Mein Vorbild (3)

Merkwürdig, wie sich die Biografien gleichen. Nie wollte ich wie mein Vater sein und muss mir doch eingestehen, ihm ähnlicher zu sein, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Denn auch ich hatte meine Libido über meine Gefühle gestellt und verlor dadurch die eine Liebe meines Lebens. Und auch das Kind, das man nicht kannte, habe ich mit meinem alten Herrn gemein. Er wusste, dass er eines gezeugt hatte und verschwand. Ich suchte nicht die Flucht, doch auch ich kümmerte mich nicht um mein Kind. Meine Unwissenheit genügt mir nicht als Entschuldigung. Doch mir scheint, ich habe ihr damit einen Gefallen getan, und ihr nicht meinen Schwermut „vererbt“. Ich kann ihr kein Vorbild sein und darf mich glücklich schätzen, in ihr den Lehrmeister gefunden zu haben, den ich mein Leben lang suchte, selbst wenn ich meine Lektionen in ihrer Abwesenheit erarbeiten muss.

Mein Vorbild (2)

Schon ihre Mutter war ein Mensch, dem ich nacheiferte. Sie war ausgelassen; hin und wieder ausgesprochen kindisch, doch was mich an ihr wirklich beeindruckte, war ihr Entschluss, einen Neuanfang zu machen. Sie quälte sich ebenso wie ich durch die letzten Züge ihres Studiums. Sie brauchte länger, als es sein dürfte, damit sie weiterhin ihre finanzielle Unterstützung erhielt, doch sie fand einen Dozenten, der ihr die nötigen Unterlagen und Aufschübe gewährte. Dennoch war klar, dass sie sich fehl am Platz fühlte und sie verließ die Universität. Vielleicht half es ihr, dass sie eine neue Liebe gefunden hatte, aber sie hätte den Weg auch gewählt, wäre sie ihm nicht begegnet. Ich sah sie jahrelang nicht wieder, bis sie eines Tages mit unserer Tochter vor meiner Tür stand. Als ich die Tür öffnete, sah ich in ein fröhliches Gesicht, welches mir eine ernste Wahrheit verkünden würde.

Mein Vorbild

Ich kann das Grinsen nicht zurückhalten, wenn ich sehe, wie sie in das kopfgroße und runde Glas greift, um sich ein paar Gummitierchen zu greifen. Sie scheint diese weiche Süßigkeit ebenso sehr zu lieben, wie ich es tue. Als wir vorhin spazieren waren, jagte sie den Seifenblasen nach, die ich in die Luft pustete. Sie kannte mich nicht als ihren Vater und ich sie nicht als meine Tochter. Das blieb vorerst ein Geheimnis zwischen ihrer Mutter und mir. Und wenn ich sie so betrachte, dann ist sie mir auch mehr ein Vorbild, als ich es ihr sein könnte. Wie sehr sah ich mich als Individualisten, der freien Geistes ist, doch wenn ich sehe, mit welcher Leichtigkeit sie die unvorstellbarsten Phantasien und Gedanken hervorbringt, dann kann ich nicht anders, als mit einer großen Portion Neid auf sie zu schielen. Sie soll mein Vorbild sein.