Hin und zurück

Der schwarze Belag ist weggekratzt, als hätte man ein übergroßes Messer über den butterigen Asphalt gezogen. Auf dem anthrazitfarbenen Überbleibsel steht ein orangenes Männchen und lässt seine Maschine auf die Flecken einhämmern, die nicht vom Messer erwischt wurden. Es klingt nach einem fernen Maschinengewehr, das seine Salven unaufhörlich abfeuert. Nach einigen Stunden kommen sie wieder und streichen mit einem stumpfen Messer einen schwarzen Brotaufstrich. Er ist perfekt. Das Maschinengewehrfeuer wird verloschen sein. Dafür rollen die Reifen darüber und Motoren und Hupen künden vom alltäglichen Wahnsinn. Es ist die Flut, die des Abends zur Ebbe wird. Ein Hin und ein Zurück ganz ohne Ziel. Jeden Tag hin und zurück. Und am Wochenende erneut hin und zurück, nur woanders. Hin und zurück, hin und zurück, hin und zurück…

Morgenduft

Die Straßen sind nass und ein leichter Niesel fällt vom Himmel. Gibt es für einen leichten Niesel ein besseres Wort? Also für die wenigen Tropfen, die einen so selten treffen, dass man sich fragt, ob der erste schon getrocknet ist, bis der zweite einen trifft.

Ich schlendere zum Bäcker, denn mein Magen grummelt vor sich hin. Normalerweise ist er um die frühe Uhrzeit entspannt, da ich nur selten frühstücke, aber heute war ihm wohl danach und ich bin kein Unmensch und lasse ihn nicht unnötig leiden. Es sind nur wenige Leute zu Fuß unterwegs, aber die frühmorgendliche Blechlawine schiebt sich bereits durch die Straßen. Hier im Viertel gibt es eigene Regeln: Hier überquert die alte Frau mit einer Höchstgeschwindigkeit von 2km/h seelenruhig die Straße, auf der theoretisch vier Autos nebeneinander Platz hätten, aber die Schienen in der Mitte werden selten von einem Gummireifen berührt. Es stört sich niemand an der alten, ruhigen Lady. Neulich erst sah ich zwischen den Gleisen einen Polizisten stehen. Er regelte nicht den Verkehr, sondern suchte – zehn Meter von der roten Fußgängerampel entfernt – seinen Weg vom Metzger auf die andere Seite zum Streifenwagen. Keine Ahnung, wer diese Ampel überhaupt angefordert hat, sie wird allseits gekonnt ignoriert.

Hinter dem Tresen beim Bäcker steht eine junge Frau, sie fragt, wonach mir ist und ich entscheide mich für ein Brötchen und ein Laugenhörnchen. Ein leichtes Frühstück also. Auf dem Rückweg treffen mich zwei Tropfen fast gleichzeitig am linken Arm. Ein Sturm zieht auf, geht es mich nicht ganz ernst gemeint durch den Kopf. Ich lausche dem klatschenden Geräusch der Schuhe, die auf den feuchten Beton treffen, atme den Duft der Regenluft ein und gehe wenige Meter mit geschlossenen Augen Richtung Heimat.

Die Diva

Emma hält sich für was Besonderes, zumindest macht es den Anschein. Eben erst kam sie mit dem Besitzer des Cafés zurück und schon sitzt sucht sie sich ein ruhiges Plätzchen, um den Leuten dabei zuzuschauen, wie sie dort draußen umhereilen. Sie spürt all die Blicke, die auf ihr liegen, aber was soll sie machen, so süß wie sie anzuschauen ist, kann keiner von ihr ablassen. Und so verbringt Emma den Tag. Immer im Café, das doch nur ein gemütlicher Studententreff ist. Ein Ort, bei dem man einen Tee, eine heiße Schokolade oder einen Cappuccino bestellt und während man ihn schlürft liest man eine Zeitung oder quatscht endlos lang mit Freunden. Hier wird man nicht böse angeschaut, wenn man nicht sofort ein weiteres Getränk bestellt oder alsbald den Tisch räumt. Reich kann man hier als Besitzer nicht werden, zumindest nicht reich an Geld. Und dennoch sitzt die Diva eben hier und fühlt sich besonders. Es ist nicht das schicke und sündhaft teure Café am Marktplatz, welches vor lauter Gesprächen die gemütliche Ruhe verschluckt hat. Doch würde man nicht dort eine Diva viel eher erwarten?

Sie ist recht schamlos und setzt sich auch gern mal ungefragt auf den Schoß eines Gastes. Sie sieht ihm dann nicht in die Augen oder bedankt sich, sondern richtet den Blick wieder nach Draußen, als würde sie dort etwas Interessanteres erwarten. Sie lässt sich dann durchaus ein wenig streicheln, aber man muss es auch nicht übertreiben, sonst ist sie sofort wieder weg. Also sei vorsichtig, Besucher, dein Herz darfst du nicht an sie verlieren. Ihr Haar ist durchweg weiß, das war schon immer so und hat nichts mit ihrem Alter zu tun, das sie aber eh niemals verraten wird. Vielleicht sagt es dir der Mann hinter der Theke. Aber sei vorsichtig, er flirtet gern mit dir, wenn du eine junge Frau bist. Leider sehr unbeholfen. Emma interessiert sich nicht dafür, warum sollte sie auch, am Abend werden die Beiden den Laden schließen und nach Hause gehen. Er wird ihr keine Kette anlegen, wie man es womöglich erwarten würde und vielleicht ist sie gerade deswegen an seiner Seite. Das ist schon ein schönes Hundeleben, das Emma da führt, aber es braucht auch den Menschen dafür, der es ihr ermöglicht.