Armer Tropf

Es klopfte unaufhörlich aus dem Nebenzimmer. Die veraltete Armatur war inkontinent, sie verschloss nicht mehr richtig. In dieser schwülen Nacht, die Schlaf von sich aus schwer machte, war dieses dumpfe Tropfen die Tortur schlechthin, denn ich wusste, dass es nicht aufhören würde. Die Decke konnte ich mir nicht über den Kopf ziehen, dafür war es zu heiß, dennoch dreht ich mich von jener Wand weg, hinter der der defekte Wasserhahn sein Spiel mit mir trieb. Ich hatte es tatsächlich geschafft, mich von dem Geräusch zu lösen, das wurde mir schlagartig bewusst, als ich das hohe Fiepsen vernahm, das sich dicht an mein Ohr heranschlich. Ich schlug mit der Hand in die Dunkelheit und erwischte es nicht, ich hörte es allzu deutlich. Es kam wieder verdammt nah und nochmal schnappte ich mit der Hand danach. Dieses Mal hörte ich es nicht. Ich rieb meine Handflächen und spürte nichts. Also wieder ein Fehlschlag, doch ich vernahm das Summen nicht mehr. Ich beruhigte mich und spürte die Schwere, die mich überkam. Und wieder riss mich das hohe Summen aus dem Schlaf und dieses Mal gab ich auf. Ich stand auf, schloss das Fenster und schaltete das Licht an. Ich sah die Mücke an der Wand sitzen. Zweimal verfehlte ich sie, aber nicht beim dritten Mal. Ich wusch mir die Hände im Raum nebenan, ging zurück, schaltete das Licht aus und legte mich ins Bett. Die Hitze erdrückte mich. Ich hatte vergessen, das Fenster wieder zu öffnen, doch ich beschloss, es noch einen Moment hinauszuzögern, damit die wartenden Blutsauger sich wieder dem Straßenlicht widmen konnten. Ich schlief ein, bevor ich mein Vorhaben umsetzen konnte und erwachte mitten in der Nacht. Mein Hals war ausgetrocknet und ich schwitzte. Also aufstehen, die Fenster öffnen und ein Glas Wasser holen. Erschöpft von der unterbrochenen Erholung, fiel ich wieder ins Bett. Ich schloss die Augen und vernahm abermals das Tropfen. Ich musste lachen. Warum hatte ich nicht einfach einen Schwamm oder ein Tuch in die Spüle gelegt?

Nachttraum

Der leise Flügelschlag erschreckte mich. Es war schon dunkel, doch ein wenig erhellt war die Linie des Horizonts zu erkennen und in diesem Lichtschimmer erkannte ich die drei kleinen Wesen, die so gar nicht wie Vögel flogen. Drei Blutsauger tanzten am Himmel. Kunstvoll zogen sie ihre Kreise. Ob sie sich stritten, wer von ihnen sich verwandeln würde, um mich zu betören und mir das Blut aus dem Hals zu saugen. Ich war mir nicht sicher. Es sah nicht nach einem Streit aus, sondern eher nach einem lustvollen Tanz. Womöglich verabredeten sie sich, gemeinsam auf einer Feier aufzutauchen. Die drei Begehrten, nach denen sich jeder Mensch umdrehen und sich verzehren würde. Die Feiernden werden ihnen hinterherlaufen und der Speichel wird ihnen aus ihren Mündern tropfen, bis sie sich freiwillig hingeben. Die Hitze der Nacht würde über sie kommen. Ein Tanz aus Lust und Begierde würde in einem Bad aus Blut enden. Ich blickte wieder in den Himmel und suchte die drei Tänzer. Sie waren verschwunden.

Schattentanz

Wir schauten unseren Schatten beim Tanzen zu, sie zogen sich mehrere Meter in die Länge und sie waren eins. Es gab nur diesen einen Baustrahler, der den Raum erhellte. Er stand hinter dem Typen am Mischpult. Es war alles sehr provisorisch, aber das war ja gerade der Charme, den es ausmachte. Die verlassene Fabrik diente als Disco. Hin und wieder huschte ein lächelndes Gesicht an mir vorbei, manchmal erkannte ich es, oftmals blieb es mir verborgen. Eine Hand hielt mir ein Bier entgegen, ich nahm es dankend an, auch wenn es mir nicht mundete. Hatte es noch nie, das wusste ich schon seit ich fünf war und mir mein Vater eins in die Hand drückte, als ich müde aus dem Zelt kroch und mich beschwerte, dass ich durstig sei. Der eine Schluck in der Kindheit hatte genügt, um eine Resistenz dagegen aufzubauen. Doch hier im Licht des Scheinwerfers spülte ich es herunter. Meinen Durst konnte ich mittlerweile damit stillen, wenn es sein musste. Zweimal schon war der Strom kurzzeitig ausgefallen und wir waren in tiefste Dunkelheit gehüllt. Dann erblickte ich das Licht von Taschenlampen, die am Generator herumleuchteten. Irgendwer machte irgendwas und das Leben der Lichter und der Musik begann wieder von vorn. Nun fiel zum dritten Mal der Strom aus und die Menge stöhnte traurig. Doch es war kein zufälliger Ausfall, das verstanden wir, als jemand „die Polizei“ rief. Eine Hand griff die meinige und zerrte mich weg. Ich folgte, obgleich ich es gar nicht für nötig hielt. Was würde schon ernsthaft passieren? Wir liefen durch den Wald und stolperten nach einigen Minuten. Wir keuchten laut, doch wir hörten in die Stille, da war kaum etwas zu hören, alles nur entfernt. Lippen berührten meine Lippen. Es war ein schöner Kuss. Wer war nur dieser Schatten?

Die dunkle Nacht

Ich hatte noch einige Stunden Schlaf vor mir. Doch ich quälte mich aus dem warmen Bett über den Holzboden in den Flur. So tief in der Nacht, brannte kein Licht mehr hinter den Fenstern der Hauswand. Ich öffnete leise die Tür zur Toilette und setzte mich. Ich ließ es dunkel und ich ließ es laufen, aber es lief eher langsam, vermutlich hatte ich zu lang gewartet aufs Klo zu gehen. Ich hatte in meinem Leben vielleicht schon viel zu oft zu lang gewartet. Die Kälte stieg langsam von meinen Füßen in die Beine. Als ich aufstand, wünschte ich mir, die Klospülung nicht betätigen zu müssen, aber ich wollte meinen Mitbewohnerinnen keine ungespülte Toilette anbieten, wenn sie am nächsten Morgen vor mir aufstehen würden. Das Rauschen war unangenehm laut und störte die Stille der Nacht. Ich wusch mir die Hände und die Kälte zog von den Fingern bis in die Arme. Dann knacksten die Holzdielen bei jedem Schritt, den ich setzte, bis ich wieder im Bett lag und mich unter der wärmenden Decke versteckte. Ich liebte die Dunkelheit. Die letzten Jahre bin ich des Nachts im Schutze der Schatten gewandert. Sie schützten mich vor den Blicken und Erwartungen der Menschen. Niemand zog nachts an mir, wenn ich allein meinen Weg durch die Dunkelheit bestritt. Es gab nur die Ruhe und die Stille, und das Licht hielt ich fern von mir. So schlief ich friedlich ein.

Glühend

Die glimmende Kohle faszinierte mich. In der Nacht war die kühle Luft vom Meer hergezogen und wir hatten uns um das Lagerfeuer versammelt. Sie hatten sich nacheinander in die Zelte verzogen. Es dämmerte bereits und ich war als einziger wach geblieben, so als hätte ich das Feuer bewacht. Die Zelte standen ein wenig entfernt und es kam mir vor, als wäre ich mit dem Strand und dem Meer allein. Eingewickelt in eine warme Decke erwartete ich die Sonne. Hin und wieder stocherte ich in der Glut umher und sah dabei zu, wie das Rot kurzzeitig ein wenig größer wurde, um dann doch wieder schwarz-weiß ummantelt zu werden. Frieden kommt einem nie besonders groß vor, wenn man das Glück hat, gerade darin zu verweilen.

Unsere Gruppe war den letzten Tag lang gewandert und hier hatten wir unser Lager für die Nacht aufgeschlagen. Direkt darauf waren wir ins Meer gerannt und ließen uns von den Wellen die Strapazen des Tages wegspülen. Danach aßen wir und sangen am Lagerfeuer. Anfangs traute ich mich nicht den Mund aufzumachen. Dann summte ich mit, und schlussendlich ließ ich locker und trat in den Gesang mit ein. Die Welt fühlte sich unendlich leicht an. Wir hatten hier unser kleines Paradies und ich wünschte mir, dass ich dieses Gefühl auf ewig in mir bewahren und jederzeit darauf zurückgreifen könnte.

Geister

Das Essen auf meinem Teller duftet, während ich es aus der Küche in mein Zimmer trage. Tagliatelle mit Lachs in einer feinen Sahnesoße, angereichert mit etwas Dill. Ich versuche kein Fleisch zu essen, aber bei Lachs kann ich manchmal einfach nicht nein sagen. Mit meiner freien Hand schließe ich die Tür hinter mir. Die Tür scheint von der sommerlichen Wärme ein wenig verzogen und lässt sich schwerer schließen als noch vor einem Monat, als ich sie behutsam zufallen lassen konnte. Es sind nur vier Schritt bis zu meinem Bett, die Holzdielen knarzen dabei gewohnt und ich krabble auf die große Matratze und lehne mich gegen eines der riesigen Kissen für meinen Rücken, während ich den Teller neben mir auf dem Laken abstelle.

Ich vernehme ein schwaches Quietschen, das ich nicht sofort zuordnen kann und sehe dann zum alten Kleiderschrank, dessen linke Tür sich geöffnet hat. Das hat sie noch nie getan und ich stelle mir vor, wie ein freundlicher Geist die Tür öffnete, weil er den leckeren Geruch wahrgenommen hatte. Mir gefällt die Idee und ich frage mich, ob ich mich vor einem Geist, so ich denn überhaupt wirklich an einen glaube, nicht fürchten sollte. Aber mir fallen andere Mächte ein, die tatsächlich in mein Leben eingreifen und die mich eher beunruhigen sollten. So ein Geist in meinem Schrank, der kann mir doch eigentlich nur ein guter Freund sein. Er mag es dort vermutlich, weil da so viel Leben drinsteckt und es sich angenehm auf den frisch gewaschenen Sachen liegt. Zudem ist es gemütlich dunkel, wobei hie und da vermutlich ein wenig Licht in den Schrank dringt, denn das Holz ist nicht mehr so akkurat, wie am ersten Tag.

Ich stehe wieder auf und schließe die Tür, weil ich es nicht mag, wenn die Tür so offensteht. Der Geist dankt es mir womöglich, weil er wieder in seine Dunkelheit zurückkehren kann. Ich genieße dann den Lachs und als ich später den Teller wieder in die Küche bringe, öffnet sich dieses Mal die rechte Doppeltür des Schranks, die zwar durch ein Schloss versperrt sein sollte, sich aber mit viel Kraft auch ohne Schlüssel öffnen lässt. Ich frage mich, ob hier eine ganze Geisterfamilie haust und als Antwort öffnet sich auch wieder die linke Schranktür. Nun denn, ich habe wohl ein paar Untermieter. Keine Ahnung, was meine Vermieterin davon hält, aber ich werde es vor ihr geheim halten.

Die Nacht

Die Augenlider bekommt sie nur schwer geöffnet und in ihrem Kopf ist sie schon längst im Bett, auch wenn sie noch zwei Stunden arbeiten muss und den teils angetrunkenen Gästen freundlich gegenübertreten wird. Sie zaubert mir in Windeseile mein Essen zu und freut sich über das Trinkgeld, das zu dieser Uhrzeit eigentlich jedem Besucher automatisch aus dem Portemonnaie rollen sollte. Aber so ist die Welt nicht. Der Junge hinter mir hat riesigen Hunger und das Geld reicht nur geradeso für jene warmduftende Köstlichkeit. Ich verurteile ihn nicht, denn sein Hungergefühl brachte ihn hierher, es führte nicht dazu, dass das eigene Handeln hinterfragt wird. Der Laden ist gemütlich und der Chef ein unheimlich liebenswerter Kerl und so gehe ich mit dem Gefühl, dass die gute Frau zwischen Theke und Kochfläche gut entlohnt wird. Wissen tue ich es nicht.

Das Bier wird heute wieder gezapft und getrunken, so dass gefeiert werden kann, denn danach dürstet es uns alle, die wir mehr Leben spüren wollen. Und dann wird aufgeräumt. Nicht wie damals im Kinderzimmer, als ich es selbst machen musste, sondern von den guten Menschen, die jede Toilette auf ein Niveau putzen, als würde die Kanzlerin höchstpersönlich vorbeischauen. Ein paar Wesen mit Blaulicht retten einen betrunkenen Radfahrer vor sich selbst und die Leute aus dem Krankenwagen kümmern sich um die arme Gestalt, die eine Parkbank bei Temperaturen um den Gefrierpunkt als Schlafstätte erwählt hatte.

Ich bekomme von all dem nichts mit, denn ich liege in meinem Bett und träume davon zu fliegen. Ein schöner Traum. Kein Mensch leidet in diesem Traum und ich genieße meine Freiheit in der Luft und sehe, wie die Welt unter mir kleiner wird, während ich meine Kreise ziehe. Es ist angenehm warm und die Sonne lacht mich an. Es ist schön hier oben, weit weg von all den Dingen, die mich nach unten ziehen, denke ich und spüre, wie ein Betonklotz an meinen Füßen mich eines Besseren belehrt. Ich schließe die Augen, atme tief ein und als ich die Augen wieder öffne, finde ich mich in meinem Bett wieder. Ein Krampf fährt durch die Wade meines linken Beines und ich trete gegen die Wand, um den Schmerz zu mindern.

Nebenan erschreckt sich die junge Frau, die gerade von ihrer Nachschicht heimgekehrt ist. Sie hat ihren Kunden leckeres Essen zubereitet in einem kleinen Laden, dessen Chef ein liebenswerter Kerl ist und nicht das dickste Gehalt zahlen kann, aber dafür jederzeit ein offenes Ohr hat und so sehr hilft, wie er kann. Sie hat heute ein nettes Trinkgeld erhalten und fragt sich, welcher Idiot mitten in der Nacht gegen ihre Wand hauen muss.

Triebe Suppe

Seine Ignoranz nervte mich und es war auch keine Schüchternheit, die ihn mich ausblenden ließ, sondern die simple Lust an meiner Begleitung. Wir waren zu dritt in die Bar gekommen: Luisa, Barbara und ich. Der Barkeeper kam extra für Luisa hinter dem Tresen hervor, begrüßte sie und unterhielt sich mit ihr. Nicht ein Blick fiel auf Barbara oder mich und an unsere Bestellungen dachte er erst, als Luisa auf der Toilette verschwunden war, ihr Getränk hatte er da bereits serviert.

Man könnte sagen, er hätte nur Augen für sie gehabt. Aber sollte das Interesse an Luisa so beschränkt sein, dass man ihre Freunde ignorierte? Sollten nicht gerade jene ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit bekommen, um zu wissen, was hinter Luisa steckt und um zu zeigen, dass die Belange anderer Menschen einem wichtig sind? Es war das zweite Aufeinandertreffe und ich fragte mich, wie viele Begegnungen es brauchte, bis er uns als etwas anderes als lästiges Beiwerk ansah, welches Luisas Aufmerksamkeit nur von ihm ablenkte. Ich ignorierte ihn bei seiner Frage, was wir gern hätten und wand mich seinem Kollegen zu, der mir zunickte. Meinen Respekt hatte der Trottel verloren.

Gallallee

Auf der Gallallee unterwegs zu sein, das war nicht gerade mein innigster Wunsch, eigentlich war es etwas, dass ich höchst ungern erlebe, aber es war passiert. Ich hatte in den letzten Stunden die verschiedensten Sorten Alkohol konsumiert – Nein, ich hatte sie mir hinter geschüttet, als gäbe es kein Morgen mehr und nun würgte ich mir förmlich die Galle heraus. Tränen waren mir in die Augen getreten und man könnte vermuten, ich würde mein Verhalten verfluchen, doch dem war nicht so. Ich durchdachte und verfluchte stattdessen manche längst vergangene Feigheit meiner selbst und spürte den Mut, damit zu brechen: Die Furcht hinter mir zu lassen, oder vor mir in der Keramikschüssel, deren Sitz sich angenehm warm und gleichzeitig kühlend an meinen Händen und meine Stirn anschmiegte, je nachdem, was ich gerade auf ihm ablegte. Ich bin mir gar nicht sicher, ob es der Alkohol ist, der den Mut hervorruft oder ob es nicht viel eher das fehlende Schamgefühl ist. Sehr viel tiefer ging es nicht mehr, ich war bereits in Bußstellung auf den Knien. Vielleicht ist das der beste und schlechteste Moment zugleich, um einen Anruf zu tätigen oder zumindest einen Brief zu schreiben, der längst überfällig ist.