Abtauchen

Ruhig deutest du auf den Seeigel unter uns. Bisher kannte ich diese Tierchen nur in ausgehärteter Form und ohne Stacheln. Sie sind so vollkommen anders. Diese hier bewegen sich heftig, was man sich gar nicht vorstellen kann, wenn man eben nur diese Kalkschale kennt, die von ihnen übrig bleibt. Diese hier haben eher etwas von einer Blüte, die sich aufbläht und wieder zusammenzieht. Wir ziehen weiter und erfreuen uns an all den Schätzen, die der Meeresboden für uns bereithält. All diese Wesen mag es wohl auch im Zoo zu bestaunen geben, aber niemals präsentieren sie sich dort auf diese Weise. Ja, dort werden sie präsentiert und stehen doch still und man selbst schaut von einem entfernten Platz aus. Nicht so wie hier, wo man ein Teil von ihnen ist. Das Leben auf dieser Welt ist das größte Geschenk, was man uns machen konnte, das versteht man hier unten im Wasser sofort. Hier, wo kein Wort gesprochen wird und nur die innere Stimme zu einem spricht. Hier findet man eine ganz eigene Form von Ruhe, die dort oben kaum noch jemand auszuhalten vermag. Ständig muss etwas gesagt und erzählt werden. Aber noch ist es nicht so weit, dass man zwei Menschen für verrückt hält, die sich schweigend, aber lächelnd in die Augen schauen und den Zauber des Verliebtseins genießen. So wie du und ich, als wir wieder an Land gehen. Die Sauerstoffflaschen wirken plötzlich endlos schwer, als wir aus dem Wasser kommen und so liegen sie schon nach wenigen Metern auf dem hellen Sand. Mein Neoprenanzug zieht ebenso an mir und so befreie ich mich auch von ihm, wenn auch nicht so geschickt, wie du. Aber das war ja bisher auch mein erster richtiger Ausflug in die Unterwasserwelt. Der Strand gehört uns allein und so wird sich niemand daran stören, dass wir nackt sind. Dieses Erlebnis braucht keine Krönung, aber mir ist danach, dich zu küssen und wir wissen, dass es nicht bei diesem Kuss bleiben wird.