Schwerpunkt

Ein eigenartiges Gefühl überkam mich, als ich des nachts die Straße in Richtung meiner Wohnung entlanglief. Mir wurde schwindelig und ich spürte, dass es mir schwerfiel, einen klaren Gedanken zu fassen. Es kam mir vor, als wäre ich von einem Moment auf den anderen alkoholisiert worden, aber in der schwersten Art und Weise. Mir wurde schlecht. Es war nur noch eine Ecke und dann etwa dreihundert Meter, bis ich die Haustür erreicht hatte. Beim Abbiegen um die Ecke, sah ich in wenigen Metern ein Pärchen, welches von einer Bank aufstand. Sie liefen einige Meter vor mir in die gleiche Richtung, dann blieben sie stehen und drehten sich um. Ich nahm das alles wahr, doch keinerlei Reflex ging durch meinen Körper und ich wäre fast gegen die Frau gelaufen, die mich vollkommen entsetzt und erschrocken ansah. Die Tür bekam ich auf und aus dem Briefkasten stach ein Umschlag hervor, den ich herauszog. Es war eine Rechnung, die ich drinnen auf dem Küchentisch ablegen wollte. Ich öffnete die Wohnungstür und schlürfte in die Küche. Als ich mir Wasser in ein Glas füllen wollte, nervte es mich, dass ich keine Hand frei hatte. In einer war der Schlüssel, in der anderen der Brief. Beides schleppte ich gedankenlos mit mir herum, dann legte ich es auf dem Tisch ab. Das kühle Wasser würde helfen, redete ich mir ein. Ich trank das Glas zur Hälfte leer, doch nichts passierte. Ich füllte es wieder auf und ließ mich auf der Couch nieder. Den Kopf überstreckte ich in den Nacken, da das Sofa nicht hoch genug war, um meinen Kopf anlehnen können. So legte ich ihn nach hinten ab. Der ganze Körper zog schwer an mir. Mit jedem Atemzug drückte ich dieses Gewicht einen Moment lang weg. Die Schwere wollte jedoch nicht von mir abrücken. Ich schloss meine Augen und ließ sie gewähren.

Verbrannt

Es war schön am Feuer. Die warmen Sommernächte lagen bereits hinter uns, doch die Flammen sollten uns vorgaukeln, dass es noch ein paar Tage mehr Sommer gab. Neben mir saß eine blonde Frau. Ich hatte ihre linke Hand wahrgenommen, während sie verträumt ins Feuer blickte. Es war ein Rätsel, denn ihrem Gesicht nach war sie höchstens Anfang 30, doch ihre Hand sah viel älter aus. Plötzlich zog sie sie weg, ich erschrak und blickte in ihr Gesicht, und sie in meins. Ich ärgerte mich, dass ich so auf ihre Hand gestarrt hatte, also versuchte ich die Situation zu retten: „Entschuldigung, ich wollte da gar nicht so hinstarren.“ Warum genau ich diese Worte so gewählt hatte, wusste ich nicht. Es ärgerte mich und ich wünschte mir, einfach geschwiegen zu haben, denn sie reagierte nicht, sondern senkte nur ihren Blick. Mir sank der Kopf ebenfalls und ich schaute in die Flammen. Dann plötzlich spürte ich ihre Nähe und sie flüsterte mir ins Ohr: „Das ist eine Erinnerung aus längst vergangenen Tagen.“ Ich sah ihr in die Augen, die feucht glänzten. „Was ist dir passiert?“, fragte ich, ohne zu überlegen, ob diese Frage angebracht war. Sie senkte wieder den Blick. Ich sah noch einen Moment zu ihr rüber und widmete mich wieder dem Feuertanz vor mir. Abermals überraschte sie mich, als sie mir näherkam und erklärte: „Ich habe als Kind unser Haus angezündet.“ „Wie alt warst du damals?“, fragte ich. Sie erklärte wortkarg: „Acht und elf Jahre.“ „Zweimal“, schoss es mir durch den Kopf. Wie früh kann man sich Schuld aufladen, um damit durchs Leben gehen zu müssen. Ich blickte zu ihr herüber, sie sah wieder ins Feuer, doch eine Träne lief ihr über die Wange. Ich war über mich selbst erstaunt, als ich meine Hand auf die ihrige legte, die sie unter einem Ärmel verborgen hatte. Es schien, dass mein Gehirn immer einen Moment später erst mitbekam, was ich eigentlich tat. Für einen Moment fühlte ich mich verloren, bis ich zu ihr sagte: „Hallo, ich bin Ben.“ Sie blickte mich an und erwiderte: „Hallo, ich heiße Rahel.“ Ganz leicht nickten wir einander zu, dann schauten wir wieder ins Feuer. Sie ließ meine Hand auf der ihren liegen.

Festgebissen

Das verfluchte Vieh hatte sich festgebissen, kein Zweifel. Es war mitten in der Nacht und ich las zum Einschlafen noch eben die letzten Seiten von Camus‘ „Die Pest“, als ich mich am unteren Rücken kratzte. Es war dieses typisch unbedachte Kratzen, doch irgendwas war da an meiner Haut. Auf meiner Haut. In meiner Haut. Und es ging nicht weg. Bis ich es allerdings realisiert hatte, wollte ich das Kratzen nicht aufgeben. Doch plötzlich schüttelte es mich. Eine verdammte Zecke. Also her mit dem Handy und ein paar Nacktfotos. Von meinem Rücken. Enorm unscharf. Sowohl der Rücken als auch die Fotos. Und doch glaubte ich irgendwelche Überreste ausmachen zu können. An Schlaf war nicht zu denken, aber Abhilfe brachte mir die Wachheit auch nicht. Ich ließ die Stelle in Ruhe, lenkte mich ab und fiel in den Schlaf. Am nächsten Tag meldete ich mich bei meiner Ärztin. Ich konnte es selbst nicht ganz ernst nehmen, als ich am Telefon erklärte, dass ich zu ihr müsste, weil ich womöglich eine Zecke im Rücke hätte. Ich gehe nicht gern zu Ärzten und wegen einer Lappalie erst recht nicht. Nur könnte das hier weit mehr als eine Kleinigkeit sein. Ich erinnerte mich an den alten DDR-Impfpass, den ich zum Termin mitnehmen würde. Dann mache ich eben gleich noch ne Auffrischung. Meine Ärztin konnte nichts erkennen und fragte einige Dinge ab. Wir vereinbarten, dass ich mich melden würde, wenn ich Schmerzen hätte oder die Stelle sich rötet. Den Impftermin plante ich einige Tage später ein. Ob da eine Zecke gewesen war, konnte ich nicht sagen, aber sie hatte sie in meinen Gedanken festgebissen.

Armer Tropf

Es klopfte unaufhörlich aus dem Nebenzimmer. Die veraltete Armatur war inkontinent, sie verschloss nicht mehr richtig. In dieser schwülen Nacht, die Schlaf von sich aus schwer machte, war dieses dumpfe Tropfen die Tortur schlechthin, denn ich wusste, dass es nicht aufhören würde. Die Decke konnte ich mir nicht über den Kopf ziehen, dafür war es zu heiß, dennoch dreht ich mich von jener Wand weg, hinter der der defekte Wasserhahn sein Spiel mit mir trieb. Ich hatte es tatsächlich geschafft, mich von dem Geräusch zu lösen, das wurde mir schlagartig bewusst, als ich das hohe Fiepsen vernahm, das sich dicht an mein Ohr heranschlich. Ich schlug mit der Hand in die Dunkelheit und erwischte es nicht, ich hörte es allzu deutlich. Es kam wieder verdammt nah und nochmal schnappte ich mit der Hand danach. Dieses Mal hörte ich es nicht. Ich rieb meine Handflächen und spürte nichts. Also wieder ein Fehlschlag, doch ich vernahm das Summen nicht mehr. Ich beruhigte mich und spürte die Schwere, die mich überkam. Und wieder riss mich das hohe Summen aus dem Schlaf und dieses Mal gab ich auf. Ich stand auf, schloss das Fenster und schaltete das Licht an. Ich sah die Mücke an der Wand sitzen. Zweimal verfehlte ich sie, aber nicht beim dritten Mal. Ich wusch mir die Hände im Raum nebenan, ging zurück, schaltete das Licht aus und legte mich ins Bett. Die Hitze erdrückte mich. Ich hatte vergessen, das Fenster wieder zu öffnen, doch ich beschloss, es noch einen Moment hinauszuzögern, damit die wartenden Blutsauger sich wieder dem Straßenlicht widmen konnten. Ich schlief ein, bevor ich mein Vorhaben umsetzen konnte und erwachte mitten in der Nacht. Mein Hals war ausgetrocknet und ich schwitzte. Also aufstehen, die Fenster öffnen und ein Glas Wasser holen. Erschöpft von der unterbrochenen Erholung, fiel ich wieder ins Bett. Ich schloss die Augen und vernahm abermals das Tropfen. Ich musste lachen. Warum hatte ich nicht einfach einen Schwamm oder ein Tuch in die Spüle gelegt?

Nachttraum

Der leise Flügelschlag erschreckte mich. Es war schon dunkel, doch ein wenig erhellt war die Linie des Horizonts zu erkennen und in diesem Lichtschimmer erkannte ich die drei kleinen Wesen, die so gar nicht wie Vögel flogen. Drei Blutsauger tanzten am Himmel. Kunstvoll zogen sie ihre Kreise. Ob sie sich stritten, wer von ihnen sich verwandeln würde, um mich zu betören und mir das Blut aus dem Hals zu saugen. Ich war mir nicht sicher. Es sah nicht nach einem Streit aus, sondern eher nach einem lustvollen Tanz. Womöglich verabredeten sie sich, gemeinsam auf einer Feier aufzutauchen. Die drei Begehrten, nach denen sich jeder Mensch umdrehen und sich verzehren würde. Die Feiernden werden ihnen hinterherlaufen und der Speichel wird ihnen aus ihren Mündern tropfen, bis sie sich freiwillig hingeben. Die Hitze der Nacht würde über sie kommen. Ein Tanz aus Lust und Begierde würde in einem Bad aus Blut enden. Ich blickte wieder in den Himmel und suchte die drei Tänzer. Sie waren verschwunden.

Schattentanz

Wir schauten unseren Schatten beim Tanzen zu, sie zogen sich mehrere Meter in die Länge und sie waren eins. Es gab nur diesen einen Baustrahler, der den Raum erhellte. Er stand hinter dem Typen am Mischpult. Es war alles sehr provisorisch, aber das war ja gerade der Charme, den es ausmachte. Die verlassene Fabrik diente als Disco. Hin und wieder huschte ein lächelndes Gesicht an mir vorbei, manchmal erkannte ich es, oftmals blieb es mir verborgen. Eine Hand hielt mir ein Bier entgegen, ich nahm es dankend an, auch wenn es mir nicht mundete. Hatte es noch nie, das wusste ich schon seit ich fünf war und mir mein Vater eins in die Hand drückte, als ich müde aus dem Zelt kroch und mich beschwerte, dass ich durstig sei. Der eine Schluck in der Kindheit hatte genügt, um eine Resistenz dagegen aufzubauen. Doch hier im Licht des Scheinwerfers spülte ich es herunter. Meinen Durst konnte ich mittlerweile damit stillen, wenn es sein musste. Zweimal schon war der Strom kurzzeitig ausgefallen und wir waren in tiefste Dunkelheit gehüllt. Dann erblickte ich das Licht von Taschenlampen, die am Generator herumleuchteten. Irgendwer machte irgendwas und das Leben der Lichter und der Musik begann wieder von vorn. Nun fiel zum dritten Mal der Strom aus und die Menge stöhnte traurig. Doch es war kein zufälliger Ausfall, das verstanden wir, als jemand „die Polizei“ rief. Eine Hand griff die meinige und zerrte mich weg. Ich folgte, obgleich ich es gar nicht für nötig hielt. Was würde schon ernsthaft passieren? Wir liefen durch den Wald und stolperten nach einigen Minuten. Wir keuchten laut, doch wir hörten in die Stille, da war kaum etwas zu hören, alles nur entfernt. Lippen berührten meine Lippen. Es war ein schöner Kuss. Wer war nur dieser Schatten?

Die dunkle Nacht

Ich hatte noch einige Stunden Schlaf vor mir. Doch ich quälte mich aus dem warmen Bett über den Holzboden in den Flur. So tief in der Nacht, brannte kein Licht mehr hinter den Fenstern der Hauswand. Ich öffnete leise die Tür zur Toilette und setzte mich. Ich ließ es dunkel und ich ließ es laufen, aber es lief eher langsam, vermutlich hatte ich zu lang gewartet aufs Klo zu gehen. Ich hatte in meinem Leben vielleicht schon viel zu oft zu lang gewartet. Die Kälte stieg langsam von meinen Füßen in die Beine. Als ich aufstand, wünschte ich mir, die Klospülung nicht betätigen zu müssen, aber ich wollte meinen Mitbewohnerinnen keine ungespülte Toilette anbieten, wenn sie am nächsten Morgen vor mir aufstehen würden. Das Rauschen war unangenehm laut und störte die Stille der Nacht. Ich wusch mir die Hände und die Kälte zog von den Fingern bis in die Arme. Dann knacksten die Holzdielen bei jedem Schritt, den ich setzte, bis ich wieder im Bett lag und mich unter der wärmenden Decke versteckte. Ich liebte die Dunkelheit. Die letzten Jahre bin ich des Nachts im Schutze der Schatten gewandert. Sie schützten mich vor den Blicken und Erwartungen der Menschen. Niemand zog nachts an mir, wenn ich allein meinen Weg durch die Dunkelheit bestritt. Es gab nur die Ruhe und die Stille, und das Licht hielt ich fern von mir. So schlief ich friedlich ein.

Glühend

Die glimmende Kohle faszinierte mich. In der Nacht war die kühle Luft vom Meer hergezogen und wir hatten uns um das Lagerfeuer versammelt. Sie hatten sich nacheinander in die Zelte verzogen. Es dämmerte bereits und ich war als einziger wach geblieben, so als hätte ich das Feuer bewacht. Die Zelte standen ein wenig entfernt und es kam mir vor, als wäre ich mit dem Strand und dem Meer allein. Eingewickelt in eine warme Decke erwartete ich die Sonne. Hin und wieder stocherte ich in der Glut umher und sah dabei zu, wie das Rot kurzzeitig ein wenig größer wurde, um dann doch wieder schwarz-weiß ummantelt zu werden. Frieden kommt einem nie besonders groß vor, wenn man das Glück hat, gerade darin zu verweilen.

Unsere Gruppe war den letzten Tag lang gewandert und hier hatten wir unser Lager für die Nacht aufgeschlagen. Direkt darauf waren wir ins Meer gerannt und ließen uns von den Wellen die Strapazen des Tages wegspülen. Danach aßen wir und sangen am Lagerfeuer. Anfangs traute ich mich nicht den Mund aufzumachen. Dann summte ich mit, und schlussendlich ließ ich locker und trat in den Gesang mit ein. Die Welt fühlte sich unendlich leicht an. Wir hatten hier unser kleines Paradies und ich wünschte mir, dass ich dieses Gefühl auf ewig in mir bewahren und jederzeit darauf zurückgreifen könnte.

Geister

Das Essen auf meinem Teller duftet, während ich es aus der Küche in mein Zimmer trage. Tagliatelle mit Lachs in einer feinen Sahnesoße, angereichert mit etwas Dill. Ich versuche kein Fleisch zu essen, aber bei Lachs kann ich manchmal einfach nicht nein sagen. Mit meiner freien Hand schließe ich die Tür hinter mir. Die Tür scheint von der sommerlichen Wärme ein wenig verzogen und lässt sich schwerer schließen als noch vor einem Monat, als ich sie behutsam zufallen lassen konnte. Es sind nur vier Schritt bis zu meinem Bett, die Holzdielen knarzen dabei gewohnt und ich krabble auf die große Matratze und lehne mich gegen eines der riesigen Kissen für meinen Rücken, während ich den Teller neben mir auf dem Laken abstelle.

Ich vernehme ein schwaches Quietschen, das ich nicht sofort zuordnen kann und sehe dann zum alten Kleiderschrank, dessen linke Tür sich geöffnet hat. Das hat sie noch nie getan und ich stelle mir vor, wie ein freundlicher Geist die Tür öffnete, weil er den leckeren Geruch wahrgenommen hatte. Mir gefällt die Idee und ich frage mich, ob ich mich vor einem Geist, so ich denn überhaupt wirklich an einen glaube, nicht fürchten sollte. Aber mir fallen andere Mächte ein, die tatsächlich in mein Leben eingreifen und die mich eher beunruhigen sollten. So ein Geist in meinem Schrank, der kann mir doch eigentlich nur ein guter Freund sein. Er mag es dort vermutlich, weil da so viel Leben drinsteckt und es sich angenehm auf den frisch gewaschenen Sachen liegt. Zudem ist es gemütlich dunkel, wobei hie und da vermutlich ein wenig Licht in den Schrank dringt, denn das Holz ist nicht mehr so akkurat, wie am ersten Tag.

Ich stehe wieder auf und schließe die Tür, weil ich es nicht mag, wenn die Tür so offensteht. Der Geist dankt es mir womöglich, weil er wieder in seine Dunkelheit zurückkehren kann. Ich genieße dann den Lachs und als ich später den Teller wieder in die Küche bringe, öffnet sich dieses Mal die rechte Doppeltür des Schranks, die zwar durch ein Schloss versperrt sein sollte, sich aber mit viel Kraft auch ohne Schlüssel öffnen lässt. Ich frage mich, ob hier eine ganze Geisterfamilie haust und als Antwort öffnet sich auch wieder die linke Schranktür. Nun denn, ich habe wohl ein paar Untermieter. Keine Ahnung, was meine Vermieterin davon hält, aber ich werde es vor ihr geheim halten.

Die Nacht

Die Augenlider bekommt sie nur schwer geöffnet und in ihrem Kopf ist sie schon längst im Bett, auch wenn sie noch zwei Stunden arbeiten muss und den teils angetrunkenen Gästen freundlich gegenübertreten wird. Sie zaubert mir in Windeseile mein Essen zu und freut sich über das Trinkgeld, das zu dieser Uhrzeit eigentlich jedem Besucher automatisch aus dem Portemonnaie rollen sollte. Aber so ist die Welt nicht. Der Junge hinter mir hat riesigen Hunger und das Geld reicht nur geradeso für jene warmduftende Köstlichkeit. Ich verurteile ihn nicht, denn sein Hungergefühl brachte ihn hierher, es führte nicht dazu, dass das eigene Handeln hinterfragt wird. Der Laden ist gemütlich und der Chef ein unheimlich liebenswerter Kerl und so gehe ich mit dem Gefühl, dass die gute Frau zwischen Theke und Kochfläche gut entlohnt wird. Wissen tue ich es nicht.

Das Bier wird heute wieder gezapft und getrunken, so dass gefeiert werden kann, denn danach dürstet es uns alle, die wir mehr Leben spüren wollen. Und dann wird aufgeräumt. Nicht wie damals im Kinderzimmer, als ich es selbst machen musste, sondern von den guten Menschen, die jede Toilette auf ein Niveau putzen, als würde die Kanzlerin höchstpersönlich vorbeischauen. Ein paar Wesen mit Blaulicht retten einen betrunkenen Radfahrer vor sich selbst und die Leute aus dem Krankenwagen kümmern sich um die arme Gestalt, die eine Parkbank bei Temperaturen um den Gefrierpunkt als Schlafstätte erwählt hatte.

Ich bekomme von all dem nichts mit, denn ich liege in meinem Bett und träume davon zu fliegen. Ein schöner Traum. Kein Mensch leidet in diesem Traum und ich genieße meine Freiheit in der Luft und sehe, wie die Welt unter mir kleiner wird, während ich meine Kreise ziehe. Es ist angenehm warm und die Sonne lacht mich an. Es ist schön hier oben, weit weg von all den Dingen, die mich nach unten ziehen, denke ich und spüre, wie ein Betonklotz an meinen Füßen mich eines Besseren belehrt. Ich schließe die Augen, atme tief ein und als ich die Augen wieder öffne, finde ich mich in meinem Bett wieder. Ein Krampf fährt durch die Wade meines linken Beines und ich trete gegen die Wand, um den Schmerz zu mindern.

Nebenan erschreckt sich die junge Frau, die gerade von ihrer Nachschicht heimgekehrt ist. Sie hat ihren Kunden leckeres Essen zubereitet in einem kleinen Laden, dessen Chef ein liebenswerter Kerl ist und nicht das dickste Gehalt zahlen kann, aber dafür jederzeit ein offenes Ohr hat und so sehr hilft, wie er kann. Sie hat heute ein nettes Trinkgeld erhalten und fragt sich, welcher Idiot mitten in der Nacht gegen ihre Wand hauen muss.