Verregnete Tage (4)

Ben erzählte Lena vorsichtig von seinen erotischen Gedanken und sie musterte ihn beim Erzählen aufmerksam. Er fühlte sich unwohl, sich vor ihr in der Art frei zu machen und gleichzeitig merkte er, dass sie ihn für seine Offenheit nicht verurteilte, dennoch war klar zu erkennen, dass Lena die Zügel weiterhin in Händen hielt. Nachdem er alles berichtet hatte, ließ sie ihn ein wenig zappeln und gönnte sich einige Momente der Stille, bis sie zugab: Vielen Dank für deine Offenheit, ich merke, dass es dir nicht leichtfällt, darüber zu reden. Mir gefällt aber deine Vorstellung, dennoch kann ich dir nicht versprechen, dass sie Realität wird. Ben nickte nur, er verstand, dass er kein Anrecht auf sie oder die vorgestellte Zweisamkeit hatte, selbst wenn es sich beide wünschen mochten.

Lena gefiel sich in ihrer Rolle, denn schon zu viele Male musste sie gegen das Verlangen, das auf sie projiziert wurde, ankämpfen. Ihr gefiel es, in dieser sanften Weise begehrt zu werden, da es auf Gegenseitigkeit und Interesse am Gegenüber beruhte. „Magst du noch Tee haben?“, durchbrach sie die Stille und Ben nickte nur. Sie schenkte nach. Er trank einen Schluck, doch es stand weiterhin diese Ruhe im Raum, die in drückte, obgleich er das auch genießen konnte. Doch in diesem Moment war die Ruhe unbequem und er öffnete sich: „Ich weiß auch gar nicht, ob es klappen würde.“ „Hm?“, fragte Lena, obgleich sie sich sicher war, was er meinte. „Naja, manchmal funktioniert das eben nicht. Also bei mir.“ Lena nickte, sie wollte fast lachen, doch war sich der Situation im Klaren, stattdessen beschwichtigte sie: „Ist doch ganz normal. Aufregung oder Ängste, da kann so viel mitspielen und ich habe das schon häufiger erlebt.“ Diese Offenheit und Feinfühligkeit beruhigte Ben, während Lena angestachelt war. Schon bevor sie beschlossen hatte, ihn mitzunehmen, wollte sie ihn küssen. Sie stand auf und reichte ihm die Hand, so dass er ebenfalls aufstand. Dann zog sie ihn näher an sich heran. Beide spürten ihre Herzen wild pochen und Ben legte seine Scheu ab, um die letzten Zentimeter zu überwinden. Er umarmte sie und sein Mund war auf der Höhe ihrer Haare. Da seine Lippen schon auf ihrem Kopf lagen, war es wie selbstverständlich, ihr auf die Stirn zu küssen. Sie zog den Kopf ein wenig zurück und blickte ihm in die Augen. Die Einladung verstand er. Ihre Lippen berührten sich und es kam beiden so vor, als würde sich eine elektrische Spannung entladen.

Teil 3

Vergiss die Blumen nicht

„Hallo Ben, du bist doch von Weihnachten bis zu den heiligen drei Königen in der Stadt oder?“, fragte mich Sophia, meine beste Freundin. „Ja“, antwortete ich absichtlich knapp, denn ich wusste bereits, dass sie mich um einen Gefallen bitten würde. Wir kennen uns einfach zu gut. „Die Mädels sind alle weg und ich auch…“, begann sie zu erklären und machte eine Pause, um mir ein abermals kurzes, fragendes Ja zu entlocken und setzte fort: „könntest du in der Zeit meine Blumen gießen? Du musst auch nicht…“ Ich weiß nicht mehr genau, was sie danach noch sagte, aber es waren die üblichen Dinge, die sie sagte, wenn sie mich beruhigen und ermuntern wollte. Ich stimmte zu und setzte mir drei Termine, an denen ich nach den Pflanzen schauen würde.

Ich muss gestehen, dass ich bei meinen Besuchen auch mal einen Blick in die anderen Zimmer warf, um zu sehen, wie jedes Mädel ihr kleines Reich verlassen hatte, dabei blieb es. Die Privatsphäre ist ein zu hohes Gut und wiegt weit mehr, als meine Neugier, die zu gern in verschlossene Boxen und Schränke schauen würde. Beim letzten Besuch war ich gerade mit dem Überprüfen der Pflanzen fertig und öffnete die Wohnungstür, als Nara vor mir stand. Ich hatte sie vor einem halben Jahr kennengelernt und sie vergaß jedes Mal, wer genau ich war. Sie vergaß aber niemals die Art, wie wir uns anblickten.

„Weißt du, wo Mathes wohnt?“, fragte sie mich. „Hm, ich kenne nur einen Mathes im Haus, der wohnt eine Etage höher, Nara“, erklärte ich und ergänzte die Frage: „Du erkennst mich nicht, oder?“ Es war die Frage, die ich ihr jedes Mal stellte, wenn ich sie traf. „Doch schon…“, sagte sie und kramte in ihrem Gedächtnis. Ich entgegnete: „Da erkennt mich Karoline wohl eher als du und dabei gibt es zwischen ihr und mir doch einen Interessenkonflikt.“ Nara grübelte sichtlich und ich half ihr: „Ich bin Ben.“ „Und was ist das für ein Konflikt zwischen Karo und Dir?“, hakte sie nach und ich erklärte knapp: „Na Du.“

Nara hatte ich seit unserer ersten Begegnung immer wieder mal abends getroffen, aber immer in Begleitung von Karo. Sie hatte eine Art, die ich als offenherzig bezeichnen würde, aber auch als naiv, jedoch nur im besten Sinne. Mit ihr zu reden war einfach: Man musste nur genau das sagen, was man dachte, denn sie redete und fragte ebenso aus dem Bauch heraus. Die Sache mit dem Konflikt verstand sie aus einem anderen Grund nicht, der sich mir erst Stück für Stück erschloss, als sie mir erklärte: „Ich liebe Karo, sie liebt mich und wir stören uns nicht daran, wenn wir anderen gefallen.“ Das war eine gute Antwort, wenngleich ich mir etwas anderes zu hören gewünscht hätte. „Dann hab noch einen schönen Abend!“, wünschte ich ihr und blickte in ihr Gesicht, während sie lächelnd fragte: „Magst du mich nicht noch hereinbitten?“

Der perfekte Moment

Wir suchen ja immer wieder nach dem perfekten Moment. Den perfekten Moment, um etwas zu beichten zum Beispiel. Aber ich suche doch einen anderen perfekten Moment. Er ist ähnlich verrückt, wie die Suche nach dem perfekten Partner, aber dennoch realistisch. Und mal so gefragt: Eine perfekte Partnerschaft, was genau könnte das sein und wenn man es hat, müssen dann die Beiden ab dem Zeitpunkt unverändert bleiben?

Nein, mir genügt der perfekte Moment. Und damit verlange ich schon eine ganze Menge. Es gibt diesen perfekten Moment durchaus und immer mal wieder. Würde man mich nach dem einem perfekten Moment fragen, so wüsste ich ihn sofort. Das ist doch eigentlich unsinnig oder? Aber doch, ich könnte ihn benennen. Und sollte es nach dem Tod noch ein Leben geben, dann wünschte ich mir, dass es jenes Gefühl ist, was ich in jenem perfekten Moment empfand.

Womöglich sollte ich schauen, wann ich so empfand und wenn ich das tue, dann finde ich weitere perfekte Momente. Momente, in denen zwei Menschen absolut gleich empfanden. Zwei Menschen, die nur für diesen einen Moment zu einem wurden. Es geht mir nicht um Sex oder um einen Kuss, sondern um das gleiche Empfinden in zwei Personen. Natürlich kann es Sex sein oder ein Kuss, aber ebenso eine Berührung oder einfach nur das Gefühl, angekommen zu sein in einem anderen Menschen. Warum eigentlich „einfach nur“?

Vor einiger Zeit hatte ich einen solchen Moment. Zwei Menschen, die spürten, dass da mehr ist – dass da etwas ist. Und ich frage mich, wonach wir eigentlich suchten und ob wir damals das Schicksal herausforderten und ihm befahlen, noch einen weiteren Moment zu bekommen, bevor wir uns wagten. Denn das ist das Problem: Wenn wir ein Leben lang nach dem perfekten Moment suchen, dann leben wir ein Leben voller verpasster Chancen.