Schreie

Immer wenn ich in ihr Zimmer komme, setze ich meine Schritte behutsam und leise. Fast so wie bei einem Neugeborenen, welches man nicht zu stören wagt, denn es lebt noch in einer ganz eigenen Welt, fernab von unserer schrillen. Sie konnte seit ihrer Geburt nichts hören und deswegen ist es unsinnig, dass ich so leise in ihr Zimmer trete, aber ich tue es. Ganz von allein. Sie sitzt oft mit offenem Mund da und liest. Es sieht aus, als würde sie still schreien, aber es passiert ihr einfach, bis sie die Trockenheit wahrnimmt und ihn schließt. Könnte sie nur schreien, so wäre auch sie noch länger in dieser geschützten, kindlichen Welt geblieben. Ein Schweigen ist kein Ja und auch keine Zustimmung, aber jener Mann damals suchte keine Zustimmung, er nahm sie sich. Er hat sie ihr genommen. Einfach so.

Wieder einmal packt mich die Wut auf die Menschen, doch es ist niemand da, der meinen Schrei hören würde. Vermutlich würde sie mich nur anlächeln, weil sie weiß, dass mein Grimm dann verschwindet. Sie weiß nicht, weshalb ich mich aufrege und wenn doch, dann scheint sie es einfach besser zu wissen. Ich scheitere daran. Ich scheitere an meiner Wut und an meiner Ohnmacht. Ich scheitere an dem Gefühl in der falschen Welt zu leben, in dem die Wesen, die unseren Schutz brauchen, verletzt werden. Ist es der Neid auf ihre gute Welt? Nehmen wir sie deswegen immer früher in Gefangenschaft unserer Welt?

Sie sitzt leise dort und liest. Ihr Atem ist deutlich zu hören, denn ich wage es nicht, mich zu rühren und im Zimmer herrscht Stille. Sie hat sich etwas von dieser heilen Welt bewahrt, so scheint es mir und wer weiß, vielleicht finde ich dank ihr irgendwann einmal den Weg dorthin zurück.

Die eigene Stadt – Teil 1

Das Vogelgezwitscher bescherte ihm ein wohliges Gefühl. Genau das, wofür er hierhergekommen war. Abgesehen von wenigen abenteuerlustigen Touristen und Plünderern, war keine Menschenseele weit und breit und selbst jene blieben selten länger als eine Stunde. Es war sein kleines Paradies und so hatte er ein wunderschönes Wohnhaus mit höchster Kunst mit Farbe eingesprüht und mit seinem Namen „Maximilian“ versehen.

Seine Flucht an diesen Ort war eine Schnapsidee gewesen, doch ließ man ihm kaum eine andere Wahl. Schon früh hatte man seine außergewöhnliche Gesundheit festgestellt und die späteren Untersuchungen ergaben eine übergroße Leber. Seine Zellen regenerierten schneller als die anderer Menschen, doch warum sie das genau taten, wusste man nicht. Nicht wenige Ärzte nahmen Blutproben und testeten ihn immer wieder. Einer wollte ihn gar ganz aufschneiden, während ein Anderer eine Biopsie am Gehirn vornehmen wollte, denn womöglich wäre dort der Schlüssel um seine Gesundheit zu finden. Ein Heilmittel für jede Krankheit wurde gesucht und da gibt es keine moralischen Grenzen. Krebszellen trockneten einfach aus, wenn sie mit Max‘ Blut in Berührung kamen. Seit er neun war, verbrachte er seine Nachmittage in Krankenhäusern. Sein halbes Leben also, bis er ausriss und wieder nach der eigenen Freiheit suchte.

Als man ihn eines Nachmittags von der Schule abholen wollte, zuckte der Rektor nur mit der Schulter, Max sei den ganzen Tag nicht in der Schule gewesen. Der für ihn abgestellte Sicherheitsmann wurde wenig später in Max‘ Zimmer gefunden, gefesselt. Der erste Schritt in die Flucht ging schnell und einfach, doch schon in der Nacht flimmerte sein Gesicht über die Schirme der elektronischen Nachrichten und Fernsehanstalten. Ganz Europa suchte nach ihm und es machte ihm bewusst, wie gefangen er sein würde, wenn man ihn fände.

In der ersten Nacht klingelte er an der Tür seines ersten Arztes. „Engel“ stand auf der Klingel, doch Max hatte ihn ursprünglich Mengele genannt, weil er der erste war, der mit den Tests angefangen hatte. Er war aber auch der erste und der einzige Arzt, der sich später gegen die Behandlung stellte. Wem könnte Max vertrauen, wenn nicht ihm? Seine Eltern saßen in der Nervenheilanstalt. Sie hatten es gewagt, mit einer Klage zu drohen und kurze Zeit später stellte man fest, dass sie geistig nicht zurechnungsfähig waren und man ihnen das Sorgerecht entziehen müsste. Dr. Engel war damals aufgewacht und erkannte, welch Monstrum dem einen Menschen gegenüberstand. Er kämpfte am Rande des Möglichen und er war es auch, der Max ein Paradies vorschlagen sollte. Es war klar, dass Max auch bei Dr. Engel nicht sicher war und so lud er den Jungen neben einigen Lebensmitteln in seinen Wagen ein und sie machten sich in Richtung Osten auf.