Unterbewusstsein

Ich blickte den Wolkenkratzer hinab auf die Straße, auf der sich kleine Punkte bewegten. Gelbe und rote Lichter wanderten und die Anwesenheit meines Lehrers drückte mich an den vor mir liegenden Abgrund. Kein Geländer, das meinen Sturz hätte aufhalten können. Nur die kalte Luft und dieser Mann, der mich immer weiter an die Kante schob.

Als ich erwachte, hing mein Kopf bereits über der Bettkante und ein Teil meines Oberkörpers war ihm gefolgt. Ich drehte mich um und zwei schöne Augen blickten mich in der Dunkelheit an. „Ich brauche etwas mehr Platz, sonst falle ich gleich aus dem Bett“, flüsterte ich diesen zwei Augen zu. Noch bevor ich meinen Satz beendet hatte, schob sie ihren warmen Körper von mir weg und ich hatte genügend Platz für den weiteren Schlaf gefunden. „Entschuldige“, flüsterte sie zurück und ich erwiderte: „Alles gut.“ Sie hatte sich nicht absichtlich so viel Platz genommen, das war mir klar. Früher hatte mich das geärgert, wenn ich so an den Rand gedrängt wurde. Irgendwann ging mir auf, dass ich nie gedrängt wurde, sondern sich einfach so ergab in einem kleinen Bett, in dem zwei Menschen schlafen.

Diesen zwei Augen konnte ich nicht böse sein, und ich wollte es auch nicht. Meinen Schlaf hätte es nicht besser gemacht. Stattdessen schlang ich meinen Arm um ihren Körper und kuschelte mich an sie. Ihre Locken rauben mir dann immer wortwörtlich den Atem, weshalb sie sie neuerdings hochbindet oder seitlich an ihrem Hals entlangführt. Ein kleines Kunstwerk ist das, was sie da allabendlich kreiert, damit wir eng aneinander einschlafen können. Sie scheint sofort in den Schlaf zu fallen, wenn ich mich an ihren Rücken schmiege, gern folge ich ihr auf diese Weise oder ich drehe mich um und wärme ihren Po und meinen aneinander.

Ich weiß noch nicht, weshalb sie in meinem Traum als Lehrer erschien, vielleicht ging es auch nicht um sie, sondern um das Leben als Lehrmeister, das dich manchmal an den Abgrund treibt. Wer weiß schon so genau, was einem das Unterbewusstsein mitteilen möchte.

Der alte Mann (Teil zehn)

Eine Lungenentzündung war es also. Nur der Grund dafür müsste sich noch finden. Aber da hatte ich ja bereits meine Theorie. Ich verabschiedete mich von Tom und machte mich zum See auf. Ich musste den Tag nutzen, um jene Stelle am Ufer abzusuchen. In der Hütte packte ich meinen Rucksack und nahm ein paar Plastiktaschen für mögliche Funde mit. Auch meine Kamera packte ich ein. Es hatte etwas von meiner Kindheit, als ich mit meinem besten Freund allerlei Detektivfälle löste.

Wir gingen einmal in eine verlassene Feuerwehrstation und schlichen durch die dunklen Räume. Bei jedem Schritt hörte man das Knistern und Knacken von irgendwelchem Dreck. Mein Freund fing damals an, Flaschen kaputt zu werfen, bis uns plötzlich jemand anschrie. Vermutlich war es ein Obdachloser, der in der Station schlafen wollte. Wir hatten zumindest die Hosen gestrichen voll und rannten, als würde es um unser Leben gehen. Draußen sprangen wir auf unsere Räder und wenn ich mich recht entsinne, waren die nicht einmal angeschlossen. Sein Fahrrad unabgeschlossen stehen lassen und es dort wieder vorfinden, wo es stehengelassen wurde. Das gibt es heut gar nicht mehr.

Der Weg zu der Stelle am See war nicht so weit, dennoch wurde es bereits wieder dunkler. Ich hatte mir eine Taschenlampe mitgenommen, aber was genau ich damit erkennen wollte, war mir selbst nicht klar. Ein wenig enttäuscht, machte ich mich wieder zurück zur Hütte. Die letzte Nacht und der Tag hatte so seine Spuren hinterlassen und von einem guten Abendbrot abgesehen, freute ich mich nur noch auf die durchgelegene Couch. Sie erschien mir wie ein paar luftige Wolken, in die ich mich legen würde.

Selten erinnert man sich an seine Träume, außer sie sind wirr. Vermutlich erinnere ich mich gerade an den, aus jener Nacht. Ich stand allein in dem kleinen Städtchen und rief Tom, doch er antwortete nicht. Ich lief in jeden Laden und jede Bar hinein, aber es war niemand zu finden. Dann vernahm ich das röchelnde Husten meines Großvaters. Ich folgte dem Geräusch, rannte um eine Ecke und direkt in die stählerne Brust des Polizeichefs. Ich fiel dabei zu Boden und er sah auf mich herab. Ich stand auf, blickte neben ihn und da war die Verkäuferin. Sie hielt mir eine 2-Liter-Isolierflasche hin und lachte mich aus. In meiner Panik rannte ich in die Gegenrichtung und hörte das Husten, welches immer lauter wurde. Und mit jedem Husten färbte sich mein Blick einen Stich rötlicher. Bis ich auf Tom traf, der mir seine blutigen Hände entgegenstreckte.

Um ein Haar

Wo kommt das lange Haar vor mir her? War die Frau aus meinem Traum doch real? Ich bin doch letzte Nacht allein ins Bett gegangen. Dann war da dieser Traum. Eine Zusammenkunft von Menschen und ich bekam Ohrfeigen aus den verschiedensten und unsinnigsten Gründen. Und dann war da jene Frau, sie war sauer auf mich. Nur weswegen? Ich kannte sie nicht und ich war wütend, weil sie sauer war. Als ich es mit ihr klären wollte, ohrfeigte auch sie mich und ich drohte ihr: „Das ist jetzt schon die dritte heut Abend. Klatsche mir noch eine und ich küsse dich.“ Sie hielt inne und ihr Gesichtsausdruck verlor nicht ein Stückchen von dem sauren Ausdruck. Dann fuhr ihre Hand wieder hoch in mein Gesicht. Ich lachte, denn es war so sanft, dass man denken könnte, so wohl nur einen Geist ohrfeigen zu können. „Naja“, entgegnete ich ihr, „der Versuch zählt.“ Und ich küsste sie. Und nun liegt wohl das lange Haar zwischen meinen Füßen auf den weißen Fliesen. Wie hat es den Weg aus dem Traum geschafft und wo ist die Süße des Kusses in meinem Mund hin verschwunden?

Eine Bahnfahrt

Ich liebe Bahnfahrten. Besonders in 6-Personen-Abteilen, weil man dort direkt mit unbekannten Menschen zusammen sitzt. So lernte ich mal einen Chilenen kennen, der quer durch Europa reiste. Ich setze mich immer direkt ans Fenster, so kann ich gleichzeitig auch nach Draußen schauen oder mich den Leuten im Abteil entziehen, wenn sie mir doch nicht so sympathisch sind, wie ich es erhofft hatte. Das Abteil ist heute leer und mein Blick schweift über die weiten Felder. Beim Überqueren einer Brücke flackert das Licht von den Stützen, die an uns vorbeiziehen. Mir ist die Ruhe sehr recht, da ich ungemein müde bin und hier ein wenig Schlaf nachholen möchte.

Es geht wohl jedem von uns so, dass man aufwacht, wenn der Zug am Bahnhof zum Stehen kommt, ganz egal, wie sanft der Zugführer uns einfahren lässt. Zuerst schaut ein recht stämmiger Typ herein, der laut durch die Nase schnauft. Er guckt grimmig, vermutlich geht er täglich ins Fitnessstudio und verdingt sich als Türsteher. Er schaut nach den Platznummern und geht zur nächsten Tür. Ob er wirklich eine Reservierung hat, da bin ich mir nicht sicher, denn man kann ja draußen bereits lesen, welche Platznummern für dieses Abteil bestimmt sind. An der Glasfront stand nur eine Reservierung und somit fühlte ich mich frei, mich dazu zu setzen, zumal ja niemand sonst hier war.

Es öffnete sich abermals die Tür und vermutlich wäre der schnaufende Bulle wohl doch in dieses Abteil gestiegen, wenn er die Frau gesehen hätte, der offensichtlich die Reservierung gehörte. Sie hatte ein Lächeln auf den Lippen, welches zwar nicht mir galt, aber welches sie wohl immer mit sich herumtrug. Was wäre dieses Lächeln aber auch für eine Verschwendung an jenen Bullen von zuvor gewesen, da war es mit mir allein viel besser aufgehoben. Sie war lässig gekleidet, eher bequem als schick, aber nicht ungepflegt. Auch brauchte sie kein erdrückendes Parfum, wie man es sonst manches Mal erlebt. Bei solchen Menschen verlasse ich dann das Abteil, bevor ich an dem Gestank zu ersticken drohe.

Jene Frau nahm in dem Sitz in der Mitte auf der anderen Seite platz. Dies war eigentlich der schlechteste Platz, denn man konnte sich nie so hindrehen, dass man keine Person anschauen kann, wenn alle Sitze besetzt sind. Auch hat man so zweifelsfrei einen direkten Nebensitzer, wenn jemand auf der gleichen Seite sitzt. Es ist aber meine Schuld, dass sie dort sitzt, denn vermutlich wollte auch sie den Blick nach Draußen genießen, doch es wäre zu nah, wenn sie sich mir gegenüber gesetzt hätte. Es ist eben eine Marotte von mir, mich immer in den Sitz links am Fenster zu setzen.

Ich mustere sie weiter, ihr schulterlanges Haar und diese lebensfrohen Augen. Sie schaut hinaus und träumt vor sich hin, was ich auch nur zu gern mache. Ein Tunnel unterbricht mein Erkunden, dabei war mein Blick gerade auf ihr Dekolleté gefallen. Ihr Oberteil war so eben tief genug, dass man jene Vertiefung des Busens sehen konnte und das gedimmte Licht ließ mich nur Konturen und Schatten erkennen. Doch sie gefiel mir, das spürte ich nun auch in meinem Schoß und ich versuchte mich so hinzusetzen, dass es etwas bequemer würde, nur wie soll man Ordnung in seiner Unterhose schaffen, ohne sich in den Schritt zu greifen. Gut, man hat als Mann da mittlerweile seine Tricks und Kniffe, mal davon abgesehen, dass man auch nicht mehr so eiskalt von seiner Erregung bloßgestellt wird, wie es als Schuljunge noch der Fall war, wo man ganz ohne Reiz schon auf seinem Stuhl saß und hoffte, nicht an die Tafel gerufen zu werden.

Wie ich mich so sortierte, bemerkte ich plötzlich ihren Blick, der dank des Tunnels natürlich nicht mehr auf der Natur dort draußen ruhte, sondern auf mich gerichtet war. Ich versuchte eine entschuldigende Miene aufzusetzen, aber ob sie das überhaupt erkennen könnte, bezweifle ich. Peinlich berührt, blickte ich zu Boden, als ihre Stimme erklang und sie mich fragte, ob sie mir helfen könnte. Ich sah sie zögerlich an, während sie eher herausfordernd blickte. Sie legte ihre Hand auf mein rechtes Bein und ließ sie dort für einen Moment verharren. Dann wanderte sie hinauf und strich immer wieder über die kaum zu verbergende Beule. Ich genoss ihr Spiel, schloss die Augen und stöhnte leicht auf. Ich hörte, wie mein Hosenstall sich öffnete, doch mehr noch, ich fühlte das sanfte Streicheln ihrer Hand dabei. Mir war nicht ganz klar, wie sie zu mir herüber gekommen war, aber wir küssten uns nur einen Moment später innig und meine linke Hand fand ihre Wange, während meine rechte an ihrer Hüfte entlang wanderte. Meine Scheu hatte sich verabschiedet und ich ließ meine Hand unter ihr Top gehen und ihren BH nach oben gleiten, um ihre Brust spüren zu können. Sie stöhnte auf, als ich ihre Nippel leicht zwischen meinen Fingern drückte…

Die Bremsen quietschten und ich blinzelte. Ich war eingeschlafen und ein weiterer Bahnhof hatte mich aus dem Schlaf gerissen. Ich blickte überrascht zu der Frau und erkannte nur ein Lächeln auf ihren Lippen, als sie den Bahnhof draußen betrachtete. Hatte ich mich verraten und womöglich geredet, während ich schlief? Ich blickte selbst hinaus und erkannte meinen Bahnhof, also griff ich meinen Rucksack und verließ die junge Frau meiner Träume. Kaum ausgestiegen, fummelte ich in meinen Taschen, ob ich auch nichts vergessen hätte, ein luftiger Zug in der Hose machte mich darauf aufmerksam, dass der Reißverschluss offen stand. Ich blickte in die Fenster des anfahrenden Zuges und sah ein letztes Mal den verträumten Blick der Frau aus meinem Abteil. Ihr Lächeln schien noch viel größer und verschmitzter als zuvor.

Schockstarre (5)

Es gab dann noch einige andere Anrufer, so dass Karl und ich erst spät zum Mittagessen gingen. Als ich ihm von letzter Nacht berichtete, war auch er überrascht und wunderte sich über die nächtlichen Gestalten. Gerade, dass abermals Spuren zu sehen waren, fand er höchst merkwürdig und mir ging es nicht anders. Wir überlegten, ob man die Polizei rufen sollte, damit die das Blut untersuchen könnten, aber uns wurde schnell klar, dass das nur in einem Fernsehkrimi einen Erfolg bringen würde.

Ich verabschiedete mich nach dem Essen von Karl und ging früher nach Hause, denn ich war von der kurzen und unheimlichen Nacht geschafft und wollte mich ein wenig ausruhen. Ich hatte eh einige Überstunden angesammelt und Karl würde Schicht auch allein überstehen. Der Himmel war tief grau und so wunderte es mich nicht, dass es heftig zu regnen begann und sich Blitz und Donner dazu mischten. Die Spuren waren fast weggewaschen, als ich Zuhause ankam. Ich klappte das Fenster im Wohnzimmer an, lauschte dem Regen, der gegen die Scheibe klopfte und fiel in einen tiefen Schlaf.

In meinem Kopf stand ich draußen auf der Straße und es prasselte auf mich hernieder. Ich sah zu meiner Wohnung empor, welche leicht von einer Kerze erhellt schien, denn das Licht flackerte. Ich hörte ein regelmäßig klatschendes Geräusch und verstand erst, dass es das Patschen von laufenden Füßen auf dem nassen Gehweg war. Ich sah einen Schatten, der mich streifte und ebenso schnell verschwunden war, wie er auf mich zukam. Mein Blick fiel zu Boden und ich sah rote Fußspuren, die sich erst langsam mit dem Regenwasser vermischten, dann aber färbten sie es immer mehr, bis meine Füße von Blut bedeckt waren. Wieder hörte ich das patschende Geräusch, doch dieses Mal streiften mich mehrere Schatten, aber alle verschwanden ebenso schnell, wie der erste.

Als ich erwachte, war mein Mund trocken und ich schüttelte mich. Leicht verschwitzt klebte mein Hemd an meinem Oberkörper, doch zum Aufstehen fühlte ich mich noch zu verschlafen und verharrte in der Position. Der Regen hatte abgenommen und es duftete nach Frühling. Mein Telefon klingelte und Karo meldete sich. Sie fragte, ob ich heut Abend mit ihr ins Kino gehen wollte und ich sagte zu. Es war eine Vorstellung zu einer Zeit, zu der ich sonst noch auf Arbeit wäre, aber mir war diese Abendgestaltung um einiges sympathischer.

Wie üblich stellte ich mein Handy am Anfang des Films aus, was ich während des Films bereute, da er sich in die Länge zog. Ich entschied mich dagegen, es wieder anzuschalten, denn das Wissen über die Zeit würde ihn kein Stück kürzer machen. Karo lud mich noch auf einen Cocktail ein und es wurde spät, bis wir uns mit lachenden Gesichtern voneinander verabschiedeten.