Staub

Sie hatten mich gebeten Staub zu wischen. Ich verstand das, denn tatsächlich fand sich allerorts eine leichte Staubschicht, die mir höchst unangenehm war. Ich hatte mein Fenster offengelassen und die Bauarbeiten vor der Tür waren der Grund für die Staubdecke, die ich sonst allsonntäglich wegwischte. Nun war es Mittwoch und ich hatte sie bisher ignorieren können, doch nachdem ich darauf hingewiesen wurde, sah ich sie überall. Ich spürte eine Wut in mir aufsteigen. Den ganzen Tag musste ich den Baulärm ertragen Und nun wurde ich zusätzlich gedemütigt. Ich bekam große Lust, meine Schuhe anzuziehen, mir meinen Schlüssel zu greifen und draußen die Bauabsperrungen umzutreten, damit sie morgen von meinem Widerstand – Nein – von meiner Revolte erfahren würden.

Perfektion

Er bewunderte seine Mutter dafür, dass sie so spät nach Hause kam und dennoch jeden Tag alles putzte. Das Bad war danach immer so weiß und perfekt. Das war sein Anspruch. Als er auszog, versuchte auch er alles weiß und perfekt zu halten. Seine Wohnung war aufgeräumt, die Wände weiß und die wenigen Schränke ordentlich sortiert und mit einem Glasfenster verschlossen, denn so konnte nichts verstauben. Doch diese äußerliche Perfektion genügte ihm nicht. Er selbst musste makellos sein und so setzte er all sein Streben daran, heller und weißer zu strahlen und fehlerfrei zu werden.

Jeden Tag überprüfte er sich und seine Taten und jeden Tag merzte er Dinge aus, die nicht richtig waren. Als perfekter Mensch würde er wie jene Modelle auf den Magazinen sein und alle Welt würde ihn lieben. Und die Menschen lernten ihn kennen, und fanden ihn perfekt. Er besaß keine Kanten, an denen man sich stoßen konnte, war in allen Belangen ein guter und rechter Mensch. Doch keiner der Menschen war gern mit ihm zusammen, sie hatten Angst, dass man ihre Fehler neben ihm entdecken könnte. Die Einsamkeit traf sein Herz und er zog sich in seine perfekte Welt zurück.

Jahre später sagt das kleine Kind zu ihm, dass es in der Ecke staubig sei. Es ist ein Reflex, dass er zum Tuch greift, um den Staub wegzuwischen. Dann hält er inne. Nein, das hat er schon vor Jahren aufgegeben. Dann ist die Ecke eben staubig. So ist es eben, wenn hier jemand lebt. Er nimmt das große Tuch und lässt es über den Kopf des Kindes fallen. „Du darfst es gern wegwischen, wenn du magst.“, doch das Kind mag sich viel lieber unter dem Tuch verstecken.