Bibliothekar

„So sieht also ein Bibliothekar aus“, lachte die Frau mir entgegen. Ich grinste nur und erwiderte: „Wie sollte man denn sonst aussehen? Fehlen mir die grauen Haare, die dicke Brille und der Strickpulli?“. Ich muss gestehen, dass ich mich selbst früher nie in diesem Beruf gesehen hätte, dafür war er viel zu ruhig. Es fehlte das Abenteuer und die Hektik, so dachte ich es mir. Aber Hektik kann man in jedem Beruf haben und gleichzeitig auch in keinem. Natürlich gibt es Aufgaben und Chefs, die einen durch die Gegend jagten und ständig alles und sofort haben wollen, doch lag es an einem selbst, ob man dabei hektisch wurde oder es in gutmütiger Geschwindigkeit erledigte. Abenteuer gab es hier auch so einige. Sicherlich denken jetzt einige an das jeweilige neue Abenteuer, das in jedem Buch steckt. Aber ich meine das Abenteuer, gegen einen allmächtigen Gegner vorzugehen, der die Bücher direkt nach Hause zu den Menschen bringt. Wer will schon bei Regen nach draußen gehen und nasskalt verschwitzt in einem staubtrockenen Raum ankommen? Nun, es gab doch einige Menschen, die das mochten und die sich zwischen all dem gesammelten Wissen wohl fühlten. Aber ich verstand auch die Kritiker, die nach einer bestimmten Sache suchten und dafür nicht mehrere Bücher durchblättern wollten, sondern lieber einen Suchbegriff in eine Maschine eingaben. Das war das effektive Nutzen der eigenen Zeit, so wie es die Ökonomen von Jedem verlangten. Es geht nicht um ein breitgefächertes Wissen, sondern um ein stark eingegrenztes und spezialisiertes. Ich sah meinen Job also als etwas, das gegen die Effektivität ausgerichtet war und fühlte mich vollkommen wohl damit. Ja, ich war wohl ein Partisan und sah mein Gesicht schon bald als schwarzen Aufdruck auf roten T-Shirts, das von unwissenden Teenies getragen würde. „Ja, Sie sehen auch mehr nach einem Freiheitskämpfer aus, als nach einem Bücherwurm.“, sagte die Frau an der Bar. Ich grinste nur fröhlich und fühlte mich wie ein Held.