Entwurzelte Blumen

„Kommt mich doch mal besuchen“, sagte sie und ließ uns in der Küche zurück. Wie hätte ich dieser Einladung widerstehen können? Diese ersten warmen Tage im Jahr, sie sind so besonders, weil selbst nach einem langen Arbeitstag noch die Sonne scheint. Mit einem warmen Gefühl im Gesicht radelte ich den Berg zu jenem Haus hinauf, in dessen Garten sie wohl sein musste. Ob sie wirklich da war, konnte ich nur hoffen. Sie wohnte aber gar nicht mehr im Haus, sondern im Baum dahinter, in ihren eigenen vier Wänden, die von Freundes Händen gebaut wurden. Ich war schon länger kein Gast mehr in dem großen Haus gewesen und als ich ankam und nach hinten in den Garten wollte, begegnete ich einem unbekannten Gesicht. „Hallo, was machst du hier?“, fragte es. „Ich möchte Lívia in ihrem Baumhaus besuchen“, erwiderte ich. „Du meinst Janine“, meinte es. Ich nickte und widersprach doch stillschweigend, denn offensichtlich kannte das Gesicht ihren zweiten Namen nicht, wie so viele ihrer Freunde. Das Gesicht nickte mir zu und ich ging in den Garten zum Baumhaus.

Es war noch nicht ganz fertig, aber gerade dadurch konnte ich sie sofort darin liegen sehen. Ich erklomm die Treppe, die meisterlich hingesetzt wurde und musste mich ducken, um nicht an der Decke anzustoßen. Lívia sah mich verwundet an: „Hey, das ist ja ne Überraschung.“ „Ja, du hattest doch gestern eine Einladung ausgesprochen, wie hätte ich da Nein sagen können?“, meinte ich zu ihr. Sie umarmte mich und ließ sich danach wieder nieder. Ich kam auf ihre Ebene, denn so gebeugt war es anstrengend zu stehen. „Das ist es also“, entfuhr es mir und sie gab zur Bestätigung nur ein Mhm von sich und schloss die Augen. Ich bewunderte sie und ihr glückliches Gesicht, welches in orange-roten Sonnenstrahlen glänzte. Offensichtlich tat ich dies so lang, dass sie mich verwundert anschaute und fragte, warum ich sie so anschauen würde. „Du bist wunderschön in diesem Moment, als wärst du vollkommen eins mit dir selbst und der Welt“, gab ich zur Antwort. Sie grinste vor sich hin und hielt abrupt inne: „Du weißt, dass ich einen Freund habe.“ Ich nickte ihr zu und fragte: „Sagst du das gerade mir oder dir selbst?“ „Warum sollte ich es mir selbst sagen?“ „Weil man sich manchmal selbst ermahnen muss, keine Dummheit zu begehen“, erklärte ich und ergänzte einen Moment später: „Als ich vorhin auf mein Fahrrad stieg, sah ich auf dem Feld neben mir eine wunderschöne Blume. Ich hätte sie zu gern an mich genommen und für mich behalten. Aber so darf es nicht sein. Die schöne Blume wäre für meinen Egoismus gestorben und hätte ihre Schönheit verwirkt. Ich muss keine Blume mehr herausreißen, um ihre Schönheit zu bewundern.“ Ich schloss für einen Moment meine Augen und wurde mir bewusst, wie gefährlich der Moment war. Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich die erregte Spannung in Lívias Körper, schüttelte für mich selbst meinen Kopf und verließ sie. Zu vielen Blumen hatte ich schon entwurzelt. Diese nicht.

Frauen haben schwer zu tragen…

Mir fallen in letzter Zeit häufiger Pärchen auf, bei denen er seinen Arm auf ihren Schultern ablegt. Ich frage mich dabei immer, ob das nicht ungemein anstrengend ist, wenn da so ein Arm mitgeschleppt werden muss (ich meine nicht beim gemütlichen Kuscheln auf dem Sofa, sondern beim Spazieren. Ich warte noch auf das Paar, bei dem die Frau größer ist und mal ebenso demonstrativ ihren Arm auf seiner Schulter ablegt. Nun will ich das Verhalten nicht pauschal verurteilen, sondern frage euch Leser, wie ihr das seht. Legt ihr gern den Arm auf die Schulter (beim Gehen) oder wird euch ein Arm auf die Schulter gelegt?

Klack klack

Hallo, ich bin ja schon fast aus den Blogwelten hier verschwunden, so möchte man meinen, aber seht es mir nach. Der folgende Text war meine Einsendung zu einem Schreibwettbewerb von der Bahn und der SZ. Da ich anscheinend nicht zu den ersten zehn gehöre, nehme ich mir die Freiheit, ihn hier zu veröffentlichen. Ich wünsche euch viel Spaß dabei.

Klack klack, klack klack. Mich zogen die alten Bahnwaggons schon immer mehr an, als die neuen, in denen die Welt lautlos vorbeizieht und ich nach Ablenkung suche. In den alten, miefigen Sitzen hingegen fühle ich mich willkommen. Sie sind hart, unbequem und durchgesessen und…gemütlich. Es mag merkwürdig erscheinen, aber wenn ich mal mit den Schnellzügen reise, bin ich immer ganz glücklich, wenn sie überfüllt sind und ich damit das Recht erhalte, mitten in dem engen Einstiegsbereich zu sitzen, ohne dass mich die Leute verwundert anschauen. Hier hört man wieder das Klacken der Räder auf den Schienen und wenn der Zug hält, lassen sich all die Menschen beobachten, die ein- und aussteigen. Ich habe dann die Rolle der Fliege an der Wand inne. Werde kaum wahrgenommen, aber alles im Blick habend, wache ich über die Mitfahrer. Hier habe ich meine Ruhe, wenn ich sie haben will und hier habe ich die tiefgründigsten Gespräche mit Menschen, denen ich sonst niemals begegnet wäre. Es ist ein wenig wie Hamburg, in der an einem Kneipentisch ein Punk und ein Typ im Anzug sitzen und sich unterhalten können. Gut, der Typ im Anzug sitzt eher im Erste-Klasse-Abteil, hat seinen Freiraum und liest eine Zeitung, aber so manch einer eben nicht. So manch einer freut sich über mein freundlich lächelndes Gesicht und setzt sich zu mir, um Kekse und Gummibärchen zu teilen und in dieser kleinen Zeitblase zu sitzen, die nicht von den paffenden Männern in den grauen Anzügen gefunden wird.

Gerade ist es nicht so. Im Moment sitze ich allein auf dem Boden und schaue nach draußen und beobachte die vorbeiziehenden Bäume, die die Felder säumen. Es sind zu wenige von ihnen, das spüre ich ganz genau. Vielleicht brauchen wir wieder mehr Kinder und mit ihnen gepflanzte Bäume, die so wunderbar duften, wenn es regnet. Ich versuche ein Bild von diesen Feldern einzufangen und in meinen Schreibblock zu zeichnen, aber meine Unbedarftheit wird durch das Schaukeln des Züges nicht gerade beiseite gewischt und so schreibe ich einfach meine Gedanken auf, bis da plötzlich dieses eine Mädchen an mir vorbei kommt. Nun ja, Mädchen klingt zu jung, aber ist sie eine Frau? Was ist ein weibliches Wesen zwischen 20 und 30 Jahren eigentlich? Dieses hier ist schön, mit ihrem breiten Grinsen und ich erwidere die freundliche Geste, als sie sich mir gegenüber mit dem Rücken an der Wand herunterrutschen lässt. Einige braune Locken fallen ihr dabei ins Gesicht und über die Sonnenbrille, die sie geschickt nutzt, um ihre Haare wieder auf dem Kopf zu bändigen, indem sie sie nach oben schiebt. Sie kramt in ihrem Rucksack herum und außer ein paar Blicken tauschen wir nichts aus, bis sie irgendwann seufzend zur Ruhe kommt. „Ich hätte Tee und Kekse dabei“, rutscht es mir heraus, denn es erscheint mir nur logisch, dass sie danach sucht. Sie blickt mich ein wenig unschlüssig an und erwidert: „Nein, danke.“

Ein kurzer Moment der Stille setzt ein, aber so wirklich ruhig ist es nicht, denn der Zug klackert fröhlich vor sich her. Mir wird klar, dass solch ein Angebot natürlich nur dann ankommt, wenn es entsprechend präsentiert wird, zumal wir uns ja nicht einmal kennen, aber ich gehöre nicht zu den Menschen, die glauben, dass die ersten zehn Sekunden schon alles ausmachen und wenn es doch so sein sollten, dann bestanden diese ersten zehn Sekunden ja aus den breitgrinsenden Blicken von uns, so schlecht sah es also gar nicht aus und ich griff in meine blaue Schultertasche, die ich mir einst in einem Armee-Shop gekauft hatte. Schon merkwürdig, wenn man den Frieden wünscht und solch einen Laden betritt, aber die Tasche besaß die perfekte Größe und war angenehm leicht. Kein perfekt gestyltes Markenprodukt. Und sie bot genug Platz für die leckeren Schokoladenkekse und die Thermoflasche mit Rooibos-Vanille-Tee, dessen süß-sanfter Geruch sich sofort verbreitete, als ich sie öffnete. Ich knabberte dazu an einem Keks und tat für einen Augenblick so, als wäre ich allein in meiner Welt. Dann irgendwann sah ich wieder zu meiner gelockten Sitzpartnerin, sie blickte mich kurz an und sah für einige wenige Sekunden weg, bevor ihr Blick wieder zu mir und den Keksen glitt. „Also, das Angebot mit den Keksen steht noch“, sagte ich lächelnd, denn ich war mir sicher, dass ihre Antwort nun eine andere sein würde. Sie nickte nur und ließ sich einen Keks reichen.

Ihr Name war Leila und sie war, wie ich, auf dem Weg nach Freiburg. Als sie ihren Namen nannte, schoss mir sofort ein „you got me on my knees“ durch den Kopf und ich war kurz davor, es auszusprechen, besann mich jedoch eines besseren, denn die Sprüche, die sich auf ihren Namen bezogen, dürfte sie alle schon kennen und damit war weder Blumentopf noch ein weiteres, herzliches Lachen zu gewinnen. Stattdessen lenkte ich meine Aufmerksamkeit auf unser gemeinsames Ziel. Ich kannte Freiburg nur von Erzählungen und befand mich auf dem Weg zu einem befreundeten Pärchen, welches vor kurzem in jene Stadt gezogen war, von der ich so viel Schönes gehört hatte. Leila lebte und studierte dort. Sie begann gerade von der Stadt zu schwärmen, als sich neben uns die Tür zum Abteil öffnete und der Schaffner zu uns stieß. Ich bemerkte sofort eine krasse Veränderung Leilas. Man musste kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass sie schwarzfuhr. Ich wurde schon oft gefragt, warum ich so gern Theater spiele und meine inoffizielle Antwort ist „für solche Momente“, denn ich begann sofort, mich extrem panisch zu verhalten, sprang auf, stieß den Mann in der blauen Uniform gegen die Wand und begann in das Abteil hinter ihm zu rennen, wohlwissend, dass er die Verfolgung aufnehmen würde. Einen Plan hatte ich natürlich nicht, aber ich verzage nicht und sehe dadurch die kleinen Zeichen, die einem der Himmel sendet. In diesem Fall war es ein sehr auffälliges WC-Symbol. Ich steuerte direkt darauf zu und schloss hinter mir ab, noch ehe der Schaffner mich erreichte. Mir blieben nur wenige Sekunden, bevor der gute Mann die Tür von außen aufsperren würde, in denen imitierte ich Würgegeräusche und betätigte die Spülung, als die Tür sich öffnete.

„Es tut mir leid, das muss die verdammte Paella gewesen sein“, sagte ich völlig unschuldig schauend. Der Kontrolleur ging darauf nicht ein und verlangte meine Karte zu sehen, die ich wild tastend schlussendlich und zu seiner Überraschung in meinem Portemonnaie fand. Ich entschuldigte mich abermals bei ihm, dass ich ihn angerempelt hatte, aber es wäre nicht bös gemeint gewesen. Mit Sicherheit wusste er, dass ich log, aber von dem Rempler abgesehen, hatte ich mir nichts zuschulden kommen lassen. Der Zug hielt und er ließ mich zurück zu meinem „Platz“ gehen. Ich hoffte darauf, Leila zu sehen und mit ihr kichernd über die Situation reden zu können, aber natürlich wartete allein meine Schultertasche auf mich. Leila war verschwunden. Vermutlich ausgestiegen oder sie hatte sich irgendwo versteckt. Ich hatte sie verloren und dann doch noch gefunden, denn ich folgte dem kleinen Zettel in meiner Tasche, auf dem „Schlossbergsteg um 22 Uhr“ stand.

Morgenröte

Eigentlich wollten wir uns ja extra den Wecker stellen, aber wer mag schon am Wochenende das nervige Summen hören und wussten wir denn, was der frühe Morgen für uns bereithalten würde? Es hätte ja auch regnen können, wobei das durchaus schön gewesen wäre. Oder einfach nur grau und neblig, das war nun wirklich nichts, wofür man sich wecken lassen stellen sollte. Du hattest vermutlich die gleichen Gedanken und so war es unsere stille Übereinkunft, auf den Wecker zu verzichten.

Stattdessen war es mein Durst, der mich in der letzten Dunkelheit der Nacht aus dem Bett quälte. Du ließest dich nicht davon wecken. Als ich zurückkam, erschien mir das Zimmer heller. Ein Stupser an den Arm entlockt dir nur ein schlaftrunkenes Mhm. Ein nachfolgender Kuss auf deine Stirn und auf deine linke Schulter ließen dich zumindest zu einem „noch nicht“ verführen. Ich piekste dich in die Seite und flüsterte dir ins Ohr, dass wir ein Morgenrot bewundern könnten. Du blinzeltest leicht und sahst mich an. Wir blickten nicht hinaus, sondern sahen das Rot auf unserer Haut strahlen. Einen Augenblick wollten wir doch mitnehmen und stillschweigend einigten wir uns, dass unser Morgen noch nicht angebrochen war.

Gefrorenes Herz

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Als ich neulich Aurelias Liebster Award entgegennahm, hatte ich bereits angedroht, dass ich hier auch andere Blogs vorstellen möchte. Ich beginne nun mit dem von Mirjam H. Hüberli. Der Blog gibt einem kleine Einblicke ins Leben einer Autorin und ich freue mich jeden Mittwoch schon auf eine neue Plampi-Zeichnung. Warum ich sie erwähne, hat mehrere Gründe.

Zum ersten gibt es da das Buch „Gefrorenes Herz„, dessen Hauptfigur Aurelia heißt und ja, das war auch der Name jener Bloggerin, die mir den Liebsten Award schenkte. Aber sie kennen sich nicht oder haben etwas miteinander zu tun. Es ist ein Jugendroman, den man auch lesen (und verschlingen) kann, wenn man älter ist. Ich zumindest genoss jede Seite und hatte ihn an zwei Nachmittagen durch. Ich hab mir sogar extra einen eReader gekauft. Zurück zum Buch: Es geht um Aurelia, deren Zwillingsschwester vermisst wird. Sie versucht herauszufinden, was geschehen ist und natürlich auch, ihre Schwester wiederzufinden. Dabei erlebt sie den Alltag einer Abiturientin, die zudem Stress in der Schule und mit Freunden kennt und sich verliebt, wenngleich ich sagen kann, dass die Liebesgeschichte nicht schmalzig oder übertrieben ist. Für mich war es interessant, sich mal wieder in einen Teenager hineinzuversetzen und in einen weiblichen noch dazu. Das Buch kann ich nur empfehlen.

Ein weiterer Grund für diesen Eintrag ist der gute Plampi. Ein liebenswürdig tollpatschiger Hund, der bereits zwei Abenteuer hinter sich hat und das dritte, welches allerdings sein erstes sein wird, folgt demnächst. Das sind vertrauliche Insiderinfos. Bis dahin erwartet Plampi einen jeden Mittwoch auf Mirjams Blog.

Ein weiterer guter Grund, warum ich hier über sie schreibe und dann auch noch so ausführlich, ist die Tatsache, dass sie mir sofort hilfreiche Tipps gab. Als ich nachfragte, wie sie das mit der Agentin/Agentur hinbekommen hatte, gab es neben einer Erklärung auch gleich weiterführende Links zu seriösen Agenturen. Ebenso fand ich die Werbung, die sie für „gefrorenes Herz“ gemacht hat, sehr eindrucksvoll und es war mir ein Beispiel, wie man sich selbst erfolgreich publizieren kann.

Ich wünsche Mirjam weiterhin sehr viel Spaß bei ihrer Arbeit, denn ich will mehr davon lesen und deswegen wünsche ich ihr natürlich noch mehr Leser.

forgotten memories

Was für eine Melodie. Vor fast fünfzig Jahren war sie zum ersten Mal zu hören und mir ging der Song schon immer unter die Haut. Deswegen verwundert es mich nicht, dass er auf der Playlist steht. Es ist die Erinnerung, die mit dem Hören kommt, die ich nicht erwartet hatte.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass sie und ich unsere Räder des Nachts schoben. Der erste Kuss war noch jung, vielleicht eine Stunde, vielleicht mehrere, das hätte ich schon damals nicht sagen können, denn die Zeit zwischen dem ersten Kuss und dem Fahrradschieben nutzten wir für weitere Küsse. Nutzten sie für das Flüstern nah am Ohr und für die sanfte Berührung von einer Stirn mit der anderen.

Als wir so schoben, sang ich ihr jenen Song vor. Die Angst davor, einen Ton nicht zu treffen, war weit entfernt. In dieser Nacht fürchtete ich gar nichts. Was hätte ich auch fürchten sollen? Ich sang ihn vor, denn der Name sagte ihr nichts und leider auch nicht mein Gesang. Sie hatte ihn nie zuvor gehört. In der Zeit, in der ich das Lied kennenlernte, brach sie von Zuhause aus, um mit ihrem Freund zusammen zu sein.

Wir nutzten die eine Chance, die sich uns bot. In einer warmen Sommernacht tanzten wir im Staub und zwischen spitzen Steinen, bis sich unsere Blicke und unsere Lippen fanden. Ich könnte mir die Nacht nicht ein Stück anders vorstellen.

Das gleiche Paar Schuhe

„Hey, dich kenn ich doch.“ rief ich dir hinterher, nachdem du an mir vorbei gegangen warst. Der Kerl neben dir könnte dein Freund sein, aber wenn nicht, dann wär ich auch nicht traurig und die Frau neben mir ist ja auch nicht meine Freundin. Du drehtest dich um und überlegtest. Du brauchtest Hilfe, aber dein freundlich fröhliches Gesicht hattest du bereits aufgesetzt, und ich mein grinsendes. Ich stellte meinen rechten Schuh neben deinen mit der Bemerkung: „Na gut, eine kleine Hilfe geb ich dir.“

Es war der gleiche Schuh. Deiner war schon ein wenig abgenutzter als meiner, aber das war er auch bei unserem letzten Treffen. Die Party war schon vorbei und erst da fand ich dich. Hätte man mir aber auch sagen können, dass ich dich hätte suchen sollen. Als wir gingen, hatte ich meine Schuhe schon an und du stelltest fest, dass wir Schuhpartner seien. Mir waren deine bereits bei meiner Ankunft aufgefallen und nun wusste ich, warum ich in dem Moment die Trägerin kennenlernen wollte.

Und so standen wir nun wieder nebeneinander und trugen das gleiche Paar Schuhe. Ich verabschiedete mich mit den Worten: „Dann sehen wir uns bald wieder auf der nächsten Feier.“ Vielleicht stellen wir unsere Schuhe dann nebeneinander und sitzen ebenso eng zusammen, um den Musikern zu lauschen. Und wer weiß, vielleicht gleichen sich unsere Herzen wie unsere Schuhe. Eines mag etwas lädierter sein und eines etwas kleiner. Aber ein schönes Paar geben sie sicherlich ab.

Joggingrunde – Teil 5

Ja, hier war ein Kuss gefordert, doch so nah sich unsere Köpfe auch waren, es fehlten wenige Zentimeter oder eine biegbarere Wirbelsäule. Wir lösten uns nur für einen Moment, doch genau da erfasste uns die Unruhe der aufstehenden und verlassenden Leute, was auch uns dazu bewegte, aus dem Raum zu verschwinden.

Draußen sprach ein Mädchen Julia an und ich lief noch ein paar Meter weiter, wo ich mich dann umdrehte, so dass jenes Mädchen zwischen uns stand. Unsere Blicke wechselten heimlich aber ständig. Diese Blicke, die mehr sagten, als alles, was wir bis dahin jemals auszusprechen gewagt hätten. Julia wurde eingeladen noch mit in den Innenhof zu kommen, wo ein paar Leute Musik machten.

Man sah kaum mehr als die Konturen der Menschen, da es nur eine schwache Lampe bei den Musikern gab. Die meisten Zuhörer saßen auf dem kühlen Rasen und einige standen und bewegten sich, als würden sie im Wind wiegen. Julia war schneller als ich und stand bereits in der Runde, so dass ich mich ihr von hinten her nähern konnte, mit meinen Armen die ihrigen griff und diese um ihren Bauch legte, während ich meine Brust an ihren Rücken schmiegte.

Die Musik wurde lebhafter und wir gingen mehr ins Tanzen über. Gesicht sah in Gesicht, Hüfte berührte Hüfte und wieder war er da, der ewig langsame Moment, der nur zu gern ein ganzes Leben lang dauern dürfte. Endlich fanden sich unsere Lippen und so wie wir, tanzten nun auch unsere Zungen sanft umschlungen miteinander.

Es war mal wieder die Kälte, die uns nach einem Moment, der wohl mehrere Lieder lang war, wieder zu uns brachte. Es brauchte nicht viele Worte, bis wir beschlossen, nach Hause zu radeln. Wir nahmen den Weg durch den Park, weil Julia kein Licht am Rad hatte. Irgendwer rief uns auf der Fahrt mal etwas zu, aber außer ein paar dunklen Gestalten bemerkte ich nichts und ließ mich auch nicht beirren.

Es war ein dünner Durchgang in den hinteren Teil des Hauses, wo Julia ihr Rad abstellte. Wir küssten uns wieder und sie löste sich. Ihr Blick drückte eine Entschuldigung aus, die sofort folgte. Sie hatte Besuch von ihrer Schwester, sonst hätte sie mich mit nach oben genommen. Ich grinste über ihre Worte. Nicht, dass ich es mir nicht gewünscht hätte, ihr nach oben zu folgen, aber ich hatte gar nicht damit gerechnet. Dieser Abend war perfekt und sollte sich erst einmal in unserem eigenen Inneren ausbreiten, uns selbst einnehmen. Das Grinsen verließ mich nicht mehr, bis ich selig in meinem eigenen Bett einschlief.

Die Diva

Emma hält sich für was Besonderes, zumindest macht es den Anschein. Eben erst kam sie mit dem Besitzer des Cafés zurück und schon sitzt sucht sie sich ein ruhiges Plätzchen, um den Leuten dabei zuzuschauen, wie sie dort draußen umhereilen. Sie spürt all die Blicke, die auf ihr liegen, aber was soll sie machen, so süß wie sie anzuschauen ist, kann keiner von ihr ablassen. Und so verbringt Emma den Tag. Immer im Café, das doch nur ein gemütlicher Studententreff ist. Ein Ort, bei dem man einen Tee, eine heiße Schokolade oder einen Cappuccino bestellt und während man ihn schlürft liest man eine Zeitung oder quatscht endlos lang mit Freunden. Hier wird man nicht böse angeschaut, wenn man nicht sofort ein weiteres Getränk bestellt oder alsbald den Tisch räumt. Reich kann man hier als Besitzer nicht werden, zumindest nicht reich an Geld. Und dennoch sitzt die Diva eben hier und fühlt sich besonders. Es ist nicht das schicke und sündhaft teure Café am Marktplatz, welches vor lauter Gesprächen die gemütliche Ruhe verschluckt hat. Doch würde man nicht dort eine Diva viel eher erwarten?

Sie ist recht schamlos und setzt sich auch gern mal ungefragt auf den Schoß eines Gastes. Sie sieht ihm dann nicht in die Augen oder bedankt sich, sondern richtet den Blick wieder nach Draußen, als würde sie dort etwas Interessanteres erwarten. Sie lässt sich dann durchaus ein wenig streicheln, aber man muss es auch nicht übertreiben, sonst ist sie sofort wieder weg. Also sei vorsichtig, Besucher, dein Herz darfst du nicht an sie verlieren. Ihr Haar ist durchweg weiß, das war schon immer so und hat nichts mit ihrem Alter zu tun, das sie aber eh niemals verraten wird. Vielleicht sagt es dir der Mann hinter der Theke. Aber sei vorsichtig, er flirtet gern mit dir, wenn du eine junge Frau bist. Leider sehr unbeholfen. Emma interessiert sich nicht dafür, warum sollte sie auch, am Abend werden die Beiden den Laden schließen und nach Hause gehen. Er wird ihr keine Kette anlegen, wie man es womöglich erwarten würde und vielleicht ist sie gerade deswegen an seiner Seite. Das ist schon ein schönes Hundeleben, das Emma da führt, aber es braucht auch den Menschen dafür, der es ihr ermöglicht.

Holzwurm

Wenn man Meister Reinhard in seiner Werkstatt sieht, könnte man denken, er verwechselt das Holz mit dem Körper einer Geliebten. Immer wieder streicht er zärtlich über die glatt geschliffene Oberfläche und fährt die Konturen und die Maserungen ab. Als ihn eines Tages mal einer seiner leiseren Kunden dabei erwischte und ihn unverhohlen danach fragte, erklärte Reinhard sein Verhalten. In der Tat hat es etwas von einer liebevollen Streichelei, aber der Grund sei neben dem wunderbaren Gefühl des immer warmen Materials, seine natürliche Form und sein Inneres. Fast alle Schränke werden aus zurecht gesägten Ästen und Stämmen gefertigt, natürlich fertigt auch er auf diese Weise. Aber wenn es ein wahrhaft besonderer Tisch sein soll, dann nimmt er Äste und folgt ihrer Form, bis er vier einzigartige, aber dennoch gleichförmige Beine herausgearbeitet hat. Ein Baum lebt, selbst nach seinem Tode noch. Man spürt die liebevolle Wärme, wenn man an einem kühlen Wintertag eine Holzplatte berührt. Keine lackierte oder gar eine Spanplatte, denn da hat man den Baum tatsächlich zerstört. Aber jenes Holz, dessen Oberfläche trocken und fast wie mit kleinen Härchen zu sein scheint, das ist es, was sich selbst am kalten Tage noch warm anfühlt, wenn man seine Hand darauf legt. Der Kunde sah ihn skeptisch an, ja er hielt den Meister sogar für verrückt, doch Reinhard wusste es besser. Er fragte seinen Skeptiker, wie er sich fühlte, als er vorhin die Werkstatt betreten hatte. Ob er nicht den Geruch genossen hätte und sich dabei lebendiger gefühlt hätte, als er es zuvor tat. Der Kunde wollte nicht zustimmen, doch musste er sich eingestehen, dass er nach dem Eintritt einen tiefen Zug dieses einmaligen Duftes genommen hätte. Meister Reinhard hakte nicht weiter nach und fuhr mit der Hand leicht über die Tischplatte, bevor er nach den Stühlen für den Kunden schaute. Der Skeptiker blickte auf das eben gestreichelte Holz und konnte es sich nicht nehmen lassen, selbst mit der Hand darüber zu streichen. Ja, dieser merkwürdige Meister und seine Liebe zum Holz, wenn er ehrlich ist, dann beneidet er ihn.