Joggingrunde – Teil 4

Beim Abräumen des Tisches kamen wir endlich auf die Idee, Julias Mitbewohnerin eine Mail zu schreiben und so kümmerte ich mich um den Abwasch, während im Wohnzimmer leise die Tasten klapperten und meine Telefonnummer einer weiteren Person bekannt gegeben wurde. Früher wäre das keine Möglichkeit gewesen, also wie hat man damals so ein Problem gelöst? Klar, man merkte sich einfach die Telefonnummern und das Frühstück hätte man dann umso mehr genießen können.

Es dauerte nicht lang, bis mein Handy klingelte und Julia mit ihrer Mitbewohnerin telefonierte, welche sie direkt bei mir abholen würde, was für mein Empfinden viel zu schnell geschah. Den Rest des Sonntags hatte ich ebenso wie sie verplant und so tauschten wir außer einigen Kurznachrichten auch die darauffolgenden Tage nichts aus bis wir uns am Freitag wiedersehen sollten.

Wir trafen uns im Dachgeschoss eines Wohnblocks zu einer Filmvorführung. In den Wohnungen dieses Hauses tummelten sich Studenten und Althippies, was seinen ganz eigenen, angenehmen Charme hat. Die meisten dieser ergrauten und faltig gewordenen Blumenkinder scheinen irgendwo in den 60ern hängen geblieben zu sein und erzählen gleich einer hängengebliebenen Schallplatte von ihren Ideen und Idealen, die sie dann eben leider doch nicht verwirklichen. Aber dennoch habe ich sie ungemein gern und viel lieber als die, die ich gern die Neo-Hippies nenne. Leute, die mit Regenbogenmütze auf Bob Marley machen und dich dabei abschätzig anschauen. Die Liebe ist ihnen abhanden gekommen und die Kleidung scheint das zu sein, worum es ihnen geht. Man trägt lieber das Profil eines Freiheitskämpfers auf dem T-Shirt, als die Welt verbessern zu wollen. Die Neo-Hippies sind mir deswegen ebenso suspekt wie das Gros der Linken, die sich für ach so offen und aufgeklärt hält, aber eben doch nur die ewig gleichen Slogans raushaut und alle Anderen abschätzig betrachtet.

Im Dachgeschoss war außer einem Althippie nur ein paar lässig gekleidete Studenten unterwegs und eben Julia. Mein Blick fiel auf ihre eigentlich unauffälligen Sneaker. Keine Stiefel oder gar hochhackige Schuhe, die hätten hier zwar eh nicht reingepasst, aber was ich daran zu schätzen weiß, ist die Tatsache, dass sie sich ihrer Ausstrahlung bewusst ist und sich an keine Hilfsmittel klammern muss, um Eindruck zu schinden. Wenn wir jetzt vor der Welt davonlaufen müssten, dann wäre sie womöglich die schnellere von uns beiden.

Wir schnappten uns die bis dahin noch leere Couch, bevor sie jemand anderes in Beschlag nehmen konnte und warteten bei einem Glas Weißwein darauf, dass der Projektor endlich den Film auf das weiße Bettlaken warf, das an der Dachschräge hing. Der Film handelte von einem Fuchs, der seinen verlorenen Schwanz zurückbekommen wollte. Die animierten Figuren sprachen auf Englisch und der Hauptfigur wurde von George Clooney die Stimme geliehen. Er hat einen beruhigenden Ton und es ließ mich schmunzeln, was Julia bemerkte, doch ich flüsterte ihr nur zu, dass ich es ihr später erklären würde.

Was mich dann irgendwann aus dem Film riss, war die Kälte, die plötzlich ins Dachgeschoss zog. Der Althippie hatte zu Beginn das Fenster aufgerissen und vergessen es zu schließen. Auch Julia schien zu frieren und so bot ich ihr an, sich an mich zu kuscheln. Es war als würden wir uns schon ewig kennen, denn sie nahm ohne mit der Wimper zu zucken eine Position zwischen meinem linken Arm und meiner Brust ein und ebenso natürlich landete danach ein Kuss auf ihrem braunen Haar.

Der Film war dann doch recht schnell vorbei, doch wir verharrten noch in dieser Position, bei der ich mich fragte, wie bequem sie eigentlich für Julia war. Ich streichelte kaum spürbar über ihren Arm und sie drehte den Kopf in Richtung meines Gesichts. Das ist so ein Moment, in dem es sich anfühlt, als würden unsere Lippen an eine unsichtbare Kugel geheftet sein, die in Zeitlupe implodiert.

Schockstarre (4)

Um mich zu beruhigen, nahm ich tiefe und lange Atemzüge. Dann griff ich meine Klamotten, zog mich an und ging auf den Flur. Als ich das Licht anschaltete, wurde mir bewusst, dass ich dieses Mal nicht das Haus verlassen könnte. Ich ging zurück ins Wohnzimmer und wagte mich langsam vor, um aus dem Fenster zu spähen. Die zwei Schatten waren verschwunden. Ich wagte mich etwas weiter hervor und suchte die Straße nach einem bewegten Schatten ab, doch schien alles ruhig und unbewegt.

Als ich im Bett lag, konnte ich nicht aufhören, an jene Situation zu denken und versuchte mir zu erklären, was es damit auf sich hätte, doch ich fand keinen Ansatz, wüsste niemanden, der einen Grund hätte, mich zu beobachten. Ich wälzte mich die ganze Nacht im Bett umher, bis der Morgen anbrach. Mir blieb noch eine Stunde, bis der Wecker klingeln würde und so beschloss ich, jetzt schon aufzustehen. Drehte mich noch einmal um und wurde 60 Minuten später vom nervigen Klingeln aus dem wenig erquickenden Schlaf gerissen. Den Trick sollte ich mir fürs nächste Mal merken. Ich duschte mich und ging zum Bus, jedoch nicht, ohne über neue Fußabdrücke zu stolpern. Die alten waren bereits vom Regen weggewaschen worden, doch nun gab es neue, die jedoch wieder auf dem Rasen endeten. Es war wieder der Abdruck des rechten Fußes.

Als ich ins Büro kam, telefonierte Karl bereits und ich setzte mich an meinen Arbeitsplatz. Auf dem Display stand die Nummer von Lydia. Sie hatte seit einigen Wochen nicht mehr bei mir angerufen, wie ich vermutete, da es ihr nun besser gehen musste. Sie war mir bei unseren Gesprächen ans Herz gewachsen und so wählte ich ihre Nummer. Sie ging nicht an ihr Telefon. Stattdessen klingelte es und ich hatte Bernhard am Ohr. Er hatte das erste Mal vor zwei Jahren bei mir angerufen und war seither zu einem Dauergast geworden. Ich habe damals versucht, ihn an einen Therapeuten zu verweisen, denn weder Karl noch ich hätten ihn psychologisch betreuen können.

Wir sollten nur eine erste Anlaufstelle darstellen und ein offenes Ohr für die Sorgen haben. Bernhard hatte einige Therapeuten ausprobiert und landete dann doch immer wieder in unserer Hotline. Mittlerweile schien es ihm eine große Hilfe zu sein, sich regelmäßig bei uns melden zu können und zu berichten, wie es ihm ging. Er erzählte davon, wie er einen neuen Freund kennengelernt hatte und dass sich alles sehr gut anfühlte. Doch mit jeder weiteren Minute offenbarte er Zweifel über jene Freundschaft und dass er am Ende doch wieder nur allein dastehen würde. Ich sah auf dem Display, dass Lydia wieder versuchte, anzurufen, doch konnte ich Bernhard nicht beiseitelegen. Es war uns aufgetragen worden, den Anrufer anzuhören, womöglich etwas Trost zu spenden, Hilfestellen angeben und dann langsam und freundlich zu verabschieden und dieses Gespräch würde noch einige Zeit dauern.