als gäbe es keine scharfen Kanten, während ich mich noch darüber freue, dass ich zumindest eine dünne Sohle habe, die mir als Schutzschild dient. Du bist an einem ganz anderen Ort und vermutlich waren es nicht nur die drei Male, die du mich nicht erkanntest und mich wieder fragtest, wie ich heiße und wer ich sei. Aber du erinnertest dich dann sofort an das, was ich dir zuvor schon gesagt hatte. Wie wohl die Welt und die Menschen aus deinen Augen aussehen müssen, dass du sie nicht in Erinnerung behältst. Deine Hingabe gilt allein dem Moment, das zu erkennen, war die Kunst und ich frage mich, ob deine Freundin mich mit ihren Blicken töten oder ausziehen möchte, während ich deinen Blick ohne weitere Frage verstehe, aber ich werde ihn nicht mit einem Kuss erwidern können. Nicht, dass ich nicht wollte, aber nur weil du für den Moment lebst, muss es deine Freundin nicht tun und leider auch ich nicht. Und dann fragst du mich, was ich für ein Mensch sei. Ein Zigeuner, ein Veganer, ein Bio, ein Feminist, ein Computermensch und weitere Möglichkeiten fallen dir aus dem Mund, doch so schnell sie dir einfallen, so langsam kann ich mich einsortieren und gebe genau dies zu: “Ich bin ein Reisender, aber ich habe meinen Weg verloren.” Du lächelst und gibst die einzig mögliche, warmherzige Antwort: „Das ist gut so…das gefällt mir.“