Bücherleben

Ich mag den Geruch von Büchern. Nein, nicht von allen Büchern. Manche tragen kalten Rauch an sich, das ist nicht so meins, obgleich mir die Verbindung zu passen scheint. Ich habe gar einen gewissen Hang dazu. Früher waren die Bücher noch in Leinen gebunden und der Name hineingepresst. Heute hingegen tragen sie eine schön verzierte, glänzende Oberfläche, die keine Vertiefungen aufweist. Schon interessant, was sich da für Parallelen finden, denn die Schalplatten wären ohne ihre Vertiefungen nichts wert, moderne Musikspieler hingegen glänzen, nachdem man sie aus der Tasche zieht und die Fingerabdrücke abwischt.

Ein wenig traurig wird es mir, wenn ich daran denke, dass die Hülle so wichtig scheint. Das Buch bleibt verschlossen. Der ganze Aufwand, damit sie sich voneinander unterscheiden, aber tatsächlich sehen sie alle gleich aus. Also war es doch besser, als es nicht nach dem Äußeren ging oder? Ich will gar nicht wissen, welches Cover man dem „Werk“ eines österreichischen Möchtegern-Künstlers und Bücherverbrenners gegeben hätte, damit es lammfromm daherkommt.

Die neuen Bücher können aber zumindest noch Eselsohren und Knicke bekommen und auch den Geruch tragen sie noch. Auch das scheint sich zu ändern. Kennt ihr das, wenn ihr ein Buch in die Hand nehmt und die immergleiche Stelle aufschlägt, weil sie dem Leser so wichtig und so wertvoll war? Wie manche Seiten vergilbter sind als andere? Wie sich ein Rand vom Inhalt einer ausgelaufenen Flasche abzeichnet? Die ganz neuen Bücher kennen das nicht. Die sind einfach kaputt, wenn im Rucksack neben ihnen etwas ausläuft. Ansonsten aber bleiben sie wie am ersten Tag. Perfekt sind sie, zumindest oberflächlich und geruchsneutral. Ich verteufle sie nicht, es ist ja nicht ihre Schuld. Um sie auszulöschen, genügt ein Knopfdruck.

Die Bücher von heute sollen perfekt sein. Der erste Blick entscheidet und vielleicht wirft man virtuell einen Blick in ihr Innerstes und stellt sie dann wieder beiseite. Ein paar wenige Klicks und man glaubt zu wissen, worum es in dem Buch geht. Man ist ja auch zu beschäftigt damit die eigenen Seiten zu beschriften oder schöne Bilder für das eigene Cover bearbeiten.

Perfektion

Er bewunderte seine Mutter dafür, dass sie so spät nach Hause kam und dennoch jeden Tag alles putzte. Das Bad war danach immer so weiß und perfekt. Das war sein Anspruch. Als er auszog, versuchte auch er alles weiß und perfekt zu halten. Seine Wohnung war aufgeräumt, die Wände weiß und die wenigen Schränke ordentlich sortiert und mit einem Glasfenster verschlossen, denn so konnte nichts verstauben. Doch diese äußerliche Perfektion genügte ihm nicht. Er selbst musste makellos sein und so setzte er all sein Streben daran, heller und weißer zu strahlen und fehlerfrei zu werden.

Jeden Tag überprüfte er sich und seine Taten und jeden Tag merzte er Dinge aus, die nicht richtig waren. Als perfekter Mensch würde er wie jene Modelle auf den Magazinen sein und alle Welt würde ihn lieben. Und die Menschen lernten ihn kennen, und fanden ihn perfekt. Er besaß keine Kanten, an denen man sich stoßen konnte, war in allen Belangen ein guter und rechter Mensch. Doch keiner der Menschen war gern mit ihm zusammen, sie hatten Angst, dass man ihre Fehler neben ihm entdecken könnte. Die Einsamkeit traf sein Herz und er zog sich in seine perfekte Welt zurück.

Jahre später sagt das kleine Kind zu ihm, dass es in der Ecke staubig sei. Es ist ein Reflex, dass er zum Tuch greift, um den Staub wegzuwischen. Dann hält er inne. Nein, das hat er schon vor Jahren aufgegeben. Dann ist die Ecke eben staubig. So ist es eben, wenn hier jemand lebt. Er nimmt das große Tuch und lässt es über den Kopf des Kindes fallen. „Du darfst es gern wegwischen, wenn du magst.“, doch das Kind mag sich viel lieber unter dem Tuch verstecken.