Der alte Mann (Teil sieben)

Am nächsten Morgen wurde ich von Toms Husten geweckt. Er lag noch immer auf der Couch und hatte sich kaum bewegt. Ich selbst hatte mir ebenfalls keine gute Schlafposition ausgesucht. Mir schmerzten die Knochen und ein wenig unterkühlt hatte ich mich auch. Dagegen half nur Aufstehen. Ich ging vor die Tür und überlegte, ob ich in dem See schwimmen sollte. Ich hatte bei meiner Ankunft schon Fisch aus dem See gegessen, also würden ein paar Züge durchs kühle Nass nun auch nicht mehr viel ausmachen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl so im kalten Wasser, als bekäme ich weniger Luft. Zumindest ist es so bei mir, aber das war schon immer so. Vielleicht ist es auch nur ein Überbleibsel aus meiner langen Angst vorm Wasser. Ich vergaß den Gedanken und schwamm einige Züge hinaus, dann drehte ich mich auf den Rücken und sah in den blauen Himmel. Ja, so konnte man wirklich leben. Der Weg zurück kannte nur einen Gedanken: Die warme Dusche.

Tom lag noch immer auf der Couch und hustete vor sich hin. Ich schlug ihm vor, dass ich schnell duschen würde und dann gäbe es warmen Tee, Rühreier und Brot dazu. Von ihm kam keine Reaktion, aber die hatte ich auch nicht erwartet. Vermutlich hatte ihm der Regen stark zugesetzt, das Frühstück würde ihn schon wieder etwas beleben. Es war schnell gemacht und ich stellte ein Tischchen vor die Couch und darauf die kleinen Mahlzeiten. Tom blieb liegen und nahm umständlich einen Schluck aus dem Becher. „Danke, Junge“, entfuhr es ihm. Das zu hören tat gut.

Ich aß weiter mein Rührei und lauschte dabei der Stille. Ich kann nicht sagen, dass sie mich stören würde, aber beim Frühstück zu zweit, da ist sie schon auffällig. Ich war nie der Morgenmensch und daher kenne ich diese Momente nur zu gut. Deswegen lief dann immer Musik im Hintergrund. Aber hier passte sie nicht her. Stattdessen raschelte der Wald leise. So ein drückendes Schweigen führt dann durchaus dazu, dass man plötzlich das sagt, was einem durch den Kopf geht. Und so entfuhr es mir: „Vater war allein im Büro und am nächsten Morgen fand ihn seine Sekretärin. Er hatte einen Herzinfarkt.“

Unten im Meer

Es ist ein großartiges Gefühl, wenn man vom Schwimmen wieder Heim kommt. Diese Ausflüge sind unbeschreiblich. Hier in unserer schützenden Kuppel scheint das Wasser uns erdrücken zu wollen und allein das dicke Glas beschützt uns davor. Doch wenn man nackt und umgeben vom salzigen Nass frei der Nase nach schwimmt, dann kann einem das Leben auf dieser einen Fläche nur wie ein Gefängnis erscheinen. Man erzählt uns immer wieder, dass wir einst auf der trockenen Oberfläche lebten und nur auf dem Wasser schwammen, doch mir erscheint das unwirklich, ist doch das Wetter dort oben so unbeherrscht und auch die Luft erscheint zu dick und zu schwer zum Atmen. Was einst über Wasser lag, ist mittlerweile längst untergegangen und immer wieder besuchen wir die Bauten der alten Zivilisationen. Es sind gigantische Museen und sie wirken so kantig und wuchtig, selbst jene, die vom Wasser geschliffen wurden. Wie man wohl gelebt haben mag, in diesen langgestreckten Türmen? Warum lebten sie nicht nebeneinander, so wie wir es tun? Mich verwundert nicht, dass sie das Unwetter nicht sehen konnten, das auf sie zukam, denn die hohen Bauten versperrten jeden Blick. Wir leben mit dem Meer, unsere Kuppeln schwimmen mit der Strömung und versuchen nicht den Kräften zu strotzen, die der Natur so eigen sind. Ob wir begriffen hätten, dass es einen Einklang mit der Natur geben muss, wenn unsere Vorfahren nicht so blind gewesen wären?