Wo die Welt noch in Ordnung ist (1)

Kennt ihr diese Orte, die einen betrüben? Orte, die nachdenklich machen, weil sie zerfallen sind und kaum jemand sie bewohnt? So einen Ort fand ich, als ich mich mal wieder auf meinen inneren Kompass verließ und statt der Autobahn dieses kleine Kaff ansteuerte, welches früher mal ein gemütliches Touristendörfchen an der See gewesen sein mag, doch mittlerweile nur noch heruntergekommene und baufällige Häuser aufwies. Ein alter Mann blickte mich verkniffen an, er trug einen Blaumann und ein T-Shirt, welches womöglich mal weiß gewesen sein mag. Ich hielt an, um ihn nach dem Weg zu fragen: „Guten Tag, ich habe mich verfahren. Wie komme ich am schnellsten zur Autobahn?“, fragte ich ihn, doch er drehte sich nur wortlos um und ging über die Garageneinfahrt wieder in sein Haus. Ich blieb einen Moment an die Tür meines Autos gelehnt stehen und horchte in die Stille dieses Dorfes. Es war unheimlich ruhig. Ja, wirklich unheimlich. Ich schloss die Augen, um die Geräusche besser wahrzunehmen, doch statt einer inneren Ruhe stellte sich nur eine Paranoia ein, welche mir in den Kopf hämmerte, dass ich vermutlich gerade aus allen Häusern heraus angestarrt wurde und so setzte ich mich wieder in mein Auto und drehte den Autoschlüssel im Zündschloss herum. Das Brummen des Motors hatte mir noch nie so gut gefallen, wie in diesem Augenblick und ich folgte der Straße. Nach gut drei Kilometern fand ich einen verlassenen Freizeitpark. Es gab hier ein zerfallenes Riesenrad und ein paar kleine Häuschen. Diese Zuflucht lag direkt am Meer und nachdem ich meinen Wagen abgestellt hatte, zog es mich als erstes zum Steg hin, der noch immer ins Meer hinauszeigte. Er war aus Beton, seine Beine jedoch zeigten die rötlichen Rostspuren vom Metall. Endlich ein Geräusch, welches ich genießen konnte und so sog ich die frische Luft ein, um meine Nase und meine Lunge von dem ganzen Dreck zu reinigen, den ich tagtäglich einatme. Ich setzte mich ganz vorn an den Steg und schloss meine Augen. Dieses Mal mit dem Gefühl von Freiheit und Frieden. Ich legte mich auf den Rücken, während meine Beine vorn über dem Steg hingen. Das Gefühl für Zeit ging mir verloren, bis ich vom Knirschen der Kieselsteine geweckt wurde. Jemand näherte sich.

Nachbarschaftshilfe (3)

Natalie hatte sich auf ihre Liege gesetzt und ich nahm auf dem Stuhl neben ihr Platz und griff nach dem Glas mit der kühlen Limonade. Sie schmeckte angenehm sauer und mehr nach Zitrone, als nach Ginger, was mir nur recht sein konnte. Wir unterhielten uns über den Nachbarn, der erst kürzlich eingezogen war. Wir vermuteten, dass er wohl nicht ganz klar im Kopf sein musste, da er gern mal mitten in der Nacht sein Radio aufdrehte und die Bässe durch das gesamte Haus jagte. Es fiel mir schwer, ihr während des Gesprächs ausschließlich ins Gesicht zu schauen, immer wieder fiel mein Blick auf das fast transparente Kleidchen oder viel mehr das, was darunter lag. Dann plötzlich kam es zu einem Moment der Ruhe. Es war keine unangenehme Stille, sondern nur meine Art, die Sonne auf dem Balkon zu genießen. Als ich ihr ins Gesicht blickte, lächelte sie freundlich und aus heiterem Himmel gab sie mir zu verstehen, dass es nun Zeit für mich wäre, zu gehen. Ich kam ihrer Aufforderung nach, verabschiedete mich von ihr und ging das erste Stockwerk ganz normal hinab. Eine Etage unter ihrer Wohnung blieb ich am großen Fenster stehen und blickte nach draußen. Nun, zumindest fiel mein Blick in die Richtung der Straße, aber ich dachte nach und hatte wohl eher einen verträumten Blick aufgesetzt. Ich wunderte mich über diesen Rauswurf. Meine Gedanken gingen die letzten Minuten durch und ich war mir sicher, dass sie mit mir geflirtet hatte, allein schon, weil sie sich nicht umzog, sondern mir einen sehr direkten Blick auf ihren Körper gegeben hatte. Vermutlich brauchte sie etwas Aufmerksamkeit und ich hatte sie ihr gegeben. Eine Einsicht durchfuhr mich: Ich würde es dabei belassen. Es war keine gute Idee, sich mit einer Nachbarin einzulassen und es war noch weniger eine gute Idee, Spielchen zu spielen, denn dabei hatte ich schon oft genug verloren. Bisher nur mein Herz, aber irgendwann wohl auch meinen Verstand.