Verwünscht

Ich hatte es mir anders gewünscht. Eine naive Hoffnung war es gewesen, die mich nach einem rustikalen Haus in Strandnähe hatte sehnen lassen. Am Telefon erzählte mir die Dame, dass sie genau das richtige Objekt hätte und ich buchte die zwei Wochen am Meer. Kein Mensch scheint Anfang Dezember noch Urlaub zu haben und so war die Miete niedrig. Das Häuschen jedoch war nicht das, was ich erwartet hatte. Es war umgeben von anderen Häusern. Und das Meer, wenngleich ich es doch hören und riechen konnte, es war nicht zu sehen, nicht einmal aus dem zweiten Stock heraus, welcher lediglich das Doppelbett beherbergte.

Es war einfach eingerichtet, so hatte ich es der Dame am Telefon auch gesagt, aber natürlich hatte sie dabei andere Bilder im Kopf als ich. Womöglich empfand sie die Schränke mit dunkelbraunem Furnier als schön, während es mich an das Wohnzimmer meiner Großeltern erinnerte. Ich hatte bereits bezahlt und ich fühlte mich verpflichtet, diese Unterkunft zu nehmen. Ich hätte zudem auch den Weg zu ihrem Büro zurücklaufen müssen und war zu geschafft von der Anreise. Die Bahnfahrt hätte mir wohl gefallen, wären die drei Umstiege nicht gewesen. Bei jedem der Bahnhöfe hetzte ich nur so aus dem Waggon und versuchte schleunigst den Bahnsteig zu finden, an dem der Anschlusszug schon ungeduldig wartete. Mir war es auch unangenehm kalt an den Beinen geworden. Anfangs saß die Kälte nur oberhalb der Knöchel, verteilte sich dann aber beinaufwärts und als ich endlich in diesem kleinen Kaff gelandet war, fröstelte es mich am gesamten Leib. Das kleine Büro fand ich nach einer Stunde des Umherirrens. Die Dame hatte den Schlüssel schon bereitgelegt. Sie bat mir einen Kaffee an, doch ich lehnte ab, da ich mich nicht an den Geschmack gewöhnen konnte. Ich hatte auf einen guten Tee gehofft.

Eine weitere Stunde hatte ich gebraucht, bis ich im Haus angekommen war und draußen war es bereits dunkel geworden. Über meine Entscheidung könnte ich mich morgen noch ärgern, beschloss ich und stellte meinen Rucksack vorsichtig neben dem Bett ab. Im Haus war es kalt. Ich drehte die Heizung auf, während ich mich daran erinnerte, dass ich in meiner Fantasie vor einem Kamin platznehmen würde. Den Klang und den Geruch vom Meer wollte ich noch genießen, bevor ich schlafen ging und so öffnete ich die Tür neben dem Bett und betrat den Balkon. Mein Blick fiel auf die Häuser nebenan. Sie waren klassisch gebaut, während das meinige zwei schräge Dächer besaß, die bis zum Boden gingen. Ein großes Dreieck bewohnte ich und tatsächlich fühlte ich mich damit sehr wohl. „Hallo, geliebtes Meer“, flüsterte ich in den Wind und ergänzte: „Morgen haben wir uns endlich wieder.“

Wo die Welt noch in Ordnung ist (1)

Kennt ihr diese Orte, die einen betrüben? Orte, die nachdenklich machen, weil sie zerfallen sind und kaum jemand sie bewohnt? So einen Ort fand ich, als ich mich mal wieder auf meinen inneren Kompass verließ und statt der Autobahn dieses kleine Kaff ansteuerte, welches früher mal ein gemütliches Touristendörfchen an der See gewesen sein mag, doch mittlerweile nur noch heruntergekommene und baufällige Häuser aufwies. Ein alter Mann blickte mich verkniffen an, er trug einen Blaumann und ein T-Shirt, welches womöglich mal weiß gewesen sein mag. Ich hielt an, um ihn nach dem Weg zu fragen: „Guten Tag, ich habe mich verfahren. Wie komme ich am schnellsten zur Autobahn?“, fragte ich ihn, doch er drehte sich nur wortlos um und ging über die Garageneinfahrt wieder in sein Haus. Ich blieb einen Moment an die Tür meines Autos gelehnt stehen und horchte in die Stille dieses Dorfes. Es war unheimlich ruhig. Ja, wirklich unheimlich. Ich schloss die Augen, um die Geräusche besser wahrzunehmen, doch statt einer inneren Ruhe stellte sich nur eine Paranoia ein, welche mir in den Kopf hämmerte, dass ich vermutlich gerade aus allen Häusern heraus angestarrt wurde und so setzte ich mich wieder in mein Auto und drehte den Autoschlüssel im Zündschloss herum. Das Brummen des Motors hatte mir noch nie so gut gefallen, wie in diesem Augenblick und ich folgte der Straße. Nach gut drei Kilometern fand ich einen verlassenen Freizeitpark. Es gab hier ein zerfallenes Riesenrad und ein paar kleine Häuschen. Diese Zuflucht lag direkt am Meer und nachdem ich meinen Wagen abgestellt hatte, zog es mich als erstes zum Steg hin, der noch immer ins Meer hinauszeigte. Er war aus Beton, seine Beine jedoch zeigten die rötlichen Rostspuren vom Metall. Endlich ein Geräusch, welches ich genießen konnte und so sog ich die frische Luft ein, um meine Nase und meine Lunge von dem ganzen Dreck zu reinigen, den ich tagtäglich einatme. Ich setzte mich ganz vorn an den Steg und schloss meine Augen. Dieses Mal mit dem Gefühl von Freiheit und Frieden. Ich legte mich auf den Rücken, während meine Beine vorn über dem Steg hingen. Das Gefühl für Zeit ging mir verloren, bis ich vom Knirschen der Kieselsteine geweckt wurde. Jemand näherte sich.

Ein Kutter aus Kalkutta. Teil 3 – Die Reise bis Zagreb

Zum Beginn der Geschichte

Pete hörte sich an, was bei mir in den letzten Jahren so abgelaufen war und schwieg, als ich am Ende meiner Worte angekommen war. Dann forderte er mich auf: „Komm mit mir nach Indien!“ Fragend sah ich ihn an und musste loslachen, was nicht lang anhielt, da mir das Gesicht und der Bauch noch zu sehr schmerzten. Doch es war kein Scherz.

Pete hatte einen rostigen VW für zwei Hunderter besorgt. Der sollte uns hinbringen, hofften wir zumindest. Wir fuhren am Abend über Österreich und Slowenien bis nach Kroatien. Zagreb bei Nacht, das ist eine Stadt, die seit Jahrhunderten zu schlafen scheint, wenn man den Lärm der nicht allzu weit entfernten Autos ausblendete. Vielleicht war es auch nur so ein gutes Gefühl, weil die Flucht so leicht gewesen war. Diese Altstadt, die ihrem Namen wirklich alle Ehre machte, war bevölkert von Paaren und einsamen Nachtwanderern, also nichts für Pete und mich. Uns zog es in einen belebteren Stadtteil, in dem wir drei Kroatinnen kennenlernten, die uns über das Wort Krawatte aufklärten und denen wir in eine Diskothek folgen konnten, nachdem sie uns mit jenem Halsschmuck ausgestattet hatten. Wir schliefen bei ihnen in der WG. Pete in einem, ich in einem anderen Zimmer.

Teil 4

Eine Welle von Gefühlen

Habe ich eigentlich mal meine Liebe zum Meer erklärt? Ich glaube nicht und mir ist gerade danach, dies zu tun, vermutlich weil hier den ganzen Tag landunter war. Ich mag es sogar an solch kühlen Tagen, das gute Meer. Einst war es mein Lebensretter, wenngleich ich heute weiß, dass die Krankheit, die ich damals hatte, mich kaum umgebracht hätte, aber wenn man keine Luft mehr bekommt und zudem noch ein Kind ist, dann sieht die Realität anders aus. Das gute Meer, es ist mir bis heute ein guter Freund geblieben, den ich viel zu selten besuche und der mich zum Glück nicht besucht. Ich liebe es gerade an einem kühleren Tag auf dem Sand zu sitzen, in die Wellen zu schauen und die salzige Luft einzuatmen. Ich habe das gute Meer auch einmal trinken wollen und spürte die Auswirkungen davon noch Tage später, mittlerweile genieße ich es einfach, mich von den Wellen hin und her schaukeln zu lassen. Vor einem Jahr war ich mit einem sehr guten Freund in Kroatien und wir fuhren an der Küste entlang. Immer wieder wechselte der Blick vorn aus dem Auto zwischen Felswand und Meer und mir ging es dabei wie einem kleinen Kind, welches sich wundert, wenn die Person gegenüber verschwindet, weil sie sich die Augen zuhält, um dann sofort darauf wieder loszulachen, wenn die Augen wieder auftauchen. Es gibt für mich kaum etwas schöneres, als die Sonne, die über dem Wasser weilt.

Ich weiß noch nicht, was ich zu Weihnachten machen werde, aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann würde ich am liebsten ans Meer fahren. Irgendwo in einer kleinen Hütte sitz ich dann eingewickelt in endlose Schichten von Kleidung, damit ich beim ersten Lichtstrahl aufstehe, um das Erlebnis nicht zu verpassen und mir am ersten Weihnachtsfeiertag irgendwo frischen Fisch zu besorgen. Mir ist schon klar, dass sich Viele auf die Familie zu Weihnachten freuen und dagegen möchte ich auch gar nicht sprechen, aber wenn ich meine Zeit so plane, dann ist das der einzige Zeitpunkt, in der ich noch einmal reise in diesem Jahr und dann würde ich gern ans Meer reisen…vielleicht sollte ich das für das kommende Jahr mal anregen, denn zu Hause brauchen wir nicht zu feiern, solch einen Ort gibt es eh bei meiner Familie nicht. Für mich ist das Meer meine Heimat und auch wenn ich nach meinem Tod nichts mehr mit meiner sterblichen Hülle zu tun haben werde, so hoffe ich doch, dass man mir meinen letzten Willen erfüllen wird und meine Asche über dem Meer verstreut, denn das ist mein Zuhause.