Drehverschluss

Ich kniete vor der Flasche Rotwein. Sie hatte einen Verschluss aus Kork und alles was ich zum Öffnen fand, war der silberner Abklatsch eines Schweizer Taschenmessers. Es war das Werbegeschenk der Firma, in der meine Mutter arbeitete. Ich nickte dem silbernen Griff zu: „Glück auf!“

Der Korken ließ sich wunderbar leicht herausziehen, da musste ich schon ganz anders kämpfen, nachdem ich früher von all den Drehverschlüssen verweichlicht worden war. Okay, der Drehverschluss war nur die Spitze des Eisbergs eines Menschen, der in einer Gesellschaft lebt, die keinen Finger mehr rühren möchte, aber sich über Schmerzen des Körpers beschwert, der keinen Muskel mehr trainieren muss, außer jenen im Daumen.

„Deutschland schafft sich ab“, meinte Sarrazin, aber in Wahrheit schafft sich eine bequem gewordene Gesellschaft ab, die sich auf einen Porno einen abwichst und denkt, damit Sport betrieben zu haben. Machen wir uns nichts vor: Wir vergessen unsere Körper natürlich zu bewegen. Wir laufen zumeist in bequemen Schuhen und tragen Klamotten, die unseren Wärmehaushalt regulieren. Und würden wir dies nicht tun, so hielten wir uns noch immer in geheizten oder gekühlten Räumen auf.

Unser Menschsein hat sich gewandelt von einem Wesen, das sich viel bewegt und sich den äußeren Einflüssen aussetzt zu einem Wesen, das allein vor seinem Bildschirm sitzt oder liegt und darauf starrt. Wir schaffen uns nicht durch die Menschen ab, die zu uns kommen. Wir schaffen uns dadurch ab, dass wir nicht mehr leben. Wir könnten jeden Tag mit Menschen verbringen, die uns mögen und die wir mögen-. Stattdessen suchen wir auf einem Bildschirm in unserer Hand nach einem Gesicht, das uns gefällt und erregt – mit dem wir vögeln wollen.

Den Wein habe ich geöffnet bekommen und in ein passendes Glas gegossen. Sein Wert sollte nicht nach seinem Verschluss bestimmt werden, aber dieser war seinen Korken wert.

Von Glühwürmchen und Fröschen

Als ich eben auf dem Heimweg überlegte, was ich der jüngsten Tochter meiner Mitbewohnerin zu ihrem vierten Geburtstag schenken könnte, kam mir die Idee einer Geschichte, die ich hier gern auch noch veröffentlichen werde. Es ging dabei um einen ganz besonderen Frosch, welcher ausgegrenzt wird, weil er eine besondere Eigenart hat. Jene Eigenart ist dann am Ende natürlich die Rettung für alle Frösche und so finden sie zusammen und lernen mit den Unterschieden und Besonderheiten umzugehen. Ich hatte die Geschichte fast fertig durchdacht, da quakte es neben mir, als wollten man mir zustimmen. Ich ließ meine Gedanken zu der Geschichte ruhen und ebenso mein Rad rollen, als mich von links zwei grüne Punkte anleuchteten. Glühwürmchen warteten dort auf mich, vollkommen ruhig und einfach nur leuchtend. Klar, dass die nun auch eine Rolle in der Geschichte bekommen werden. Es hat mir selbst mal wieder gezeigt, wie wichtig es ist, die Sinne schweifen zu lassen und die Natur wahrzunehmen. Diese kleinen Wunder und Schönheiten, die in jeder Sekunde Teil unseres Lebens sein könnten, wenn wir sie nicht verpassen würden, weil wir Terminen nachjagen oder auf unsere Handydisplays schauen. Ich habe mein Handy dann aber doch gezückt und die leuchtenden Wesen festgehalten. Wer weiß schon, wann ich wieder das Glück habe, ihnen begegnen zu dürfen.
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Gestöber

Schnee ist schon eine eigenartige Sache. Wenn ich bei Kälte von einem Regenguss überrascht werde, dann habe ich keine große Lust, stehen zu bleiben und in den Himmel zu blicken. Doch wenn es schneit, da ist es anders. Da erlaube ich mir doch ein paar Kristalle auf der Zunge zergehen zu lassen. Als die erste weiße Decke auf der Straße lag, machte ich mich nach dem Mittagessen zum Einkaufen auf. Sonst immer per Rad, aber bei dem Wetter keine gute Idee und so wird aus einer halben Stunde eine ganze. Die lohnte sich aber , denn die Schneeschieber und Sand- oder Salzstreuer grüßten mit einem Lächeln und ebenso tat ich es. Das wäre wohl an einem verregnet-grauen Nachmittag sonst nicht der Fall gewesen. Klar, würde man das ganze Jahr den Schnee wegschieben müssen, dann wär das mit dem Lächeln schon anders, dessen bin ich mir bewusst. Aber die Natur hat sich da schon etwas schönes einfallen lassen. Eine dicke Schicht, die für jeden knirscht, der sie betritt. Und eine weiche und rutschige Piste wird auch von ganz allein an jedem Hügel daraus. Oh und mit Pfützenwasser würde man sich wohl kaum so ausgelassen bewerfen oder einen Engel hineinmalen.

Klatschen

Oh, wie wir schrien und lachten. Auf unseren Rädern wollten wir schneller sein als der Regen, der zwar nicht kalt, aber dafür heftig vom Himmel fiel an diesem heißen Sommertag. Ich wusste, dass es noch einige Kilometer bis ins trockne Zuhause sein würden und so fuhr ich einen anderen Weg, an dessen Rand Bäume standen, die uns Schutz boten. Es war matschig und deswegen wohl doch keine gute Idee gewesen, aber ich liebte die Aussicht auf den kleinen und flachen See, die man dafür erhielt. Dir gefiel es ebenso gut, auch wenn du es fast verpasst hättest, weil der Regen wohl zu stark vor deine Augen schlug. Ich hielt an und du mit mir und fragtest, worauf ich warten würde, aber ich wartete nicht, ich hatte nur ein neues Ziel und nahm die paar Meter bis zum See. Dort zerrte ich mir die nassen Klamotten vom Körper und sprang in den See. Das wollte ich schon immer mal machen und ich wurde sogar belohnt, denn das Wasser nahm mich wärmend auf. Ständige Gänsehaut, weil kühle Tropfen, ein Lufthauch oder das warme Wasser einen umgab. Und du? Du warst mir längst gefolgt. Schön, dass du so wunderbar verrückt bist. Eigentlich wärst du es doch gewesen, die zuerst hier reingestürmt wäre. Vielen Dank, dass du mich dieses Mal den ersten Schritt hast machen lassen. Hier schmeckt das Leben intensiver. Vielleicht lag es am Geruch sauberer Blätter und aufgewühlter Erde oder am Klatschen der Tropfen auf dem Wasser, die höher noch als auf einer heißen Herdplatte tanzen und springen. Zu zweit die Ruhe genießen. Zu zweit den Applaus des Regens hören. Zu zweit aneinander geschmiegt den süßen Kuss kosten.

Der alte Mann (Teil sechs)

Das Telefonat war ernüchternd. Keine Fabrik. Zumindest nicht am See. Und auch die Luftaufnahmen um den Teich ließen nichts vermuten. Mein Bekannter sicherte mir zu, etwas über Fabriken in der Nähe der Stadt herauszufinden, allerdings erst morgen.

Ich machte mich auf den Heimweg, denn ich wollte noch um den See wandern und die Proben sammeln. An der Hütte angekommen, traf ich Tom nicht an. Er hatte keine Notiz hinterlassen und sein Boot war am Steg festgemacht. Das gab mir die Möglichkeit, meinen Rucksack mit den Isolierflaschen zu füllen und mir noch etwas Proviant mitzunehmen. Ich musste mich ranhalten, denn so viele Stunden würde es nicht mehr hell sein. Zu meinem Glück begann es zu regnen, als ich die Tür hinter mir schloss. Das lag bereits den ganzen Tag in der Luft, also überraschte es mich nicht, es ließ aber Zweifel in mir aufkommen, ob ich meine Proben nehmen konnte. Das Regenwasser würde die obere Schicht des Sees mit frischem Wasser füllen. Dennoch blieb ich bei meinem Plan und machte mich auf den Weg.

Ich mag das Wandern auch bei Regen. Wenn man die richtigen Sachen dabei hat, dann gibt es wohl kaum einen Moment, an dem man sich mehr mit der Natur verbunden fühlt. Der lehmige Boden klebt an den Schuhen und der Geruch des Waldes und des Regens liegt in der Nase. Ja, selbst die Kühle und die Nässe des Regens zeigt einem die Lebhaftigkeit der Natur. Vermutlich lässt sich das als Mensch aus der Stadt, der die Natur nur noch von den Pflanzen im Topf her kennt, genießen. Wer hier lebt, dem fällt es womöglich gar nicht so sehr auf, aber für mich ist es eine Expedition der Sinne.

Ich kam zu der Stelle, wo ich am Morgen umgekehrt war und folgte dem Ufer noch ein wenig. Zu sehen war nichts, außer den abgestorbenen Bäumen, die sich häuften. Ich nahm die letzte Probe und markierte die Flasche. Ein wenig ambivalent kam ich mir vor, denn ich hoffte, dass sich in einer der Proben etwas finden lassen würde und gleichzeitig wünschte ich es mir nicht.

In der Hütte brannte Licht und ich freute mich schon auf ein wärmendes Feuer und eine Suppe. Als ich die Tür öffnete, roch es jedoch nicht nach Essen. Tom lag auf der Couch, er röchelte leise im Schlaf. Ich entledigte mich der nassen Kleidung, warf mir eine Decke um und setzte mich vor den warmen Kamin, bis mir die Augen zufielen.

Der alte Mann (Teil eins)

In dem Laden hatte man mich gewarnt. Ich hatte anhalten müssen, um nach dem Weg zum Grundstück meines Großvaters zu fragen. Der Verkäufer sah mich ungläubig an und verstand nicht, warum ich da hin wollte. Er meinte, dass der alte Mann die gesamte Zeit über mürrisch sei und niemand gern bei ihm sein würde, weil er niemanden bei sich haben wollte. Ich verschwieg, dass es sich um meinen Verwandten handelte und setzte mich wieder in meinen Jeep, nachdem ich den Weg erfahren hatte. Durch den Stopp konnte ich noch ein wenig frisches Brot und ein großes Stück Gouda kaufen. Das ist so eine Art Urlaubsproviant für mich. Sobald mich der Hunger überkommt, breche ich mir ein Stück Brot ab und esse dazu ein wenig Käse. Mehr braucht es nicht. Wir vergessen das nur zu gern, weil wir gewohnt sind, immer tausend Dinge im Kühlschrank zu verstauen. Es kommt uns gar nicht merkwürdig vor, dass jeder Haushalt über einen oder mehrere solcher Geräte verfügt, als hätten die Menschen früher nicht auch gewusst, wie man Essen so aufbewahrt, dass es einige Tage übersteht. Doch zurück zum Käse, der so köstlich mit frischem Brot schmeckt. Ich würde womöglich irgendwo noch einen Halt machen und ein paar Bissen davon essen, denn mit leerem Magen wollte ich dem alten Herren nicht gegenüberstehen.

Es ist schon gut zwei Jahrzehnte her, dass wir uns das letzte Mal sahen. Es war die Beerdigung von Oma und kurz darauf waren wir überrascht, als er aus der Wohnung ausgezogen war. Er hatte es niemandem mitgeteilt und wir vermuteten, dass er in jene Hütte gezogen war, die schon seit ein paar Generationen in Familienbesitz war. Wir hatten mal einen Urlaub darin verbracht. Ich erinnere mich noch, wie ich heimlich am Bier nippte, weil mein Vater es nicht ausgetrunken hatte. Der ekelhafte Geschmack von damals ist mir noch heute bekannt und eine bessere Vorbeugung es zu trinken hätte es nicht geben können. Ich kam an den See und sah die Hütte. Keine zwei Minuten später stand ich an der alten Holztür und klopfte an, doch es war kein Geräusch zu vernehmen. Ich ging zurück zum Auto und griff nach meinem Einkauf. Am Ufer würde ich mir ein köstliches Mahl bereiten, solange ich auf wartete. Auf dem See dann erblickte ich ihn. Er angelte in einem Holzboot. Vermutlich wusste er längst, dass ich hier war. Den Wagen konnte er kaum überhört haben. Also brauchte auch ich nun nicht nach ihm zu rufen oder wild zu winken. Hier würde ich auf ihn warten.

Ganz sanft

Welch hässliches Ding das ist. Man möchte es kaum anfassen, weil der Ekel emporsteigt, wenn diese fette Raupe sich über das Blatt schiebt und kleine Löcher hineinfrisst. Doch nur wenig Zeit braucht es, bis aus diesem Insekt der schönste Schmetterling wird. Der Ekel ist verschwunden und wird ersetzt von einem neidvollen Blick auf die Schönheit und Freiheit. Man will etwas davon abhaben und greift nach der Freiheit, die in diesen empfindlichen Flügeln steckt.

Mein soll er sein, doch das geht nur über seine Leiche.

Wie viel Glück er doch hatte, als er noch eine unbeachtete und ungeliebte Raupe war. Was ist es nur, das den Menschen dazu bringt, einfach nach dem zerbrechlichen Geschöpf zu greifen, anstatt die Handfläche auszustrecken und sich darüber zu freuen, wenn der Schmetterling einen kurzen Moment des Ausruhens darauf nutzt. So ist es mit den zerbrechlichen Geschöpfen. Wir dürfen nicht nach ihnen greifen und sie damit zerstören. Auch dürfen wir sie nicht aus Angst oder aus Lust an ihnen einsperren. Ihnen gehört die Freiheit und wir dürfen unsere Hände ausstrecken, damit sie uns berühren.