Verschwommen

Die Straße und all die Menschen auf ihr verschwinden aus dem Fokus, wenn die Gedanken und Erinnerungen die Hoheit über das Sein gewinnen. Es ist keine Melancholie, sondern es sind lustvolle Gedanken, die durch den Kopf jagen. Ein Gesicht, ein Lächeln, eine Berührung. All das sind kleine Explosionen und Gedankensplitter in meinem Kopf. Bis plötzlich ein Mensch mich aus diesem Traum reißt. Man möchte mir etwas verkaufen oder mich zu etwas verpflichten, was weiß ich. Wann habe ich meine Zustimmung gegeben, dass mich Unbekannte aus meiner Traumwelt reißen dürfen? Sie dürfen es nicht. Sie sollen mir meine Ruhe lassen und den Versuch an meine Moral zu appellieren, den sollten gerade sie unterlassen. Wer handelt denn hier gerade unmoralisch und verletzt meine Grenzen? Noch einige Minuten bin ich verärgert. Dann zwinge ich mich zur Ruhe und lasse die Welt wieder verschwimmen.

Schreie

Immer wenn ich in ihr Zimmer komme, setze ich meine Schritte behutsam und leise. Fast so wie bei einem Neugeborenen, welches man nicht zu stören wagt, denn es lebt noch in einer ganz eigenen Welt, fernab von unserer schrillen. Sie konnte seit ihrer Geburt nichts hören und deswegen ist es unsinnig, dass ich so leise in ihr Zimmer trete, aber ich tue es. Ganz von allein. Sie sitzt oft mit offenem Mund da und liest. Es sieht aus, als würde sie still schreien, aber es passiert ihr einfach, bis sie die Trockenheit wahrnimmt und ihn schließt. Könnte sie nur schreien, so wäre auch sie noch länger in dieser geschützten, kindlichen Welt geblieben. Ein Schweigen ist kein Ja und auch keine Zustimmung, aber jener Mann damals suchte keine Zustimmung, er nahm sie sich. Er hat sie ihr genommen. Einfach so.

Wieder einmal packt mich die Wut auf die Menschen, doch es ist niemand da, der meinen Schrei hören würde. Vermutlich würde sie mich nur anlächeln, weil sie weiß, dass mein Grimm dann verschwindet. Sie weiß nicht, weshalb ich mich aufrege und wenn doch, dann scheint sie es einfach besser zu wissen. Ich scheitere daran. Ich scheitere an meiner Wut und an meiner Ohnmacht. Ich scheitere an dem Gefühl in der falschen Welt zu leben, in dem die Wesen, die unseren Schutz brauchen, verletzt werden. Ist es der Neid auf ihre gute Welt? Nehmen wir sie deswegen immer früher in Gefangenschaft unserer Welt?

Sie sitzt leise dort und liest. Ihr Atem ist deutlich zu hören, denn ich wage es nicht, mich zu rühren und im Zimmer herrscht Stille. Sie hat sich etwas von dieser heilen Welt bewahrt, so scheint es mir und wer weiß, vielleicht finde ich dank ihr irgendwann einmal den Weg dorthin zurück.

In deiner Haut möchte ich nicht stecken…

„Ich fühle mich einfach nicht mehr wohl in meiner Haut.“ Mit dieser Aussage begann es. Na wohl eher mit dem Schutzmantel. Es gab wohl kaum jemanden, der keinen besaß. Es war eine wirklich praktische Erfindung, aber es ist schon etwas komplett anderes, ob man einen Gegenstand direkt berührt oder durch diese dünne, transparente und gummiartige Schichte.

Hätten wir uns nicht an diesen Schutz gewöhnt, wir hätten wohl niemals die Hautanzüge erfunden, oder doch? Endlich konnte ich aus meiner Haut und da gab es dieses Sonderangebot, welches so perfekt passte. Zwar wusste ich, dass die neue Haut durch die Bewegung hie und da noch etwas ausleiern würde, aber so heftig hätte es nicht passieren dürfen. Immer wenn ich einen Touchscreen berühren wollte, verschob ich meinen Finger innerhalb der Haut. Es bildeten sich Falten und eine Bedienung war unmöglich. Auch beim Kauen biss ich mir ständig in die hin- und herflatternde Wange. Und so sehr mir die Farbe der Haut auch gefiel, sie musste zurück.

Der Verkäufer entschuldigte sich mehrmals. Es sei wohl eine amerikanische Größe gewesen, die er gegriffen hatte. Ich nickte nur und spürte, wie meine Haare dabei vor und zurück rutschten. Wir gingen durch den Laden, um nach anderen Häuten zu schauen. Nervig war dabei bloß, dass ich für die Versionen, die weiter oben hingen, den Kopf in den Nacken legen musste, da die Augenlider tief hingen. Ich entschied mich für einen Naturton. Etwas dunkler als mein natürlicher Hautton, aber es war ja auch Sommer. Sollte die Haut dann doch Falten werfen oder ledrig werden, könnte ich ja eine neue kaufen. Zur Not auf Kredit aus der hohlen Hand heraus.

Der Ritter

Als ich erwachte, blickte ich in deine Augen. Der Wecker hatte noch nicht geklingelt und so nahm ich mir die Zeit, mich in ihnen zu verlieren. „Bist du schon lang wach?“, fragte ich dich und du schütteltest nur leicht mit dem Kopf und meintest: „ Ich wollte nur meinen Ritter betrachten.“ „Deinen Ritter? Ich? Was macht mich denn zu einem Ritter?“ „Ein Ritter beschützt und rettet und du hast mich heut Nacht beschützt und damit meinen Schlaf gerettet.“

So ritterlich kam ich mir gar nicht vor. Wir waren nebeneinander eingeschlafen, ich zumindest war schon fast vollkommen in meinen Träumen angekommen, als mich etwas ins Wache zog. Ich blickte nach rechts zu dir und sah, dass du nicht schlafen konntest, so wie es immer mal wieder geschah. Ich kann nur erahnen, was dann in dir vorgeht.

Meinen Blick löste ich, um eine Kerze auf dem Nachttisch anzuzünden und tat, als könnte auch ich nicht schlafen, aber du wusstest eh, dass ich zuvor bereits friedlich weggedöst war. Ich holte die zweite Decke von der Kommode und legte sie dir in den Rücken, danach bot ich meinen Körper zum ankuscheln an. Deinen Kopf legtest du auf meinem Bauch und deine Schulter bot sich mir, um darüber zu streicheln bis ich spürte, dass du ruhiger wurdest.

Ich griff nach einem Buch und begann eine Geschichte vorzulesen. Eine Geschichte, die wohl ein wenig zu viel für ein Kind gewesen wäre, aber dennoch mit der gleichen Liebhaftigkeit geschrieben war, die man früher zu hören bekam. Am Ende der Geschichte schliefst du tief und fest. Ich legte das Buch zur Seite, löschte die Kerze mit den Fingern und schlief neben dir ein, denn ich fühlte mich beschützt von dir, meiner Ritterin.

verirrt

Hallo du kleiner Spatz,

du bist wohl vollkommen wahnsinnig, dich auch meinem kahlen Balkon niederzulassen. Klar, es regnet und stürmt, aber auch wenn du hier Schutz vor den dicken, nassen Tropfen findest, was machst du gegen den eiskalten Wind, der deinen Flaum und deine kleinen Federn emporbläst, der dich so frieren lässt? Wie gern würde ich dir jetzt eine kleine Hütte hinstellen, aber damit würde ich dich sofort verscheuchen und das will ich nicht. Ich will dich doch später wieder meckern hören, du kleiner Spatz.