Die Frau im blauen Kleid

Da sitzt sie also. Das Licht aus dem Wohnzimmer fällt auf ihre rechte Seite. Ganz elegant ist sie. Nicht elegant im Sinne eines teuren Kostüms und feinsten Schmucks, dann würde sie wohl eher Cecilia oder Aurelie heißen. Ihr Kopf würde sonst auf einem dünnen Hals sitzen. Aber ihre Eleganz passt zu ihrem Namen – Lisa. Ihre nackten Füße schauen knapp unter dem blauen Kleid hervor. Sie lauscht gedankenversunken der Musik aus der gegenüberliegenden Wohnung. Und so hat man Angst, sie zu stören, will sie nicht herausreißen aus ihrem Traum, in den sie sich von den Klängen führen ließ.

Abtauchen

Ruhig deutest du auf den Seeigel unter uns. Bisher kannte ich diese Tierchen nur in ausgehärteter Form und ohne Stacheln. Sie sind so vollkommen anders. Diese hier bewegen sich heftig, was man sich gar nicht vorstellen kann, wenn man eben nur diese Kalkschale kennt, die von ihnen übrig bleibt. Diese hier haben eher etwas von einer Blüte, die sich aufbläht und wieder zusammenzieht. Wir ziehen weiter und erfreuen uns an all den Schätzen, die der Meeresboden für uns bereithält. All diese Wesen mag es wohl auch im Zoo zu bestaunen geben, aber niemals präsentieren sie sich dort auf diese Weise. Ja, dort werden sie präsentiert und stehen doch still und man selbst schaut von einem entfernten Platz aus. Nicht so wie hier, wo man ein Teil von ihnen ist. Das Leben auf dieser Welt ist das größte Geschenk, was man uns machen konnte, das versteht man hier unten im Wasser sofort. Hier, wo kein Wort gesprochen wird und nur die innere Stimme zu einem spricht. Hier findet man eine ganz eigene Form von Ruhe, die dort oben kaum noch jemand auszuhalten vermag. Ständig muss etwas gesagt und erzählt werden. Aber noch ist es nicht so weit, dass man zwei Menschen für verrückt hält, die sich schweigend, aber lächelnd in die Augen schauen und den Zauber des Verliebtseins genießen. So wie du und ich, als wir wieder an Land gehen. Die Sauerstoffflaschen wirken plötzlich endlos schwer, als wir aus dem Wasser kommen und so liegen sie schon nach wenigen Metern auf dem hellen Sand. Mein Neoprenanzug zieht ebenso an mir und so befreie ich mich auch von ihm, wenn auch nicht so geschickt, wie du. Aber das war ja bisher auch mein erster richtiger Ausflug in die Unterwasserwelt. Der Strand gehört uns allein und so wird sich niemand daran stören, dass wir nackt sind. Dieses Erlebnis braucht keine Krönung, aber mir ist danach, dich zu küssen und wir wissen, dass es nicht bei diesem Kuss bleiben wird.

Joggingrunde – Teil 1

An solch warmen Sonntagen laufe ich lieber zu dem Zeitpunkt, wenn die Sonne fast verschwunden oder gerade erst erschienen ist. Die Luft ist dann schon etwas kühler und der Himmel ist unbeschreiblich. Ich war also nach dem Aufstehen auf meiner Lieblingsstrecke unterwegs und hatte mein Tempo gefunden.

Meist weiß ich gar nicht mehr, was mir beim Laufen so ein- und auffällt, aber in diesem Moment war es die pure Schönheit der Natur. Das Rauschen der Bäume ist so anders als das monotone Gedröhn der sonst hörbaren, fernen Autos. Keine Glühlampe zaubert dir so ein Lachen ins Gesicht, wie die ersten Frühlingssonnenstrahlen. Und das Lachen hatte ich über die Wintermonate ein wenig verloren. Es ging mit dem Herzen und kein Flirt wollte so recht jene Flamme wieder entzünden, die doch sonst so gern flackert. Das Thema „Frau“ war also abgehakt und das machte das Leben leichter, die Flirts übrigens auch.

Es war dann plötzlich ein lautes Atmen und Schritte hinter mir zu hören. Ein wenig zurückblickend, nahm ich eine Person hinter mir wahr, die schneller als ich sein musste, also machte ich mich auf die rechte Seite des doch recht engen Feldweges, doch das Überholen blieb aus.

Es gibt diese Momente auch in der Stadt, wenn schon weniger Leute unterwegs sind und dann merkt man plötzlich, wie Jemand hinter einem hergeht und weder überholt, noch zurückfällt. In der Stadt bleibe ich dann einfach abrupt stehen und drehe mich um. Man wird dann endlich überholt und kann sich daraufhin, wenn man seinen Weg fortsetzt, wieder seinen Gedanken widmen und eben nicht dem nervigen „Verfolger“.

Aber hier war das eine andere Situation und ich überlegte, ob ich mein Tempo einfach verändern sollte. Langsamer wollte ich nicht werden, denn dann wäre mein Vorhaben, meine Bestzeit zu unterbieten, in Gefahr. Schneller werden war durchaus möglich, aber mit der Gefahr verbunden, dass dann etwas später ein umso heftigerer Einbruch folgen würde. Ich lauschte noch einmal genau und der Abstand schien sich nicht verändert zu haben. Ich drehte mich im Lauf um und blickte die Person an, die sich erschrak. Ohne ein Wort zu sagen, deutete ich an, dass sie mich ruhig überholen solle, während mein Gesicht eine amüsante Mischung aus einem Lächeln und einer hochgezogenen Augenbraue darstellte. Sie rief mir zu, dass ich ihr eine gute Geschwindigkeit vorgebe und ob es okay sei. Mit dieser Absprache war es in Ordnung für mich. Ich nickte und just in dem Moment trat ich in eine Kuhle und fiel zu Boden.

Die Läuferin blieb neben mir stehen und half mir auf, während sie sich erkundigte, ob ich mich verletzt hätte. Hatte ich nicht und so nahmen wir den Lauf wieder auf. Mein Vorhaben bezüglich der Bestzeit hatte ich jetzt allerdings aufgegeben und auch sie schien mich nicht als Geschwindigkeitsgeber nehmen zu wollen und so liefen wir die Strecke wortlos nebeneinander her.

Beim Joggen eine Person kennenzulernen ist eigentlich unmöglich, weil man nie die gleiche Geschwindigkeit hat und man zudem andere Wege läuft, aber genau deswegen war sie überhaupt erst hinter mich gekommen, denn eine Kreuzung hatte unsere Wege vereint.

Ein Flirt ist noch weniger möglich, da man beim Joggen keinen Schönheitswettbewerb gewinnen will – ich zumindest nicht, aber da hab ich tatsächlich auch schon andere „Läufer“ gesehen. So war es aber genau richtig: einfach zwei Menschen, die das gleiche Tempo und die gleiche Richtung hatten.

Als wir das waldige Grün verließen, gab sie mir einen sanften Stoß in die Rippen, um sich zu verabschieden und zu dem Haus zu laufen, in dem sie wohl wohnte. Ich sah ihr noch ein wenig nach und grinste dann vor mich hin, da der ganze Lauf doch sehr besonders war.