Zeiterleben

Wann dauert eine Bahnfahrt eigentlich länger, wenn man mit oder wenn man gegen die Fahrtrichtung fährt? Einigen Leuten wird ja übel, wenn ihr Rücken nach vorn blickt, aber ich habe das Talent, immer wieder auf diese Weise meine Reisen zu verbringen.

Sollte man nun gebannt auf die Zukunft schauen oder das Geschehene von hinten betrachten? Klingt schon fast nach einer Lebensphilosophie und womöglich erwartet das so manch einer von mir, aber das überlasse ich dieses Mal euch selbst, denn ehrlich gesagt, wollte ich euch nur mitteilen, dass meine Reisen mit dem Blick nach hinten schneller verlaufen…. 😉

Geduld…

Es ist schon eine komische Sache mit der ständigen Erreichbarkeit und in einem gewissen Punkt beneide ich da vergangene Generationen, denn die Medien, die sie zur Kommunikation nutzten, brauchten Geduld. Man schrieb einen Brief und der brauchte, bis er ankam. Dann musste eine Antwort verfasst werden und auf den Weg geschickt. So wartete man sicherlich locker mal ne Woche oder länger, bis man von seinem Gesprächspartner las.

Ich schreibe ja hin und wieder mal eine SMS und frage mich dann manchmal dabei, ob ich eigentlich Selbstgespräche führe, wenn die Antwort dann tagelang aus bleibt bzw. gar nicht erst kommt, zumal ich gar nicht davon ausgehe, dass auf eine gestern geschriebene SMS heute noch eine Antwort erfolgt. Man hat sich schon daran gewöhnt, dass eine Antwort sofort oder eben gar nicht kommt. Das soll übrigens keine Anklage sein, denn wenn ich den Speicher meines Handys durchsuche, werde auch ich über nicht beantwortete Nachrichten stolpern. Wie das wohl früher war? Natürlich schrieb man nicht für ein kurzes „Hallo“ mal einen Brief und man schrieb vermutlich auch höchstens mit einer Handvoll Leute, aber antwortete mal jedes Mal?

Entschleunigen können wir uns nicht, aber was man bei all den Erfindungen vergessen hat, ist eine Gedulds-App. Stattdessen wird der Gegenüber auch gern noch informiert, wenn man seine oder ihre Nachricht gelesen hat. Das soll einen wohl unter Druck setzen, schnellstmöglich zu antworten. Beim guten alten Brief konnte man ihn lesen und beantwortete ihn womöglich gleich oder man wartete eben einfach eine Zeit, bis man in angebrachter Form zurückschreiben konnte. Kein virtueller Fingerzeig, der bereits mit der Keule in der Hand hinter dir stand und dich grimmig ansah, nun endlich zu reagieren.

In welche Richtung soll dieser Eintrag nun eigentlich gehen? Rege ich mich auf, weil ich Selbstgesprächs-SMS schreibe oder weil ich nicht gezwungen werden will, zu antworten? Da sollte ich mich nun eigentlich entscheiden, denn beide Richtungen schließen einander aus…aber so bin ich eben, ein wenig ambivalent…nicht in psychischer Hinsicht, aber wenn es nun für beide Standpunkte gute Argumente gibt, dann wähle ich gern Beides oder den dritten Weg, der nach mehr Geduld verlangt 😉

Wir sind Weltmeister

Vergangenheit Gegenwart Zukunft / Past Present...
Vergangenheit Gegenwart Zukunft / Past Present Future (Photo credit: Herr Olsen)

Wer bei dieser Überschrift die Augen verdreht, darf gern weiterlesen, denn es wird keine Lobeshymne auf einen Rennfahrer werden. Vielmehr nahm ich jene Zeile, weil ich damit rechne, dass sie so morgen auf Seite Eins mancher Zeitungen stehen wird. Und da sind wir schon bei dem Punkt, der mich stört, denn wer sind denn diese „wir“? Diese Wir, die schon Papst und Bundeskanzlerin geworden sind, damit soll ich mich wohl als Deutscher angesprochen fühlen und frage ich mich stattdessen, wann die Überschrift „Wir sind Nationalisten“ in den Zeitungen stehen wird, denn das steckt dahinter. Es ist mir recht egal, ob Vettel nun Weltmeister ist oder nicht, wenngleich ich es immer schön finde, wenn ein Mensch seine Träume verwirklicht. Ich habe aber dafür nichts getan und deswegen empfinde ich keinen Stolz und fühle mich auch nicht als Weltmeister.

Ich war immer sehr froh, in einem Land aufgewachsen zu sein, dass sehr vorsichtig wird, wenn es um ein blindes Wir-Gefühl ging. Ich bin froh, in einem Land zu leben, dessen Menschen es schafften, eine Trennung zu überwinden. Ich bin froh in einem Land zu leben, dass mir so viele Möglichkeiten und so viel Schutz bietet. Aber bin ich stolz darauf, ein Deutscher zu sein? Die Frage kann ich verneinen, denn Stolz ist ein Gefühl, dass man allein auf sich und seine Leistung beziehen sollte.

Ich bin einfach nur glücklich hier leben zu dürfen, dennoch sehe ich mich eher als Europäer und würde mir sogar wünschen, mich irgendwann als Weltmensch sehen zu dürfen, aber dieser Wunsch scheint momentan in weite Ferne gerückt zu sein. Stattdessen scheint man lieber Antieuropäer zu sein. Sich dafür zu schämen, Europäer zu sein, wäre ja noch verständlich, wenn man sich darauf bezieht, wie wir in der Vergangenheit mit anderen Menschen und Volksgruppen umgingen, aber das ist nicht Grundlage des Anti-Europäismus. Es ist auch nicht der aktuelle Umgang mit Flüchtlingen, der es mal für eine Woche in die Schlagzeilen schaffte, sondern es ist das vermutete Scheitern einer geldpolitischen Union, die mir aber vollkommen egal ist, weil sie für mich nicht das Europa-Gefühl ausmacht.

Ich liebe unsere Einstellung zur Freiheit und zur Einheit, zum Willen, keinen Krieg mehr führen zu wollen. Wir sind verliebt in die Höhen unserer Vergangenheit, seien es Dichter und Denker oder antike Philosophen, deren Horizonte damals weiter waren, als er es heute ist. Wir bewahren und erinnern uns lieber, als ständig etwas Neues schaffen zu wollen. Geschichte ist für uns nicht nur eine Aufzählung von glorreichen Schlachten, sondern auch von Fehlern.

Europa bedeutet für mich, grenzenloses Reisen und die unterschiedlichsten kulinarischen Genüsse. Europa bedeutet für mich, Freunde zu haben, die einem helfen, einen ermahnen und nicht in Wettstreit stehen. Vermutlich ist mein Blick auf Europa schon nicht mehr korrekt, denn wir orientieren uns zu sehr an Amerika, das seine Kraft aus dem Wettkampf und nicht aus der sozialen Unterstützung zieht.

Ich sehe mich nicht als Weltmeister und noch nicht als Weltbürger, aber ganz sicher als Europäer.

Die Taufe

Überall am Körper zittere ich. Ganz sicher nicht vor Kälte, aber ich habe doch Angst, das gehört wohl dazu, vielleicht prüft er mich auf diese Weise. Als ich zum Täufer in den Fluss steige, greifen mich seine starken Hände. Er spricht einige Worte, die ich kaum wahrnehme und dann drückt er mich unter Wasser. Ich halte die Luft an, so gut es geht und bewege mich nicht. Die Zeit scheint still zu stehen und ich spüre den Druck auf meinem Brustkorb. Ich will nicht ausatmen, denn dann würde ich daraufhin wieder frische Luft in mich aufnehmen wollen. Mir wird schwindelig und die Luftblasen verlassen meinen Mund. Ich kämpfe instinktiv gegen die starken Arme des Täufers, doch seinem Griff kann ich nicht entkommen. Mir entweicht die Luft und vor meinem Auge läuft mein vergangenes Leben ab. Ich blinzle und schaue in die Sonne, nachdem mich der kräftige Mann wieder aus dem Wasser gezogen hat. Ich weiß nicht, woran er den richtigen Zeitpunkt erkennt, aber er hat mich mein Leben noch einmal durchleben lassen, er hat mich Reue über meine Fehler spüren lassen und ich fühle mich wie ein neuer Mensch. Neulich sprach ich mit einem Seher, er wollte mir weiß machen, dass man in der Zukunft kleine Kinder taufen würde, die noch keine Sünde begangen hatten, aber so wäre es wenigstens in Ordnung, dass sie nicht mit dem Tode ringen müssten, weil man ihnen nur ein wenig Wasser auf den Kopf tröpfeln würde.

Wahrsagung

Die dunkle Flasche war leer. Mir war das mittlerweile vollkommen egal. Als ich sie vorhin geöffnet hatte und jedem einen Schluck zum Kosten eingegossen hatte, war ich schockiert, als sich Jan sofort Cola dazu mischte. Die meisten nippten einen ersten Schluck und ich spürte, wie sich der Alkohol fast sofort in heiße Luft auflöste, die ein etwas hölzernes und süßliches Aroma aufwies. Nach keiner allzu langen Zeit hatten wir alle den teuren Rum mit Cola verdünnt und jetzt schmeckte er auch leicht nach Vanille. Für die nächste Feier beschloss ich, einfach wieder den drei Jahre alten Rum zu kaufen und dazu noch ein paar Flaschen der Vanille-Cola, das erschien mir günstiger und sinnvoller. Von uns würde eh kaum jemand den Unterschied bemerken. Als diese dünn-bauchige Flasche so leer neben uns stand, war der Zeitpunkt gekommen, durch die Stadt zu ziehen. Irgendwer schlug vor, in einen Stripclub zu gehen. Bis jetzt war ich nie in solch einem Laden gewesen. Einmal standen wir zu fünft davor, aber die Damen auf den Bildern davor wirkten selbst in meiner damaligen Volltrunkenheit nicht erotisch. Vermutlich lag das einfach an meiner Art, dass ich eine Frau anfassen und riechen, den Moment der Nacktheit mit ihr allein genießen wollte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich damals gerade erst knapp über Zwanzig war und die Frauen auf den Bildern wohl schon weit über Fünfzig, zumindest kam es mir damals so vor.

Wir liefen also durch die Stadt in jenen Bezirk, der mit alten und kaputten Neonreklamen für leichte Freuden warb und je länger wir dort rumirrten, desto merkwürdiger erschien mir die Idee, jene Frauen erotischer zu finden, als ich es damals tat. Womöglich waren sie nun gerade erst knapp Zwanzig und vermutlich würde gerade das mich noch viel mehr stören. Ich weiß nicht, wie viel Alkohol ich im Blut haben musste, bis ich mich nicht mehr fragen würde, welche von jenen hübschen, jungen Frauen hier nicht zwangsweise lächeln und tanzen muss. Ich habe in den verschiedensten Jobs gearbeitet und hasste es, wenn ich Kunden freundlich bedienen musste, obwohl sie mir zutiefst unsympathisch waren. Diese Frauen mussten sich begaffen lassen und gleichzeitig noch vorspielen, dass es ihnen gefiele. Na klar, welcher jungen Schönheit gefällt es nicht, wenn sturzbesoffene, alte Säcke sie angrölten, das klingt nach einem Kindheitstraum.

Plötzlich blieb ich stehen. Die Gruppe bemerkte es gar nicht, aber mich hatte eine dunkelhaarige Frau in ihren Bann gezogen. Sie würde sich nicht ausziehen oder vor mir tanzen. Sie würde meine Hand nehmen, sanft über sie streicheln und mir erzählen, dass sich mein Leben ändern wird oder vielleicht auch nicht. Ich halte die Wahrsagerei für vollkommenen Unsinn, aber diese Frau lächelte mich mit einer Freundlichkeit und Liebe an, dass ich beschloss, zu ihr in die mickrige Kammer zu gehen. Zehn Euro verlangte sie von mir und vermutlich bezahlte gerade jeder meiner Freunde einen ähnlichen Betrag an einer der Nachbartüren, um dort auf nackte Brüste und schwingende Hüften zu starren. Ob sie mich vermissen würden, fragte ich mich gar nicht, denn ich war noch immer im Bann jener Frau. Sie war nur wenig älter als ich, aber sie strahlte die Liebe aus, die ich noch von meiner Mutter her kannte, wenn ich vom Spielen kam und mir die Tränen über die Wange liefen, weil ich mir das Knie aufgeschlagen hatte oder mir die Haut am Zaun aufgerissen hatte.

Consuela, so stellte sich die Wahrsagerin vor, nahm meine Hand in ihre und sprach flüsternd ein paar unverständliche Formeln. Mich überkam ein wohliger Schauer und ich gab mich ganz dem Gefühl des Streichelns und des Flüsterns hin. Es war wie der erste zarte Kuss zwischen zwei jungen Liebenden und ich wollte gar nicht wissen, was sie mir vorhersagte, ich wollte einfach nur diesen Moment genießen und ihn für immer spüren. Ich wünschte mir, dass dieses Gefühl meine Zukunft sei.