Ein Morgen

Ich mochte die Geräusche, die beim morgendlichen Rasieren zu hören waren. Erst der Schaum, der mit Unterdruck aus dem Behälter schoss, dann das Verteilen auf den Bartstoppeln und das leise Scharben der Rasierklingen, die nur die blanke, weiche Haut zurückließ. Der Kerl im Spiegel sah ziemlich übernächtigt aus, was er auch war. Er hatte noch Restalkohol von letzter Nacht im Blut und geschlafen hatte er kaum mehr als vier Stunden. Dieser Kerl stand nackt vor dem Spiegel und ließ mit jedem Zug das Dunkel aus seinem Gesicht verschwinden. Ich spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht und sah wieder auf mein zweites Ich. Er grinste mir entgegen. Er grinste wohl fröhlich, weil in seinem Bett die Bekanntschaft von gestern lag. Oder es grinste verlogen, weil es noch nicht wach sein wollte und weil er trotz der abendlichen Zweisamkeit allein sein würde.

Ich schüttelte den Kopf, als könnte ich damit diese Gedanken beiseiteschieben und tatsächlich funktionierte es. Ich blickte meinen Körper an. Die schmächtige Körper, der seine Muskeln nicht verbergen konnte. Wie sehr hatte ich früher mit ihm gehadert, weil er einfach nicht an Masse zunehmen wollte, aber mittlerweile hatte ich verstanden, welches Glück ich damit hatte. Es nervte nur, wenn ich mich mal wieder schwach fühlte. Wenn das ausgiebige Frühstück nicht ausreichend war und das Mittagessen zwar gesättigt hatte, sich ein Schritt aber dennoch wacklig anfühlte.

Ich ging in die Küche, um mir Wasser für einen Tee aufzukochen. Im Hintergrund vernahm ich das leise Tapsen meiner Bekanntschaft, die ins Bad schlich. Ich machte zwei Tassen und bekam alsbald die Gelegenheit, eine davon abzugeben. Sie hatte eines von meinen Hemden an, das ihr viel zu lang war, während ich noch nackt vor ihr stand. Sie musterte mich und grinste mich an, als sie sich die Tasse von mir geben ließ. Ich ließ ein Lächeln aufzucken damit war klar, dass ich sie noch einmal ins Schlafzimmer mitnehmen würde, aber sie schüttelte lächelnd den Kopf. Verständnisvoll nickte ich ihr zu, ließ den noch zu heißen Tee stehen und duschte mich. Als ich das Badezimmer verließ, fiel mir sofort auf, dass ihre Schuhe verschwunden waren, so wie auch sie. Es war mir recht so. In der Küche wartete mein lauwarmer Tee auf mich, den ich herunterstürzte und mich danach fertig machte, um den Tag zu beginnen.

Klack

Das Geräusch des aufgeschlagenen Eies gefiel ihm, leider landete das Innere nicht in der Schüssel, sondern auf den kühlen Fliesen. Es war ihm aus der Hand gerutscht, als er es aus dem Kühlschrank nehmen wollte. Schnell hatte er es aufgewischt und den Boden sogar etwas sauberer als zuvor bekommen, denn die Krümel der frischen Brötchen waren beim Aufschneiden umhergeflogen und hatten sich dabei auf dem Küchenboden verteilt. Er hatte die Brötchenhälften danach wieder zusammengeklappt und in den Brotkorb gelegt. Nun schlug er die Eier auf und verrührte sie, um sie zu braten.
Er hörte die Dusche, die von Lisa benutzt wurde, es würde also noch dauern, bis sie frühstücken würden, doch das Essen war bereits fertig. Er deckte die Schüssel mit dem Rührei ab und legte ein wärmendes Tuch über die frischen Brötchen. Es würde sie von innen aufwärmen, nachdem das Paar die Nacht in der Hängematte verbracht hatte und sich dabei leicht verkühlt hatte. Sie kannten sich noch nicht gut genug, doch seine nackten Füße waren ihm kalt geworden und so erdreistete er sich, ihr ins Bad zu folgen und zu ihr unter die Dusche zu schlüpfen.