Der Katzenmann – Teil 9

Die Geschichte von vorn

Heinrich verspürte ein starkes Unbehagen und seine Hand zitterte, als er vorsichtig begann, Tiger zu streicheln. Er überlegte, ob er in der letzten Nacht beim letzten Mal, als er auf Toilette war, vergessen hatte, den Schlüssel umzudrehen. Wie sonst hätte Tiger die Tür öffnen sollen. Der Schlüssel steckte zumindest noch auf der Seite vom Schlafzimmer. Langsam beruhigte sich Heinrich wieder, setzte die sibirische Katze auf den Boden und stand auf, wobei er ein Kratzen an der Haustür vernahm.

Er öffnete sie, um nachzusehen und sah Sabine, die die Transportbox abstellte. Diese war sichtlich erschrocken und begann: „Oh, Entschuldigung. Ich ähm…wollte Sie nicht wecken Herr Kalkenrisse.“ „Hallo“, erwiderte dieser und fuhr fort: „die hätten Sie doch nicht extra bei mir vorbeibringen müssen.“ „Ach, ich hatte sie eh im Dienstwagen und da gehört sie nun einfach nicht hinein.“ „Und dann fahren sie extra zu mir?“ „Nein, ich war dienstlich hier, es gab einen weiteren…“, Sabine unterbrach ihren Satz. Sie schien neben sich zu stehen. „Was gab es?“ „Der Bäcker von Gegenüber ist heute Nacht ermordet worden.“ „Haben Sie deswegen versucht, die Box heimlich vor meiner Tür abzustellen?“, fragte Heinrich die Polizistin und bemerkte dabei, dass die Frage ihn hochgradig verdächtig machte, wenn Sie ihn bereits in Verdacht hatte. Ansonsten ergab die Frage gar keinen Sinn. Beide sahen sich wortlos an, dann beendete Frau Leiser das Gespräch: „Nun, hier ist die Box. Vielen Dank dafür und machen Sie es gut, Herr Kalkenrisse.“ Sie drehte sich um und ging.

Heinrich schaffte die Box in seine Wohnung und war verwirrt, ängstlich und wütend zugleich. Die Verwirrung kam vom Gespräch, in dem niemand etwas Genaues sagte und dadurch doch so vieles gesagt wurde. Die Ängstlichkeit kam vom erneuten Tod in seiner Umgebung. Die Wut aber, kam von den Worten Sabines. Sie nannte ihn Herrn Kalkenrisse. Kein Auf Wiedersehen, kein Garnichts. So erging es ihm immer wieder. Er lernte eine Frau kennen, entwickelte Gefühle für sie und dann war es abrupter vorbei, als es begonnen hatte. Seine Katzen verließen ihn nie. Viel schlimmer war, dass diese Frau scheinbar sogar Angst vor ihm hatte und ihn verdächtigte. „Verpiss dich doch, ich wünschte, ich wär dir nie begegnet“, entfuhr es ihm, während Tiger ihn von der Fensterbank aus anblickte.

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Der Katzenmann – Teil 8

Die Geschichte von vorn

Als Heinrich nach Hause kam, saß Tiger in der Mitte des Flurs und leckte sich die rechte Pfote. Sie unterbrach ihr Tun, miauzte kurz und streifte dann dem Hausherrn um die Beine. Diesem gefiel die weibliche Aufmerksamkeit der letzten Tage und freute sich bereits auf morgen, wenn er Sabine wiedersehen würde. Heinrich streichelte Tiger gedankenverloren und plötzlich fauchte sie ihn an. Er war immer wieder überrascht darüber, dass Tiger den Unterschied mitbekam, doch dieses Mal erinnerte ihn das Fauchen an das, was der Bäcker erzählt hatte. Heinrich blickte Tiger an, erinnerte sich daran, wie sie gestern vor dem Hund davongelaufen war. Nein, das war zu absurd. Nie zuvor hatte Tiger ihn, Heinrich, gekratzt. Sie hatte anfangs die Krallen ausgefahren, wenn sie sich auf seinem Schoss befand, aber das hatte er ihr abgewöhnt, denn die Stelle war höchst ungünstig für haarfeine Spitzen. Es war ausgeschlossen, dass Tiger einen großen und stämmigen Mann, wie es der Bäcker war, angreifen konnte.

Plötzlich schoss ihm die Frage von Sabine wieder durch den Kopf, die wissen wollte, was Tiger denn gestern so getrieben hätte. Aber wie sollte man darauf kommen, dass seine Katze jenen Mann angefallen hätte, außer die zwei Todesfälle gingen auch auf ihre Rechnung. Wie soll denn eine Katze einen Menschen umbringen? Die Alte könnte an einem Herzinfarkt gestorben sein, weil sie sich erschreckte, aber Erik, der war viel zu kräftig. Es wäre wahrscheinlicher, dass dieser Tiger gequält hätte. Der Gedanke daran, ließ Heinrich erschaudern.

Da war zu viel Fantasie im Spiel und kein vernünftiger Polizist würde nach einer Katze als Täter ermitteln. Aber was, wenn doch? War Sabines…Frau Leisers Interesse nur vorgespielt? Sie verstand sich so gut mit Daria, das wollte Heinrich nicht glauben. Die Gedanken hörten nicht auf und zum ersten Mal seit Jahren schloss der Katzenfreund seine Schlafzimmertür hinter sich. Er ging sogar einen Schritt weiter und drehte den Schlüssel herum. Die Tür schloss er nie, weil die Katzen an die Türklinke sprangen und herein kamen. Doch Tiger war ihm in dieser Nacht nicht geheuer und den Lärm würde er schon ertragen können.

Hätte er gewusst, dass er bis in den frühen Morgen kein Auge zu machen würde, so hätte er sich die Sache mit er Tür auch sparen können, aber in der letzten Stunde vor dem Aufstehen überkam ihn doch noch der Schlaf. Aus seinen Träumen holte ihn nicht der Wecker, sondern eine raue Zunge, die seine Hand leckte. Er schreckte hoch. Die Tür stand offen, Tiger saß auf Heinrichs Bauch und blickte ihm in die Augen.

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Der Katzenmann – Teil 4

Die Geschichte von vorn

Heinrich war nicht ganz unglücklich über den Besuch der Beamten, denn eine der beiden war die Polizistin vom Vortag, die sich als Frau Leiser vorgestellt hatte. Sie gefiel Heinrich, auch wenn ihm klar war, dass aus der Situation heraus keine Option für ein Kennenlernen bestand. Stattdessen musste er sich Fragen zu Frau Bauer und seinem Leben mit den Katzen gefallen lassen. Wie so üblich hatte Heinrich das Gefühl, sich für seine Liebe zu den Katzen rechtfertigen zu müssen. Und wie sonst auch entschuldigte er sich geradezu dafür. Nach knapp einer halben Stunde war das Verhör beendet und Heinrich nahm all seinen Mut zusammen, um nachzufragen, was denn mit Frau Bauer geschehen sei, dass man ihn so intensiv befragte. Die beiden Beamten gaben keine Auskunft und verließen Heinrichs Wohnung.

Der Katzenfreund ging hinüber zum Bäcker, der ihn ganz ungewöhnlich mit einem Guten Morgen, Herr Kalkenrisse begrüßte. „Die Polizei war vorhin bei Ihnen, habe ich gesehen. Was war denn los?“, fragte er Heinrich anstatt sich zu erkundigen, was dieser gerne kaufen wollte. „Die hatten nur noch ein paar Fragen wegen Frau Bauer.“, antwortete Heinrich und ergänzte: „Ich darf aber nicht darüber reden, das verstehen Sie ja sicherlich.“ Der Bäcker blickte ihn unzufrieden an, schnaufte laut durch die Nase und war nun bereit zu bedienen: „Was hätten Sie denn gern?“ „Drei normale Brötchen, das wäre alles.“ „Bitte sehr. Haben die nur wegen der Bauer gefragt oder auch wegen Erik?“ „Wegen Erik? Nein, nur wegen der Bauer und ich wüsste auch nicht, warum man mich zu dem hätte befragen sollen“, erwiderte Heinrich, griff die Tüte mit den Brötchen und verließ den Bäcker.

Zuhause bereute er schon wieder zu jenem Bäcker gegangen zu sein. Er hatte sich freier und wohler gefühlt, nachdem die Bauer und Erik ihn nicht mehr angiften konnten, aber die Welt in diesem Ort war noch immer dieselbe. „Der verfluchte Bäcker. Der soll lieber mal seine Waren selbst backen und sich nicht beliefern lassen, statt so viel Tratsch zu verbreiten und seine Anschuldigungen loszuwerden. Immer diese Blicke von dem Typen. Kann da nicht ein anderer bedienen?“, ärgerte Heinrich vor sich hin, als er sich die Brötchen aufschnitt und mit Frischkäse beschmierte, ohne zu bemerken, wie er von Tiger beobachtet wurde.

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Der alte Mann (Teil elf)

Ein gutes Gefühl, wenn man aufwacht und feststellt, dass man nur träumte. Ich machte mich fertig und ging wieder hinaus an den See. Ich suchte die Stelle mit den toten Bäumen großflächig ab und stieß auf einen Trampelpfad, dem ich folgte. Er führte mich zu einem Feldweg, auf dem hin und wieder Autos fuhren. Nur so erklärte sich die zwei grasfreien Streifen.

Ich kramte den Zettel mit der Adresse der Entsorgungsfirma heraus, die mir mein Bekannter gegeben hatte und fuhr hin. Das Gelände ließ sich gut beobachten. Es verließen nur wenige Autos das Gelände, aber am Nachmittag erregte ein Typ in Straßenkleidung meine Aufmerksamkeit. Er hatte eine blaue Box dabei, die er in sein Auto stellte. Ich folgte ihm mit einigem Abstand in meinem Jeep. Mein Herz raste vor Aufregung bei dieser Verfolgungsfahrt und gerade in dieser einsamen Gegend würde ich ihm früher oder später auffallen, ganz besonders, da er etwas Illegales vorhatte. Dennoch folgte ich meinem Plan und somit auch dem Typen. Er fuhr tatsächlich zum See, allerdings nicht zu der Stelle, wo ich die toten Bäume entdeckt hatte. Ich stellte mein Auto frühzeitig ab und folgte dem einzigen Weg, den es hier noch gab zu Fuß. Es passte aber, dass der Kerl den hochgiftigen Müll nicht nur an einer Stelle entsorgte.

Nach einem Kilometer fand ich sein Auto und folgte vorsichtig dem Weg zum See. Ich hielt mich im Gebüsch versteckt. Dann sah ich ihn am Ufer. Neben ihm stand die geöffnete Box, aus der er kleine Pakete herausholte und neben sich legte. Ich war vollkommen überrascht, denn keinen Abfall kramte er hervor, sondern Sandwiches für seine Familie, mit der er sich am See verabredet haben musste. Sie saßen so friedlich da und mir kamen zum ersten Mal ernsthafte Zweifel an meiner Theorie. Der Mann würde sich doch nicht mit seiner Familie zum Picknick treffen, wenn hier alles verseucht wäre. Oder wusste er nichts davon und war er ein ebenso unwissendes Opfer, wie mein Großvater? Ich ging wieder zurück zu meinem Jeep, um Tom zu besuchen. Es war nur ein kurzer Abstecher und die Krankenschwester erklärte mir, dass er noch ein paar Nächte bleiben müsste. Die folgenden Tage nutzte ich wieder für die Observation des Firmengeländes, allerdings ohne neue Erkenntnisse oder weitere Spuren.

Der alte Mann (Teil neun)

Ein Entsorgungsunternehmen war in der Stadt gemeldet. Es wäre nicht das erste Mal, dass man hochgiftige Stoffe günstig entsorgt und gleichzeitig Unsummen einstreicht. Ich ließ mir die Adresse geben und dankte meinem Bekannten. An der Stelle war nun alles getan und einen Verdacht hatte ich, dem ich nachgehen konnte. In der Post besorgte ich mir einen großen Karton und packte die Isoflaschen hinein. Ein paar Tage würde es brauchen, bis ich an der Stelle weitere Informationen erhalten würde.

Auf dem Weg zum Arzt, begegnete ich wieder dem Chef der örtlichen Polizei. Er trug eine Sonnenbrille und baute sich vor mir auf. Ich ignorierte sein Gehabe und grüßte ihn mit einem überfreundlichen Hallo. „Du bist ja schon wieder hier“, stellte der Kerl fest und ließ mich spüren, dass ich hier nicht willkommen war. Ich reagierte gespielt naiv: „Ja, ist doch ein wunderschönes Städtchen.“ Wieder blickte ich in ein regloses Gesicht: „Sag doch, dass du den Alten zum Arzt gebracht hast“, fuhr er mich an. Ich nickte nur, denn egal was ich sagen würde, es würde nicht richtig sein. Keine Ahnung, ob man solch ein Verhalten in der Polizeischule lernt oder ob sich die Leute das aus schlechten Filmen zogen. Mich brachte es nicht dazu, zu kooperieren, es erhöhte hingegen meine Abneigung gegen die Institution an sich.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich eines Nachts angehalten wurde und man mir zum Vorwurf machte, dass ich zu wach sei. Als wäre es besser, beim Fahren einzuschlafen. Ich hätte ja sicherlich Drogen genommen. Das verneinte ich, also wurde im Auto noch ein wenig nach dem Dreieck und dem Verbandskasten gesucht, bis man mir mitteilte, dass mein linkes Rücklicht nicht funktionierte. Zum Glück erinnere ich mich eher an jene Ereignisse, bei denen ich gut mit der Polizei auskam, aber ich kann die Abneigung mancher Leute schon nachempfinden, wenn sie auf solche Idioten, wie diesen örtlichen Polizeichef treffen.

Ich grinste den Kerl kurz an und verabschiedete mich dann von ihm. Mir lief es ein wenig den Rücken runter, denn ich rechnete mit einer Reaktion seinerseits, aber die blieb aus. Ich wollte nur noch schnell wieder zum Arzt und erfahren, ob meinem Großvater geholfen werden konnte. Die Krankenschwester teilte mir mit, dass man ihn über Nacht auf jeden Fall noch hier lassen müsste, womöglich sogar ein paar Tage länger. Ich suchte Tom in seinem Zimmer auf und fragte ihn, was der Arzt zu ihm gesagt hätte.

Der alte Mann (Teil vier)

Die Nacht verbrachte ich auf Toms Couch. Sie war schon vollkommen durchgesessen, so dass man jede Feder spürte, die sich in den Körper bohrte. Ich schlief wenig und machte mich noch vor Sonnenaufgang auf, um zu joggen. Am liebsten hätte ich den See umrundet, aber dafür war er viel zu groß, daher kehrte ich nach einigen Kilometern wieder um. Irgendwas erschien mir am Ufer merkwürdig, aber es war nur ein Gefühl, das ich nicht näher bestimmen konnte. Als ich zurückkam und mich unter die Dusche stellte, kam es mir plötzlich in den Sinn. Die Bäume waren ungewöhnlich kahl gewesen. Womöglich sogar tot. Ich hatte einen Bekannten von meiner Zeit an der Uni, der Biologe war, ihm konnte ich ein paar Wasserproben zuschicken, die ich noch an diesem Tag sammeln würde, ich brauchte nur sterile Behältnisse, aber die würde ich in der Stadt bekommen. Tom lebte seit Jahren hier und somit auch von dem Fisch aus dem See. Womöglich war hier die Ursache für seinen Husten zu finden.

Beim Frühstück fragte er mich, wo ich am Morgen gewesen sei. Ich antwortete ihm, dass ich joggen war, was er nur mit einem Zucken der Schulter beantwortete. Das war wohl nichts für ihn. Ich sprach ihn auf die Bäume an, da sah er mich für einen Augenblick lang intensiv an und widmete sich dann wieder seinem Essen. Von meiner Idee erzählte ich ihm nichts. Es erschien mir unsinnig, ihm eine These zu erzählen, die nur auf zwei Indizien beruhte. Das hätte ihn vermutlich nur genervt oder er hätte mich für den typischen Städter gehalten, der den Menschen vom Lande die Welt erklären will.

In die Stadt fuhr ich allein, allerdings mit einer Liste an Lebensmitteln, die ich mitbringen sollte. Ich rief von dort aus meinen Bekannten an und schilderte ihm die Lage. Er erklärte sich bereit, die Proben zu untersuchen und gab mir eine Adresse durch, an die ich sie schicken sollte. Ein weiterer Freund bekam einen Anruf von mir. Er sollte sich erkundigen, ob Firmen in der Nähe des Sees oder dieser Stadt registriert sind. Er meinte, dass ich in zwei Stunden noch einmal anrufen solle und dann könnte er mir schon erste Informationen geben. Somit hatte ich eine gute Weile, um einzukaufen, Mittag zu essen und diese kleine, verlassene Stadt kennenzulernen, in der mich jeder Einwohner ansah, als käme ich vom Mond.