Momente

Ob ihr bewusst war, dass ich es liebte, wenn sie frisch geduscht aus dem Bad kam? Womöglich war es nur der Duft, der sie danach umgab, aber das glaube ich nicht. Sie schwebte förmlich danach, so als hätte sie alle Schwere von den Wasserstrahlen abwaschen lassen. Diese Ruhe, die im Haus herrschte, es machte uns selbst größer. Man konnte selbst an Lächeln hören. So wie am Telefon, wenn man genau weiß, dass die andere Person gerade grinst.

Wenn sie so aus dem Bad kam und zum Kleiderschrank ging, um sich anzuziehen, blickte ich zu ihr. Sie ließ sich davon nicht in ihrem Vorhaben abbringen, zog sich an und blickte mir lächelnd entgegen. Könnte ich zeichnen, ich hätte versucht es festzuhalten, doch vermutlich wäre ich gescheitert, so wie es mir auch mit Worten nicht gelingen mag, wenngleich ich doch noch viel mehr sagen kann, was ich dabei fühlte. Ich fühlte mich sicher und ich fühlte mich wohl. Ich fühlte mich willkommen und ich fühlte mich akzeptiert. Ich fühlte mich geliebt.

Schlaf gut

Wie laut ein Schritt ist, wenn man ihn leise setzen möchte. Die nackte Sohle scheint am hölzernen Boden zu kleben und dieser knackt und ächzt, als wäre der Baum schon vor hundert Jahren geschlagen worden. Das Bettlaken bewegt sich, doch sie schläft und so setze ich die wenigen Schritte zur Tür fort. Dort wartet das nächste Hindernis, ein Türgriff, der klemmt und quietscht, aber auch das wird überwunden. Die Vorsicht verschwindet hinter der Tür und der Weg in die Küche ist keine Entfernung.

Die Erinnerung an die letzte Nacht kommt, während ich am Küchentisch sitze und nach draußen schaue. Es war eine schöne Feier, aber dafür ist die WG berühmt. Als es hell wurde, lachten und tanzten wir noch, bis mich irgendwann die Müdigkeit überkam. Nach Hause würde ich es nicht schaffen, ohne wieder komplett wach zu werden und so hatte ich mir die Couch bei meiner guten Freundin ausgesucht, doch irgendwer hatte sie mit einem Cocktail garniert. Nein, da konnte ich nicht schlafen. Das Bett wirkte so einladend, dass ich nicht widerstehen konnte. Eingeladen war ich natürlich nicht und womöglich würde sie mich wecken und rausschmeißen, aber das Risiko nahm ich auf mich und tauchte ein in eine traumhaft weiche Welt. Als sie ins Bett ging, weckte sie mich ungewollt. Wir sahen uns einen kurzen Moment lang an und küssten uns auf den Mund. Ein schöner Kuss und nichts weiter. Dann schliefen wir ein.

Ich trank das Glas Wasser aus und beschloss, zu gehen. Ich wollte nicht, dass ihre Mitbewohner sich wohl fragten, was letzte Nacht passiert sein könnte. Es gäbe nur fragende Blicke, wenn wir uns alle mal wieder treffen würden. Jeder Kuss von mir auf ihre Stirn hätte eine ganz andere Bedeutung und ebenso jeder Kuss von ihr an meine stoppelige Wange. Ich schlich noch einmal in ihr Zimmer, zog leise meine Sachen an und sah, wie sie blinzelte. Sie hielt die Augen geschlossen, als würde sie noch schlafen. Ich ging zu ihr, gab ihr einen Kuss auf den Kopf und flüsterte: „Schlaf gut.“

Morgenruhe

Wenn man am Morgen nur den trüben Nebel erblickt, dann weiß man nicht, wie spät es ist. Womöglich würde der Wecker in wenigen Minuten klingeln oder erst in einer Stunde. Wer kann das schon genau sagen. So lauscht man. Vielleicht das Geräusch der Wasserleitung, weil ein Nachbar duscht oder das dumpfe Geräusch auftretender Füße von oben drüber. Doch wenn die Stille herrscht, so bleibt die Zeit ungewiss. Nur noch einmal in die Decke einwickeln und umdrehen. Die Wärme genießen und den Schritt ins Draußen vergessen. Zu schön, die Augen zu schließen und die Ruhe herein zu lassen.

Einen leeren Kopf bekommen

Die Lichter der Stadt spiegeln sich auf dem schwarzen Lack des Cabrios. Ein Ziel gibt es nicht, nur das beruhigende Brummen des Motors und das Gefühl der Beschleunigung nach jeder roten Ampel, die es braucht, damit das nächtliche Fahren nicht monoton wird. Seine Gedanken beruhigen sich. Sie prasseln nicht mehr auf ihn ein. Das ist der kleine Ausbruch, in dem so viel Freiheit steckt und sie wird mit ein paar Tropfen Öl recht günstig gekauft. An der nächsten Ampel wartet ein Auto mit zwei jungen Fahrern. Sie wollen auffallen und suchen ein Rennen. Doch da suchen sie beim falschen Mann. Die nächste Streife wird sich freuen und er sich ebenso, wenn er deswegen ungestört bleibt.

Wenn der Kopf vollkommen ruhig geworden ist, dann geht es gern auch mal auf die Straßen außerhalb der Stadt, wo der Zeiger des Tachos die 90 Grad geradezu überfliegt, die zwischen 30 und 130 km/h liegen, nur um dann doch wieder den Wagen rollen zu lassen, bis er ein gutes Stückchen unter der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit liegt und dem Fahrer noch die Möglichkeit gibt, einem Tier auszuweichen. Keine Menschenseele weit und breit, nur die ruhige Nacht, die ihn beim Fahren beobachtet, bis er wieder auf seiner Einfahrt steht und den Motor einige Sekunden lang brummen lässt, bis er den Schlüssel nach links dreht und damit die Spritzufuhr kappt. Doch innerlich vibriert es weiter und sorgt dafür, dass in dieser Nacht niemand mehr die innere Ruhe brechen kann,

Abtauchen

Ruhig deutest du auf den Seeigel unter uns. Bisher kannte ich diese Tierchen nur in ausgehärteter Form und ohne Stacheln. Sie sind so vollkommen anders. Diese hier bewegen sich heftig, was man sich gar nicht vorstellen kann, wenn man eben nur diese Kalkschale kennt, die von ihnen übrig bleibt. Diese hier haben eher etwas von einer Blüte, die sich aufbläht und wieder zusammenzieht. Wir ziehen weiter und erfreuen uns an all den Schätzen, die der Meeresboden für uns bereithält. All diese Wesen mag es wohl auch im Zoo zu bestaunen geben, aber niemals präsentieren sie sich dort auf diese Weise. Ja, dort werden sie präsentiert und stehen doch still und man selbst schaut von einem entfernten Platz aus. Nicht so wie hier, wo man ein Teil von ihnen ist. Das Leben auf dieser Welt ist das größte Geschenk, was man uns machen konnte, das versteht man hier unten im Wasser sofort. Hier, wo kein Wort gesprochen wird und nur die innere Stimme zu einem spricht. Hier findet man eine ganz eigene Form von Ruhe, die dort oben kaum noch jemand auszuhalten vermag. Ständig muss etwas gesagt und erzählt werden. Aber noch ist es nicht so weit, dass man zwei Menschen für verrückt hält, die sich schweigend, aber lächelnd in die Augen schauen und den Zauber des Verliebtseins genießen. So wie du und ich, als wir wieder an Land gehen. Die Sauerstoffflaschen wirken plötzlich endlos schwer, als wir aus dem Wasser kommen und so liegen sie schon nach wenigen Metern auf dem hellen Sand. Mein Neoprenanzug zieht ebenso an mir und so befreie ich mich auch von ihm, wenn auch nicht so geschickt, wie du. Aber das war ja bisher auch mein erster richtiger Ausflug in die Unterwasserwelt. Der Strand gehört uns allein und so wird sich niemand daran stören, dass wir nackt sind. Dieses Erlebnis braucht keine Krönung, aber mir ist danach, dich zu küssen und wir wissen, dass es nicht bei diesem Kuss bleiben wird.

Am Baum

Versteckt saß Michael hinter der alten, hüfthohen Steinmauer und sah auf das Feld, das von der Sonne angestrahlt, golden leuchtete. Es war sein geheimer Ort, den er auf dem Heimweg nur zu gern besuchte, denn er lag ein gutes Stück abseits vom Weg und nur hier fand er eine Ruhe, die so einnehmend war, dass er alles vergessen konnte: Die Mitschüler, die ihn hänselten, die Lehrern die ihn als minderbemittelt bezeichneten oder die drei großen Dorfjungs, die ihm an der rostigen Stahlbrücke auflauern würden. Hier war es vollkommen ruhig. Die goldenen Ähren wiegten sich sanft im Wind und die Blätter der angrenzenden Bäume rauschten dazu. In der Nähe floss ein Bach, an den sich Micha im Sommer oft setzte, um seine Beine ins kühle Wasser zu halten. Dabei verstummten all die Stimmen in seinem Kopf, die immer wieder jene niederträchtigen Worte wiederholten, die er zuvor von den Lehrern, den Schülern, und den Schlägern gehört hatte.
Heute war etwas anders. Anfangs erschien Michael alles noch viel ruhiger als sonst, doch dann hörte er ein Seufzen aus der Richtung des Bachs. Vorsichtig suchte er den Eindringling und fand stattdessen zwei junge Erwachsene, die nur spärlich bekleidet aufeinanderlagen und miteinander zu kämpfen schienen. Doch wie ein wirklicher Kampf kam Michael das, was er da sah, nicht vor. Die unten liegende Frau winselte und seufzte leise, während von dem Mann gedämpftes Stöhnen ausging. Die Beiden nahmen Michael nicht wahr, der sich hinter einem Baum versteckte und sich an ihm abstützte. Nur sein Kopf lugte hinter dem Stamm hervor und die zwei waren zu sehr in ihr Spiel vertieft, als dass sie Michael überhaupt hätten erahnen können. Micha fühlte sich und seinen Platz verraten. Jemand stahl die magische Ruhe diese Ortes, doch kamen jene bösen Stimmen nicht mehr in seinen Kopf, stattdessen vernahm er eine neue Stimme. Sie war weiblich und hauchte: „Ich liebe dich.“