Die ersten Erdbeeren

Es gibt gar nicht so viele Dinge, auf die ich stolz bin, das liegt wohl zum einen daran, dass ich diesen Stolz nie wirklich definiert habe, aber eben auch daran, dass nach meinem Empfinden eine gewisse Arbeit und Zuneigung zu einem Projekt vorhanden sein muss, um Stolz dafür zu entwickeln. Der Stolz auf das eigene Land war mir schon immer verhasst, denn mich beschleicht dabei das Gefühl, dass man das eigene Land dabei über andere stellt und lieber möchte ich auf jede Grenze verzichten, als noch einmal mitzuerleben, wie man kollektiv gegen andere Menschen kämpft, weil man sich für besser hält. Aber genug von diesem kurzen Ausflug über Nationalstolz und wieder zurück zum Stolz auf eigene Projekte:

Ich bin im April umgezogen und neben der Ruhe ist der Balkon etwas, was ich an der Wohnung so sehr schätze. Mir war schon vor dem Umzug klar, dass dieser Balkon grün werden sollte und mittlerweile errötet er sogar, denn die erste Erdbeere ist gereift. Als sie noch grün war, spürte ich meine Freude darauf, sie bald kosten zu dürfen und seit heute ist sie an einem Punkt, an dem ich sie pflücken würde und schon eine zweite schickt sich an, ihr zu folgen. Ich weiß nicht, ob ich wirklich stolz bin, aber ich freue mich ungemein über dieses Zeichen meines Dasein und Handelns.

Ich wünsche euch Lesern einen wunderschönen Sonntag und möchte mich bei euch bedanken, denn ohne euch gäbe es so manch schöne Geschichte hier nicht. Und diese Geschichten sind auch kleine, gereifte Erdbeeren, auf die ich definitiv sehr stolz bin.

Ein guter Song

Seit einer Woche höre ich immer wieder ein Album von einem Künstler, der mir bis vor kurzem vollkommen unbekannt war und ich frage mich, welche Schlagzeile es war, die mich auf ihn aufmerksam machte. Es war merkwürdig über einen halben Monat auf ein Album von einem Musiker zu warten, den ich vorher nie gehört habe.

Ich tauge nicht zum Musiker, da würde ich mich beim Singen nie wohl fühlen, von meiner Befähigung mal ganz abgesehen. Mir ist jedoch klar geworden, wie sehr ich gute Songs mag und warum ich mich mit so manch hochgelobter Literatur so schwer tue: Die Länge bzw. die Kürze eines Textes. Ein Musiker hat dreieinhalb Minuten Zeit, um uns eine Geschichte zu erzählen. Gut, er hat dank Melodie eine gute Hilfe, Emotionen zu wecken, aber dennoch muss in wenigen Zeilen gesagt bzw. gesungen werden, was wirklich wichtig ist. Ich verstehe schon, dass Fontane seine Fans hat, aber braucht es für den Leser eine so detaillierte Schilderung oder genügen nicht klare und ehrliche Worte, die nicht drumherum reden? Ist nicht eben genau dies die Kunst?

Vielleicht ist es auch nur meine Faulheit im Lesen und auch im Schreiben, dass will ich nicht in Abrede stellen. Ich liebe gute Geschichten, nur Novellen liegen mir einfach mehr als dicke Romane. Nun hat mir ein sehr guter Freund zu meinem letzten Geburtstag ein dickes Buch geschenkt und es liegt fast unberührt auf meinem Bücherregal, irgendwie schade, aber ich habe die Befürchtung, dass ich das Ding niemals lesen werde, so wie es mit „Krieg und Frieden“ auch war. Ich habe es versucht, aber was genau wollte mir das Buch sagen? Ich werde es womöglich nie erfahren.

Und da bin ich bei der Frage, die sich mir stellt: Tue ich mich schwer damit, in eine Sache tief einzutauchen und hart dafür zu arbeiten? Irgendwie habe ich das Gefühl, dass gerade dies der Knackpunkt in meinem Leben zu sein scheint: Mir immer wieder klar zu machen, dass es sich lohnt, wenn ich mich voll und ganz auf etwas konzentriere und daran arbeite. Dennoch bleibt meine Liebe für kurze und knackige Sätze. Sätze mit einer simplen Aussage, die gleichzeitig unheimlich tiefgründig sein kann, wie ein guter Song, der innerhalb von 210 Sekunden Tränen in die Augen treiben kann.

Schreiben und gelesen werden

Ich vergleiche das Schreiben und das Lesen von Texten gern mit Sex. Etwas zu schreiben, damit es eine andere Person liest und einem dabei sehr nahe kommt, ist wie der intimste Akt. Aber zu schreiben, um das einem Publikum vorzutragen, hat eher etwas davon, wild auf dem Marktplatz zu masturbieren. Einer macht alles und andere schauen zu. Diogenes mag es gemacht haben, aber bis zu ihm fehlen mir so einige Jahre und so viel mehr an Weisheit.

Übers Schreiben

Das ist schon so eine Sache mit dem Schreiben. Manchmal, da fliegen die Geschichten nur so aus einem heraus (so geht es mir zumindest) und manchmal, da verebbt es irgendwie. Meist bin ich beschwingt von Gefühlen oder von klaren Bildern, die etwas erzählen, so dass ich gar nicht anders kann, als loszutippen. Schon merkwürdig, dass man seine Gefühle auf diese Weise auslebt, aber manchmal ist man an die Fiktion gebunden und es ist ja sogar äußerst positiv, denn für den Schreiber findet sich auf diese Weise ein Ventil und für seine Leser ein neuer Lesestoff.

Eine wirklich schöne Vereinbarung, die wir da getroffen haben. Hin und wieder müssen die Leser dann eben auch warten, denn man kann ja als Schreiberling nicht durchweg Gefühle und Bilder im Kopf mit sich tragen und „ausleben“, manchmal fühlt man in der Hinsicht leer. Und dann gibt es zudem noch Phasen, da weiß das Herz, dass es was herausschreien möchte, aber die Geschichte dazu, die fehlt. Die Geschichte will einfach nicht zustande kommen. Kein Bild ist gut genug dafür, kein Traum reizt aus, was man empfindet und dann schweigt man. Und während ich so schweige, frage ich mich, wo meine Kunst hingegangen ist und ob sie jemals da war. Ich lese alte Texte und schüttle meinen Kopf über ungesehene Fehler und einen miesen Ausdruck oder über fehlende Atmosphäre. Ich bin dann ganz froh, dass ich dann hier auf diese Kommentare stoße, die mir sagen wollen, dass es nicht so ist, wie ich es empfinde, aber sie dringen nicht ganz bis zu mir durch. Ich verstehe dann, wie die schönste Frau vor dem Spiegel stehen kann und an sich heruntersieht, um die Makel zu finden, die gar nicht vorhanden sind. Niemand könnte ihr ausreden, was sie zu sehen glaubt, bis sie sich selbst zu lieben lernt. Und so ist es eben auch mit mir und meinen Texten, die so oft aus meinem Innersten entstehen und mir doch nie gut genug erscheinen. Gut genug wofür eigentlich? Also warte ich weiterhin, bis wieder Bilder erscheinen zu den Gefühlen, die bereits da sind und etwas neues formen. Wird es gut sein? Keine Ahnung, aber es wird ehrlich sein, das ist das einzige, was ich in meinen Texten bin und es ist das einzige, was ich in meinen Texten sein muss.

Die richtigen Worte

Sachte tippte Ben auf die Tasten seines Laptops, um Julie nicht zu wecken. Seine Wohnung fand sie riesig und das war sie auch. Es war zwar nur ein Zimmer, aber es fand ein Schlafbereich, ein großer, vergammelter Holztisch und eine Küche darin platz. Auch ein Kleiderschrank war zu finden und außer der großen Haustür aus Metall gab es nur eine andere ins Bad. Für solch eine Wohnung würden andere Leute wohl töten, weil sie einen weiten Blick über die Stadt bot und dazu so angenehm ruhig war. Vermutlich war die Decke höher als drei Meter, aber dazwischen hatte man sicherlich eine schalldichte Schicht eingearbeitet, zumindest hörte man nie einen Tritt oder ein Wort von den Nachbarn, es war eine kleiner abgeschlossener Kosmos.

Ben saß in der Mitte des Raumes am Tisch, als er die Zeilen für sie tippte. Er hatte schon mehrfach darüber nachgedacht, was er für ein Betrüger er war, seine Texte zu verkaufen, denn es waren die Worte, die ihm durch den Kopf gingen und an denen er nie feilte. Hie und da mussten ein paar Stellen ausgebessert werden, doch sie trafen schon in der Rohform immer genau ins Herz. Es war ihm einmal aufgefallen, als er einen Brief an einen guten Freund schrieb und ihm selbst die Tränen dabei kamen, wie sehr die ausgesprochene Wahrheit treffen kann, selbst wenn man sie zuvor schon wusste und sein Freund genoss jene Zeilen ebenfalls mit feuchten Wangen.

Doch dieses Mal war es keine Geschichte oder ein Freund, sondern Julie und immer wieder begann er den ersten Satz, nur um ihn danach wieder zu löschen. Nein, das sah ihm so gar nicht ähnlich und vermutlich würde dieser Brief wohl das schlimmste Schriftstück werden, was er jemals angefertigt hatte und dabei wollte er es doch perfekt machen, nur dieses eine Mal. Er wollte sie nicht erschrecken und nicht erdrücken mit seinen Worten, doch seinen Gefühlen musste er eine Schleuse öffnen, durch die sie entweichen konnten. Natürlich sollte es nicht so ein abgewetzter Satz wie „ich liebe dich“ sein, der wäre zu unbedeutend und gleichzeitig viel zu gewaltig, nein dafür war er zu sehr ein Mensch, der immer gegen den Strom schwimmen musste. Es müsste eher in die Richtung gehen, dass sie der Mensch sei, den er bis an sein Lebensende täglich sehen wollte. Doch jedes Mal, wenn er einen Gedanken zu Worten formte, erschrak er vor dem, was an Buchstaben auf seinem Bildschirm auftauchte.

Schlussendlich klappte er den Deckel entnervt zu und beschloss, beim Bäcker frische Brötchen zu holen. Julie sollte vom Duft geweckt werden. Leise tapste er durch die Wohnung, zog sich an und griff nach seinen Schuhen, in die er erst vor der Tür schlüpfen würde. Den Schlüssel steckte Ben von außen in die Tür und zog sie mit zurückgezogenem Schloss zu, damit sie nicht wach werden würde. Doch kaum hatte er die Wohnung verlassen, schlug Julie die Augen auf und die Decke zu Seite. Nur zu gespannt wollte sie sehen, woran Ben seit mindestens einer Stunde geschrieben haben musste und las mit einem breiten Grinsen die Worte „Nur Du“.