Armer Tropf

Es klopfte unaufhörlich aus dem Nebenzimmer. Die veraltete Armatur war inkontinent, sie verschloss nicht mehr richtig. In dieser schwülen Nacht, die Schlaf von sich aus schwer machte, war dieses dumpfe Tropfen die Tortur schlechthin, denn ich wusste, dass es nicht aufhören würde. Die Decke konnte ich mir nicht über den Kopf ziehen, dafür war es zu heiß, dennoch dreht ich mich von jener Wand weg, hinter der der defekte Wasserhahn sein Spiel mit mir trieb. Ich hatte es tatsächlich geschafft, mich von dem Geräusch zu lösen, das wurde mir schlagartig bewusst, als ich das hohe Fiepsen vernahm, das sich dicht an mein Ohr heranschlich. Ich schlug mit der Hand in die Dunkelheit und erwischte es nicht, ich hörte es allzu deutlich. Es kam wieder verdammt nah und nochmal schnappte ich mit der Hand danach. Dieses Mal hörte ich es nicht. Ich rieb meine Handflächen und spürte nichts. Also wieder ein Fehlschlag, doch ich vernahm das Summen nicht mehr. Ich beruhigte mich und spürte die Schwere, die mich überkam. Und wieder riss mich das hohe Summen aus dem Schlaf und dieses Mal gab ich auf. Ich stand auf, schloss das Fenster und schaltete das Licht an. Ich sah die Mücke an der Wand sitzen. Zweimal verfehlte ich sie, aber nicht beim dritten Mal. Ich wusch mir die Hände im Raum nebenan, ging zurück, schaltete das Licht aus und legte mich ins Bett. Die Hitze erdrückte mich. Ich hatte vergessen, das Fenster wieder zu öffnen, doch ich beschloss, es noch einen Moment hinauszuzögern, damit die wartenden Blutsauger sich wieder dem Straßenlicht widmen konnten. Ich schlief ein, bevor ich mein Vorhaben umsetzen konnte und erwachte mitten in der Nacht. Mein Hals war ausgetrocknet und ich schwitzte. Also aufstehen, die Fenster öffnen und ein Glas Wasser holen. Erschöpft von der unterbrochenen Erholung, fiel ich wieder ins Bett. Ich schloss die Augen und vernahm abermals das Tropfen. Ich musste lachen. Warum hatte ich nicht einfach einen Schwamm oder ein Tuch in die Spüle gelegt?

Urbs

Seit mehreren Jahren hatte sie kaum mehr als ein paar wenige Stunden in der Nacht geschlafen und auch heute kam sie kaum zur Ruhe. Viel zu hell und zu laut war es während der Nacht, daran konnte sie sich einfach nicht gewöhnen. An ihre Kindheit erinnerte sie sich kaum noch, hatte sie sich doch so sehr verändert. Mittlerweile war sie eine Meisterin darin, ihre Makel zu überdecken, welche ständig neu zu finden waren. Ihre Einsamkeit traf sie innerlich am meisten, trotz all des Lebens, das sie umgab. Letztes Jahr war sie fast ertrunken und spürte für kurze Zeit, dass man sie doch nicht vergessen hatte und von überall Menschen herkamen um sie zu retten. Mittlerweile jedoch hat man sie wieder vergessen und nimmt sie gar nicht wahr, obgleich sie ständig und überall ist – die Stadt.