Morgenduft

Die Straßen sind nass und ein leichter Niesel fällt vom Himmel. Gibt es für einen leichten Niesel ein besseres Wort? Also für die wenigen Tropfen, die einen so selten treffen, dass man sich fragt, ob der erste schon getrocknet ist, bis der zweite einen trifft.

Ich schlendere zum Bäcker, denn mein Magen grummelt vor sich hin. Normalerweise ist er um die frühe Uhrzeit entspannt, da ich nur selten frühstücke, aber heute war ihm wohl danach und ich bin kein Unmensch und lasse ihn nicht unnötig leiden. Es sind nur wenige Leute zu Fuß unterwegs, aber die frühmorgendliche Blechlawine schiebt sich bereits durch die Straßen. Hier im Viertel gibt es eigene Regeln: Hier überquert die alte Frau mit einer Höchstgeschwindigkeit von 2km/h seelenruhig die Straße, auf der theoretisch vier Autos nebeneinander Platz hätten, aber die Schienen in der Mitte werden selten von einem Gummireifen berührt. Es stört sich niemand an der alten, ruhigen Lady. Neulich erst sah ich zwischen den Gleisen einen Polizisten stehen. Er regelte nicht den Verkehr, sondern suchte – zehn Meter von der roten Fußgängerampel entfernt – seinen Weg vom Metzger auf die andere Seite zum Streifenwagen. Keine Ahnung, wer diese Ampel überhaupt angefordert hat, sie wird allseits gekonnt ignoriert.

Hinter dem Tresen beim Bäcker steht eine junge Frau, sie fragt, wonach mir ist und ich entscheide mich für ein Brötchen und ein Laugenhörnchen. Ein leichtes Frühstück also. Auf dem Rückweg treffen mich zwei Tropfen fast gleichzeitig am linken Arm. Ein Sturm zieht auf, geht es mich nicht ganz ernst gemeint durch den Kopf. Ich lausche dem klatschenden Geräusch der Schuhe, die auf den feuchten Beton treffen, atme den Duft der Regenluft ein und gehe wenige Meter mit geschlossenen Augen Richtung Heimat.

Zitternde Finger

Da standen wir nun. Das knöchelhohe Gras war ebenso feucht, wie die Luft, die vom Regen gewaschen wurde. Wir blickten auf den trostlos aussehenden Fluss und ich wollte dich nicht aus meiner Umarmung lassen, aus der du dich aber immer wieder befreitest, um mich besser küssen zu können. Dein Hemd war mindestens zwei Knöpfe zu weit geöffnet, doch in meinem Kopf waren es noch zwei Knöpfe zu wenig. Die Zeit war in diesem Moment gegen uns, denn ich würde gehen müssen, würde dich zurücklassen und mich verabschieden. In diesem Moment spürte wir nur uns. Der Nieselregen interessierte nicht, doch er kühlte uns ab, zumindest versuchte er es. Wir berührten uns an den Armen, am Po und dann konnte ich nicht widerstehen und legte meine Hand unter dein Hemd. Du zucktest zusammen, war meine Hand doch zu kalt geworden. Meine Finger zitterten, als sie dich auf diese Weise noch etwas quälten, doch unsere Blicke und der nächste Kuss verrieten mir, dass du es mir nicht verübeln konntest.