Bruchteile von Sekunden

Ich saß auf meinem Fahrrad und fuhr durch eine dunkle Straße. Das Rennrad heißt aus gutem Grund so, auch wenn der Lenker zu tief sitzt und ich die Bremsen nicht gut greifen kann. Der Tag war lang und ein Training am Abend hatten mich vollkommen erschöpft, vermutlich fuhr ich deshalb so schnell, um nicht ewig zu brauchen, bis ich zuhause sein würde.

Durch meinen Kopf ging die Begegnung mit einer Freundin. Ich mag ihre verrückte Art und ihre Lust am gespielten Streit. Wir sollten sogar mal verkuppelt werden, aber das wäre höchstens für einen Tag gut gegangen, wenngleich ihre Attraktivität mich gereizt hatte. Ich hatte sie kurz zuvor getroffen und ebenso ihren Freund. Es waren nur wenige Momente, aber in denen spürte ich, wie sehr sie zusammenpassten.

Ich musste lächeln, während ich fuhr und dachte an die Begegnung. Vor meinem Auge spielte sich die Szene wieder ab, als vor mir plötzlich ein Mann auf dem Zebrastreifen auftauchte. Meine Hände versuchten die Bremsen zu ziehen, aber das misslang, ich wollte erst links vorbei, weil ich dachte, dass er stehen bleiben und warten würde, doch er ging weiter und so fuhr ich nach rechts, knapp an ihm vorbei und hörte ihn murmeln: „Das ist ein Zebrastreifen.“ Ich hatte mittlerweile die Bremsen wieder im Griff, drehte mich zu ihm um, hob meinen linken Arm und rief: „Sorry. Hab gepennt.“ Er regierte entspannt mit einem „Alles cool.“

Mein erster Gedanke war eine innere Frage, warum ich übermüdet auf einem Rad sitze, welches ich nicht perfekt beherrsche, so ein verdammtes Tempo fahren muss und dann vor mich hinträume, während es verdammt dunkel ist.

Mein zweiter Gedanke war die schöne Erkenntnis, dass wir solche Situationen oft anders und aggressiv erleben. Eine Person tut etwas, eine andere Person macht einen Fehler und es wird als Angriff gewertet, so wie sich jener Mann wohl kurz geärgert hat, dass ich ihn fast über den Haufen fahre (ich habe großes Glück, dass das nicht geschah). Dann kommunizierten wir kurz und lösten die Situation ohne ein Unbehagen oder einen Ärger. Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass es fast immer so sein kann, wenn wir nur offen genug sind und uns unser Glück vor Augen halten, statt über das Unglück traurig zu sein. Ich und er hatten verdammtes Glück, dass nichts passiert ist, denn bei meiner Geschwindigkeit hätte das heftige Verletzungen geben können.

Schlaft gut!

Reiseparadies

ein überarbeiteter Reprint, denn erst heut Morgen konnte ich die Bilder festhalten, die ich letzte Nacht sah, als ich den Text schrieb:

Das war schon immer mein Lieblingsplatz und es überrascht mich, dass ich hier niemals einem anderen Träumer begegnete, denn es gibt wohl kaum einen idyllischeren Ort als diese verlassene und heruntergekommene Mühle. Schon als kleiner Junge kam ich immer wieder hier her, meist mit meinen guten Freunden, aber so manches Mal auch allein. Ich erinnere mich noch genau, wie ich beim ersten Mal Angst vor der Dunkelheit hatte, denn ich wusste nicht, worauf ich stoßen würde. Was wenn dort jemand drin war oder Ratten sich dort heimisch fühlten. War das Holz sicher, wo es doch bei jedem Schritt knackte. So tastete ich mich im Dunklen langsam vor, bis ich sich meine Augen daran gewöhnt hatten und ich die Umgebung und ihre Schatten erkannte. Ich hatte mit meinen Freunden gewettet, dass ich die Mühle erkunden würde und so gab es natürlich kein Zurück mehr. Und wie bei meinem ersten Besuch, traf ich dort nie jemanden an. Ein bisschen traurig bin ich darüber, dass ich Heutzutage diese Räume nicht mit anderen Besuchern teilen muss. Ich frage mich, ob die Mühle nicht das ehrliche Lachen von Kindern verdient hat. Oder ob ich nicht einfach all die alten Freunde einladen sollte, damit wir wieder bis in die späten Stunden hier rumhängen und wir vom Jagen völlig erschöpft am Boden liegen bleiben, uns die Splitter aus den Fingern ziehen und uns Ausreden ausdenken, warum die Hose zerrissen ist. Aber das macht man ja als Erwachsener nicht mehr. Warum eigentlich nicht? So wie damals in der Scheune, aus der wir vom Bauern herausgejagt wurden, weil wir zwischen den Heuballen Verstecken spielten. Es ist das Licht, welches nur hie und da durch ein paar herausgebrochene Holzstücke oder Backsteine blinzelt. Solche Orte waren für uns die schönsten Abenteuerspielplätze, heutzutage sind sie ein kleines Urlaubsparadies, denn wenn ich hier auf dem Holzboden liege, beginne ich sofort eine Traumreise.

California Dreamin

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Die Sonne hat sich bereits dazu entschlossen, unter zu gehen, als ich an diesem Sonntagabend durch die Stadt unterwegs war. Beim Überqueren des Flusses fällt mein Blick auf die nächste Brücke und ich stelle fest, dass sie anders wirkt, geradezu märchenhaft, doch ich weiß nicht, warum es mir so scheint. Ich bleibe stehen und suche sie ab, bis mir bewusst wird, dass ihre Beine nicht im Wasser versinken, sondern sich in einer dichten Nebelwolke verstecken. Einen Moment halte ich inne und fühle die angenehme Wärme des Herbstabends. Meine Gedanken wandern einige tausend Kilometer über die Erde und vergleichen die Schönheit dieses Anblicks mit dem der Golden Gate Bridge, die im weißen Nebel versinkt. Aber natürlich kann die Schönheit dieses Flussufers ebenso wenig mit der der San Francisco Bay verglichen werden, wie es diese alte Steinbrücke mit der rostig-roten in Kalifornien werden kann. Hier wirkt alles eher wie in einem Schwarz-Weiß-Film; ein wenig unecht, aber durchaus romantisch. Es verwundert mich nicht, dass ich in meinem inneren Ohr die Melodie von „California Dreamin‘“ vernehme, während ich in weitere Träume versunken, durch die Stadt wandere.