Von vorn

Der Geruch von verbranntem Holz stieg mir in die Nase und ich genoss es. Das Haus, in dem ich aufgewachsen war, brannte runter, weil ich es angezündet hatte. So stand ich in der hell erleuchteten Nacht vor dem alten Haus, bei dem ich immer aufpassen sollte und nie eine Kerze anmachen durfte. Ich hatte mehr Hitze erwartet, aber die Kälte der Nacht nahm mich ein und ich sah meinen Atem beim Ausatmen. Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen schossen. Diese verflucht alte Haus, es hatte keinen Wert, aber es war mein Erbe gewesen. Was hätte ich Besseres damit anstellen können, als es anzuzünden.

Als ich es vor einer Stunde zum ersten Mal seit Jahren wieder betreten hatte, bedrückte es mich. Ich setzte mich an den Tisch, der mitten im Raum stand. Alles war stickig und staubig und es kam mir vor, als würde das Haus mich erdrücken wollen. Ich versuchte es mit Sentimentalität, aber die kam einfach nicht auf. Es war einfach nur kalt in mir in diesem Haus. Ich hatte im Bus noch Spiritus und Grillkohle gefunden und betrachtete den Moment als perfekt, um damit ein großes Feuer zu entfachen.
Ich schritt ums knacksende Haus und sah nur die kahlen Felder und die ebenso fahle Wiese direkt am Haus. Hier hat doch nie wirklich Leben stattgefunden, dachte ich mir und überlegte, was ich mit dem Grundstück nun anstellen sollte. Ich las mal was von einem Typen, der ein riesiges Areal wieder bewaldet hatte. Das klang doch nach einer Aufgabe für mich. Ein Baumhaus würde ich nicht mehr hinbekommen, dafür fehlten mir die Lebensjahre bzw. die jetzt schon großen alten Bäume. Aber vielleicht würde es die nächste Generation ja zu einem Baumhaus schaffen.
Ich würde mir am Bach ein kleines, neues Haus bauen. Ich hätte das alte nicht abbrennen müssen, zugegeben, aber anders wäre der Schnitt nicht gegangen. Immer wieder hätte ich die ermahnende Stimme aus dem alten Holz gehört, wie ich mich zu verhalten hätte und was ich im Leben noch erreichen müsste. Ich konnte die Stimme nicht anders zum Schweigen bringen, als komplett mit ihr zu brechen bzw. sie eiskalt abzufackeln und es tat verdammt gut. Die Flammen schrien die alte Stimme zugrunde.
Ich brauchte so viel Land gar nicht. Und ich merkte, dass der Wald mir die liebste Idee war, ich teilte meinen Raum mit der Natur, ich gab ihn ihr wieder zurück, nachdem wir jahrzehntelang auf die Erde eingedroschen haben. Wir rissen sie auf, gruben sie um und ließen nichts auf ihr stehen. Wofür all das? Wer braucht so viel Land und wozu braucht man es? Ja, ich kenne die Antwort: Man braucht so viel Land, um damit Gewinne zu erwirtschaften, die man investiert. Also für die Zeit, in der es mal nicht so gut geht. Aber diese Zeit haben wir nie erlebt. Es gab immer genug und erst jetzt kam es mir so vor, als würde es hier keinem mehr gut gehen. Um das zu ändern, brauchte es kein weiteres seelenloses Getreidefeld. Es brauchte einen schönen Wald und die frische Luft, die er spendete. Es wurde Zeit erwachsen zu werden.

Regelwerk

Ben stand vor der Mauer und betrachtete sie. Seine gedachte Abkürzung durch den Friedhof sollte durch das alte Gemäuer zu einer Verlängerung werden. Er fragte sich: Warum bauen wir Mauern um einen Friedhof? Warum halten wir uns überhaupt an diese Mauern, hätten wir früher so etwas nicht einfach erklommen wären weitergelaufen, also mit Früher meine ich die Zeit bevor man Mauern baute. Die Zeit, in der man einfach durch die Natur schritt und einen Baum hochkletterte, sprang und lief und nicht im Bürostuhl Haltungsschäden bekam.

Ben blieb stehen. Er war sich unsicher, ob er gegen das Gesetz verstoßen sollte oder den Umweg gehen würde. Es war nicht richtig und ein Friedhof ist doch was Heiliges. Das geht einfach nicht. Oder doch? War diese Mauer und das Nicht-Erklimmen nicht vollkommen willkürlich? Was soll es denn. Er setzte den Schuh auf den gewundenen Absatz und konnte dadurch mit den Händen die obere Plattform der Mauer greifen. Mit viel Schwung kam er nach oben und setzte sich, um den neuen Blickpunkt wahrzunehmen. Er sah einen Typen im grünen Blaumann, der in seine Richtung kam. „Das geht nicht“, schrie dieser. „Doch, das geht“, rief Ben fröhlich lächelnd zurück und sprang zur anderen Seite herunter. Das Gefluche des Gärtners ließ er hinter sich und ging weiter Richtung Stadt.

An der nächsten Ampel holte ihn sein Gedanke wieder ein: Warum halten wir an einer Ampel an? Warum befolgen wir diese Regeln einfach? Er blickte nach links und nach rechts und es kam kein Auto. Er wollte losgehen und bemerkte die kleine Person neben sich. Da stand ein kleiner Junge mit seiner Mutter und die warteten ganz brav. Sollte Ben sich in die Erziehung des Jungen einmischen? Wäre er mitverantwortlich, wenn der kleine Kerl bei roter Ampel auf die Straße ging und von einem Auto erfasst würde. Ben beschloss die Ampel zu beachten und ärgerte sich dennoch über diese in die Luft geschriebenen Gesetze, die wir einatmen und denen wir uns unterwerfen. Von wegen Freiheit.

Es machte ihm zu schaffen und irgendwie schien die Freude verloren gegangen zu sein und die Welt mit ihren Regeln hängte sich schwer an seine Schultern und zog diese gen Boden. Er kickte einen Stein am Boden von sich weg und traf damit einen Mülleimer. Er war drauf und dran auch gegen diesen zu treten, bis er bemerkte, wie prall gefüllt jener war. Er blickte sich um und sah keinen weiteren Müll, nur diesen perfekt platzierten. Noch so eine Regel. Und plötzlich lachte er los. Na die waren gar nicht so schlecht, wenn sie dazu führten, dass der blöde Müll nicht überall rumliegt und ihm seinen schönen Weg zerstört. So ist das wohl mit diesen Regeln. Über eine Mauer wollte er aber dennoch gern mal wieder klettern oder eine rote Ampel hinter sich lassen.

Hamsterrad

Es war einmal in einer kleinen Stadt mit dem Namen Hamsterdam. Dort lebte der junger Hamster Retsmah, der wie alle anderen jungen Hamster auf die Schule ging, um seinen Laufstil zu perfektionieren und um die Statik zu erlernen, damit er bessere Räder entwerfen könnte. Da er immer sehr wissbegierig und talentiert war, gehörte er bald zu den Besten in seinem Jahrgang.

In seinem Studium lernte er dann einen Professor kennen, der vorschlug, auf Räder zu verzichten und über eine lange Bahn zu laufen, womöglich eine Rundstrecke. Die anderen Hamster auf der Uni schüttelten nur den Kopf und lachten den Professor für seine wahnwitzige Idee aus. Retsmah jedoch war hellauf begeistert und traute sich zum ersten Mal in seinem Leben darüber zu sprechen, dass man auf das ständige Laufen im Kreis verzichten könnte, und man stattdessen die Räder nutzen könnte, um darauf zu fahren, was viel bequemer wäre und die Hamster aus Hamsterdam herausführen könnte.

Retsmah und sein Professor tüftelten einige Semester an ihren Konstruktionen und stellten sie der versammelten Hamsterheit vor. Während ihres Vortrages gingen die meisten Zuschauer mit schüttelnden Köpfen. Andere standen nur peinlich berührt und schweigend um die wahnwitzigen Ideen abzutun. Aber ein kleiner Hamster in der ersten Reihe hörte gespannt zu und träumte davon, wie er eines Tages in einem solchen Gefährt sitzen und die Welt kennenlernen würde. Retsmah und der Professor waren gescheitert, aber ihre Idee lebte fort.