Weg vom Fenster

Der Himmel war grau und es war nicht zu erkennen, wo eine Wolke anfing und eine andere aufhörte. Ich beschloss, drinnen zu bleiben und sah aus dem Fenster meiner Hochhauswohnung. Ich blickte auf das ebenso hohe Haus gegenüber. Dort bemerkte ich in zwei Fenstern das Brennen der Lichter. Denen war es wohl einfach zu düster, aber eigentlich wäre es nicht nötig, dachte ich mir. Ich suchte die Fenster nach einer Bewegung ab, fand jedoch keine und war schon gewillt, aufzugeben, als ich beim Wegdrehen meines Kopfes zwei Augen ausmachte. Ich drehte den Kopf zurück und suchte die zwei Augen und den Körper dazu. In den unteren drei Etagen fand ich nichts, aber im vierten, also auf gleicher Höhe wie ich, entdeckte ich das Augenpaar. Es muss ein kleiner Mensch sein, denn die Augen kamen gerade so über die untere Kante des Fensters. Es war nur ein wenig Haut vom Gesicht zu erkennen, aber kaum weitere Konturen. Ich bildete mir ein, dass die zwei Augen zu mir herüberblickten. Mich überkam das peinliche Gefühl, beim Spannen erwischt worden zu sein und ich wollte verschwinden. Auf der anderen Seite jedoch spannten die zwei Augen selbst. Wir hatten nichts Verbotenes getan, außer ein klein wenig in die Privatsphäre unserer Nachbarn einzudringen, aber auch nur soweit sie es zuließen. Ich entschied mich, meine Hand zu heben und langsam zu winken. Die zwei Augen schlossen sich und verschwanden. Ich hatte sie verscheucht. So blieb ich noch einen Moment stehen, doch sie kamen nicht zurück. Als ich mich wegdrehte, nahm ich eine Bewegung wahr. Ich sah zum Fenster hinüber und tatsächlich, da war das Augenpaar, welches direkt wieder verschwand. Ich verstand das Spiel und machte mit, indem ich ebenfalls kurz vom Fenster verschwand und dann vorsichtig und langsam auftauchte. Dann verharrten wir einige Sekunden, bis ich oder die Augen sich wieder versteckten. Es war ein kindlicher Spaß, den wir uns einige Minuten gönnten. Plötzlich einigten wir uns darauf, uns wieder anzuschauen. Ich winkte nochmal hinüber und dieses Mal sah ich auch im Fenster gegenüber eine Hand, die mich grüßte. Mir hüpfte das Herz vor Freude. Es ging das Licht im Zimmer an und für den Moment konnte ich die Umrisse meines Gegenübers erkennen. Es war ein großer Lockenkopf mit dunklen Haaren. Ein kleines Mädchen, vermutete ich, welches sich umdrehte und von mir wegsah. Vielleicht redete sie mit der Person, die das Licht angemacht hatte. Mit einem Mal verschwand sie vom Fenster und das Licht wurde gelöscht. Sie wurde wohl in den Kindergarten oder die Schule gebracht, dachte ich mir. Ich drehte mich um und spürte die Wärme einer tiefen Freude in mir. Es war, als hätten wir eine kleine Freundschaft geschlossen. Das hatte ich mit meinen siebenundachtzig Jahren nicht mehr erwartet.

Parkplatzdiebin

Beim Blick aus der Küche bemerke ich, wie jemand sich auf meinen Parkplatz stellt. Nur einen Moment später eilt mein Nachbar aus der Tür. Es ist seine Besucherin. Sie hat meine Erlaubnis, dort zu parken, aber normalerweise bekomme ich nicht mit, wie sie ankommt, sondern werde ihr eher gewahr, weil sie kommt. Ich weiß nicht, was die Zwei für ein Verhältnis führen und es interessiert mich auch nicht wirklich, aber immerhin höre ich sie doch alle paar Wochenenden durch die Wände durch. Was wohl der Nachbar, der zwischen uns wohnt noch so alles mitbekommt? Na mich lässt es immer wieder schmunzeln, wenn sie ihre sekundenlangen, nein Moment, eher minutenlangen Orgasmen herausschreit. Ohhhh jaaaaaaaaaa, da muss ich bei schmunzeln. Vermutlich nervt es den Nachbarn zwischen uns, aber der soll sich mal nicht beschweren, denn seine dumpfsinnige Musik schallt auch viel zu oft und viel zu spät durch das Wohnhaus. Was wohl die anderen Nachbarn so mitbekommen? Das schreiende Baby habe ich noch nie gehört, wenngleich ich schätze, dass es von der Lautstärke her gut mit der Parkplatz besetzenden Bekanntschaft mithalten kann.

Das alte Ehepaar wird vermutlich keinen Laut von sich geben, wobei man ja nie wissen kann, denn am Ende haben sie in ihrem Schlafzimmer ein SM-Zimmer eingerichtet und deswegen hört man regelmäßig das hohe, klatschende Geräusch aus der Heizung, welches eben nicht Zeichen dafür ist, dass sie mal wieder entlüftet werden müsste. Die drei Singledamen aus dem Erdgeschoss sind allesamt ruhig, so viel ist sicher, wenngleich es mich wundert, dass sie mich noch nie fragten, ob ihr wochenendlicher Besuch nicht meinen Parkplatz benutzen dürfte. Warum hat mein männlicher Nachbar eine Beziehung und jene drei lebenslustigen Damen sind allein? Es wird mir ein Rätsel bleiben, welches auch gar nicht gelöst werden muss. Nicht um diese Uhrzeit, da schlürfe ich lieber noch meinen Tee und lese mich so durch die Nachrichten.

Guten Morgen 😀