Traumtänzer

„Du tanzt überhaupt nicht mehr…oder zumindest nur noch schlecht“, hattest du gesagt und es traf mich. Der ganze Streit hätte mich wohl kalt gelassen, aber das traf mich tief. Als wir uns vor Jahren kennenlernten, war ich immer dein Traumtänzer. Unsere Freunde dachten meist, du nanntest mich so, weil ich so oft träumte, aber wir wussten, dass ich der Tänzer deiner Träume war. Das Träumen habe ich mittlerweile fast verlernt und das Tanzen anscheinend auch. Stehe ich jetzt etwa auch so stocksteif zwischen den blitzenden Lichtkegeln und bewege mich merkwürdig zu den tiefen Bässen, die mir früher durch den ganzen Körper fuhren und sich in extatischen Bewegungen entluden, mich gleich einem Seiltänzer durch die Mengen gleiten ließen? Wann habe ich aufgehört zu tanzen, war es der gleiche Tag, an dem ich meine Träumerei aufgab? War es der Tag, als ich im Anzug zur Arbeit ging und des Abends müde auf die Couch fiel? Es muss jene Zeit gewesen sein und es wird Zeit. Zeit, sich das dreckige Geschirr zu nehmen und es wegzuschmeißen. Zeit, die verstaubten Regale zu zersägen und vor die Tür zu legen. Zeit, die vergilbten Tapeten mitsamt den Mauern einzureißen. Zeit, den erschöpften Menschen vor die Tür zu setzen. Wenn wir uns noch einmal begegnen sollten, dann wirst du wieder dem Traumtänzer begegnen, doch nun muss ich los und schauen, wo ich die Tanzfläche finde, die mich wieder innerlich erzittern lässt.