Verregnet

Auf dem Weg zur Post, freute ich mich, an meine Regenjacke gedacht zu haben, denn die bisher leichten Nieseltupfer, die die Haut sanft kühlten, verwandelten sich in immer größer und schwerer werdende Tropfen. Der Weg war recht lang und so kam ich mit durchnässter Jeans in der Poststation an. Die Haare hingen mir nass im Gesicht und so schob ich sie zur Seite. Es war nur eine Büchersendung, die aber tatsächlich niemals in meinen Briefkasten gepasst hätte. Am Ausgang hielt ich kurz inne, um zu überlegen, ob ich noch schnell beim Bäcker vorbeischauen sollte, der nur hundert Meter die Straße entlang war. Es war zwar die falsche Richtung, aber ein paar frische Brötchen waren es allemal wert. Es klingelte, als ich den Laden betrat und vor mir standen noch einige andere Leute an. Ganz vorn war eine ältere Dame, die unschlüssig war, was sie nehmen sollte, doch mein Blick fiel auf die Person vor mir. Als erstes war mir der geschorene Kopf aufgefallen, doch dann drehte sich das Mädchen um und offenbarte mir ihre Schönheit – jedes lange Haar hätte dieses Gesicht nur versteckt. Sie blickte mich direkt an und lächelte, da wurde mir klar, mit welch blödem Gesichtsausdruck ich sie wohl angestarrt haben musste und grinste zurück. Auf der Suche nach einem Satz, um sie anzusprechen, brachte ich ein „Ganz schön nass, hm?“ hervor und sie nickte nur, wohl in Erwartung, dass noch mehr kommen würde. Davon abgesehen, dass ich ein Prädikat vermisste, um es als Satz zu bezeichnen, suchte ich nach einer neuerlichen Art, sie ansprechen zu können. Holte mehrmals Luft und stockte dann doch. Sie bestellte vier Brötchen und zwei Hörnchen, verabschiedete sich freundlich vom Verkäufer und ließ mich vorrücken. Ich blickte zum mit wohl bekannten Bäcker und wollte gerade bestellen, da hörte ich von links ihre Stimme „Versuch es doch nächstes Mal einfach mit einem Hallo.“ Daraufhin verließ sie die Bäckerei und ich blickte wieder zum Verkäufer, der auf meine Bestellung wartete. Ich nahm ein Brot und drei Brötchen. Während ich wartete, fragte ich den Mann, ob sie häufiger hier einkaufe. Er blickte verwundert drein und hakte nach: „Die mit dem schiefen Zahn, der merkwürdigen Nase und den Stoppeln auf dem Kopf?“, und ich erwiderte: „Das Mädel, das vor mir dran war.“ Er schüttelte verneinend den Kopf und verlangte das Geld von mir. Ich suchte mein Portemonnaie, doch fand es nicht. Vermutlich hatte ich es bei der Post liegen lassen. Ich entschuldigte mich und machte mich auf die Suche, doch ich fand es nicht. So stapfte ich nach Hause. Der Regen prasselte immer weiter auf mich ein und die Jeans klebte an meinen Beinen. Mir kam eine Joggerin entgegen. Sie hatte sich richtig angezogen, mit ihrer kurzen Hose und dem kurzen Hemd, denn sie schwitzte nicht, in einer Regenjacke oder spürte den kalten Schweiß an sich herablaufen. Das war heute ganz offensichtlich nicht mein Tag, erst bekomme ich keinen gescheiten Satz heraus, dann verliere ich mein Portemonnaie und nun schleppe ich mich mit leerem Magen durch den Regen. Endlich Zuhause angekommen, saß auf der Treppe vor dem Haus, geschützt durch das Vordach, jenes Mädchen aus der Bäckerei. Sie lächelte mich an und hielt mir jene braune und lederne Tasche entgegen, die ich verloren geglaubt hatte. Sie hatte sie vor dem Posteingang gefunden. Als sie mein Gesicht auf dem Personalausweis sah, überlegte, ob sie sie mir bringen sollte, aber dann hätte ich wohl wieder nichts heraus bekommen. Also beschloss sie, bei mir auf mich zu warten und sich zum Frühstück einzuladen, sie hätte ja eh für zwei Personen eingekauft.

Schockstarre (5)

Es gab dann noch einige andere Anrufer, so dass Karl und ich erst spät zum Mittagessen gingen. Als ich ihm von letzter Nacht berichtete, war auch er überrascht und wunderte sich über die nächtlichen Gestalten. Gerade, dass abermals Spuren zu sehen waren, fand er höchst merkwürdig und mir ging es nicht anders. Wir überlegten, ob man die Polizei rufen sollte, damit die das Blut untersuchen könnten, aber uns wurde schnell klar, dass das nur in einem Fernsehkrimi einen Erfolg bringen würde.

Ich verabschiedete mich nach dem Essen von Karl und ging früher nach Hause, denn ich war von der kurzen und unheimlichen Nacht geschafft und wollte mich ein wenig ausruhen. Ich hatte eh einige Überstunden angesammelt und Karl würde Schicht auch allein überstehen. Der Himmel war tief grau und so wunderte es mich nicht, dass es heftig zu regnen begann und sich Blitz und Donner dazu mischten. Die Spuren waren fast weggewaschen, als ich Zuhause ankam. Ich klappte das Fenster im Wohnzimmer an, lauschte dem Regen, der gegen die Scheibe klopfte und fiel in einen tiefen Schlaf.

In meinem Kopf stand ich draußen auf der Straße und es prasselte auf mich hernieder. Ich sah zu meiner Wohnung empor, welche leicht von einer Kerze erhellt schien, denn das Licht flackerte. Ich hörte ein regelmäßig klatschendes Geräusch und verstand erst, dass es das Patschen von laufenden Füßen auf dem nassen Gehweg war. Ich sah einen Schatten, der mich streifte und ebenso schnell verschwunden war, wie er auf mich zukam. Mein Blick fiel zu Boden und ich sah rote Fußspuren, die sich erst langsam mit dem Regenwasser vermischten, dann aber färbten sie es immer mehr, bis meine Füße von Blut bedeckt waren. Wieder hörte ich das patschende Geräusch, doch dieses Mal streiften mich mehrere Schatten, aber alle verschwanden ebenso schnell, wie der erste.

Als ich erwachte, war mein Mund trocken und ich schüttelte mich. Leicht verschwitzt klebte mein Hemd an meinem Oberkörper, doch zum Aufstehen fühlte ich mich noch zu verschlafen und verharrte in der Position. Der Regen hatte abgenommen und es duftete nach Frühling. Mein Telefon klingelte und Karo meldete sich. Sie fragte, ob ich heut Abend mit ihr ins Kino gehen wollte und ich sagte zu. Es war eine Vorstellung zu einer Zeit, zu der ich sonst noch auf Arbeit wäre, aber mir war diese Abendgestaltung um einiges sympathischer.

Wie üblich stellte ich mein Handy am Anfang des Films aus, was ich während des Films bereute, da er sich in die Länge zog. Ich entschied mich dagegen, es wieder anzuschalten, denn das Wissen über die Zeit würde ihn kein Stück kürzer machen. Karo lud mich noch auf einen Cocktail ein und es wurde spät, bis wir uns mit lachenden Gesichtern voneinander verabschiedeten.

Regentropfen

Ich höre sie auf das Vordach prasseln und warte einen Moment. Sehe zu, wie sie auf dem nassen Boden aufkommen, dann gehe ich los. Anfangs eile ich noch, versuche so wenig wie möglich durchnässt zu werden, doch jeder Tropfen lastet schwer auf mir und versucht mich zu Boden zu zerren. Mit jedem Schritt scheint mir mein Ziel weiter entfernt und ich ebenso stärker durchnässt. Die Hose klebt nass-kalt an meinen Beinen, die Jacke schützt meine Brust und hält sie warm. Ich habe aufgehört zu eilen, ergebe mich meinem Schicksal und versuche die durchnässte Hose so wenig wie möglich zu bewegen, nur so kann ich die kalte Nässe für kurze Augenblicke vergessen. Die rettende Wärme der eigenen vier Wände scheint unbeschreiblich weit entfernt…

Zitternde Finger

Da standen wir nun. Das knöchelhohe Gras war ebenso feucht, wie die Luft, die vom Regen gewaschen wurde. Wir blickten auf den trostlos aussehenden Fluss und ich wollte dich nicht aus meiner Umarmung lassen, aus der du dich aber immer wieder befreitest, um mich besser küssen zu können. Dein Hemd war mindestens zwei Knöpfe zu weit geöffnet, doch in meinem Kopf waren es noch zwei Knöpfe zu wenig. Die Zeit war in diesem Moment gegen uns, denn ich würde gehen müssen, würde dich zurücklassen und mich verabschieden. In diesem Moment spürte wir nur uns. Der Nieselregen interessierte nicht, doch er kühlte uns ab, zumindest versuchte er es. Wir berührten uns an den Armen, am Po und dann konnte ich nicht widerstehen und legte meine Hand unter dein Hemd. Du zucktest zusammen, war meine Hand doch zu kalt geworden. Meine Finger zitterten, als sie dich auf diese Weise noch etwas quälten, doch unsere Blicke und der nächste Kuss verrieten mir, dass du es mir nicht verübeln konntest.