Frischer Wind

Die Autos wirbelten die gefallenen Regentropfen wieder auf und patschten durch die Pfützen. Bei Regen aufzuwachen und die frische Luft einzuatmen, hat etwas Einzigartiges, als wäre man ein wenig mehr in der Natur. Gleichzeitig lässt das leichte Klopfen der Tropfen am Fenster meine Augenlider schwer werden und die Lust, sich nochmal umzudrehen, wird groß. Doch ich muss aufstehen. Sie hatten gesagt, dass ich einen neuen Angestellten einlernen sollte. Frischer Wind würde er in die Gänge mit den Aktenordnern bringen, meinten sie. Das stimmte wohl, nur was blieb von der Frische, wenn der erstmal eingelernt sein würde?

Im Zoo

Eingesperrt war ich. Seit meiner Geburt hatten sie mich in diese Betonwelt gesperrt und täglich rückte eine endlose Vielzahl an Gesichtern an meinem Käfig vorbei. Sie sprachen anmutig von mir als König der Tiere. Das stimmte nicht. Ich wusste es auch. Ich herrschte nicht und ich würde es auch niemals. Ich hätte es natürlich lernen können. Hätte mir mit Gewalt nehmen können, was mir durch meine Gewalt zusteht. Stattdessen schlage ich die Zeit tot, bevor sie mich totschlägt. Ich warte auf das Essen und bewege die ewigmüden Knochen von einer Seite zur anderen. Hin und zurück. Hin und zurück. Da gleichen wir uns wohl: Ich und die da draußen. Die machen auch nur hin und zurück. Sind sicher hinter ihrer Glasscheibe und haben verlernt, was sie von Natur aus können. Doch ist es nicht gut so, dass wir in Sicherheit hinter unseren Scheiben sind und wir statt unserer Natur die Vernunft regieren lassen oder vergessen wir uns dabei und verlieren dabei den Sinn des Lebens?

Kommen und gehen

Und alles lief davon. Kein Grashalm drehte sich um, kein Baum verabschiedete sich. Alles flog vorbei und hatte es enorm eilig, um hinfort zu ziehen. Der Wind strich über die Gräser, als würde er sanft über die Haare auf dem Kopf eines kleinen Kindes streichen. Behütend. Doch mir blieb nur der Abschied, während ich im Zug saß. Leb wohl, grünes Gras! Leb wohl, Baum! Leb wohl, Feld! Leb wohl, Bahnhof! Leb wohl, Bahnübergang! Leb wohl, Schranke! Leb wohl, all ihr Menschen dort draußen! Ich sagte „leb wohl“ und nicht „auf wiedersehen“. Ich bin da ehrlich, denn wer weiß, ob wir uns nochmal wiedersehen werden. Oder pessimistisch, ich gehe immer davon aus, dass man nicht nochmal das Glück hat, sich ein weiteres Mal zu begegnen. Zu viele Menschen kamen und gingen und kamen nicht wieder. Das ist in Ordnung so. Wir Menschen sind so. Wir haben einen Moment, in dem wir uns begegnen. Manchmal sind es nur einige Minuten. Manchmal Tage oder Wochen und manchmal Jahre. Aber irgendwann geht jeder wieder seines Weges. Es hat etwas beruhigendes. Es ist die Gewissheit, dass das Leben so ist.

Gleichgewicht

Uns Menschen zeichnet aus, dass wir aus dem Nichts etwas erfinden können, dachte ich früher. Aber natürlich stimmt das nicht. Jede Erfindung ist nur eine Umwandlung oder Abänderung einer bereits gemachten Erfindung. Und so versuche ich an den Anfang zu gehen. Ab wann benutzte man den ersten Gegenstand, um etwas mit ihm zu machen? Und wann kam man auf die Idee, diesen Gegenstand zu verändern, damit er noch besser funktionieren würde. Ich komme zu der Frage, ob wir bisher alles erfunden haben, was wir erfinden konnten oder ob es eine grundlegende Sache nicht geschafft hat von einer Idee in eine Sache verwandelt zu werden.

Was wäre, wenn wir kein Rad erfunden hätten? Klar, dann gäbe es auch keine Autos, Fahrräder, Uhren…nein, dann gäbe es auch all die Dinge nicht, die zwar selbst kein Rad brauchen, aber deren Herstellung oder Transport ein Rad benötigte.

In den Science-Fiction-Büchern und -Filmen sind die Außerirdischen immer sehr human dargestellt. Wir sind nicht fähig, Wesen zu erschaffen, die wir in einer abgewandelten Form bereits kennen. Das finde ich sehr spannend, denn was hat sich der Mensch alles nicht denken können, was für uns heute alltäglich geworden ist.

Und doch ärgere ich mich, denn wir nutzen unseren Drang nach Wissen und Erforschung oftmals nicht human bzw. zum Wohle der gesamten Menschheit. Die Natur arbeitet anders. Sie ist nicht explizit wohlwollend, aber sie ist nicht vernichtend. Und so wundere ich mich, dass wir atomare Spaltung entdecken konnten und daraus Energie und Waffen ziehen, aber gleichzeitig sehr desinteressiert am gegenteiligen Effekt interessiert sind, also wie man Strahlung wieder verringert. In der Natur entstehen Pilze, die die Strahlung überstehen und sich sogar von ihr ernähren. Gleiches gilt für Plastiksorten, die wir nicht recyceln können und die von Bakterien zersetzt werden. Und wieder einmal sind wir doch nur die Urzeitmenschen, die abschauen müssen und die deswegen verstehen sollten, dass sie keine Ahnung haben. Wir haben keine Ahnung, wie Natur funktioniert und jeder Versuch, sie zu kopieren ist und bleibt artifiziell. Dieser Planet und sein Ökosystem sind von uns nicht kopierbar. Es wurde versucht und man scheiterte. Wir leben in dem Glauben, dass das schon alles irgendwie funktionieren wird. Und ja, das ist auch so, die Natur scheint sich um die Ungleichgewichte zu kümmern. Bleibt nur die Frage, was sie für uns bereithält, jene, die sich nicht ums Gleichgewicht kümmern.

Diese Gedanken kamen mir durch ein Gespräch mit der Autorin des Blogs List od Szarlota W. ich danke dir für deinen Input.

Drehverschluss

Ich kniete vor der Flasche Rotwein. Sie hatte einen Verschluss aus Kork und alles was ich zum Öffnen fand, war der silberner Abklatsch eines Schweizer Taschenmessers. Es war das Werbegeschenk der Firma, in der meine Mutter arbeitete. Ich nickte dem silbernen Griff zu: „Glück auf!“

Der Korken ließ sich wunderbar leicht herausziehen, da musste ich schon ganz anders kämpfen, nachdem ich früher von all den Drehverschlüssen verweichlicht worden war. Okay, der Drehverschluss war nur die Spitze des Eisbergs eines Menschen, der in einer Gesellschaft lebt, die keinen Finger mehr rühren möchte, aber sich über Schmerzen des Körpers beschwert, der keinen Muskel mehr trainieren muss, außer jenen im Daumen.

„Deutschland schafft sich ab“, meinte Sarrazin, aber in Wahrheit schafft sich eine bequem gewordene Gesellschaft ab, die sich auf einen Porno einen abwichst und denkt, damit Sport betrieben zu haben. Machen wir uns nichts vor: Wir vergessen unsere Körper natürlich zu bewegen. Wir laufen zumeist in bequemen Schuhen und tragen Klamotten, die unseren Wärmehaushalt regulieren. Und würden wir dies nicht tun, so hielten wir uns noch immer in geheizten oder gekühlten Räumen auf.

Unser Menschsein hat sich gewandelt von einem Wesen, das sich viel bewegt und sich den äußeren Einflüssen aussetzt zu einem Wesen, das allein vor seinem Bildschirm sitzt oder liegt und darauf starrt. Wir schaffen uns nicht durch die Menschen ab, die zu uns kommen. Wir schaffen uns dadurch ab, dass wir nicht mehr leben. Wir könnten jeden Tag mit Menschen verbringen, die uns mögen und die wir mögen-. Stattdessen suchen wir auf einem Bildschirm in unserer Hand nach einem Gesicht, das uns gefällt und erregt – mit dem wir vögeln wollen.

Den Wein habe ich geöffnet bekommen und in ein passendes Glas gegossen. Sein Wert sollte nicht nach seinem Verschluss bestimmt werden, aber dieser war seinen Korken wert.

Von Glühwürmchen und Fröschen

Als ich eben auf dem Heimweg überlegte, was ich der jüngsten Tochter meiner Mitbewohnerin zu ihrem vierten Geburtstag schenken könnte, kam mir die Idee einer Geschichte, die ich hier gern auch noch veröffentlichen werde. Es ging dabei um einen ganz besonderen Frosch, welcher ausgegrenzt wird, weil er eine besondere Eigenart hat. Jene Eigenart ist dann am Ende natürlich die Rettung für alle Frösche und so finden sie zusammen und lernen mit den Unterschieden und Besonderheiten umzugehen. Ich hatte die Geschichte fast fertig durchdacht, da quakte es neben mir, als wollten man mir zustimmen. Ich ließ meine Gedanken zu der Geschichte ruhen und ebenso mein Rad rollen, als mich von links zwei grüne Punkte anleuchteten. Glühwürmchen warteten dort auf mich, vollkommen ruhig und einfach nur leuchtend. Klar, dass die nun auch eine Rolle in der Geschichte bekommen werden. Es hat mir selbst mal wieder gezeigt, wie wichtig es ist, die Sinne schweifen zu lassen und die Natur wahrzunehmen. Diese kleinen Wunder und Schönheiten, die in jeder Sekunde Teil unseres Lebens sein könnten, wenn wir sie nicht verpassen würden, weil wir Terminen nachjagen oder auf unsere Handydisplays schauen. Ich habe mein Handy dann aber doch gezückt und die leuchtenden Wesen festgehalten. Wer weiß schon, wann ich wieder das Glück habe, ihnen begegnen zu dürfen.
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Gestöber

Schnee ist schon eine eigenartige Sache. Wenn ich bei Kälte von einem Regenguss überrascht werde, dann habe ich keine große Lust, stehen zu bleiben und in den Himmel zu blicken. Doch wenn es schneit, da ist es anders. Da erlaube ich mir doch ein paar Kristalle auf der Zunge zergehen zu lassen. Als die erste weiße Decke auf der Straße lag, machte ich mich nach dem Mittagessen zum Einkaufen auf. Sonst immer per Rad, aber bei dem Wetter keine gute Idee und so wird aus einer halben Stunde eine ganze. Die lohnte sich aber , denn die Schneeschieber und Sand- oder Salzstreuer grüßten mit einem Lächeln und ebenso tat ich es. Das wäre wohl an einem verregnet-grauen Nachmittag sonst nicht der Fall gewesen. Klar, würde man das ganze Jahr den Schnee wegschieben müssen, dann wär das mit dem Lächeln schon anders, dessen bin ich mir bewusst. Aber die Natur hat sich da schon etwas schönes einfallen lassen. Eine dicke Schicht, die für jeden knirscht, der sie betritt. Und eine weiche und rutschige Piste wird auch von ganz allein an jedem Hügel daraus. Oh und mit Pfützenwasser würde man sich wohl kaum so ausgelassen bewerfen oder einen Engel hineinmalen.

Klatschen

Oh, wie wir schrien und lachten. Auf unseren Rädern wollten wir schneller sein als der Regen, der zwar nicht kalt, aber dafür heftig vom Himmel fiel an diesem heißen Sommertag. Ich wusste, dass es noch einige Kilometer bis ins trockne Zuhause sein würden und so fuhr ich einen anderen Weg, an dessen Rand Bäume standen, die uns Schutz boten. Es war matschig und deswegen wohl doch keine gute Idee gewesen, aber ich liebte die Aussicht auf den kleinen und flachen See, die man dafür erhielt. Dir gefiel es ebenso gut, auch wenn du es fast verpasst hättest, weil der Regen wohl zu stark vor deine Augen schlug. Ich hielt an und du mit mir und fragtest, worauf ich warten würde, aber ich wartete nicht, ich hatte nur ein neues Ziel und nahm die paar Meter bis zum See. Dort zerrte ich mir die nassen Klamotten vom Körper und sprang in den See. Das wollte ich schon immer mal machen und ich wurde sogar belohnt, denn das Wasser nahm mich wärmend auf. Ständige Gänsehaut, weil kühle Tropfen, ein Lufthauch oder das warme Wasser einen umgab. Und du? Du warst mir längst gefolgt. Schön, dass du so wunderbar verrückt bist. Eigentlich wärst du es doch gewesen, die zuerst hier reingestürmt wäre. Vielen Dank, dass du mich dieses Mal den ersten Schritt hast machen lassen. Hier schmeckt das Leben intensiver. Vielleicht lag es am Geruch sauberer Blätter und aufgewühlter Erde oder am Klatschen der Tropfen auf dem Wasser, die höher noch als auf einer heißen Herdplatte tanzen und springen. Zu zweit die Ruhe genießen. Zu zweit den Applaus des Regens hören. Zu zweit aneinander geschmiegt den süßen Kuss kosten.

Der alte Mann (Teil sechs)

Das Telefonat war ernüchternd. Keine Fabrik. Zumindest nicht am See. Und auch die Luftaufnahmen um den Teich ließen nichts vermuten. Mein Bekannter sicherte mir zu, etwas über Fabriken in der Nähe der Stadt herauszufinden, allerdings erst morgen.

Ich machte mich auf den Heimweg, denn ich wollte noch um den See wandern und die Proben sammeln. An der Hütte angekommen, traf ich Tom nicht an. Er hatte keine Notiz hinterlassen und sein Boot war am Steg festgemacht. Das gab mir die Möglichkeit, meinen Rucksack mit den Isolierflaschen zu füllen und mir noch etwas Proviant mitzunehmen. Ich musste mich ranhalten, denn so viele Stunden würde es nicht mehr hell sein. Zu meinem Glück begann es zu regnen, als ich die Tür hinter mir schloss. Das lag bereits den ganzen Tag in der Luft, also überraschte es mich nicht, es ließ aber Zweifel in mir aufkommen, ob ich meine Proben nehmen konnte. Das Regenwasser würde die obere Schicht des Sees mit frischem Wasser füllen. Dennoch blieb ich bei meinem Plan und machte mich auf den Weg.

Ich mag das Wandern auch bei Regen. Wenn man die richtigen Sachen dabei hat, dann gibt es wohl kaum einen Moment, an dem man sich mehr mit der Natur verbunden fühlt. Der lehmige Boden klebt an den Schuhen und der Geruch des Waldes und des Regens liegt in der Nase. Ja, selbst die Kühle und die Nässe des Regens zeigt einem die Lebhaftigkeit der Natur. Vermutlich lässt sich das als Mensch aus der Stadt, der die Natur nur noch von den Pflanzen im Topf her kennt, genießen. Wer hier lebt, dem fällt es womöglich gar nicht so sehr auf, aber für mich ist es eine Expedition der Sinne.

Ich kam zu der Stelle, wo ich am Morgen umgekehrt war und folgte dem Ufer noch ein wenig. Zu sehen war nichts, außer den abgestorbenen Bäumen, die sich häuften. Ich nahm die letzte Probe und markierte die Flasche. Ein wenig ambivalent kam ich mir vor, denn ich hoffte, dass sich in einer der Proben etwas finden lassen würde und gleichzeitig wünschte ich es mir nicht.

In der Hütte brannte Licht und ich freute mich schon auf ein wärmendes Feuer und eine Suppe. Als ich die Tür öffnete, roch es jedoch nicht nach Essen. Tom lag auf der Couch, er röchelte leise im Schlaf. Ich entledigte mich der nassen Kleidung, warf mir eine Decke um und setzte mich vor den warmen Kamin, bis mir die Augen zufielen.

Der alte Mann (Teil eins)

In dem Laden hatte man mich gewarnt. Ich hatte anhalten müssen, um nach dem Weg zum Grundstück meines Großvaters zu fragen. Der Verkäufer sah mich ungläubig an und verstand nicht, warum ich da hin wollte. Er meinte, dass der alte Mann die gesamte Zeit über mürrisch sei und niemand gern bei ihm sein würde, weil er niemanden bei sich haben wollte. Ich verschwieg, dass es sich um meinen Verwandten handelte und setzte mich wieder in meinen Jeep, nachdem ich den Weg erfahren hatte. Durch den Stopp konnte ich noch ein wenig frisches Brot und ein großes Stück Gouda kaufen. Das ist so eine Art Urlaubsproviant für mich. Sobald mich der Hunger überkommt, breche ich mir ein Stück Brot ab und esse dazu ein wenig Käse. Mehr braucht es nicht. Wir vergessen das nur zu gern, weil wir gewohnt sind, immer tausend Dinge im Kühlschrank zu verstauen. Es kommt uns gar nicht merkwürdig vor, dass jeder Haushalt über einen oder mehrere solcher Geräte verfügt, als hätten die Menschen früher nicht auch gewusst, wie man Essen so aufbewahrt, dass es einige Tage übersteht. Doch zurück zum Käse, der so köstlich mit frischem Brot schmeckt. Ich würde womöglich irgendwo noch einen Halt machen und ein paar Bissen davon essen, denn mit leerem Magen wollte ich dem alten Herren nicht gegenüberstehen.

Es ist schon gut zwei Jahrzehnte her, dass wir uns das letzte Mal sahen. Es war die Beerdigung von Oma und kurz darauf waren wir überrascht, als er aus der Wohnung ausgezogen war. Er hatte es niemandem mitgeteilt und wir vermuteten, dass er in jene Hütte gezogen war, die schon seit ein paar Generationen in Familienbesitz war. Wir hatten mal einen Urlaub darin verbracht. Ich erinnere mich noch, wie ich heimlich am Bier nippte, weil mein Vater es nicht ausgetrunken hatte. Der ekelhafte Geschmack von damals ist mir noch heute bekannt und eine bessere Vorbeugung es zu trinken hätte es nicht geben können. Ich kam an den See und sah die Hütte. Keine zwei Minuten später stand ich an der alten Holztür und klopfte an, doch es war kein Geräusch zu vernehmen. Ich ging zurück zum Auto und griff nach meinem Einkauf. Am Ufer würde ich mir ein köstliches Mahl bereiten, solange ich auf wartete. Auf dem See dann erblickte ich ihn. Er angelte in einem Holzboot. Vermutlich wusste er längst, dass ich hier war. Den Wagen konnte er kaum überhört haben. Also brauchte auch ich nun nicht nach ihm zu rufen oder wild zu winken. Hier würde ich auf ihn warten.