Wie du willst

„Wie nah willst du der Erde eigentlich noch kommen?“, fragte mich Paula und schon beim Drehen meines Kopfes merkte ich, worauf sie hinauswollte. Nach den zwanzig Kilometern und den unzähligen Kilos auf meinem Rücken lief ich weit vornübergebeugt. Meinen Kopf drehte ich daher nicht zur Seite, sondern eher wie eine Schildkröte, die sich bedächtig umschaut. Ich straffte meine Haltung und ermahnte mich, gerade zu gehen. Mir taten die Beine weh und ich sehnte mich nach einem Platz im Schatten mit einem kühlen Getränk. Seit einiger Zeit nahm ich die Umgebung kaum noch wahr. Paula hingegen zeigte immer wieder auf diese oder jene Attraktion, mir waren sie egal geworden, ich wollte nur noch ankommen. Ich stieß einen Kieselstein vor mir her und ärgerte mich über die verschwendete Energie.

„Schau mal da“, sie zeigte auf eine Pflanze mit einer fliederfarbenen Blüte. Ich nickte still. „Du bist fertig, oder?“, fragte sie. Ich nickte abermals und sie fragte weiter: „Magst du eine Pause machen?“ Ich wusste es nicht. Ja, natürlich wollte ich pausieren, aber es brachte ja nichts, schlussendlich würde ich den Rucksack wieder aufsetzen müssen. Er würde sich an meinen durchgeschwitzten Rücken pressen und mich würde dieser kalte Schweiß schaudern lassen. Die Muskeln würden jammern. Nein, ich wollte nur noch ankommen, mich duschen, in frische Klamotten schlüpfen und sitzen oder liegen. Ich schwieg. Grummelte vor mich hin. Paula wurde still. Wenn Paula still wurde, ging es mir nicht gut, denn dann war was nicht in Ordnung und ich wusste genau, was bzw. wer gerade nicht in Ordnung war. Ich bekam den Mund auf: „Ich bin erschöpft und ich möchte nur noch ankommen. Ich kann nicht mehr klar denken. Irgendwie ist mir das alles zu viel. Und es macht mich traurig, dass ich dir die Freude raube.“ Paula sagte nichts und lief neben mir her. Ich ließ den Kopf hängen. Plötzlich schubste sie mich von der Seite: „Hey, Kopf hoch.“ Sie grinste mich wieder an. Und ich konnte und wollte mir ein Schmunzeln über mich selbst nicht verkneifen. So wurde der Weg ein wenig erträglicher.

Kater-Tag

Ich weiß gar nicht, warum ich die Gardinen vorhin beiseite gezogen hatte, denn mich störte die Sonne an diesem Samstag. Von der Couch aus blickte ich hinaus und sah auf die Fenster des Nachbarhauses. Womöglich würden sie mich bei meiner Faulheit beobachten und mich verurteilen, so sind die Menschen. Mein Körper schmerzte vom Sport der letzten Tage und mein Kopf pulsierte dazu, weil ich die letzte Nacht im Rum ertränkt hatte. Der Weg zum Fenster erschien mir unendlich weit entfernt und so blieb ich eine Weile liegen und schlief ein. Geweckt wurde ich vom Drang mich zu erleichtern. Dem kam ich nach und auf dem Rückweg verdunkelte ich die Fenster mit dem beigen Stoff, den ich heute Morgen beiseite gezogen hatte. Ich legte mich wieder auf die Couch und ließ die Welt verschwimmen. Das gedämpfte Licht erinnerte mich an unseren Ausflug damals. Wir waren über Tage hinweg wandern und an einem Tag konnten wir unser Zelt nicht verlassen, weil es unaufhörlich regnete. Es war kein schlimmer Regen, aber seine Beharrlichkeit ließ uns unter der Plane verweilen. Wir wollten die karge Landschaft noch ein wenig erkunden, aber niemand zwang uns aufzustehen und so blieben wir liegen und lauschten den Tropfen und lagen beieinander. Wäre neben uns ein Vulkan ausgebrochen, wir wären auf ewig beisammengeblieben.