Feuer und Flamme, Schall und Rauch (2)

Dass ich meine Mutter und meinen Vater verloren hatte, das wollte in mir nicht ankommen. Es war ein unumstößlicher Fakt, aber auch nicht mehr. Noch immer befand ich mich in dieser Blase. So wie damals, als ich mit einem Freund auf dem Fahrrad um die Wette fuhr und ich unvermittelter Dinge vornüber den Lenker schoss. Ich rutschte über den Asphalt und als ich aufstand, war alles so leicht. Ich blickte auf mein weißes T-Shirt und sah die roten Bluttropfen, die sich deutlich vom Weiß absetzten. Der Freund beschwerte sich, dass ihm wegen mir ein Stück vom Zahn abgebrochen sei. Er war auch in einer Blase. Nur hielt seine und meine Blase damals vielleicht für eine Stunde. Das war jetzt anders. Diese Blase hielt schon seit über einer Woche an. Oder waren es gar Jahre?

Ich tastete mich an der Wand entlang und fand jene Ecke, in der ich früher nur zu gern saß. Sie war kleiner geworden. Nein, ich war größer geworden, aber so kam es mir nicht vor, ich hatte nicht wirklich das Gefühl, gewachsen zu sein. Ich setzte mich hin und lehnte mich gegen den kalten Stein. Die Dunkelheit nahm mich auf und in dem Moment verspürte ich Trauer. Ein diffuses Gefühl, so wie das leise Brummen eines angeschalteten Lautsprechers, den man schon am Tagw gehört hat. Und so wie man des Nachts nur noch dieses Brummen vernimmt, weil es den ganzen Raum einnimmt, so nahm mich die Trauer ein. Irgendwas war nicht richtig und wollte mich erdrücken. Das war so ein Kunststück dieser Höhle. Wie damals, als ich mein Herz verloren hatte: Sie meldete sich kaum auf meine Nachrichten oder kam mit Ausreden, welche mir zwar jedes Mal Hoffnungen machten, aber doch nichts anderes aussagten, als dass sie mich nicht sehen wollte. Wie lange schleppte ich das mit mir herum und kämpfte und wurde schwächer. Ich wollte sie so gern wiedersehen, aber mir blieben nur diese Nachrichten. In der Höhle nahm mich damals die Dunkelheit gefangen. Es war ein Gefühl von Kälte und Einsamkeit. Das Dunkel, an das ich mich sonst gewöhnte, wurde stärker und größer, so wie das Brummen des Lautsprechers. Es umhüllte mich und ich gab mich der Finsternis hin.

Lebenslauf

Tom sah schon merkwürdig aus auf dem Fahrrad. Ein ungepflegter Bart, dazu ein feiner Anzug und ein Rad, das eigentlich fürs Gelände gemacht war. Die Räder waren mit neuen Reifen versehen und die Bremsen waren ausgetauscht und so beschleunigte er wild den Berg hinab, trat in die Pedale, um noch mehr Geschwindigkeit zu spüren, so würde ihn kein Auto überholen können und die Ampel dort unten würde hoffentlich noch auf grün stehen, wenn er sie erreicht hatte. Er hatte Lust, die Bremse zu testen und wollte gleichzeitig noch nicht an Geschwindigkeit verlieren. Ein Blick auf den Tacho zeigt ihm an, dass er tatsächlich mit etwas mehr als fünfzig Kilometern in der Stunde unterwegs war. Als er wieder aufblickte, sah er das Auto, welches aus der Seitenstraße auf Hauptstraße geschossen kam. Er versuchte noch die Bremshebel zu erreichen, doch es war zu spät. Es war ein merkwürdiges Geräusch, welches das Fahrrad machte, als es gegen die Tür des Autos knallte. Dann spürte Tom, wie der Sattel sich in die Luft hob und ihn nach vorn drückte. Er sah einen Jungen, der weinend vor seinem Bruder davonlief. Dann rannte dieser Junge plötzlich vor drei größeren Mädchen weg. Er sah den ersten Kuss und die erste richtige Liebe. Ihr Gesicht, das zu ihm sprach, doch bewegten sich nur ihre Lippen, als würde er nicht hören, was sie sagte. Er sah diese eine besondere Frau, die er mehr als alles andere geliebt hatte. Spürte ihre Berührung und ihre Wärme. Und er sah sich, wie er wieder davon lief. Wie er vor allem davon lief und nun auf seinem Fahrrad davon raste. Dann krachte er auf das silberne Autodach. Es war für einen kurzen Moment alles schwarz, dann fand er sich auf dem Boden liegend wieder. Er sah um sich und erblickte das Blut auf seinem Anzug. Er wurde sauer, weil irgendwer diesen wunderschönen Anzug versaut hatte. Zerrissen und mit Blut verschmiert, bis er begriff, dass es sein Blut war. Tom tastete mit der Zunge in seinem Mund umher und spürte die Zähne, von denen zwei wackelten, nur einen Moment später waren sie nicht mehr an ihrem Platz. Der Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand waren in die falsche Richtung geknickt, doch es kümmerte ihn kaum. Er wollte aufstehen und nach seinem Rad schauen, was er kurz zuvor noch frisch geputzt und repariert hatte. Doch er schaffte es nicht, sich aufzurichten, da das Rad noch halb auf ihm lag. Erschöpft fiel ihm der Kopf wieder auf den Asphalt und es wurde wieder schwarz vor seinen Augen.

Schockstarre

Ruckartig erwachte ich aus meinem Schlaf. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schlecht geträumt hatte, doch nun saß ich aufrecht in meinem Bett und stützte mich mit den Armen nach hinten ab. Mein Oberkörper bebte von den tiefen Atemzügen. Eiskalt lief es mir den Rücken hinab, als ich den schrillen Schrei einer Frau vernahm. Meine Atmung stockte und ich wagte es nicht, mich nur einen Millimeter zu bewegen, nicht ein Geräusch wollte ich von mir geben, dann beruhigte ich mich. Es musste aus dem Innenhof kommen. Die Haare standen mir vom Körper ab, dann erfolgte ein weiterer Schrei, welcher mich aus meiner Starre befreite.

Ich stand auf und sah aus dem weit geöffneten Fenster hinaus. Ein Knall wie aus einer Pistole war zu hören und mir wurde bewusst, dass jemand zu später Stunde einen Film genoss, der mir jenen Schrecken eingejagt hatte. Ich schmunzelte über mich selbst. Vermutlich war ich nicht der einzige Anwohner, der sein Fenster bei der Hitze so weit geöffnet hatte und womöglich war wohl auch der ein oder andere Schlafende vom filmbegeisterten Nachbarn geweckt worden.

Ich durchquerte das Schlafzimmer, ließ das Licht jedoch aus, da ich nackt war und ich weder die Blicke der Nachbarn auf mich ziehen, noch Mücken anlocken wollte. Ich ging in die Küche, wo ich mir ein Glas Wasser eingoss. Ich stapfte ein wenig durch meine Wohnung und blieb an der Fensterfront vor dem Balkon stehen. Ich blickte hinab auf die entfernte Stadt und plötzlich durchzuckte es mich ein weiteres Mal in dieser Nacht. Direkt auf der Straße vor dem Haus stand eine dunkle Gestalt und blickte in meine Richtung. Wieder einmal stand ich kurz starr vor Schock, dann begriff ich meine Situation, drehte mich komplett in seine Richtung und wand den Blick nicht ab. Es mögen nur zwei Sekunden gewesen sein, aber dieser Moment kam mir endlos lang vor, bis jene dunkle Figur nachgab und sich hinter ein Auto zurückzog.

Was ich danach tat, überraschte mich selbst, doch auch im Nachhinein halte ich es für die richtige Entscheidung. Ich ging ins Schlafzimmer, griff meine Jeans und einen Kapuzenpullover, den ich an der Front mittels Reißverschluss schloss. Dann öffnete ich die Tür zum Hausflur, knipste das Licht an und verließ meine Wohnung. Schnell war ich die Treppen herunter gelaufen und ließ auch die Haustür hinter mir, um die letzten Stufen zu den Autos zu nehmen. Die dunkle Gestalt war verschwunden, doch ich hörte in der Ferne schnelle Schritte, die sich immer weiter entfernten.