Direkte Demokratie…ist nicht so einfach

Ich bin seit jeher ein großer Freund der Demokratie und absolut glücklich darüber, dass ich nur meine ersten sechs Lebensjahre in einem Land verbringen musste, welches seiner Bevölkerung vorgab, wie es zu sein hat und sich nicht von ihm formen ließ. Unsere Demokratie hat Fehler und Makel, manche davon sind groß, andere erscheinen unbedeutend. Manche werden angegangen, andere scheinen nicht angetastet zu werden. Manche Fehler stellen sogar eine Gefahr für unser freies Stimmrecht dar.

Eine direkte Demokratie klingt daher nach der Lösung, um uns vom Lobbyismus und Großkonzernen entfernen zu können, welche sich stark in die Politik einbringen. Interessanterweise haben wir in dem Punkt bereits eine direkte Demokratie, denn wir selbst können uns aussuchen, welche Firmen wir mit unserem Geld unterstützen. Das würde dann auch dazu führen, dass gute Jobs hier in Deutschland entstehen und bleiben würden. Aber… Aber dafür müsste man sich ja informieren. Und überhaupt ist es doch gar nicht möglich, sich von den Großkonzernen, die andernorts Menschen versklaven, zu lösen, weil die ja überall mit drinstecken. Das ist totaler Blödsinn, es braucht nur die Zeit, sich gründlich zu informieren und das Internet bietet eine vorzügliche Möglichkeit dazu. Seien wir ehrlich. Also mal wirklich ganz ehrlich: Wir klicken ein Thema an, das uns interessiert oder missfällt, lesen den Inhalt und die weitere Recherche entfällt entweder ganz oder wir nutzen nur die vorgeschlagen Links für weitere Informationen. Wie oft suchen wir intensiv nach verschiedenen Betrachtungen zu einem Thema? Wie oft diskutieren wir offen mit Menschen, welchen einen gegensätzlichen Standpunkt vertreten?

Das Internet bietet viele Möglichkeiten an. Doch der Mensch geht den Weg des geringsten Widerstandes, selbst bei der Meinungsbildung. Wenn ein Mann schreibt, weshalb eine ganze Generation beziehungsunfähig ist, dann liest man es oder hört zu und nickt dann eifrig mit dem Kopf. Dabei kann dieser Mann schlussendlich nur erklären, warum er selbst nicht fähig ist, eine Beziehung zu führen. Es mögen interessante Ansätze für einen selbst dabei sein, aber für die eigene Unfähigkeit zur Bindung muss sich jeder Mensch selbst befragen. All die alltäglichen Ablenkungen müsste man ausschalten und einen stillen Raum suchen, um zu ergründen, was in uns vorgeht. Und dann kommt die Erkenntnis, dass nicht wenige Leute gar nicht nach einem anderen Menschen suchen, sondern nur nach sich selbst. Für diese Suche braucht es keinen anderen Menschen. Aber ich schweife ab.

Direkte Demokratie kann nur funktionieren, wenn die große Mehrheit bereit ist, sich selbstreflektiert und intensiv mit den aktuellen Themen und Belangen der Gesellschaft zu befassen. Die Menschen müssen bereit sein, Opfer zu erbringen und für diese Opfergabe zu stimmen, damit es allen Mitgliedern dieser Gesellschaft auf lange Sicht bessergehen wird.

Der Mensch ist dazu fähig, die Menschheit könnte es auch sein, aber ich sehe es aktuell nicht. Ich denke durchaus, dass die Mehrheit der Menschen vernunftbegabt und aufgeklärt ist. Aber genügt diese Mehrheit, um bei einer Abstimmung eine sinnvolle Lösung zu wählen? Ich habe ernsthafte Zweifel daran. Unsere Demokratie ist nicht fehlerfrei. Doch anstatt sie ersetzen zu wollen, braucht es nur mündige auf aufgeklärte Bürger, die sich beteiligen.

Schwarz und weiß

Immer wieder, so scheint es mir, stolpere ich über die falsche Denkweise, zu meinem Glück bemerke ich es und kann daran arbeiten. So oft bewerte ich Situationen oder Aktionen als richtig oder falsch und ordne dementsprechend das Handeln der Menschen ein. Das führt dazu, dass ich mich selbst zum Opfer mache, wenn ich gekränkt werde, denn die Kränkung der anderen Person war falsch. Die andere Person ist der Täter. Was jedoch zeichnet einen Täter aus? Ist es nicht die Eigenschaft, etwas absichtlich zu tun? Können die Kränkungen, die mir im alltäglichen Leben von freundlich gesonnenen Menschen „zugefügt“ werden wirklich in böser oder schädlicher Absicht passieren?

Das sind Gedanken, die mir neulich während einer Buchpräsentation fast direkt vom Vortragenden gestellt wurden und auch wenn es direkte und gewollte Kränkungen gibt, zum überwiegend großen Teil finden sie nicht aus böser Absicht statt. Mein Gegenüber ist somit kein Täter. Ich bin damit kein Opfer. Die Kränkung war kein absichtlicher Vorgang. Lasse ich mich kränken und mache ich mich damit zum Opfer, so ordne ich mich selbst niedrig ein. Und gleichzeitig stelle ich mich moralisch über jenen, den ich als Täter einordne. Wer ist in dieser Situation noch Täter und Opfer?

Ich kann mir vorstellen, dass einige Leser dieses Textes gerade selbst in so einer Situation sind und sich angegriffen fühlen. Darum geht es mir nicht. Ich sage nicht, dass ihr euch nicht verletzt fühlen dürft oder dass ihr selbst schuld seid. Ich schließe mich da voll und ganz jenem Redner des Vortrags an, der erklärte, dass wir gesellschaftlich ein Schwarz-weiß-Denken etabliert haben, welches in Täter und Opfer aufteilt. Wir sind aber doch mehr als nur ein Computer, der lediglich mit Nullen und Einsen arbeiten kann. Es wird in absehbarer Zeit auch weiterhin Kränkungen geben. Manche davon werden absichtlich geschehen, die meisten jedoch unbeabsichtigt und sogar in der Absicht nicht verletzen zu wollen. Dessen müssen wir uns bewusst werden. Ich versuche es.

Ich wünsche euch einen schönen Start in die Woche.