Aufgetankt

Es war eine dumme Idee gewesen, in der Sonne liegend einzuschlafen, obgleich es gar nicht meine Idee gewesen war. Es passierte einfach und ich war zu müde, dagegen anzukämpfen. Es war einer der ersten warmen Tage des Jahres und nachdem ich den halben Tag lang Sachen für meinen Umzug geschleppt hatte, wollte ich zwar eigentlich ein wenig auf- und einräumen, doch die Lust darauf, die neuen Orte in dieser mir kaum bekannten Stadt zu erkunden, war viel zu groß. Ich regelte das mit dem üblichen „mache ich später“ mit meinem Gewissen und packte einen Rucksack mit einem Handtuch und einem Buch. Der Gedanke an Wasser kam mir, doch ich konnte die Flasche nicht finden.

Beim Aufwachen verspürte ich eine Dürre in meinem Mund. Ich hatte den ganzen Tag kaum etwas getrunken und gegessen hatte ich auch noch nicht. Also beschloss ich zurück zu meiner Wohnung zu gehen. Der Hinweg hatte vielleicht eine Viertelstunde gedauert, somit sollte mir recht schnell geholfen sein, dachte ich und machte mich in die Richtung auf, aus der ich gekommen war. Ich fühlte mich halb verbrannt, als hätte man mich auf einen Drehspieß gesteckt. Doch man hatte vergessen, den Drehspieß zu drehen, denn die Hitze spürte ich nur auf einigen Stellen meiner Haut. Ich schlürfte vor mich hin, blieb an einem aufgeplatzten Stück Asphalt hängen und stolperte einige Schritte. Ich war stumpfsinnig die Straße hinaufgelaufen, doch als ich mich nach dem Stolpern umblickte, erkannte ich rein gar nichts wieder. Auch meldete sich mittlerweile meine Blase und innerlich kotzte ich, weil ich auch mein Handy nicht eingesteckt hatte. Das wohl elementarste Etwas der heutigen Zeit hing an der Steckdose. Gut, würde es da nicht hängen, dann wäre der Akku eh leer und ich hätte auch nichts davon gehabt. Mir blieb nichts weiter übrig, als mich umzuschauen und irgendwas noch so Kleines zu erkennen, das ich bereits gesehen hatte, als ich die Wohnung besichtigt hatte bzw. als ich heute Morgen hinfuhr.

Da gab es einen Bäcker und ich erinnerte mich daran, dass es gleich um die Ecke bei meiner Wohnung einen gab: Ich suchte die anliegenden Ecken erfolglos ab. Dann erspähte ich eine Tankstelle und ja, das machte mir Hoffnung, denn die sind üblicherweise nicht so häufig vorhanden und ganz am Anfang meiner Straße gab es eine Tankstelle. Zudem konnte ich drinnen einfach nachfragen, denn im Gegensatz zum Bäcker haben Tankstellen durchweg geöffnet. Ich erkannte die Straße nicht und verzweifelte ein wenig. Ich bat den Kassierer um den Schlüssel zur Toilette, den er mir direkt gab. Es gibt wohl kaum ein erlösenderes Gefühl, als nach langer Zeit seine Notdurft loszuwerden. Dass die Toilette abgeranzt war und wohl seltener gereinigt wird, als ich mein Auto in die Waschstraße stecke, war mir in dem Moment egal. Es würde sich eben kein Frischegefühl einstellen, aber damit würde ich leben können. Bei der Rückgabe des Schlüssels fragte ich den Angestellten, ob er zufällig wüsste, wo meine Straße sei. Er entgegnete: „Also eigentlich tankt man hier oder man kauft ein.“ Ich nickte: „Ja, und wenn ich Geld hätte, würde ich ihnen sofort ne Limo abkaufen. Aber die Sache ist die: Ich bin hier frisch hergezogen, habe außer einer Decke und einem Buch nichts in meinem Rucksack und lag gerade ne halbe Ewigkeit in der Sonne. Ich will nur noch nach Hause.“ Bei diesen Worten schnürte sich mir die Kehle zu und ich war selbst überrascht, wie es mich fast überrannte. Der Angestellte schmunzelte: „Die Straße, die du suchst, ist gleich nach der Tankstelle links.“ Er zeigte in die Richtung. Ich bedankte mich und ging in die besagte Straße. Ich musste loslachen, denn es war nur ein Häuserblock bis zu meiner Wohnung. Mir stiegen Tränen in die Augen. Gleich bin ich wieder in meinen vier Wänden. Ein tiefes, wohliges Gefühl breitete sich in mir aus.

Joggingrunde – Teil 2

Während ich über den anthrazitfarbenen Asphalt lief, überlegte ich, wie es wohl damals bei dem Wettlauf jenem Typen gegangen sein mag, dem ich nicht von der Pelle rückte, bis nur noch die letzten zweihundert Meter vor uns lagen und ich ins Ziel hastete, während er weiterhin seine perfekte Geschwindigkeit hielt. Ich hatte mich zwar danach bei ihm dafür bedankt, dass er mich so unwissend mitgezogen hatte, aber hatte er sich womöglich von mir nervig verfolgt gefühlt? Entschuldigt hatte ich mich zumindest nicht, weder für die Verfolgung, noch für das Zurücklassen kurz vor der Zielgeraden.

Und wieder wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als ich eine laute Atmung und schnelle Schritte hinter mir vernahm, dieses Mal würde mich die Person überholen, das stand fest, aber es schockte mich, dass jemand so viel schneller als ich unterwegs war, wo ich doch sonst immer der schnellste Läufer bin. Ich zuckte, als eine Hand meine Schulter griff.

Die Hand gehörte zu jener Joggerin von eben und ich blieb stehen. Sie hatte ihren Schlüssel vergessen und ihre Mitbewohnerin öffnete nicht. Sie fragte mich, ob ich ein Handy dabei hätte, damit sie sie anrufen könnte. Ich verneinte, worauf sie nur antwortete, was ich denn für ein Jogger wäre, der ohne Smartphone unterwegs sei. Ich entgegnete, dass ich wohl ein ebenso mieser Läufer wie sie sein müsste, die ganz offensichtlich selbst ohne Handy unterwegs war.

Ich schlug ihr vor, dass sie einfach die paar Minuten bis zu mir mitkommen sollte und von dort aus anrufen könnte. Sie willigte ein und so liefen wir auch diesen letzten Kilometer bis zu mir nebeneinander her.

Bei mir angekommen, gab ich ihr mein Handy. Sie tippte eine Nummer ein, brauchte jedoch recht lang. Mein fragender Blick wurde schnell aufgeklärt, denn sie war sich nicht sicher und ich ließ sie probieren, doch keine der Nummern wollte die gewünschte Mitbewohnerin ans Telefon bringen. Ich bot ihr einen Platz auf dem Balkon an und stellte ihr ein Glas Wasser dazu. So verließ ich sie, um schnell unter die Dusche zu springen und womöglich würde ihr dabei die Nummer einfallen.

Das Duschen rundet so einen Lauf erst ab. Es erfrischt und wirkt wie eine kleine Belohnung für die Mühen. Man hat sich den Schweiß eben erst erarbeiten müssen, der nun wieder runter von der Haut soll. Ein paar Momente später, stand ich also in frischen Klamotten vor dem verschwitzten und verzweifelten Etwas. Ich verschwand, um direkt darauf wieder vor ihr zu stehen, dieses Mal mit einem Badetuch und der Frage, ob sie sich nicht duschen möchte, während ich frische Brötchen vom Bäcker besorge. Sie zuckte zurück, das war vermutlich doch zu intim für unser erstes Kennenlernen. Während ich mich wieder umdrehte, sah ich ein Grinsen in ihrem Gesicht und ihre Feststellung, dass so eine Dusche jetzt großartig wäre.