Kahle Wand

Die kahle Wand machte mich traurig, doch ich wusste nicht, wie ich es hätte ändern können. Jede Idee auch nur einen Strich zu ziehen, verwarf ich sofort, da mir klar war, dass ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein würde. Jede Zeichnung würde ich geringer schätzen, als ein Bild aus meiner Kindheit. Und so blieb die Wand wie sie war und ich verdrängte den Gedanken an die Kälte. Woher hätte ich wissen sollen, dass sie mich mit ihrer Leere ansteckt?

Feuer und Flamme, Schall und Rauch (2)

Dass ich meine Mutter und meinen Vater verloren hatte, das wollte in mir nicht ankommen. Es war ein unumstößlicher Fakt, aber auch nicht mehr. Noch immer befand ich mich in dieser Blase. So wie damals, als ich mit einem Freund auf dem Fahrrad um die Wette fuhr und ich unvermittelter Dinge vornüber den Lenker schoss. Ich rutschte über den Asphalt und als ich aufstand, war alles so leicht. Ich blickte auf mein weißes T-Shirt und sah die roten Bluttropfen, die sich deutlich vom Weiß absetzten. Der Freund beschwerte sich, dass ihm wegen mir ein Stück vom Zahn abgebrochen sei. Er war auch in einer Blase. Nur hielt seine und meine Blase damals vielleicht für eine Stunde. Das war jetzt anders. Diese Blase hielt schon seit über einer Woche an. Oder waren es gar Jahre?

Ich tastete mich an der Wand entlang und fand jene Ecke, in der ich früher nur zu gern saß. Sie war kleiner geworden. Nein, ich war größer geworden, aber so kam es mir nicht vor, ich hatte nicht wirklich das Gefühl, gewachsen zu sein. Ich setzte mich hin und lehnte mich gegen den kalten Stein. Die Dunkelheit nahm mich auf und in dem Moment verspürte ich Trauer. Ein diffuses Gefühl, so wie das leise Brummen eines angeschalteten Lautsprechers, den man schon am Tagw gehört hat. Und so wie man des Nachts nur noch dieses Brummen vernimmt, weil es den ganzen Raum einnimmt, so nahm mich die Trauer ein. Irgendwas war nicht richtig und wollte mich erdrücken. Das war so ein Kunststück dieser Höhle. Wie damals, als ich mein Herz verloren hatte: Sie meldete sich kaum auf meine Nachrichten oder kam mit Ausreden, welche mir zwar jedes Mal Hoffnungen machten, aber doch nichts anderes aussagten, als dass sie mich nicht sehen wollte. Wie lange schleppte ich das mit mir herum und kämpfte und wurde schwächer. Ich wollte sie so gern wiedersehen, aber mir blieben nur diese Nachrichten. In der Höhle nahm mich damals die Dunkelheit gefangen. Es war ein Gefühl von Kälte und Einsamkeit. Das Dunkel, an das ich mich sonst gewöhnte, wurde stärker und größer, so wie das Brummen des Lautsprechers. Es umhüllte mich und ich gab mich der Finsternis hin.

Abschied

Weißt du noch, wie dein Kopf in meinen Händen ruhte und mein rechter Daumen auf deinen Lippen? Warum küssten wir uns nicht, wo es so klar war, dass es jetzt sein könnte? Machte es den Abschied auf irgendeine Weise leichter?

Ich litt darunter. Nie wollte ich rauchen und jetzt kann ich die perfekte Zigarette drehen. Ich bin froh, wenn meine Hände etwas tun können. Schlimm wird es nur, wenn ich Zeit habe und ruhig werde. So wie eben, als ich diese warme Tasse Tee hielt und mit dem Daumen darüberstrich. Es erinnert mich überhaupt nicht an dich. Nicht an deine zarte Haut, deine langen Haare oder deine weichen Lippen. Aber dennoch denke ich beim Drüberstreicheln an dich.

An Dich, die nicht mehr da sein wird. Die Hand eines Anderen streichelt dich nun und es ist gut so. Für dich und für ihn. Und für mich?

Last days

„Du Ben, ich würde gern durch die Alpen wandern“, sagte meine Mitbewohnerin Nara zu mir und meinte so viel mehr damit. Sie fragte mich nach Geld für den Ausflug, nicht um eine Leihgabe, das war mir klar. „Willst du allein gehen oder mit einer guten Freundin?“, war meine Antwort, in der ein Ja zum Geld beinhaltet war. Sie blickte gen Boden, vermutlich wusste sie das selbst noch nicht genau. Da war noch mehr in dieser Frage von ihr und ich tat mich schwer damit, anstelle ihrer nachzufragen: „Willst du…“, es brauchte einen Moment, bevor ich erneut ansetzte: „Ich weiß nicht, ob ich fragen sollte. Wirst du dort bleiben? Ich meine, willst du…“ Ihr Blick wanderte höher und für einen kurzen Moment sahen wir uns in die Augen, die sich daraufhin mit Tränen füllten. Ich hätte mir auch einen anderen Ort für meine letzten Tage gesucht, wenn ich das Datum kennen würde. Sie wusste es nicht genau, aber sie hatte bereits erklärt, nicht bis zum letzten Moment warten zu wollen. Ich stand auf und legte meine Arme um sie. Ein Kuss auf ihren Kopf war ein Abschied und ein deutliches Ja. Mehr gab es nicht zu sagen.

Der alte Mann (Teil zwei)

Was er wohl denken mochte, während er in seinem Boot saß? Überlegte er womöglich, wer ihn besuchte und warum dieser uneingeladene Gast seine Weigerung, sofort ans Land zu rudern, nicht verstand und sich nicht wieder davonmachte? Es wäre wohl durchaus ein Gedanke, der mir kommen würde, wäre ich dort draußen. Aber vermutlich ahnte er schon, wer ihn besuchen wollte. Den Grund an sich könnte er unmöglich wissen. Woher auch? Wie konnte er ahnen, dass er seit ein paar Tagen mein einziger Verwandter auf dieser Welt war? Mein Vater war nie ein Bindeglied zwischen meinem Großvater und mir gewesen. Die beiden konnten sich nicht ausstehen und ich erinnere mich noch an einen Streit zwischen ihnen. Ich lag damals im Bett und sollte schon schlafen, stattdessen schlich ich durchs Haus und suchte noch nach einer Kleinigkeit, die ich naschen konnte. Gerade als ich die Treppe wieder hinaufgegangen und schon fast in meinem Zimmer verschwunden war, hörte ich die Stimme meines Vaters, der meinen Großvater anschrie. Er warf ihm vor, meiner Mutter nicht ausgeredet zu haben, dass sie in der Nacht zu ihm fahren wollte. Türen knallten und wir blieben allein zurück. Danach wurden die Besuche meiner Großeltern seltener und endeten mit dem Leben meiner Oma.

Da draußen saß er nun. Ob er wohl oft angelte? Ich erinnere mich nicht daran, dass er mit mir jemals angeln war, aber das wäre eh nichts für mich gewesen. Als Kind plapperte ich ohne Unterlass und hätte so wohl jeden noch so tauben Fisch verscheucht. Mittlerweile könnte ich mit ihm still im Boot sitzen. Mir scheint, dass man mir eine gewisse Menge an Worten mitgegeben hat und ich den Großteil davon als Kind vor mich hin brabbelte. Und nun, einige Jahre später, bin ich sparsam geworden, ja fast schon knauserig, denn wer weiß schon genau, wann das letzte Wort gesprochen ist?

Es dämmerte bereits, da vernahm ich das leise Platschen der Paddel im Wasser. Er kam endlich heim. Als er aus dem Boot stieg, entfuhr ihm nur ein knappes „Hm“ und er ging blicklos an mir vorbei. Ich folgte ihm ins Haus und stellte mich vor: „Hallo, ich bins, dein Enkel. Erkennst du mich denn nicht, Großvater?“ Er antwortete darauf: „Nenn mich nicht Großvater, ich heiße Tom!“

Über Kurt

Ein kurzes Klacken und dann brummt es wohlig vor sich hin. Nur einen kurzen Moment, bis die dünnen Finger über die Saiten streichen und das Brummen von klaren, knackigen Klängen verdrängt wird. Heute spielt er allein in einem schalldichten Raum, so dass niemand außer ihm selbst die Melodien zu hören vermag, die aus den Tiefen seiner Seele hinausströmen.

Er sei ein guter Kerl, sagen sie. Doch er weiß von dieser dunklen Seite. Jene Seite, die ihn manches Mal überkommt. Wenn die anderen Musiker feiern gehen und er sich zurück zieht. Zurück in eine andere Welt. Jene Welt nimmt ihn ein und lässt ihn nicht mehr los. Sie nahm ihn vor langer Zeit gefangen und wenn er in sie hinab taucht, findet er manche Perle, die er der Welt auf der Bühne präsentiert. Sie ahnen nicht, wie tief er dafür abtauchen muss und wie lang er die Luft anhält. Wenn er auftaucht, fühlt er sich mehr tot als lebendig und dreckig und doch freut er sich über den gefundenen Schatz. Doch statt sich der wenigen Schätze zu erfreuen, verlangt man immer neue Tauchgänge in immer tiefere Tiefen. Nur dort lassen sich die größten und reinsten Perlen entdecken.

Hier allein in diesem Raum taucht er nicht tief, die Melodien strömen natürlich und wirr aus ihm heraus. Sie werden keine strahlenden Perlen werden, vermutlich niemals gehört, außer von ihm. Und wenn er die letzte Note des Abends spielt, wird sie langsam ausklingen. Nur das Brummen und seine Atmung werden zu hören sein, bis ein Klacken alles beendet.

3946440_fc5f558537_l

Abschied

Das war nicht unbedingt der perfekte Moment, um die Beziehung zu beenden. Seit wann gibt es dafür eigentlich einen perfekten Zeitpunkt und seit wann war das eigentlich eine Beziehung? Aber warum sollte das eigentlich nicht der perfekte Moment sein? Wir liegen nackt nebeneinander und es fühlt sich nicht richtig an. Was könnte man jetzt mehr sagen, als die Wahrheit? Und verriet mich mein Blick nicht bereits? „Was denkst du gerade?“,  fragte sie mich und ich antwortete: „Nichts.“, und verbesserte mich nach einer kurzen Pause: „Ich denke über uns nach. Was sind wir eigentlich? Wo führt uns das hier hin?“ Ihre großen Augen blickten mich fragend an, wenngleich meine Fragen die Antwort bereits implizierten. „Es ist Zeit für mich zu gehen. Endgültig.“ Ihr kamen die Tränen. Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell das geht. Sie greift hinter meinen Kopf, zieht mich zu sich heran und presst ihre Lippen auf die meinigen. Der Kuss ist unheimlich intensiv und unsere Zungen kämpfen sofort miteinander, das ist jetzt wohl einfacher, als mit Worten zu kämpfen. „Hast du mich verstanden?“, frage ich und sie nickt zustimmend. Ich löse mich von ihr und will aufstehen, als sie mein Handgelenk greift und sich daran festklammert. „Ein letztes Mal noch. Ich will dich spüren.“, bittet sie und ich weiß, dass ich dem nicht nachkommen sollte – weiß, dass es die Sache noch schmerzhafter machen wird und kann doch nicht widerstehen. Ich sage nichts, nicke nicht, sondern küsse sie nur zur Bestätigung und durchwühle ein letztes Mal mit ihr diese Laken.