Lehrmeisterin – auf literallypeace.com

Guten Abend,

ich hatte es neulich schon angekündigt und hier ist der aktuelle Beitrag von mir auf Literally Peace

Text – Lehrmeisterin

Es geht dabei um Nacktheit, Rotwein und eine Nachbarin. Und wenn ich euch damit nicht locken kann, dann sollte ich wohl zugeben, dass es ein sehr berührender und nachdenklicher Text ist und keinerlei Erotik enthält.

Vielen Dank,

Ben

Entwurzelte Blumen

„Kommt mich doch mal besuchen“, sagte sie und ließ uns in der Küche zurück. Wie hätte ich dieser Einladung widerstehen können? Diese ersten warmen Tage im Jahr, sie sind so besonders, weil selbst nach einem langen Arbeitstag noch die Sonne scheint. Mit einem warmen Gefühl im Gesicht radelte ich den Berg zu jenem Haus hinauf, in dessen Garten sie wohl sein musste. Ob sie wirklich da war, konnte ich nur hoffen. Sie wohnte aber gar nicht mehr im Haus, sondern im Baum dahinter, in ihren eigenen vier Wänden, die von Freundes Händen gebaut wurden. Ich war schon länger kein Gast mehr in dem großen Haus gewesen und als ich ankam und nach hinten in den Garten wollte, begegnete ich einem unbekannten Gesicht. „Hallo, was machst du hier?“, fragte es. „Ich möchte Lívia in ihrem Baumhaus besuchen“, erwiderte ich. „Du meinst Janine“, meinte es. Ich nickte und widersprach doch stillschweigend, denn offensichtlich kannte das Gesicht ihren zweiten Namen nicht, wie so viele ihrer Freunde. Das Gesicht nickte mir zu und ich ging in den Garten zum Baumhaus.

Es war noch nicht ganz fertig, aber gerade dadurch konnte ich sie sofort darin liegen sehen. Ich erklomm die Treppe, die meisterlich hingesetzt wurde und musste mich ducken, um nicht an der Decke anzustoßen. Lívia sah mich verwundet an: „Hey, das ist ja ne Überraschung.“ „Ja, du hattest doch gestern eine Einladung ausgesprochen, wie hätte ich da Nein sagen können?“, meinte ich zu ihr. Sie umarmte mich und ließ sich danach wieder nieder. Ich kam auf ihre Ebene, denn so gebeugt war es anstrengend zu stehen. „Das ist es also“, entfuhr es mir und sie gab zur Bestätigung nur ein Mhm von sich und schloss die Augen. Ich bewunderte sie und ihr glückliches Gesicht, welches in orange-roten Sonnenstrahlen glänzte. Offensichtlich tat ich dies so lang, dass sie mich verwundert anschaute und fragte, warum ich sie so anschauen würde. „Du bist wunderschön in diesem Moment, als wärst du vollkommen eins mit dir selbst und der Welt“, gab ich zur Antwort. Sie grinste vor sich hin und hielt abrupt inne: „Du weißt, dass ich einen Freund habe.“ Ich nickte ihr zu und fragte: „Sagst du das gerade mir oder dir selbst?“ „Warum sollte ich es mir selbst sagen?“ „Weil man sich manchmal selbst ermahnen muss, keine Dummheit zu begehen“, erklärte ich und ergänzte einen Moment später: „Als ich vorhin auf mein Fahrrad stieg, sah ich auf dem Feld neben mir eine wunderschöne Blume. Ich hätte sie zu gern an mich genommen und für mich behalten. Aber so darf es nicht sein. Die schöne Blume wäre für meinen Egoismus gestorben und hätte ihre Schönheit verwirkt. Ich muss keine Blume mehr herausreißen, um ihre Schönheit zu bewundern.“ Ich schloss für einen Moment meine Augen und wurde mir bewusst, wie gefährlich der Moment war. Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich die erregte Spannung in Lívias Körper, schüttelte für mich selbst meinen Kopf und verließ sie. Zu vielen Blumen hatte ich schon entwurzelt. Diese nicht.

Fünf Namen

Ich hätte sie gegen das Licht und unter ihren Haaren kaum erkannt, aber da stand sie vor mir und wäre fast vorbeigelaufen, weil sie glaubte, dass ich sie absichtlich nicht erkannt hätte. Zumindest las ich das in ihrem Gesicht. Ihre Haare waren gar nicht lang, aber es war ein gewaltiger Unterschied zu den drei Millimetern, mit denen ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Es musste schon mindestens ein halbes Jahr her sein, womöglich gar ein ganzes, als ich sie das letzte Mal sah und die Haare zeugten davon, wenngleich sie dank ihrer Locken wohl weit weniger lang wirkten, als sie tatsächlich waren. Es war einer der ersten warmen Tage im Jahr und ich wollte die letzten Sonnenstrahlen auf den Stufen zu unserem Wohnhaus auf meiner Haut spüren. Sie lief vorbei und sah mich an, ich blickte zurück, erkannte aber kaum mehr als einen Umriss von ihr, weil die Sonne so tief stand und mir direkt ins Gesicht schien. Die erste Frage war mehr als logisch: „Was verschlägt dich denn in die Ecke hier?“ „Nun, ich wohne gleich in der nächsten Straße“, antwortete sie und erklärte mir den Weg zu ihrem Haus. Sie hatte den direkten Blick auf den Friedhof, ich war nur Nutznießer seiner Ruhe. Als sie erklärte, dass sie schon lange dort wohne, war ich überrascht: „Ich wohne seit August hier. Ich habe dich auch mal auf vorbeilaufen gesehen, aber ich kam nicht auf die Idee, dass du gleich um die Ecke wohnen würdest.“ Sie lächelte nur und ich lächelte mit ihr. Die ersten warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht in diesem Jahr, das erste warme, strahlende Lächeln.
Ich wollte sie einige Tage später besuchen, denn die Hausnummer hatte sie mir gesagt. Nur ihr Nachnahme, der war mir unbekannt. Und so stand ich vor ihrem Wohnhaus und sah auf 14 Klingelschilder. Einige waren mit mehreren Namen versehen, die schieden sofort aus. Andere kürzten ihren Vornamen mit einem Buchstaben ab und ein L war nicht dabei. Es blieben schlussendlich fünf Namen übrig, doch statt wild zu klingeln fragte ich das Mädchen, welches soeben das Haus betrat, ob sie eine Lena kennen würde. Sie schüttelte nur den Kopf. Fünf Namen also waren es, die es kennenzulernen galt.

Ich muss das jetzt machen, oh warte…

Da wollte ich mich eben an den Schreibtisch setzen und was schaffend tätig sein. Also so richtig produktiv. Nein, da knurrte der Magen und Nudeln mit erhitzter Butter mussten herhalten. Nebenbei noch gesaugt und die Spülmaschine ausgeräumt, denn das muss schon auch sein. Also wieder zurück an den Schreibtisch, immerhin ist nun doch ein Stündchen vergangen, finde ich jenes Bild vor:
CIMG6245 (1280x960)

Ich bin ja kein Unmensch und lasse die Tigerin schlafen. Draußen ist es eh viel schöner und wofür gibt es einen Laptop. Die Hängematte wartet bereits auf mich und ich klappe den Bildschirm hoch. Hach, viel zu hell ist es, wobei…nicht zu hell für ein Foto. Ach, das war nichts, dann noch eins…das hier geht klar:
CIMG6246 (1280x932)und jetzt? Sollte ich anfangen…aber die Sonne steht ja nur noch wenige Zentimeter über dem Hügel, da werde ich sie bei geschlossenen Augen genießen. Aber dann…dann gehts los…

Ozean

Der Schweiß sammelt sich auf meiner Stirn, bis ein Tropfen über meine Schläfe die Wange hinabwandert. Die Sonne kann gar nicht so schnell trocknen, wie sie neues, salziges Wasser hervorruft. In solch einem Augenblick vermisse ich dich mehr, als sonst, mein geliebtes Meer. Dich, das ich zu gern trinken würde, doch es bekommt mir nicht. Dich, das ich durchschwimmen würde, doch ich schaff es nicht. Dich, das ich bis an den Boden ergründen würde, doch ich mach es nicht. Ich bleibe an deiner Oberfläche und genieße die Grenze, die zwischen nass und trocken gezogen wurde. Keine Mauer und ein Zaun ist nötig, um diese Barriere zu beschützen, das macht sie ganz allein. Mein Sternzeichen ist Wassermann, da wurde ich nicht hineingeboren, aber zu gern würde ich mich einheiraten. Der alte Mann und das Meer stünde da vor dem Altar und würde sich das Ja-Wort geben. Ich werde ein ganz alter Mann sein. Ich werde liegen und nicht stehen und mit deinem ärgsten Feind in Kontakt getreten sein, damit ich mich dir ganz hingeben kann. Vollkommen zerstreut.

Und so überfährt es einen…

Es ist nur ein Lächeln. Es strahlt aus den wunderbar blauen Augen und wandert über das gesamte Gesicht. Den ganzen Tag regnete es, aber jetzt in diesem Augenblick bricht die Wolkendecke auf, damit die Sonne durch das Fenster hinter dir hineinstrahlen kann. Größer könnte ein Lächeln nicht sein. Deine Lippen würde ich nur allzu gern auf den meinen wissen und meine sonst so zielstrebige Art versteckt sich in der letzten Ecke. Das ist kein typischer Flirt und das soll es auch nicht werden. Das ist das schönste Gefühl, für das es keine Erklärung und keine Logik gibt. Bleib du da sitzen! Bis in die Ewigkeit. Und ich verharre ebenso bis ans Ende aller Tage und nichts wäre verloren oder verschenkt.

Ins kalte Nass

Der Wind wischt mir die Haare aus dem Gesicht, während meine nach oben durgestreckten Arme sich an dem Griff halten, der mit dem langen Band verbunden ist. Als der Umkehrpunkt der Schaukel erreicht ist, lasse ich los und fühle mich für einen kurzen Moment schwerelos, während das klare Wasser immer mehr auf mich zukommt. Mir ist nach Schreien zumute, aber ich halte die Luft an. Der See ist eiskalt. Es wummert dumpf in meinen Ohren, als ich eintauche und wieder erlebe ich einen Moment der Schwerelosigkeit. An meinem Körper gleiten Luftkügelchen nach oben und kitzeln mich sanft dabei. Einige Züge mit meinen Armen und den Beinen und ich finde mich wieder an der Wasseroberfläche. So wie die Luftbläschen zuvor an mir emporstiegen, drückt nun ein Schrei aus meinem Magen hervor. Ein Schrei voll Befreiung und Glückseligkeit. Nach einigen Augenblicken schnürt mich die Kälte immer mehr ein und ich steige wieder aus dem Wasser zu der Freundin, die bäuchlings auf der Decke liegt. Ich wecke sie, indem ich mit starkem Kopfnicken ein paar kalte und nasse Tropfen aus meinem Haar auf ihren Rücken schüttle. Ihr lautes „Hey“ zwingt mich zu entschuldigenden Küssen auf die zuvor befeuchteten Stellen. Ihre Haut ist warm und ich will sie nicht noch stärker quälen. So lege ich mich neben sie und schließe meine Augen, um in der Sonne zu trocknen.