Verschwommen

Die Straße und all die Menschen auf ihr verschwinden aus dem Fokus, wenn die Gedanken und Erinnerungen die Hoheit über das Sein gewinnen. Es ist keine Melancholie, sondern es sind lustvolle Gedanken, die durch den Kopf jagen. Ein Gesicht, ein Lächeln, eine Berührung. All das sind kleine Explosionen und Gedankensplitter in meinem Kopf. Bis plötzlich ein Mensch mich aus diesem Traum reißt. Man möchte mir etwas verkaufen oder mich zu etwas verpflichten, was weiß ich. Wann habe ich meine Zustimmung gegeben, dass mich Unbekannte aus meiner Traumwelt reißen dürfen? Sie dürfen es nicht. Sie sollen mir meine Ruhe lassen und den Versuch an meine Moral zu appellieren, den sollten gerade sie unterlassen. Wer handelt denn hier gerade unmoralisch und verletzt meine Grenzen? Noch einige Minuten bin ich verärgert. Dann zwinge ich mich zur Ruhe und lasse die Welt wieder verschwimmen.

Mal eine neue Stadt kennenlernen

Marburg. Eine schöne Stadt, der ich mal einen Ein-Tages-Besuch abstattete. Aber wie kam es dazu? Ich war noch ein junger Student und fühlte mich ein wenig allein. Schnell war ein Profil auf einer Community-Seite erstellt, wobei ich diese ursprünglich aufgrund von Partyfotos angesteuert hatte. Ganz wichtig war mir natürlich, dass das keine Datingseite war, das wäre ja erbärmlich gewesen, da meldet man sich doch nicht an. Und dann lernte ich jenes süße Mädel kennen. Gerade fertig mit dem Abitur und nun noch unwissend, wo es hingehen sollte. In Marburg wohnte sie, noch bei ihren Eltern.

Wir schrieben viel und flirteten so einige Tage hintereinander. Also wollte ich sie besuchen. Einfach ins Auto setzen und hinfahren. Aber natürlich nur nach Verabredung. Der freie Tag war gefunden und die Uhrzeit gesetzt. Gentleman, wie ich war, gab ich ihr meine Nummer und fragte nicht nach ihrer. Sie sollte mich einfach zu besagter Zeit anrufen, ich würde es schon finden, mein Handy konnte ja navigieren. Und so kam ich in Marburg an. Zuerst zum Bahnhof und dort fragte ich mich, warum so viele Städte ihre Besucher auf diese Weise empfangen. Nein, so schön war Marburg nicht, aber ich hatte ja ein schönes Date mit einem schönen Mädchen, was sollte mich der Bahnhof stören. Ich fuhr ein wenig durch die Stadt und stellte mein Auto ab, denn mein Tank war nicht endlos gefüllt und mein Guthaben recht ausgereizt, Student eben.

Ich ging Richtung Stadtmitte und wartete dort, bis…ja, bis nichts passierte. Absolut nichts. Kein Piepsen vom Handy, auch nicht nach zwei Stunden. Das war also Marburg, dachte ich mir und begriff, dass ich die Stadt noch gar nicht gesehen hatte. Ich machte meine eigene Tour und stapfte hinauf zum Schloss. Die Sonne wurde mein Flirtpartner und strahlte mir ins Gesicht. Da ich in der Nähe der Kirche geparkt hatte, war das mein Ziel für den Rückweg und besuchte stattdessen die Lahn. Ich kaufte mir irgendwo etwas zu essen und aus einem Date wurde ein Städtetrip. Eine schöne Stadt hatte ich kennengelernt, aber das Ego blutete noch, zu verletzt fühlte ich mich.

Zuhause wurde die virtuelle Freundschaft wortlos gelöscht und zehnmal tief eingeatmet, das half. Bis zum nächsten Tag, da fand sich eine Nachricht von ihr im Postfach. Die erste, seit wir das Date vereinbart hatten und ich ihr meine Nummer schickte. Sie fragte, warum ich die Freundschaft gelöscht hatte. Die Wut war erneut entbrannt und so schrieb ich ihr, was ich von all dem hielt, was so geschehen war. Sie entschuldigte sich, denn sie hätte es gar nicht so verstanden, als würden wir verabredet sein. Klar, eine Aussage wie „morgen gegen 13 Uhr bin ich da, ruf mich einfach an.“ lässt sich auch falsch verstehen. Das glaubte ich ihr tatsächlich und schickte ihr eine Freundschaftsanfrage. Sie nahm sie an und ich war wieder glücklich, redete ich mir ein.

24 Stunden später setzte ich mich wieder an den PC und öffnete die Communityseite. Keine Nachricht von ihr, was hätte sie mir auch schreiben sollen? Ein wenig suchen, bis ich die Seite fand, auf der ich mein Profil löschen konnte. Ein Freund fragte mich ein paar Tage später, was ich an jenem Wochenende gemacht hätte. Mir rutschte heraus, dass ich in Marburg war und natürlich hakte er nach, was ich dort getrieben habe. „Ich wollte mal ne andere Stadt besuchen. Wollte mal raus“, erzählte ich ihm. Ja, ich wollte mal raus. Nein, ich musste einfach mal rauskommen.

Einen leeren Kopf bekommen

Die Lichter der Stadt spiegeln sich auf dem schwarzen Lack des Cabrios. Ein Ziel gibt es nicht, nur das beruhigende Brummen des Motors und das Gefühl der Beschleunigung nach jeder roten Ampel, die es braucht, damit das nächtliche Fahren nicht monoton wird. Seine Gedanken beruhigen sich. Sie prasseln nicht mehr auf ihn ein. Das ist der kleine Ausbruch, in dem so viel Freiheit steckt und sie wird mit ein paar Tropfen Öl recht günstig gekauft. An der nächsten Ampel wartet ein Auto mit zwei jungen Fahrern. Sie wollen auffallen und suchen ein Rennen. Doch da suchen sie beim falschen Mann. Die nächste Streife wird sich freuen und er sich ebenso, wenn er deswegen ungestört bleibt.

Wenn der Kopf vollkommen ruhig geworden ist, dann geht es gern auch mal auf die Straßen außerhalb der Stadt, wo der Zeiger des Tachos die 90 Grad geradezu überfliegt, die zwischen 30 und 130 km/h liegen, nur um dann doch wieder den Wagen rollen zu lassen, bis er ein gutes Stückchen unter der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit liegt und dem Fahrer noch die Möglichkeit gibt, einem Tier auszuweichen. Keine Menschenseele weit und breit, nur die ruhige Nacht, die ihn beim Fahren beobachtet, bis er wieder auf seiner Einfahrt steht und den Motor einige Sekunden lang brummen lässt, bis er den Schlüssel nach links dreht und damit die Spritzufuhr kappt. Doch innerlich vibriert es weiter und sorgt dafür, dass in dieser Nacht niemand mehr die innere Ruhe brechen kann,

Der alte Mann (Teil vier)

Die Nacht verbrachte ich auf Toms Couch. Sie war schon vollkommen durchgesessen, so dass man jede Feder spürte, die sich in den Körper bohrte. Ich schlief wenig und machte mich noch vor Sonnenaufgang auf, um zu joggen. Am liebsten hätte ich den See umrundet, aber dafür war er viel zu groß, daher kehrte ich nach einigen Kilometern wieder um. Irgendwas erschien mir am Ufer merkwürdig, aber es war nur ein Gefühl, das ich nicht näher bestimmen konnte. Als ich zurückkam und mich unter die Dusche stellte, kam es mir plötzlich in den Sinn. Die Bäume waren ungewöhnlich kahl gewesen. Womöglich sogar tot. Ich hatte einen Bekannten von meiner Zeit an der Uni, der Biologe war, ihm konnte ich ein paar Wasserproben zuschicken, die ich noch an diesem Tag sammeln würde, ich brauchte nur sterile Behältnisse, aber die würde ich in der Stadt bekommen. Tom lebte seit Jahren hier und somit auch von dem Fisch aus dem See. Womöglich war hier die Ursache für seinen Husten zu finden.

Beim Frühstück fragte er mich, wo ich am Morgen gewesen sei. Ich antwortete ihm, dass ich joggen war, was er nur mit einem Zucken der Schulter beantwortete. Das war wohl nichts für ihn. Ich sprach ihn auf die Bäume an, da sah er mich für einen Augenblick lang intensiv an und widmete sich dann wieder seinem Essen. Von meiner Idee erzählte ich ihm nichts. Es erschien mir unsinnig, ihm eine These zu erzählen, die nur auf zwei Indizien beruhte. Das hätte ihn vermutlich nur genervt oder er hätte mich für den typischen Städter gehalten, der den Menschen vom Lande die Welt erklären will.

In die Stadt fuhr ich allein, allerdings mit einer Liste an Lebensmitteln, die ich mitbringen sollte. Ich rief von dort aus meinen Bekannten an und schilderte ihm die Lage. Er erklärte sich bereit, die Proben zu untersuchen und gab mir eine Adresse durch, an die ich sie schicken sollte. Ein weiterer Freund bekam einen Anruf von mir. Er sollte sich erkundigen, ob Firmen in der Nähe des Sees oder dieser Stadt registriert sind. Er meinte, dass ich in zwei Stunden noch einmal anrufen solle und dann könnte er mir schon erste Informationen geben. Somit hatte ich eine gute Weile, um einzukaufen, Mittag zu essen und diese kleine, verlassene Stadt kennenzulernen, in der mich jeder Einwohner ansah, als käme ich vom Mond.

Erbaut

Hier begann es also. Nicht mehr als eine Furt  war der Grund. Hier wurde der reißende Fluss überquert, vermutlich ein breiter, freigetretener Pfad inmitten einer moosig-grünen Wiese, nah dem Wald. Hier also lagerten Wanderer, die eine Holzhütte bauten und spätere noch eine. Aus Holz und Matsch wurde Stein, aus grau-braunen Leinen wurden farbenfrohe Stoffe. Die Gebäude wurden reich geschmückt, damit jeder Besucher mit offenem Munde und voller Ehrfurcht durch die Straßen wandle. Große Feste feierte man mit großen Feuern, gespeist von gesammeltem Gehölz und später gar mit Büchern, bis man schließlich dich verbrannte und auszulöschen versuchte. Die Schönheit und Leichtigkeit war gewichen, die Menschen gingen gebeugt und beschämt durch eine Ruinenwelt. Doch dein gepeinigtes Herz schlug noch. Unregelmäßig und schwach, aber jeden Tag etwas mutiger. Und schau dich jetzt an, wie du mit jedem Puls die Menschen einsaugst und wieder hinaus pumpst. Die prachtvollen Bauten wurden von riesigen Glaswänden ersetzt, von denen aus man all das Treiben betrachten kann. Aus der Furt ist ein breiter und tiefer Fluss geworden, der immer wieder versucht, sich sein Land zurück zu erobern und du holst dir dabei jedes Mal nasse Füße. Hier begann es also.

Leni und Valentin

Das Wochenende klang mit einem kalten Sonntag langsam aus und die Sonne war bereits untergegangen, da kam Valentin die Lust auf einen Spaziergang. Leni, die er erst kurz kannte, wollte ihn begleiten und so zogen die beiden los. Valentin wusste nichts zu sagen, doch dafür war Leni nicht zu stoppen, sie war von einem kurzen Besuch bei ihrer Familie heim gekehrt und berichtete in ihrer naiv kindlichen Art, die Valentin so liebte, davon. Nachdem sie den Stadtpark hinter sich gelassen hatten und am Fluss angekommen waren, beschlossen sie, ihren Spaziergang noch weiter auszudehnen und die nächste Brücke zu überqueren. Sie erzählte währenddessen, dass sie neue Objektive für ihre Kamera erstanden hätte und berichtete aufgeregt von all den Möglichkeiten und Filtern, die sie nun beim Fotografieren anwenden könnte. Sie könnte nun kleinste Steinchen scharf ablichten, könnte Seen und Fenster entspiegeln und somit das sichtbar machen, was man selbst mit dem Auge nicht sehen konnte oder weit entfernte Vögel so nah heran holen, dass man ihre Federn detailliert erkennen könnte. Er ging derweil neben ihr, nickte hin und wieder und warf hier und da ein „Aha“ oder ein „Schön“ ein, wenn sie eine kleine Pause machte, um sich umzusehen oder sich einen Stein aus dem Schuh zu holen, welche sie immer wieder aufzusammeln schien. Als sie das Ufer auf jener Seite des Flusses abgelaufen und zur nächsten Brücke gelangt waren, machten sie sich langsam wieder auf den Rückweg. Dabei fielen ihnen immer wieder die Gesichter der wenigen Passanten auf, die sie freundlich ansahen, wie der Bahnfahrer, den Valentin freundlich und eindeutig grüßte und der ihn daraufhin zurück grüßte. Das gesamte Wochenende hatte Valentin sich einsam gefühlt und nun genoss er jeden Moment mit dieser kleinen Dame, die unaufhörlich zu reden schien und die er so lieb gewonnen hatte. Ihm war seine Schweigsamkeit sogar etwas unangenehm, denn er befürchtete, dass Leni es auf irgendeine Art interpretieren könnte, doch es störte sie nicht im geringsten. Hier gingen zwei Menschen, die ein schönes Paar abgaben. Ein Paar in tiefer Freundschaft.