Die ersten Erdbeeren

Es gibt gar nicht so viele Dinge, auf die ich stolz bin, das liegt wohl zum einen daran, dass ich diesen Stolz nie wirklich definiert habe, aber eben auch daran, dass nach meinem Empfinden eine gewisse Arbeit und Zuneigung zu einem Projekt vorhanden sein muss, um Stolz dafür zu entwickeln. Der Stolz auf das eigene Land war mir schon immer verhasst, denn mich beschleicht dabei das Gefühl, dass man das eigene Land dabei über andere stellt und lieber möchte ich auf jede Grenze verzichten, als noch einmal mitzuerleben, wie man kollektiv gegen andere Menschen kämpft, weil man sich für besser hält. Aber genug von diesem kurzen Ausflug über Nationalstolz und wieder zurück zum Stolz auf eigene Projekte:

Ich bin im April umgezogen und neben der Ruhe ist der Balkon etwas, was ich an der Wohnung so sehr schätze. Mir war schon vor dem Umzug klar, dass dieser Balkon grün werden sollte und mittlerweile errötet er sogar, denn die erste Erdbeere ist gereift. Als sie noch grün war, spürte ich meine Freude darauf, sie bald kosten zu dürfen und seit heute ist sie an einem Punkt, an dem ich sie pflücken würde und schon eine zweite schickt sich an, ihr zu folgen. Ich weiß nicht, ob ich wirklich stolz bin, aber ich freue mich ungemein über dieses Zeichen meines Dasein und Handelns.

Ich wünsche euch Lesern einen wunderschönen Sonntag und möchte mich bei euch bedanken, denn ohne euch gäbe es so manch schöne Geschichte hier nicht. Und diese Geschichten sind auch kleine, gereifte Erdbeeren, auf die ich definitiv sehr stolz bin.

Wir sind Weltmeister

Vergangenheit Gegenwart Zukunft / Past Present...
Vergangenheit Gegenwart Zukunft / Past Present Future (Photo credit: Herr Olsen)

Wer bei dieser Überschrift die Augen verdreht, darf gern weiterlesen, denn es wird keine Lobeshymne auf einen Rennfahrer werden. Vielmehr nahm ich jene Zeile, weil ich damit rechne, dass sie so morgen auf Seite Eins mancher Zeitungen stehen wird. Und da sind wir schon bei dem Punkt, der mich stört, denn wer sind denn diese „wir“? Diese Wir, die schon Papst und Bundeskanzlerin geworden sind, damit soll ich mich wohl als Deutscher angesprochen fühlen und frage ich mich stattdessen, wann die Überschrift „Wir sind Nationalisten“ in den Zeitungen stehen wird, denn das steckt dahinter. Es ist mir recht egal, ob Vettel nun Weltmeister ist oder nicht, wenngleich ich es immer schön finde, wenn ein Mensch seine Träume verwirklicht. Ich habe aber dafür nichts getan und deswegen empfinde ich keinen Stolz und fühle mich auch nicht als Weltmeister.

Ich war immer sehr froh, in einem Land aufgewachsen zu sein, dass sehr vorsichtig wird, wenn es um ein blindes Wir-Gefühl ging. Ich bin froh, in einem Land zu leben, dessen Menschen es schafften, eine Trennung zu überwinden. Ich bin froh in einem Land zu leben, dass mir so viele Möglichkeiten und so viel Schutz bietet. Aber bin ich stolz darauf, ein Deutscher zu sein? Die Frage kann ich verneinen, denn Stolz ist ein Gefühl, dass man allein auf sich und seine Leistung beziehen sollte.

Ich bin einfach nur glücklich hier leben zu dürfen, dennoch sehe ich mich eher als Europäer und würde mir sogar wünschen, mich irgendwann als Weltmensch sehen zu dürfen, aber dieser Wunsch scheint momentan in weite Ferne gerückt zu sein. Stattdessen scheint man lieber Antieuropäer zu sein. Sich dafür zu schämen, Europäer zu sein, wäre ja noch verständlich, wenn man sich darauf bezieht, wie wir in der Vergangenheit mit anderen Menschen und Volksgruppen umgingen, aber das ist nicht Grundlage des Anti-Europäismus. Es ist auch nicht der aktuelle Umgang mit Flüchtlingen, der es mal für eine Woche in die Schlagzeilen schaffte, sondern es ist das vermutete Scheitern einer geldpolitischen Union, die mir aber vollkommen egal ist, weil sie für mich nicht das Europa-Gefühl ausmacht.

Ich liebe unsere Einstellung zur Freiheit und zur Einheit, zum Willen, keinen Krieg mehr führen zu wollen. Wir sind verliebt in die Höhen unserer Vergangenheit, seien es Dichter und Denker oder antike Philosophen, deren Horizonte damals weiter waren, als er es heute ist. Wir bewahren und erinnern uns lieber, als ständig etwas Neues schaffen zu wollen. Geschichte ist für uns nicht nur eine Aufzählung von glorreichen Schlachten, sondern auch von Fehlern.

Europa bedeutet für mich, grenzenloses Reisen und die unterschiedlichsten kulinarischen Genüsse. Europa bedeutet für mich, Freunde zu haben, die einem helfen, einen ermahnen und nicht in Wettstreit stehen. Vermutlich ist mein Blick auf Europa schon nicht mehr korrekt, denn wir orientieren uns zu sehr an Amerika, das seine Kraft aus dem Wettkampf und nicht aus der sozialen Unterstützung zieht.

Ich sehe mich nicht als Weltmeister und noch nicht als Weltbürger, aber ganz sicher als Europäer.