Morgenröte

Eigentlich wollten wir uns ja extra den Wecker stellen, aber wer mag schon am Wochenende das nervige Summen hören und wussten wir denn, was der frühe Morgen für uns bereithalten würde? Es hätte ja auch regnen können, wobei das durchaus schön gewesen wäre. Oder einfach nur grau und neblig, das war nun wirklich nichts, wofür man sich wecken lassen stellen sollte. Du hattest vermutlich die gleichen Gedanken und so war es unsere stille Übereinkunft, auf den Wecker zu verzichten.

Stattdessen war es mein Durst, der mich in der letzten Dunkelheit der Nacht aus dem Bett quälte. Du ließest dich nicht davon wecken. Als ich zurückkam, erschien mir das Zimmer heller. Ein Stupser an den Arm entlockt dir nur ein schlaftrunkenes Mhm. Ein nachfolgender Kuss auf deine Stirn und auf deine linke Schulter ließen dich zumindest zu einem „noch nicht“ verführen. Ich piekste dich in die Seite und flüsterte dir ins Ohr, dass wir ein Morgenrot bewundern könnten. Du blinzeltest leicht und sahst mich an. Wir blickten nicht hinaus, sondern sahen das Rot auf unserer Haut strahlen. Einen Augenblick wollten wir doch mitnehmen und stillschweigend einigten wir uns, dass unser Morgen noch nicht angebrochen war.

Morgenruhe

Wenn man am Morgen nur den trüben Nebel erblickt, dann weiß man nicht, wie spät es ist. Womöglich würde der Wecker in wenigen Minuten klingeln oder erst in einer Stunde. Wer kann das schon genau sagen. So lauscht man. Vielleicht das Geräusch der Wasserleitung, weil ein Nachbar duscht oder das dumpfe Geräusch auftretender Füße von oben drüber. Doch wenn die Stille herrscht, so bleibt die Zeit ungewiss. Nur noch einmal in die Decke einwickeln und umdrehen. Die Wärme genießen und den Schritt ins Draußen vergessen. Zu schön, die Augen zu schließen und die Ruhe herein zu lassen.

Der perfekte Moment

Wir suchen ja immer wieder nach dem perfekten Moment. Den perfekten Moment, um etwas zu beichten zum Beispiel. Aber ich suche doch einen anderen perfekten Moment. Er ist ähnlich verrückt, wie die Suche nach dem perfekten Partner, aber dennoch realistisch. Und mal so gefragt: Eine perfekte Partnerschaft, was genau könnte das sein und wenn man es hat, müssen dann die Beiden ab dem Zeitpunkt unverändert bleiben?

Nein, mir genügt der perfekte Moment. Und damit verlange ich schon eine ganze Menge. Es gibt diesen perfekten Moment durchaus und immer mal wieder. Würde man mich nach dem einem perfekten Moment fragen, so wüsste ich ihn sofort. Das ist doch eigentlich unsinnig oder? Aber doch, ich könnte ihn benennen. Und sollte es nach dem Tod noch ein Leben geben, dann wünschte ich mir, dass es jenes Gefühl ist, was ich in jenem perfekten Moment empfand.

Womöglich sollte ich schauen, wann ich so empfand und wenn ich das tue, dann finde ich weitere perfekte Momente. Momente, in denen zwei Menschen absolut gleich empfanden. Zwei Menschen, die nur für diesen einen Moment zu einem wurden. Es geht mir nicht um Sex oder um einen Kuss, sondern um das gleiche Empfinden in zwei Personen. Natürlich kann es Sex sein oder ein Kuss, aber ebenso eine Berührung oder einfach nur das Gefühl, angekommen zu sein in einem anderen Menschen. Warum eigentlich „einfach nur“?

Vor einiger Zeit hatte ich einen solchen Moment. Zwei Menschen, die spürten, dass da mehr ist – dass da etwas ist. Und ich frage mich, wonach wir eigentlich suchten und ob wir damals das Schicksal herausforderten und ihm befahlen, noch einen weiteren Moment zu bekommen, bevor wir uns wagten. Denn das ist das Problem: Wenn wir ein Leben lang nach dem perfekten Moment suchen, dann leben wir ein Leben voller verpasster Chancen.

Im Staub

Hallo du Tanzende. Der Boden besteht aus kleinen und großen Kieselsteinen, aber deine nackten Füße gleiten über ihn, als gäbe es keine scharfen Kanten, während ich mich noch darüber freue, dass ich zumindest eine dünne Sohle habe, die mir als Schutzschild dient. Du bist an einem ganz anderen Ort und vermutlich waren es nicht nur die drei Male, die du mich nicht erkanntest und mich wieder fragtest, wie ich heiße und wer ich sei. Aber du erinnertest dich dann sofort an das, was ich dir zuvor schon gesagt hatte. Wie wohl die Welt und die Menschen aus deinen Augen aussehen müssen, dass du sie nicht in Erinnerung behältst. Deine Hingabe gilt allein dem Moment, das zu erkennen, war die Kunst und ich frage mich, ob deine Freundin mich mit ihren Blicken töten oder ausziehen möchte, während ich deinen Blick ohne weitere Frage verstehe, aber ich werde ihn nicht mit einem Kuss erwidern können. Nicht, dass ich nicht wollte, aber nur weil du für den Moment lebst, muss es deine Freundin nicht tun und leider auch ich nicht. Und dann fragst du mich, was ich für ein Mensch sei. Ein Zigeuner, ein Veganer, ein Bio, ein Feminist, ein Computermensch und weitere Möglichkeiten fallen dir aus dem Mund, doch so schnell sie dir einfallen, so langsam kann ich mich einsortieren und gebe genau dies zu: “Ich bin ein Reisender, aber ich habe meinen Weg verloren.” Du lächelst und gibst die einzig mögliche, warmherzige Antwort: „Das ist gut so…das gefällt mir.“