forgotten memories

Was für eine Melodie. Vor fast fünfzig Jahren war sie zum ersten Mal zu hören und mir ging der Song schon immer unter die Haut. Deswegen verwundert es mich nicht, dass er auf der Playlist steht. Es ist die Erinnerung, die mit dem Hören kommt, die ich nicht erwartet hatte.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass sie und ich unsere Räder des Nachts schoben. Der erste Kuss war noch jung, vielleicht eine Stunde, vielleicht mehrere, das hätte ich schon damals nicht sagen können, denn die Zeit zwischen dem ersten Kuss und dem Fahrradschieben nutzten wir für weitere Küsse. Nutzten sie für das Flüstern nah am Ohr und für die sanfte Berührung von einer Stirn mit der anderen.

Als wir so schoben, sang ich ihr jenen Song vor. Die Angst davor, einen Ton nicht zu treffen, war weit entfernt. In dieser Nacht fürchtete ich gar nichts. Was hätte ich auch fürchten sollen? Ich sang ihn vor, denn der Name sagte ihr nichts und leider auch nicht mein Gesang. Sie hatte ihn nie zuvor gehört. In der Zeit, in der ich das Lied kennenlernte, brach sie von Zuhause aus, um mit ihrem Freund zusammen zu sein.

Wir nutzten die eine Chance, die sich uns bot. In einer warmen Sommernacht tanzten wir im Staub und zwischen spitzen Steinen, bis sich unsere Blicke und unsere Lippen fanden. Ich könnte mir die Nacht nicht ein Stück anders vorstellen.

Im Staub

Hallo du Tanzende. Der Boden besteht aus kleinen und großen Kieselsteinen, aber deine nackten Füße gleiten über ihn, als gäbe es keine scharfen Kanten, während ich mich noch darüber freue, dass ich zumindest eine dünne Sohle habe, die mir als Schutzschild dient. Du bist an einem ganz anderen Ort und vermutlich waren es nicht nur die drei Male, die du mich nicht erkanntest und mich wieder fragtest, wie ich heiße und wer ich sei. Aber du erinnertest dich dann sofort an das, was ich dir zuvor schon gesagt hatte. Wie wohl die Welt und die Menschen aus deinen Augen aussehen müssen, dass du sie nicht in Erinnerung behältst. Deine Hingabe gilt allein dem Moment, das zu erkennen, war die Kunst und ich frage mich, ob deine Freundin mich mit ihren Blicken töten oder ausziehen möchte, während ich deinen Blick ohne weitere Frage verstehe, aber ich werde ihn nicht mit einem Kuss erwidern können. Nicht, dass ich nicht wollte, aber nur weil du für den Moment lebst, muss es deine Freundin nicht tun und leider auch ich nicht. Und dann fragst du mich, was ich für ein Mensch sei. Ein Zigeuner, ein Veganer, ein Bio, ein Feminist, ein Computermensch und weitere Möglichkeiten fallen dir aus dem Mund, doch so schnell sie dir einfallen, so langsam kann ich mich einsortieren und gebe genau dies zu: “Ich bin ein Reisender, aber ich habe meinen Weg verloren.” Du lächelst und gibst die einzig mögliche, warmherzige Antwort: „Das ist gut so…das gefällt mir.“

Joggingrunde – Teil 5

Ja, hier war ein Kuss gefordert, doch so nah sich unsere Köpfe auch waren, es fehlten wenige Zentimeter oder eine biegbarere Wirbelsäule. Wir lösten uns nur für einen Moment, doch genau da erfasste uns die Unruhe der aufstehenden und verlassenden Leute, was auch uns dazu bewegte, aus dem Raum zu verschwinden.

Draußen sprach ein Mädchen Julia an und ich lief noch ein paar Meter weiter, wo ich mich dann umdrehte, so dass jenes Mädchen zwischen uns stand. Unsere Blicke wechselten heimlich aber ständig. Diese Blicke, die mehr sagten, als alles, was wir bis dahin jemals auszusprechen gewagt hätten. Julia wurde eingeladen noch mit in den Innenhof zu kommen, wo ein paar Leute Musik machten.

Man sah kaum mehr als die Konturen der Menschen, da es nur eine schwache Lampe bei den Musikern gab. Die meisten Zuhörer saßen auf dem kühlen Rasen und einige standen und bewegten sich, als würden sie im Wind wiegen. Julia war schneller als ich und stand bereits in der Runde, so dass ich mich ihr von hinten her nähern konnte, mit meinen Armen die ihrigen griff und diese um ihren Bauch legte, während ich meine Brust an ihren Rücken schmiegte.

Die Musik wurde lebhafter und wir gingen mehr ins Tanzen über. Gesicht sah in Gesicht, Hüfte berührte Hüfte und wieder war er da, der ewig langsame Moment, der nur zu gern ein ganzes Leben lang dauern dürfte. Endlich fanden sich unsere Lippen und so wie wir, tanzten nun auch unsere Zungen sanft umschlungen miteinander.

Es war mal wieder die Kälte, die uns nach einem Moment, der wohl mehrere Lieder lang war, wieder zu uns brachte. Es brauchte nicht viele Worte, bis wir beschlossen, nach Hause zu radeln. Wir nahmen den Weg durch den Park, weil Julia kein Licht am Rad hatte. Irgendwer rief uns auf der Fahrt mal etwas zu, aber außer ein paar dunklen Gestalten bemerkte ich nichts und ließ mich auch nicht beirren.

Es war ein dünner Durchgang in den hinteren Teil des Hauses, wo Julia ihr Rad abstellte. Wir küssten uns wieder und sie löste sich. Ihr Blick drückte eine Entschuldigung aus, die sofort folgte. Sie hatte Besuch von ihrer Schwester, sonst hätte sie mich mit nach oben genommen. Ich grinste über ihre Worte. Nicht, dass ich es mir nicht gewünscht hätte, ihr nach oben zu folgen, aber ich hatte gar nicht damit gerechnet. Dieser Abend war perfekt und sollte sich erst einmal in unserem eigenen Inneren ausbreiten, uns selbst einnehmen. Das Grinsen verließ mich nicht mehr, bis ich selig in meinem eigenen Bett einschlief.