Ein kleiner Engel

Es war ein kleiner Engel, der da vor mir herum tapste. Goldene Locken und eine Windel, doch ansonsten nichts weiter. Seine Mutter und ich sprachen über die Vertrauensseligkeit, denn der Engel entschied sich, mir zu folgen, obgleich seine Mutter den Weg in die andere Richtung eingeschlagen hatte. Wir kannten uns nicht und doch sprach und gluckste der Engel mich an und zeigte mit seinem Finger, wo was zu finden oder zu erledigen sei. Ich war mir da nicht sicher. Ich schlug vor, dass ich in meiner Richtung schauen würde und der Engel sollte in seiner Richtung schauen, aber da habe ich zu sehr genuschelt, denn der Engel folgte mir und blieb dann unschlüssig vor einem mit Holz vertäfelten Garagentor stehen.

Es ist schon spannend zu sehen, wie der Mensch sein könnte, wenn er noch relativ frei ist von den antrainierten sozialen Verhaltensregeln und -normen. Dieses Vertrauen in eine fremde Person birgt eine Gefahr, aber wie schön wäre es, wenn es nicht so wäre. Wie schön wäre die Welt, wenn wir jedem anderen Menschen vertrauen könnten und wir mit jedem Menschen unseren Weg gemeinsam beschreiten und dadurch immer wieder auf neuen Pfaden wandeln würden. Wenn wir kein „Die da“ kennen würden. Ich schimpfe nicht auf die Welt oder meckere. Ich träume nur zu gern davon, dass wir alle solche Engel geblieben wären. Das ist ein schöner Traum.

Die große Maschine

Das Klackern und das Rasseln hat etwas beruhigendes. Ich kenne das Geräusch von jeher und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es wohl ohne sein müsste. Es gibt diesen steten Grundtakt, der mich des Abends in den Schlaf wiegt und des Tags bei Laune hält. Es gibt die Prophezeiung, dass eines Tages die Menschen diese Maschine zerstören werden, aber das erscheint mir doch wilde Phantasterei und entbehrt jeglicher Grundlage, ist es doch diese Maschine, die uns so gut leben lässt.

Die Einfachheit des Lebens ist der Luxus, von dem die Menschen vor hunderten Jahren noch nicht einmal zu träumen wagten. Was auch immer man braucht, es bedarf nur des ausgesprochenen Wunschs und schon bekommt man es. Früher mussten Menschen jagen und hungern. Warum sollten wir uns dieser Erfindung entledigen?

Be-Sinnung

Neulich fragte ich mich, wie viele meiner Mitmenschen ich wahrnehme und die Anzahl ist erschreckend gering. Ich hielt es immer für menschlich, dass man sich selbst in den Mittelpunkt setzt, denn alles andere wäre ja nur ein theoretischer Natur, woher sollte ich denn wissen, wie ein anderer empfindet oder denkt? Aber ist das wirklich menschlich? Wenn ich so in die Natur schaue, dann sehe ich Tiere, die wissen, wie sich das Wetter ändert und die Erdbeben spüren können, lange bevor unsere Detektoren anspringen. Die Natur bekommt offensichtlich sehr viel mehr mit, als wir es tun, mit all unseren Erfindungen, die ja dennoch nicht unpraktisch sind, doch faulenzen unsere Sinne nicht, weil Maschinen ihre Arbeit verrichten?

Unterhaltung – das ist ein schönes Wort. Mir fällt als erstes ein Gespräch dazu ein. Aber ebenso all das, was wir allein konsumieren können. Ein Film auf dem Sofa oder Musik. Unterhaltung, das darf natürlich auch für einen allein vorhanden sein. Aber wenn ich den Menschen betrachte. Wenn ich überlege, was seine Besonderheit ist, so ist es die Fähigkeit zu sprechen und zu verstehen. Ein Film kann mich zum Denken und zum Verstehen anregen, doch kann ich mit ihm sprechen? Gut, das Internet macht mehr Kommunikation und Interaktion möglich, doch ist eine Unterhaltung wirklich der pure Austausch von Worten? Gehört da nicht die Präsenz des Gegenübers als Grundvoraussetzung dazu? So vieles kann falsch gesagt oder verstanden werden, doch eine Person zu berühren, sie anzulächeln und zu umarmen, das scheint mir wenig missverständlich.

Was wir geschaffen haben, sollten wir auch erhalten und auch die Forschung sollten wir nicht Einhalt gebieten. Es ist der Drang des Menschen, nach immer neuem Wissen. Dies ist ein Wesenszug, der auch nur ihm eigen ist und ihn zu verleugnen oder abstellen zu wollen, wäre falsch. Wir werden deswegen immer wieder auf neue Probleme stoßen, die der Menschheit so einiges an Kraft und neuen Ideen abverlangen wird. Doch das gehört dazu. Stattdessen sollten wir bei uns anfangen und um uns schauen. Wann brauche ich was? Warum brauche ich dieses etwas? Was bewirkt das in mir? Wir alle haben materielle Wünsche und die Erfüllung macht uns glücklich, meist nur für den Moment, aber auch dieses Glück ist deswegen nicht unecht oder unberechtigt. Wenn ich aber schaue, was mir selbst wichtig ist, so ist es die Nähe und der Austausch mit anderen Menschen. Ein Lächeln kostet nichts, aber verschenke ich es, so bekomme ich jenes Geschenk oftmals zurück. Und was ist das für ein Geschenk: Zwei Menschen, die sich anlächeln.